Japanischer Schwede in Schleswig-Holstein – Saab 9000 CD

Eigentlich brauchte ich ihn gar nicht, den Saab 9000 CD. Gerade hatte ich einen 9000 CC verkauft, in fester Absicht, die Fahrzeugflotte ein wenig zu verkleinern. Was nun kommt, kennen sicherlich viele von Euch aus eigener Erfahrung. Nachdem es mir möglich war ab Mitte der 2000er Jahre meinen ersten eigenen Saab zu erstehen (901 Cabrio als Schönwetteralternative zum praktischen Kombi-Dienstwagen) und die Schwedenflotte seitdem langsam aber stetig ausgebaut wurde, fand mich zufällig – oder auch nicht zufällig? – eine Anzeige für einen 9000 CD.

Japanischer Schwede in Schleswig-Holstein
Japanischer Schwede in Schleswig-Holstein

Japan Import mit 50.000 Kilometern

Dabei ist ein Saab 9000 CD mit seinem traditionellen Limousinen-Kofferraum nicht unbedingt der typische Saab. Er löst auch nicht unbedingt diesen „Will.haben-Reflex“ aus. Bei der Marke aus Trollhättan denken viele mehr ans praktische Schrägheck. Viertürig oder auch gerne zweitürig. Der Saab 9000 galt ja sowieso lange nicht als vollwertiger Saab bei vielen in der Saab Gemeinde. Die Qualitäten des 9000 als Langstreckenfahrzeug und Familienauto sind jedoch legendär – eben auf langen Strecken Zuhause. In den letzten Jahren hat die Szene vollkommen zurecht auch den damaligen „großen Wagen“ aus Trollhättan ins Saab Herz geschlossen. Allerdings doch mehrheitlich wohl eher die CC oder CS/ CSE genannte Fließheckvariante.

Zurück zur Anzeige eines Hamburger Händlers: Japanimport, 2,3 Liter Turbo mit Automatik, Baujahr 92. Linkslenker, sehr gute Ausstattung wie im Allgemeinen in Japanausführungen europäischer Hersteller üblich. Knapp über 50.000 km Laufleistung, vollständige Fahrzeugdokumentation inkl. Serviceberichten in Japanisch. Da musste ich mal genauer gucken. 9000er mit dieser Laufleistung gibt es ja eigentlich gar nicht mehr. Wie zu erwarten war, ist es beim bloßen Ansehen nicht geblieben. Probefahrt gemacht, keine signifikanten Mängel festgestellt oder Hinweise, die den ausgewiesenen KM-Stand bezweifeln lassen und nach der obligatorischen Nacht zum Überlegen dann den CD für die Sammlung gesichert.

Zwischendurch noch einen meiner Mitarbeiter, der in Tokyo stationiert ist, um den Gefallen gebeten, mit dem Servicebetrieb in Japan Kontakt aufzunehmen. Von dort wurde der KM Stand und Unfallfreiheit bestätigt. Noch ein zeitgenössisches Radio erstanden und verbauen lassen, da das für Saab gebaute Japanische JVC Gerät mit dem Europäischen Frequenzsystem nicht kompatibel ist, und der Spaß konnte beginnen.

Wurde der 9000 CD zunächst, wie auch meine anderen Saabs, nur in der schönen Jahreszeit bewegt, hat er nun doch ein anderes Anforderungsprofil zu erfüllen. Es macht einfach so viel Spaß den Wagen zu fahren, dass er kurzerhand zum Alltags- und Familienauto erklärt wurde. Um die Entscheidung konsequent zu machen, habe ich den im März 2019 auslaufenden Leasingvertrag für den Dienstwagen Typ „sehr schneller Dieselkombi für die linke Spur“ nicht verlängert.

Für mich muss kein neues Auto mehr gebaut werden

Ausschlaggebend für die Entscheidung war für mich neben dem Spaßfaktor des CD die Überzeugung, dass für mich kein neues Auto mehr gebaut werden muss. Neben der Überzeugung kurze Wege mit dem Rad zurückzulegen, ist dies mein kleiner Beitrag zur Ressourcenschonung.

Ja, der CD ist kein Neuwagen, allerdings auch beim Fahren noch viel weiter vom Oldtimerstatus entfernt, als es das Baujahr vermuten und erwarten lassen würde. Hier hilft sicherlich auch die bisher geringe Laufleistung. Fahrwerk und Sitze sind stramm und zeigen keine Ermüdungserscheinungen. Nur die Charakteristik der Automatik und die Windgeräusche bei schnellerer Fahrt verraten das Alter dann doch. Aber das sehe ich nicht als Mangel, sondern sogar als Chance an. Tempomat auf 120-130 km/h gestellt, jede Fahrt genießen und doch nicht viel später am Ziel ankommen.

Nur die im Jahr 2019 gemachten langen Urlaubsfahrten nach Südfrankreich und Südengland unternahmen wir nicht im CD, sondern griffen auf den Enkel 9-5NG zurück. Nicht, dass wir es ihm nicht zutrauen, allerdings steigt man nach 1.500 km am Stück (bis auf Tankpausen natürlich) da dann doch noch etwas gelassener aus. Zudem passt mehr Gepäck rein und der Innenraum ist nochmal ein sehr gutes Stück größer. Nicht zu unterschätzende Argumente auf Urlaubsfahrten.

Nach rund einem Jahr ein positives Fazit

Nach nun etwas über einem Jahr, die der 9000 CD als Alltagsfahrzeug fungiert (die Monate seit März 2020 ist das Fahrzeug durch die Coronamaßnahmen und starkes Home-Office kaum gefahren) ziehe ich ein sehr positives Fazit. Außer einem schnell gelösten Problem mit den Kühlwasserthermostaten und einer defekten Lambdasonde gab es bisher keine technischen Themen. Die Klimaanlage muss noch neu befüllt werden demnächst, um wieder volle Kühlleistung zu erzielen. Der Spritverbrauch liegt bei einem Fahrprofil von 80 % Stadtverkehr im Durchschnitt bei 12,5 Liter.

Da merkt man schon das Alter und die im Vergleich zu heutiger Technik nicht so effiziente Motor-Automatik Kombination. Der Zugewinn an Spaß und auch Gelassenheit im Straßenverkehr durch den 9000CD ist mir den Mehrverbrauch von vielleicht 2,5 Liter gegenüber einem modernen Mittelklassewagen wert. Wobei der Wagen auch durchaus zügig bewegt werden kann, er animiert jedoch nicht dazu.

Wie die letzten Saab Treffen (leider nicht in 2020) zeigten, ist der CD im Kommen und verlässt sein Mauerblümchendasein. Diesen Trend kann ich sehr gut nachvollziehen, bietet er doch beim Fahren die volle Ladung Saab 9000 wie es auch die Fließheckvariante vermag. Dass der CD der schönere 9000 ist, erscheint mir eine gewagte These zu sein.

Auf jeden Fall aber unterstützt meiner Meinung nach das Design mit dem traditionellen Kofferraum die damaligen Oberklasseambitionen, die Saab mit dem 9000 verfolgt hat. Wer nicht täglich Transportflexibilität für Familie oder Baumarkt benötigt, fährt mit dem CD gut und aufgrund der geringeren Stückzahlen sogar noch exklusiver als mit den CC/ CS/ CSE Modellen.

Eigentlich brauchte ich ihn gar nicht, den Saab 9000 CD – und bin nun doch sehr froh, dass er seinen Weg aus Japan nach Schleswig-Holstein gefunden hat.

Text & Bilder: Marc Naruga

12 Gedanken zu „Japanischer Schwede in Schleswig-Holstein – Saab 9000 CD

  • Schöner Bericht über ein spezielles Saab Model. Gute Wahl kann ich da nur sagen.
    In einigen Passagen im Bericht erkenne ich mich wieder. Mir fallen auch ständig irgendwelche Saab an und ich könnte, wenn ich könnte, mir im Monatstakt einen weiteren Saab in den Stall stellen.
    Zur Zeit gibt es teilweise sehr gute Angebote auf dem Netz. Bloss, braucht es einen weiteren Saab? Eigentlich nicht, es sei denn….., nun ja, vielen von euch geht es wohl ähnlich.

    Weiterhin gute Fahrt mit dem tollen Stück!

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  • Großes Lesevergnügen. Vielen Dank, Herr Naruga.

    Und Glückwunsch zum schönen Linkslenker mit geringer Laufleistung. Eine Verständnisfrage:

    Ich weiß ja, dass in Japan Linksverkehr gilt, bin aber in D schon mehreren Saab-Importen aus J begegnet. Alles Linkslenker.

    Sind das die Nadeln im Heuhaufen der Rechtslenker, die bewusst nach Kontinentaleuropa oder in die USA gehen, oder sind Saabs in J sogar häufig Linkslenker? Vielleicht den Importwegen und Vertriebsstrukturen geschuldet?
    Wissen Sie da was?

    So oder so, nochmals vielen Dank und Allzeit gute Fahrt mit dem nicht alltäglichen Alltagsfahrzeug. Ganz großes Saab-Kino …

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  • Klasse Beitrag, Danke dafür. Und ein tolles Auto!! Den 9000er cd fand ich eigentlich von der Optik her immer schöner als die cs Modelle. Auch Wenn letzteres praktischer ist.

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  • In Japan gibt es trotz Linksvekehr und dem Lenkrad auf der rechten Seite viele Autos, vorwiegend deutsche Premiummarken die das Lenkrad auf der linken Seite haben. So verhält sich auch mit den Saabs, wobei ich in Japan, wenn ich einen Saab gesehen habe, das Lenkrad auf der rechten Seite war.

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  • Glückwunsch zu dem Saab, frei nach dem Motto, einen weiteren Saab braucht man nicht, einen weiteren Saab hat man

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  • Es holte in Japan als Statussymbol einen europäischen Linkslenker zu fahren. Deshalb sind die Autos auch überdurchschnittlich gut gepflegt und gewartet.
    Gruß.
    Der Lizi

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  • @ Ken-Daniel S,

    danke. Das ist interessant. Vielleicht gibt es in Japan ja eine Zweiteilung in preiswerte Grauimporte (Linkslenker) und die offiziellen Exportversionen ausländischer Marken?

    Kennt man in D ja ähnlich, nur haben die Grauimporte bei uns das Lenkrad selten auf der “falschen” Seite …

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  • Sorry, die Schreibautomatik… Es gilt….

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  • @ Der Lizi,

    das ist auch interessant und spannend. Danke.

    Weiß jemand, ob es sogar britische Linkslenker in Japan gibt?
    Wäre aus unserer Sicht zwar absurd, könnte ja aber sein, wenn der Status von Auto und Fahrer an der Position des Lenkrads festgemacht wird.

    Der Sprung von schwedischen oder deutschen zu britischen Linkslenkern ist jedenfalls nicht weit. Rechtslenker oder Linkslenker gab es schließlich von den allermeisten international gehandelten Modellen der letzten Dekaden.

    Ich war leider noch nie dort (Japan), bin aber fasziniert und neugierig. Der Status britischer Linkslenker (falls es sie in Japan gibt), interessiert mich brennend …

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  • Vor kurzem noch auf der B432 vor mir und nun auf dem Blog 😀 Ein toller Wagen und schöner Beitrag, dem ich nur zustimmen kann. Der 9000 CD ist in beiden Facevarianten einfach ein verdammt tolles Fahrzeug. Unglaublich komfortabel und auch als täglicher Dailydriver absolut zuverlässig. Einfach ein wunderschöner Saab, der sein (bisheriges) Mauerblümchen dasein wirklich nicht verdient hat.

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  • Also die Jaguars die ich in Japan gesehen hatte, hatten das Lenkrad auf der rechten Seite. Den einen Bentley Bentayga den ich gesehen hatte, hatte das Lenkrad auf der linken Seite.

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  • @ Ken-Daniel S,

    Dank für die Info. Das ist schon lustig aus Fahrersicht.

    Eine mögliche Erklärung für den 9K CD und den Bentley könnte der gelegentliche oder permanente Einsatz eines Chauffeurs sein.

    Das passt zum hohen Status von Linkslenkern im japanischen Linksverkehr. Der Chauffeur ist schneller an der Tür seines Dienstherrn.

    Eine schöne Vorstellung, dass der CD in Japan als Statussymbol vielleicht sogar einmal mit Chauffeur unterwegs war …

    Skurril allerdings das 900 Turbo Cabrio aus Japan, das ich kenne. Das will man doch wirklich selber fahren. Ist aber trotzdem auch ein Linkslenker …

    Aber der Vorbesitzer soll politisch-gesellschaftlich relevant gewesen sein. Vielleicht ziemt es sich da auch ohne Chauffeur, das Steuer links zu haben, sich vom Pagen die Tür zum Eingang hin öffnen und je nach Wetter mit einem Schirm begleiten zu lassen?

    Aber wie dem auch sei, ein Saab aus Japan ist immer besonders und hat garantiert eine besondere Geschichte. Nochmals Glückwunsch an den Leser & Autor zu seinem 9K. Die Geschichten, die das Auto selber gesammelt hat, würde ich gerne lesen …

    Schade, dass die Kisten nicht reden können.

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