Autohersteller – die Chinesen sind bereits gelandet

Allgemein gibt es zwei Arten von Invasionen. Die eine ist hart, aggressiv und spektakulär – die andere leise und behutsam. Sie ist, das lehrt uns die Geschichte, die meist erfolgreichere Variante. Aktuell erlebt Europa eine stille Invasion chinesischer Autohersteller. Kaum einer nimmt sie wahr. Denn die Asiaten schleichen auf Samtpfoten herein.

Lynk & Co Zero - Elektroauto mit 700 Kilometern Reichweite ab 2021
Lynk & Co Zero – Elektroauto mit 700 Kilometern Reichweite ab 2021

Die Liste der Invasoren ist lange, und sie wird wöchentlich länger. Darunter sind Namen, die in Europa kein Mensch gehört hat. Aber auch legendäre, alte Marken kommen zurück. Und mit ihnen auch Namen, die wir aus vergangenen Saab Zeiten kennen.

Progressiv: Lynk & Co

Es ist wohl eines der spannendsten Experimente im Autobusiness! In der vergangenen Woche verkündete Lynk & Co den Start für den europäischen Markt. Das chinesisch-schwedische Label wird von Alain Visser geführt, der zu GM Zeiten unter anderem Saab Deutschland verantwortete. Lynk & Co könnte die Zukunft des Automobilvertriebs sein. Das progressive Vertriebskonzept sieht Store statt Showroom und Mitgliedschaft statt Kauf vor.

Für eine Flatrate von 500,00 € im Monat wird man zum Mitglied, nutzt ein Lynk 01 SUV und kann dieses an Mitglieder der Community weitervermieten. Der Sharinggedanke reduziert die eigenen Kosten, verringert die Standzeiten und schont die Umwelt. Der Hersteller behält sich außerdem vor, das SUV während der Vertragszeit gegen ein anderes, aktuelleres Modell zu tauschen.

Das Auto wird damit endgültig zum mobilen Endgerät, der Lynk & Co Store zu einem Shop,  wo man Kaffee trinkt, sich mit Freunden trifft, oder die neueste Flatrate buchen kann. Lynk & Co wirbt progressiv mit Mobilität und Menschen, nicht mit Autos; der Ansatz könnte aufgehen. Am Premierentag brach der Onlineserver zusammen, das Interesse war gewaltig.

Die Hardware von Lynk & Co wird in Schweden erdacht und designt, die Komponenten greift man aus dem Volvo-Regal. Produziert wird in China – in Werken,  die Geely gehören,  aber Volvo betreibt. Buchen kann man den für Europa nochmals überarbeiteten Lynk & Co 01 in Schweden und den Niederlanden schon heute. Ausgeliefert wird ab April 2021.

Traditionell: MG

MG, die große britische Kultmarke, kommt zurück nach Deutschland. Einst erfolgreich mit Sportwagen, die sich damals besser verkauften als das, was in Zuffenhausen produziert wurde. Heute konventionell, aber immer noch im Zeichen des legendären Oktagons unterwegs.

MG ZS Elektroauto
MG ZS Elektroauto

Mit Ulrich Mehling wird ein früherer Saab Deutschland Geschäftsführer den Kurs der Marke bestimmen. MG gehört heute zu SAIC, produziert wird in China. In England gibt es Büros für Design und Konstruktion. Zeitweise wurden chinesische Bausätze auf der Insel montiert.

MG ist in vielen europäischen Ländern präsent, der deutsche Markt mehr ein Nachzügler. Die Fahrzeuge sind traditionell, große Überraschungen sucht man vergebens, das Versprechen aufregender Studien konnte man bisher nicht einlösen. Aber die Zeichen stehen auf Angriff. Während der Beijing Auto Show kündigte SAIC 100 (!) neue Modelle bis 2025 an.

Spannend: Xpeng kommt!

Der chinesische Elektroauto-Hersteller startet in Norwegen, vielleicht demnächst auch in Schweden. Der Xpeng G3 ist ein SUV im Tesla Modell Y Stil, P7 eine spannend gezeichnete Limousine,  die gegen Model S und 3 fährt. Die Reichweiten sind gigantisch, die Ausstattung auf dem letzten Stand der Technik.

Xpeng P7 - Elektroauto gegen Tesla Modell S
Xpeng P7 – Elektroauto gegen Tesla Modell S

Wenn die Verarbeitung halbwegs das hält, was das Aussehen verspricht, dann wird es nicht nur für Tesla eng. Denn groß ist nur die Technik, klein aber sind die Preise. Das Einstiegsmodell G3 mit dem kleinsten Batteriepack liegt unter 22.000 €,  und selbst die teuerste Variante mit größter Reichweite rangiert weit unter den Tesla Preisen.

Dongfeng, BAIC, Seres

Sie verkaufen in Schweden bereits Autos. Dongfeng (DFSK) und BAIC tun es konventionell mit SUV Modellen und in der Biogas-Nische. Ganz neu, und relativ unbekannt, ist das chinesisch-amerikanische Unternehmen Seres. Hinter Seres versteckt sich die Sokon Group mit Dongfeng.

Produziert wird in einer früheren GM Fabrik in den USA. Statt schwerer Hummer Geländewagen laufen nun rein elektrische Fahrzeuge von den Bändern. Nachhaltiger ist das auf jeden Fall. Der Markteintritt in Schweden steht kurz bevor. Und nicht nur dort. Die ersten 200 Seres 3 Modelle sind seit dem 8. Oktober per Seefracht auf dem Weg nach Deutschland.

Seres SF5 - Elektroautos für jedermann
Seres SF5 – Elektroautos für jedermann

Unspektakulär: Dorcen

Der unbekannte chinesische Hersteller Dorcen wird noch in diesem Jahr in Deutschland starten. Im November sollen die ersten Elektroautos verkauft werden, der Importeur hat eine Kooperation mit der Servicekette Euromaster bekannt gegeben. Preise und Fahrzeuge sind unspektakulär.

Das Auftauchen von Dorcen aus dem Nichts zeigt aber, wohin der Weg geht.

Die Liste der chinesischen Hersteller in Europa ist unvollständig. Im Wochentakt macht sich eine weitere Marke auf nach Europa und sammelt irgendwo, in irgendeinem Land, die ersten Erfahrungen. Die Chinesen lernen und reagieren, und das schnell.

Der politische Wille zum Elektroauto und massive Subventionen ebnen den Weg. In Deutschland erzeugt die Umweltprämie bis Ende 2021 einen künstlichen Markt, den es ohne sie nie gegeben hätte. Für chinesische Hersteller fühlt sich dies wohl vertraut an. In den letzten Jahren hatte die Pekinger Administration Milliarden in Kaufhilfen für Elektroautos investiert.

In der Volksrepublik hat sich der Markt mittlerweile an den Subventionsfluss gewöhnt. Fließen die Gelder, dann stimmt auch der Absatz. Dreht Peking den Hahn wieder zu, dann stockt er. In der Folge justiert die Administration nach einigen Monaten auf nationaler oder lokaler Ebene nach, und die Verkaufszahlen drehen in den grünen Bereich.

Das Spiel ist gefährlich

Für Europa und seine Autoindustrie. Denn die ungeschminkte Wahrheit ist, dass die Hersteller aus China vieles besser können. Software, Elektronik und Batterien. Zu jedem Preis, in jeder gewünschten Qualität und mit sehr viel Erfahrung. Unsere Konzerne, mit dem Streben nach immer günstigeren Einkaufsquellen, haben sie in den letzten 30 Jahren – als Werkbank der Welt – dorthin gebracht.

Und die Chinesen wissen, wie der Kunde sein Elektroauto will. Viel Ausstattung, die neueste Technik mit allen Features, kleine Preise. So wie ein Smartphone eben. Die deutschen Konzerne, allen voran Volkswagen, werden ihre Politik radikal ändern müssen. Dicke Aufpreise gehen heute noch. Morgen wird der Kunde dafür nicht mehr in die Tasche greifen.

Die Punkte,  wo China noch Defizite hat, die Produktion und Verarbeitung, merzen wir selbst aus. Die weltweit modernsten und leistungsfähigsten Fabriken wurden mit europäischer Hilfe in China errichtet.

Gefährlich wird die Angelegenheit jetzt für uns. Denn China kann liefern und hat die passenden Produkte.

Die Preise und der Wettbewerb können ruinös werden.

6 thoughts on “Autohersteller – die Chinesen sind bereits gelandet

  • Wenn ich das lese – puuuh!
    Es ist sehr interessant, aber grauenhaft, was da auf uns zurollt. Mit Nachhaltigkeit hat das aber auch rein gar nichts zu tun.
    Ich habe neulich den Spiegel-Test des elektrischen XC 40 gelesen, da kam es mir bald hoch. 2,2 Tonnen, Stadt SUV,… Gehts noch? Macht ja nichts, der Strom kommt ja aus der Steckdose. An der Zapfsäule würden vielleicht einige nachdenken.
    Die Finanzierung dieses Irrsinns ist noch ein ganz anderes Thema.

  • @ Hans S. Borgward ist zwischenzeitlich mal wieder komatös. Es gab im September im NDR eine recht aktuelle und amüsante Doku darüber. Vor allem, wenn man die Akteure und die Hintergründe etwas kennt. Leider ist der Film nicht mehr in der Mediathek.

  • Was ist eigentlich mit Borgward? Das Comeback wurde doch vor Monaten ganz spektakulär angekündet! Und jetzt, wo sind die?

    Gut bin ich schon ziemlich alt und habe ein paar schöne Saab im Stall, so wird wohl der Kelch, ein Chinesisches Auto zu kaufen an mir vorbei gehen. Gut so!

  • Ich bin überrascht das die Chinesen mit so einer Power auf den Markt kommen. Ich dachte sie wären jetzt mehr in Richtung Wasserstoff unterwegs. Vielleicht nur eine Nebelkerze gewesen um den wirklichen Weg zu verschleiern. Man muss aber auch sagen das es viel einfacher ist eine neue Firma zu Gründen angepasst an den heutigen und morgigen Voraussetzungen als einen alten traditionellen Dinosaurier auf modern zu trimmen. Und das betrifft alle europäischen Automobilkonzerne.
    Ich denke in Zukunft wir es deutlich weniger Hersteller in Europa geben und die Hälfte davon verschwunden sein.

  • Na, so geht es eben, wenn man über die Jahre den Strick, an dem man sich letztlich dann selber aufhängen wird, selber fabriziert…. Vielleicht erwachen jetzt endlich mal ein paar und geben endlich Gegensteuer, obwohl es wohl schon zu spät ist.

  • Spannende Tupperparty

    Vielen Dank für den Überblick. Mein einzig spontaner und vielleicht auch gültiger Gedanke dazu ist, dass das System von Lynk & Co. aus rein fiskalischen und bürokratischen Gründen in D vermutlich zum Scheitern verurteilt ist.

    Es sei denn, Lynk & Co. übernimmt die Steuererklärung gleich mit, denn hier wird der Kunde zum Unternehmer in einem Franchise Concept.

    500 €/mtl sind nicht gerade geschenkt. Dafür könnte man auch innerhalb der Oberklasse leasen und alles bliebe wie gehabt. Wenn man nun aber selbst als Vermieter auftreten und Einnahmen, geldwerten Vorteil oder was auch immer generieren und verrechnen soll, dann wird es kompliziert.

    Danke, aber nein danke ! ! !

    Das ist ja wie eine Tupperparty oder ähnlich zweifelhafte Vertriebswege & -konzepte. Ich werde einen Teufel tun, um einen Lynk & Co. zu finanzieren. Das sollen die mal schön selber machen.

    Erschreckend finde ich alle Eckdaten und Preise der anderen. Dem hat Europa derzeit wahrlich wenig entgegenzusetzen und das stimmt allerdings nachdenklich.
    Vielen Dank also für die Warnung. Anders kann man den Artikel heute ja kaum nennen …

    Wäre schön, wenn diese in Politik, Medien & Wirtschaft zur Kenntnis genommen würde.

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