Die Geschichte der Saab Retter aus Barcelona

Carrer de Rafael Battle. Eine ruhige Strasse in einem recht vornehmen Wohngebiet in Barcelona. Im Haus mit der Nummer 14 befindet sich eine kleine Autowerkstatt. Sie heisst „Tallers Berma“. An sich keine ungewöhnliche Erscheinung. Wenn das Tor geöffnet ist, ähnelt sie hunderten noch existierenden 2-3 Mann Betrieben in der Stadt. Etwas chaotisch. Vollgestopft mit Fahrzeugen auf den vorhandenen Hebebühnen und darunter.

Tallers Berma, die Saab Retter aus Barcelona
Tallers Berma, die Saab Retter aus Barcelona

Wer jedoch genauer hinschaut, wird feststellen, dass sich unter den Fahrzeugen immer ein paar Saabs befinden. Und ein altes Saab Logo, das Teil des Werkstattschildes ist. Wenn bei der berühmten Suchmaschine „Saab Werkstatt Barcelona“ eingegeben wird, erscheint diese Werkstatt an erster Stelle.

Aber nun zum Beginn der Geschichte….

Es ist Ende der 80-er Jahre. Ein junger Mann namens Juan hat gerade sein Militärdienst abgeleistet. Davor machte er einen Abschluss als Mechaniker auf der Technischen Schule in der Carrer Rafael Battle. Diese lag neben der damaligen Niederlassung von „Ibercarerra“, dem Exlusivimporteur für Porsche und Saab in Spanien. Juan – seinerzeit Corsa Gsi Fahrer – fand zwar Saab immer ein bisschen seltsam, bewirbt sich erfolgreich um eine der offenen Stellen, und fängt 1989 seine Karriere als Automechaniker an.

Etwa 10 Jahre später macht ein anderer junger Mann namens Xavi auf der gleichen Schule seinen Abschluss. Zufälligerweise lernt er in der Schulbibliothek alles über ABS und Turboaufladung aus einem Saabwerkstattbuch. Es war eine seine erste Begegnung mit der Marke.

Im Juni 1998 begegnen sich die beiden an einer Hebebühne bei „Ibercarerra“.

Sie werden schnell Freunde und ein unschlagbares Spezialistenteam. Es werden ihnen viele hoffnungslose Fälle aus ganz Spanien geschickt, an denen sich die von GM in Kurzseminaren auf Saab umgeschulten Mechaniker die Zähne ausbeißen.

Wie in Spanien üblich essen sie fast jeden Mittag in einem kleinen Familienrestaurant auf der anderen Strassenseite zu Mittag. Dort lernen sie zwei ältere Herren kennen, die in der gleichen Straße im Haus mit der Nummer 14 eine der schon erwähnten kleinen chaotischen Autowerkstattätten betrieben.

Es wird gescherzt und gefachsimpelt. Eines Tages werden Juan und Xavi zu Erben der kleinen Werkstatt auserkoren, wenn es mal so weit ist…..

Es ist aber noch lange nicht so weit.

2004 wird der Vertrieb von Saab und Porsche getrennt. Die besagte Niederlassung wird zu einem reinen Saabbetrieb, und Juan zum Werkstattsleiter.

Ein paar arbeitsreiche, aber ruhige Jahre vergehen.

2008 wird Spanien aufs heftigste von der Wirtschaftskrise getroffen.

Das parallel hierzu verlaufende Drama um Saab kennen wir alle.

Am 29.04.2011 wird die Niederlassung geschlossen. Juan und Xavi bekommen trotz der Krise einige Jobangebote. Aber nun wird aus dem frühen Scherz von der „Erbschaft“ Realität. Sie möchten an Saabs arbeiten, kennen sich bestens aus, und übernehmen im September 2011 die kleine Werkstatt. Und den jüngeren der beiden Besitzer direkt mit dazu. Er bleibt ein Jahr.

Der Anfang war schwer. Die Kunden zerstreuten sich in alle Richtungen. Kaum jemand gab Geld für die Pflege seiner fahrbaren Schätze aus. Die „zufällig“ gerettete Kundenkartei, und vor allem Xavis Frau, die unermüdlich an jeden gesehenen Saab einen Flyer steckt, helfen jedoch, einen neuen Kundenstamm aufzubauen. Und mit der Zeit finden auch die alten Kunden von „Ibercarerra“ ihren Weg zu „Tallers Berma“.

Nun sind sie die Letzten. Vor einigen Wochen schloss der vorletzte Betrieb der Gegend, der von ehemaligen Saab Mitarbeitern geführt wurde.

Unermüdlich kümmern sie sich um den spanischen Saab Bestand. Auch Kunden aus entfernten Teilen des Landes suchen ihren Rat. Es kann schon vorkommen, dass auf einen Termin etwas länger gewartet werden muss. Wenn es aber so weit ist, erfolgt die Inspektion oder Reparatur bis auf die Minute genau. Es sei denn, es wurde etwas Unvorgesehenes gefunden, oder die Teilelieferung verzögert sich.

Die Fahrzeuge verlassen jedoch die Werkstatt immer ohne jeglichen Mangel.

Und dabei spielt es keine Rolle, ob es ein Saab (ca.40 %), oder ein anders Fabrikat ist.

Juan pflegt auch privat seine Saab-Leidenschaft. Seine Sammlung umfasst von einem 93-er 900 Vollturbo, über jegliche 9-3 I, 9-5, bis hin zum 9-3 II Aero der letzten Serie insgesamt 9 Fahrzeuge, die hin und wieder auf internationalen Treffen zu Gast sind.

Xavi hat nie privat einen Saab gefahren. Zunächst fand er sie seltsam. Dann passte kein Modell in seine Lebenssituation – Frau und Kind außerhalb von Barcelona mit damals teilweise unbefestigten Strassen. Und als der 9-4 angekündigt wurde, war er ihm schlicht zu teuer. Es ist aber offensichtlich möglich, die Faszination Saab zu leben, ohne einen zu besitzen.

Und mögen sie diese noch viele Jahre Leben…..

Text und Bilder: Der Lizi

13 Gedanken zu „Die Geschichte der Saab Retter aus Barcelona

  • Wow, was für ein klasse Bericht aus Spanien! Irre beeindruckend. Gut, dass es solche Enthusiasten gibt! Das Salz in der automobilen Autoscene. Möge die Rep.-Aufträge lange bei 40 oder mehr % liegen! Weiterhin gute Geschäfte und viel Freude in der Werkstatt!
    Gibt es Hinweise, wo die Katalanen ihre Ersatzteile herbekommen???
    Orio? Skandix? Oder eigne “Vorsorge” über “Resteverwertung”/Aufarbeitung.
    Ein schöner Sonntagsbericht! Danke!

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  • Lieber Aero 9-3

    Eine eigene Versorgung gibt es aus Platzgrunden nicht. Alles läuft über die sonst bekannten Stellen….

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  • Danke für diesen herzerwärmenden Bericht aus Katalonien! Wie großartig, dass auch im schönen Barcelona die Liebe zu unseren großartigen, wunderschönen und einzigartigen schwedischen Fahrzeugen weiterleben kann – durch das bewundernswerte Engagement von Juan und Xavi und dessen Frau. Toll! 🙂 Mögen diese letzten Retter noch lange und erfolgreich dort “praktizieren” und irgendwann, wenn erforderlich, vielleicht auch Nachfolger finden.

    Ich bin immer wieder baff, dass es überhaupt so viele Saabs in Spanien gibt bzw. gab. Letztes Jahr habe ich sogar auf La Palma (ja, ich weiß, ganz woanders und gaanz weit weg, aber trotzdem umso erstaunlicher) einen etwas Talladega-mäßig aufgemotzten weißen 9-3 I gesehen.Einfach toll! 🙂

    Was mich auch wundert, ist, dass auf den Fotos so viele Cabrios zu sehen sind. Ich dachte, dafür wäre es in Spanien viel zu heiß!?

    Herzliche Grüße aus Hamburg nach Barcelona und den beiden Betreibern noch viele erfolgreiche Jahre bei der Pflege unserer geliebten Saabs!

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  • Auch ich schließe mich dem an, tolle Geschichte und schön, dass auch in Barcelona die Saab Tafel hochgehalten wird.
    Kommen eigentlich auch noch weitere Berichte über Werkstätten die nicht direkte Blog Unterstützer sind?

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    • Jein. Es kommen 2020 unter anderem Berichte über Menschen, die sich in irgendeiner für Saab begeistern und auch einige über Werkstätten. Die werden aber (nach heutiger Planung) vorwiegend Blog Unterstützer sein.

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  • Völlig aus der Zeit gefallen?

    In D diskutiert man das Ende der Kohleförderung für 2038. Parallel dazu in Berlin das Ende der Verbrenner durch Fahrverbote schon für 2030 (innerstädtisch) bzw. für 2035 (gesamtes Land Berlin).

    Gleichzeitig gehen ein neues Kohlekraftwerk ans Netz und für Tesla rollen Bagger durch brandenburgische Kiefern. BASF würde gerne eine Batteriefabrik im gleichen Bundesland bauen, aber es hagelt Bedenken aus Gründen des Umweltschutzes. Die Belastungen für das (Trink- & Grund-) Wasser sei hoch, die benötigten Erden/Ressourcen seien zudem selten und es gäbe ja noch gar keinen funktionierenden Kreislauf, kein Recycling.

    Alle Infos stammen aus dem ÖR und den letzten 24 Stunden …

    Warum ein mit Kohle betriebener Tesla umweltfreundlich, warum seine Batterien besser als die von BASF sein sollten, bleibt offen. So wie auch 1.000 andere Fragen. Etwa die nach E85, um nur eine aufzuwerten …

    Mensch Lizi,
    wie wohltuend menschlich und verständlich ließt sich vor einem derart komplexen und verwirrendem Hintergrund dein toller Bericht. Der ist wie aus der Zeit gefallen. 1.000 Dank dafür.

    Und er macht mir Appetit. Ich würde ja verdammt gerne Mal wieder in einem spanischen Lokal (in dem überwiegend Einheimische verkehren) essen gehen. Mit Saab-Mechanikern ganz besonders …

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  • Herbert Hürsch – kohlebetriebener Tesla

    Die ganze Absurdität absolut treffend in einem Schlagwort zusammengefasst! Großartig, werde ich, auch mit Abwandlungen (kohlebetriebene MOIAs, Elektroautos, -roller usw.), sofort in meinen aktiven Wortschatz übernehmen! 🙂

    Und E85? Vielleicht kann man die ganzen Betonköpfe, Lobbygläubigen, Modegläubigen und wohl größtenteils Uninformierten doch noch irgendwie darauf aufmerksam machen, dass erneuerbare Energien, zumal aus Abfällen, der bessere Weg und ein erforderlicher Teil einer notwendigen diversifizierten Energiepolitik sind?! Vive la France!

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  • Sehr schöner Bericht! Ich selbst habe meinen Saab auch damals immer zu Ibercarrera gebracht und kenne beide auch aus der Zeit.
    Zum Glück haben die zwei danach die Werkstatt eröffnet, somit gibt es eine vertrauenswürdige und professionelle Anlaufstelle für unsere Fahrzeuge.

    Saludos.

    Antwort
  • Menschen die sich für Saab begeistern und darauf auch arbeiten würden mir ein auch paar einfallen, neben Saab Himberg natürlich

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  • @ Ebasil,

    Diversität und Uniformen sind auch schöne Stichworte. Mein kurzer Abriss der Nachrichten des ÖR innerhalb von 24 Stunden war ja zudem völlig unvollständig …

    Abermals steigende Strompreise (amtl. bestätigt schon zuvor die höchsten der EU) und die Einstufung der Kiefer als minderwertigen Baum oder auch die Unterschriftensammlung der CSU gegen 130 gehören eigentlich zwingend ins Gesamtbild einer uniformierten und lobbygetriebenen in sich widersprüchlichen Gesellschaft wider die Diversität.

    Die offizielle Einstufung der Kiefer (mein Lieblingsbaum) als minderwertig, weckt bei mir unschöne Assoziationen. Wie kann man nur im Angesicht eines Artensterbens auf die abstruse Idee kommen, sich als selektiver Faktor und gleichsam als Heilsbringer aufzuspielen?

    Alles ist möglich …

    Zum Glück auch noch immer ein Saab, mit dem man mit E85 quer durch Frankreich nach Spanien fährt und in beiden Ländern gut zu essen und notfalls eine Reparatur zu bekommen. Halten wir daran fest, so lange irgend möglich …

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  • Ich danke ebenso für Deinen Bericht wie die anderen auch.

    Was passiert mit den Beständen aus der erwähnten anderen vor kurzem geschlossenen SAAB-Werkstatt? Welche war denn das? Wo gehen die Teile hin etc.? Da ist die Gemeinschaft zu nutzen immer hilfreich, und es wäre Frevel und gegen unseren Enthusiasmus, wenn da erneut gute Originalteile wegflögen. Das freut mich, wenn Du mir/uns dazu noch weitere Infos schreibst.

    Herzliche Grüße!

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  • Lieber Saabansbraten.

    Andere Länder, andere Sitten….
    Auch die geschlossene Werkstatt gehörte zum in meinem Bericht erwähntem Typ….
    Deshalb gibt es auch keine aufzulösenden Bestände. Es wird alles für die notwendigen Reparaturen „on time“ besorgt. Und die Ausstattung hat wohl der Nachfolger übernommen.

    Gruß

    Der Lizi

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  • Relativ gesprochen gab es immer ziemlich viele Saabs in Oviedo, Spanien.

    Meine Eltern fahrten:
    1986 Saab 9000i (1986 gekauft)
    1996 Saab 9000 CSE 2.3t (1996 gekauft).

    Ich fahre immer noch meine alte 2002 9-5 SW 2.3t (2008 als 2hand gekauft).

    60k € für einen neuen Wagen hab ich nicht und finde unsinniges Konsumismus solange der 9-5 perfekt läuft. Das Geld stecke ich auch lieber im Segelboot.

    Im nordwesten Spaniens herrscht atlantisches klima, an der Küste sind die Tageshöchsttemperaturen im August nur um die 22-23°C…
    Im winter ist es natürlich viel wärmer als im HH, letztes Wochenende im T-Shirt ~ 25 Seemeilen gesegelt…

    Barcelona ist im Mittelmeer, dort ist es im Hochsommer recht heiss…

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