Saab 9000 trifft auf Neckermann. Eine Frankfurter Stadtgeschichte.

Die Neckermann Hauptverwaltung an der Hanauer Landstraße ist kaum zu übersehen. 256 Meter misst sie in der Länge, 56 in der Breite. Das imposante Werk ist einer der ursprünglich drei Frankfurter Bauten des Architekten Egon Eiermann. Außer den Olivetti Türmen und dem Komplex an der Hanauer Landstraße baute Eiermann die Hochtief-Verwaltung, die mittlerweile dem Abriss zum Opfer fiel. Neckermann und Olivetti wird dieses Schicksal erspart bleiben. Beide Ensembles stehen unter Denkmalschutz.

Neckermann Hauptverwaltung von Egon Eiermann. Man beachte das offene Treppenhaus
Neckermann Hauptverwaltung von Egon Eiermann. Man beachte das offene Treppenhaus

1961 war die Hauptverwaltung nach 3 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Markantes Merkmal des Baus sind die außenliegenden Treppenhäuser. Architekt Eiermann setzte auf sie, um Platz im Inneren zu sparen. Zwei davon finden sich an jeder Seite des Gebäudes. Der markante Haupteingang wurde erst später vor das Eiermann-Ensemble gesetzt. Man sieht es ihm an, er ist wie ein störender Fremdkörper.

Zu Hochzeiten arbeiteten mehr als 3.800 Menschen auf dem rund 24 Hektar großen Gelände. Der Handelskonzern mit einer Milliarde DM Umsatz leistete sich einen eigenen Gleisanschluss, ein Heizkraftwerk, diverse Parkhäuser und Parkdecks.

Neckermann Hauptverwaltung von Egon Eiermann

2012 der Schock,  und ein Stück Frankfurter Geschichte hatte ein Ende. Das Unternehmen ging in Insolvenz, ein türkischer Investor übernahm die Liegenschaft. Teile davon sind heute vermietet, die Lagerhäuser nutzen Logistiker,  und ein Bremer Unternehmen kümmert sich um koreanische Importfahrzeuge. Weite Teile der Hauptverwaltung altern jedoch einfach vor sich hin, wurden zeitweise für Geflüchtete genutzt. Ein wirklich nachhaltiges Nutzungskonzept zu finden ist schwierig, schon aufgrund der Denkmalschutzauflagen.

Ich mag die Eiermann-Bauten,  und an einem grauen, regnerischen Tag nehme ich mir Zeit für das Gelände. Die Uhr scheint an der Hanauer Landstraße stehen geblieben. 8 Jahre nach seiner Insolvenz ist noch viel vom einstigen Versandhändler zu finden. Man erahnt die einstige Bedeutung als Arbeitgeber für Frankfurt. An etlichen Gebäuden ist noch der markante, rote Schriftzug zu sehen. Doch der Haupteingang mit dem merkwürdigen Vordach, das man vor den Eiermann Bau setzte, sieht aus der Zeit gefallen aus. Nicht zum Baukörper passend, seltsam. Aus einer Epoche, als die Deutschen noch in Katalogen blätterten.

Einst Arbeitsplatz von 3811 Menschen

Ziemlich trist ist es hier. Das Grün des Frühjahrs bemüht sich und überdeckt gnädig den Niedergang. Besucherparkplätze entdecke ich, Besucher aber nicht mehr. Die Hinweisschilder tragen Neckermann.de als Aufschrift. Ein Aufkleber über der alten Beschriftung. Hastig aufgebracht, ein Übertünchen der Tradition. Modern wollte man sein, Internet-affin. Schnell weg vom alten Katalog und von Omas Sofa. Hin zu den Jungen auf den Bildschirm. Genutzt hat die Umbenennung 2006 nichts.

Es regnet, der Saab rollt weiter zum Mitarbeitereingang. 3.811 Menschen sollen es exakt gewesen sein, die hier gearbeitet haben. Hochmodern war die Hauptverwaltung einst, zukunftsweisend und markant. Was sich außen andeutete, setzte sich im Inneren fort. Josef Neckermann beflügelte sein Geschäft mit modernster Infrastruktur, IBM Großrechner verarbeiteten Kundendaten. Dynamisches Treiben muss hier einst gewesen sein. Heute? Es ist absolut still, ich bin alleine hier. In den 60er Jahren war die Hauptverwaltung umgeben von einem großzügigen Campus. Im Laufe der Jahre baute man ihn mit Gebäuden in Richtung der Hanauer zu. Etwas Grün und das Gefühl,  wie es vor 60 Jahren hier ausgesehen haben mag, hat sich die Anlage dennoch bewahrt.

Wie wirkt die Neckermann Hauptverwaltung heute? Das Bauwerk ist groß, aber nicht bedrohlich. Es ist repräsentativ und trotzdem leicht. Es ist alt. 1960 zogen die ersten Mitarbeiter ein, ein Jahr später waren die Bauarbeiten beendet. Die 60 Jahre sieht man dem Bau, wie etlichen anderen Eiermann-Werken, kaum an. Trotz der schwer zu verleugnenden Spuren des Niedergangs wirkt es technisch und modern.

Neckermann ist Frankfurter Stadtgeschichte

Die Schranke an der Einfahrt existiert schon lange nicht mehr, der 9000 passiert den Gleisanschluss der Neckermann AG. Hier kamen einst Güterzüge mit Waren an, oft aus dem anderen deutschen Staat,  der günstig aber hochwertig für Devisen produzierte. Manchmal auch politisch Gefangene dafür einsetzte – ein schwarzer Fleck der deutsch-deutschen Geschichte. Der Lagerkomplex wird heute von Logistikunternehmen genutzt. Teile wie die Baracke des früheren Werkverkaufs verfallen langsam, Industriebrache und Natur wechseln sich ab.

Der letzte Bauabschnitt des Neckermann Komplexes ist das 2001 errichtete Parkhaus und Logistikzentrum. Das große, rote N ist mittlerweile abmontiert, eine Tochter der deutschen Bahn ist Mieter. Er liegt gegenüber der alten Bauten, wirkt immer noch modern.

Wie kann es weitergehen mit dem Gelände? Neckermann ist deutsche Industrie- und Frankfurter Stadtgeschichte. Das Eiermann-Gebäude steht für die Zeit des Wirtschaftswunders, es ist bedroht so wie andere Bauten des Architekten. Der Eiermann Campus in Stuttgart diente IBM als Hauptverwaltung. Seine Zukunft ist seit Jahren ebenfalls unklar. Hoffnung gab es kurz, als der wiedererstandene Autohersteller Borgward in die Gebäude einziehen und sie sanieren wollte. Aber auch das ist mittlerweile Geschichte.

15 thoughts on “Saab 9000 trifft auf Neckermann. Eine Frankfurter Stadtgeschichte.

  • Spannender Bau! Danke für die Anregung.

  • Also meinen Geschmack trifft das Neckermann Gebäude nicht, die Olivetti-Türme hingegen sind eine ganz andere Liga. Die hätten m.E. auch viel besser als Kulisse für den wunderschönen 9000 gepasst. Leicht, zeitlos, beinahe filigran. Ein wenig in dese Richtung ging ja auch die alte, inzwischen abgerissene Astra-Verwaltungs-Pilstulpe, wenn auch etwas plumper. Die Neckermann Aussentreppe (nicht das Treppenjaus) hat mich spontan ein wenig an das Centre Georges-Pompidou erinnert. Ich finde es jedenfalls schade, dass man vielerorts, auch im privaten Bausektor, beinahe nur noch Pseudo-Bauhaus-Plattenbauten sieht. Copy and paste, viel weisser Beton. Mir fällt aber immer wieder auf, dass ich den 9000 in silber einfach grandios finde, ich hätte ihn wahrscheinlich damals in schwarz bestellt um mich später zu ärgern… ;-)) Dieses Heck mit dem fabulösen Bicolor “Leuchtband” – da kommt selbst ein 9-5II NG nicht mit…

  • Immerhin:
    Beim Pförtner gab’s auch glasrauchblaue Scheiben wie in SAAB-Showrooms ab der letzten Designstufe 😉

    Danke für den abwechslungsvollen Bericht, Tom.

  • “Man beachte das offene Treppenhaus”

    Nein, man beachte die Komposition des Bildes! Keine stürzenden Linien. Dynamisch und präzise gewählter Fluchtpunkt. Bezüge zwischen Sujet und Bildecken. Die sparsame und akzentuierende Korrespondenz zwischen Rücklichtern und dem Branding auf dem Dach und das komplementäre Grün in einem ansonsten eher monochromen und trotz seiner Komplexität sehr aufgeräumten und klar strukturierten Bild …

    Chapeau. Das ist ein richtig guter Schuss.

  • Quo vadis SAABblog???
    Glückwunsch zu diesem Überraschungs-Artikel! Einfach Klasse!
    “MONUMENTE” der Deutschen Stiftung Denkmalschutz hätte es nicht besser machen können. Oder, vielleicht wird obiger Artikel den Denkmalschützern in Bonn ja schon angeboten???
    Tolle Kombi, Architektur und SAAB.
    Wieder einmal zeigt der Blick über den berühmten Tellerrand, wie interessant das Leben sein kann/ist.
    Mit dieser Steilvorlage sehe ich noch lange (!!!) kein Ende vom Blog!
    Derartige “Reisegeschichten” sind doch mit Fahrzeugen, die auf langen Strecken zu Hause sind, weiterhin locker möglich…
    Ich spende auch weiter… ;-), der Dezember kommt ja bald.

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  • schöner Artikel! Ein Blick über den Tellerrand, der gelegentlich gut tut.
    Die Treppen auf dem obersten Bild können, nach m.E., bei einem 7-geschossigen Verwaltungsgebäude nur Fluchtstiegen sein, die im Brandfall als 2. Rettungsweg zu benützen gewesen wären.
    LG in die Runde

  • Hallo und herzlichen Dank für die tolle Geschichte….bitte mehr davon!

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  • Danke! Die Olivetti Türme durfte ich noch zu den aufregenden Zeiten, als man in Italien gute Computer baute, innen erleben. Ich empfinde sie wie Du. Sie stehen auf der Liste meiner zukünftigen Berichte mit dem 9000 oder vielleicht einem anderen Saab.

  • Einfach ein toller Artikel. Mal wieder Anlass, eine Anregung zu äußern, die besten Artikel zu einem Buch zu vereinen.

  • Danke Tom für Deinen interessanten Bericht über Eiermann und den Neckermann bei.
    Es war der damalige Zeitgeist, solche gewaltigen “Blöcke” in die Landschaft zu setzen.
    Auch Corbusier tat dies mit seinen Wohnmaschinen. Auch wenn ich Eiermann als
    Architekt sehr schätze, der Neckermann-Bau gehört nach meiner Ansicht nicht zu
    den besten Projekten. Jedes Mal wenn ich auf der Autobahn an den Olivetti-Türmen
    vorbei fahre, geht mir das Herz auf. Was für eine Eleganz und Schwerelosigkeit
    und Leichtigkeit diese Türme ausstrahlen, ist bis heute in der Architektur aus meiner
    Sicht unerreicht. Man schaue sich nur die “primitiven” und banalen Hochhäuser im
    Umfeld an. Vielen Dank für Deinen Ausflug nach Frankurt und den tollen Blog.
    By the way: Die äußeren Treppen sind keine “Treppenhäuser” sondern einläufige
    Treppen, die die äußeren Laubengänge erschließen und dienen vermutlich nur
    als Fluchtwege. Innen dürfte es auf Grund der Höhe des Gebäudes Aufzüge geben
    und offene Verbindungstreppen.

  • Nicht ganz. Der ist mehr komplex und immer ein wenig eine Diva.

  • Der 9k scheint ja nicht so simpel, wie der Tisch?

  • Schön! Ich schätze Eiermann sehr. Auch die Tische und Stühle, die es immer noch zu kaufen gibt.

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  • GROSSARTIG

    Was für ein Artikel ! ! !
    Und tolle Bilder. Anna ist eine Schönheit und Eiermann schon allein für seinen berühmten Tisch nicht weniger interessant als ein 9K …

    Form trifft Funktion – Automobil trifft Immobil – Design trifft Architektur …

    Der Blog übertrifft sich selbst.

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