Der Sicherheitsgurt – wer hat ihn erfunden?

Vermutlich denken Sie jetzt an einen gewissen schwedischen Autohersteller. Aber nein, Volvo war es nicht. Die Geschichte des Sicherheitsgurts reicht sehr viel weiter zurück. Sie beginnt in einem Auto, spielt in Flugzeugen.  Viele Pioniere sind beteiligt, bis er seinen Siegeszug rund um die Welt antritt. Und ja, Schweden spielt dabei eine Schlüsselrolle.

System Vattenfall Sicherheitsgurt
System Vattenfall Sicherheitsgurt

Es gibt viele Pioniere

Der erste Sicherheitsgurt in einem Auto wurde 1902 in einem Baker Torpedo gemeldet. Die ersten Patente wurden ein Jahr später in Frankreich auf Louis Renault und Gustave-Désiré Leveau angemeldet. Der französische Flieger Célestin Adolphe Pégoud war ein Pionier der Luftfahrt. Als zweiter Mensch flog er 1913 einen durchgehenden Looping. Das machte ihn zur Legende, er wurde in ganz Europa berühmt und fortan als ein Fliegerass bezeichnet.

Pégoud war ein Star, und weil es damals weder Instagram noch Facebook gab, druckte man Postkarten, die seine Loopings verewigten. Die gab es auch in Deutschland, also jenseits des Rheins. Idole kannten schon vor 100 Jahren keine Grenzen.

In seinem Flugzeug verwendete Pégoud einen Sicherheitsgurt. Der hielt ihn während des Loopings in der offenen Kanzel. Der erste, dokumentierte Einsatz eines Sicherheitsgurts fand in einem Flugzeug durch Célestin Pégoud statt.

Leider währte sein Leben nicht lange. Der 1. Weltkrieg zog herauf, und Pégoud wurde am 31. August 1915 im Alter von 26 Jahren mit seiner Maschine von einem deutschen Flieger abgeschossen, den wiederum 14 Tage später ein französischer Pilot als Revanche vom Himmel holte.

Und dafür gefeiert wurde. Eine traurige und sinnlose Spirale von Gewalt und Tod – die wir hoffentlich zwischen Deutschland und Frankreich nie mehr erleben werden.

Testeinrichtung von Vattenfall zur Erforschung des Sicherheitsgurts
Testeinrichtung von Vattenfall zur Erforschung des Sicherheitsgurts

Der Sicherheitsgurt ist zwar erfunden, er ist patentiert. Aber er wird selten eingesetzt und noch immer sterben viele Menschen im Straßenverkehr. Zum Durchbruch braucht es noch viele Jahrzehnte und weitere Pioniere.

Pionier Vattenfall

Zeitenwechsel. Einige Jahrzehnte später in Schweden. Mittlerweile ist auch der 2. Weltkrieg überstanden. Die Wirtschaft läuft wieder rund und der Vattenfall Konzern expandiert. Überall werden neue Kraftwerke gebaut, der Boom bringt aber auch Probleme mit sich.

Bei Vattenfall führt man eine Statistik über die Gesundheit der Mitarbeiter. Die bereitet Sorgen. In den Jahren 1953 und 54 zeigt sie eine starke Zunahme von Verkehrsunfällen.

Vattenfall Sicherheitsgurt
Vattenfall Sicherheitsgurt

Das Unternehmen unterhält zu dieser Zeit 1.500 Firmenwagen, und seine Mitarbeiter haben rund 15.000 private PKW. Der Arbeitgeber fühlt sich den Angestellten und deren Gesundheit verpflichtet. Die steigenden Unfallzahlen möchte man so nicht hinnehmen. Man will etwas tun. Vattenfall kontaktiert PKW Hersteller und bringt die Entwicklung eines Sicherheitsgurts ins Gespräch.

Die Hersteller lehnen ab. Das sei zu riskant, Autofahrer könnten durch den Sicherheitsgurt erschreckt werden. Sie könnten auf die Idee kommen, Autofahren als gefährlich einstufen. Zu den Firmen, die ablehnen, gehört auch Volvo.

Mit der Ablehnung gibt man sich aber in Schweden nicht zufrieden. Man nimmt die Dinge von nun an selbst in die Hand. Vattenfall engagiert Bengt Odelgard und Per Olof-Weman. Die beiden Ingenieure sollen die Entwicklung eines Sicherheitsgurts für den Energieversorger voranbringen. Sie überprüfen die am Markt verfügbaren Systeme und stufen sie als ungenügend ein.

Werbung für den Sicherheitsgurt System Vattenfall
Werbung für den Sicherheitsgurt System Vattenfall

Auch in Nordamerika wird über den Sicherheitsgurt nachgedacht Die Ingenieure knüpfen Kontakte in die USA, tauschen sich mit Kollegen über die dort laufenden Entwicklungen aus.

In Schweden baut Vattenfall eigene Versuchseinrichtungen auf. Man lässt PKW aus großer Höhe – mit Puppen bestückt – auf den Boden stürzen und führt Kollisionen durch. Als Ergebnis kommt ein 2-Punkt Sicherheitsgurt auf den Markt, der als “System Vattenfall” ab 1956 nach und nach in allen Firmenautos des Konzerns installiert wird.

Wie eine Sicherheitsnadel - Sicherheitsgurt von MHF
Wie eine Sicherheitsnadel – Sicherheitsgurt von MHF

Pionier MHF

Ein weiterer Pionier in Schweden ist MHF. Eine 1926 gegründete gemeinnützige Organisation, die mit ihren rund 15.000 Mitgliedern heute noch existiert. Sie hat sich die Sicherheit schwedischer Straßen auf ihre Fahnen geschrieben und verfolgt das Ziel mit Elan.

Auch MHF hat sich Gedanken gemacht und verkauft in den 50er Jahren selbst entwickelte Nachrüstsätze für alle PKW Typen. Mit Erfolg und der Sicherheitsgurt wird langsam mehrheitsfähig.

Volvo PV 544 mit Sicherheitsgurt
Volvo PV 544 mit Sicherheitsgurt

Pionier Volvo

Auch in Göteborg ändern sich die Dinge. 1956 übernimmt Gunnar Engellau den Chefposten bei Volvo. Er ist mit dem Arzt Stig Lindgren aus Falun bekannt. Dieser ist medizinischer Berater der Auto-Sicherheitsgruppe bei Vattenfall. Lindgren demonstriert Engellau den Sicherheitsgurt, scheinbar mit Erfolg.

Die Einstellung in Göteborg beginnt sich zu wandeln.

Von nun an geht alles sehr schnell. Bereits 1958 werden einige Volvo Modelle serienmäßig mit Sicherheitsgurten “System Vattenfall” ausgestattet. Ab 1959 haben sämtliche Volvos serienmäßig einen Dreipunkt Sicherheitsgurt an Bord, der auf der Entwicklungsarbeit von Vattenfall basiert.

Der Sicherheitsgurt nimmt seinen Weg um die Welt, rettet viele Leben. Ein Verdienst vieler Pioniere.

Bilder: Volvo Cars (2) MHF (1) Vattenfall (4)

7 thoughts on “Der Sicherheitsgurt – wer hat ihn erfunden?

  • “Sie könnten auf die Idee kommen, Autofahren als gefährlich einzustufen” Joa, mit 1-2t Geschwindigkeiten jenseits dessen, für was der Mensch eigentlich gedacht ist zu fahren ist total sicher, vor allem mit damaliger Bremstechnik^^ Autofahren ist halt an sich gefährlich (wie fast alles auf der Wet irgendwie auch) und man sollte sich entsprechend schützen. In 50 Jahren lachen meine Nachfahren dann über Maskenverweigerer heute oder auch über uns als Gegner des autonomen Fahrens… Aber schmunzeln musste ich bei der Begründung halt schon. Der Gurt könnte Teile der Bevölkerung verunsichern oder wie ^^

  • Tom, Danke fuer dieses tollen Artikel. Und die Bildern ……. grossartig !!
    In meinem Saab 96 von 1961 sind fuer beide Vordernsitzen diese Sichetheits guertel eingebaut. Wusste aber nicht das diese durch Vattenfall hergestellt wurden.

  • Ein klasse Artikel, erinnert mich an Kindertage in den 60ern. Mein Vater war immer sehr sicherheitsbewusst und ließ schon in unseren damaligen VW 1600 Variant (tolles Familienauto zu der Zeit) Gurte auf allen vier Sitzplätzen nachrüsten. Damit waren wir damals Exoten 😉 Ich glaube, er ist auch durch die Fliegerei darauf gekommen.

  • Die Fotos sind ja übrigens herrliche Zeitdokumente. Zu einer Zeit, als bestimmt nur ein marginaler Prozentsatz der Frauen einen Führerschein hatte, und zu zweit fuhr ohnehin nur der werte Gatte – aber auf den Bildern sind selbstverständlich überwiegend Frauen zu sehen. Das sollte halt die Männer ansprechen (und ist heute in vielen Bereichen nicht anders).

  • Ja, es geht mir auch so wie Ken-Daniel, ich fühle mich ohne Gurt im Auto, wie wenn ich vergessen hätte, eine Hose anzuziehen. Gehörte von Anfang an dazu. Ich fahre auch keine drei Meter ohne Gurt. Aber es gibt ja immer noch Leute, die erstmal losfahren und sich dann irgendwann während der Fahrt anschnallen. Das finde ich gefährlich. Auch die hinten Sitzenden muss man manchmal extra bitten, sich anzuschnallen, echt nervige Diskussionen.

    Ein toller Artikel, danke dafür! Und was machte Saab wann in Sachen Gurte?

    Und wann gibt es das nächste “Häppchen” vom Gentleman?? Und Fotos?? 😉 Bin sehr gespannt!

  • Für mich als junger Mensch unvorstellbar ohne Gurt zu fahren, daher finde ich die zahlreichen Archivbeiträge über die Einführung der Gurtpflicht, Erklärung der Sicherheitsgurte sehr amüsant.

  • Genialer Artikel. Danke.

    11

Kommentare sind geschlossen.