Kilometerkönige? Hier kommen 3,5 Millionen!

Der SAABBLOG sucht unsere Kilometerkönige und wir Saabfahrer sollten am besten etwas über sie erzählen können. Sind sie nicht der Beweis für gelebte Nachhaltigkeit? Nachhaltig beschäftigt unsere Familie das Thema Saab seit 27 Jahren und nachhaltig werden unsere Saabs seitdem am Leben erhalten. Dabei schonen wir Ressourcen, indem wir unsere Autos auch über ihren Lebenszyklus lang hinaus als Organspender in ihren Artgenossen weiterleben lassen. Zum Leidwesen der Autoindustrie wollen wir unser Geld in die Erhaltung unserer Fahrzeuge und nicht in neue Autos fließen lassen.

900 Turbo 16S, Modelljahr 92
900 Turbo 16S, Modelljahr 92

Zum einen könn(t)en wir gar keinen neuen Saab mehr bestellen und zum anderen können wir Philosophien wie „Form folgt Funktion“ oder „Konzentration auf das Wesentliche“ in der heutigen Zeit wahrlich nicht mehr wiedererkennen. „Höher, schneller, aber nicht wirklich weiter“ trifft es wohl besser.

Wir bekennen: „Wir sind nicht normal!“ Aber das werden sie gleich erkennen. Nicht weil unsere Saabs meist über 20 Jahre alt sind und über 200.000 km auf der Uhr haben, sondern weil wir mit 13 an der Zahl unsere Schmerzgrenze erreicht haben. Beginnen wir doch einmal mit unserem niederländischen 1990er 900 tu16S als Kilometerkönig, der mit seinen 459.000 km zukünftig unserem 1993er 900 Softturbo (117.000 km!) sein APC und Sportfahrwerk spendet. Auch der neu bezogene Dachhimmel wird in ihm weiterleben.

Dann ist da unser 1992er 900 tu16S, der im französischem Nantes sein Leben verbrachte und vor neun Jahren über die Niederlande in Oberfranken seine Zelte aufgeschlagen hat. Er ruht sich aus und wartet nach 288.000 km auf seine Herzklappenoperation und den wohlverdienten Balsam für seine sonnengereifte Orangenhaut.

Vor anderthalb Jahren hat es einen 1996er 9000 Aero (281 tkm) über Göttingen und Jever wieder zu uns in seine bayerische Heimat verschlagen. Auch er macht nach so vielen Kilometer noch richtig Spaß, weshalb wir uns fragen, was man denn mehr zum Glücklichsein brauche.

900er-Fahrer gaben uns früher am Saab-Stammtisch zu verstehen, dass „zwei Nullen genügen“ würden. In der Praxis machte unseres Erachtens die dritte Null den 9000er zum besten Saab, der jemals gebaut worden ist.

Warum? In keinem anderen Auto fühlt man sich auf langen Strecken so wohl wie im 9000er und genießt mit jedem Kilometer dessen durchdachte Konstruktion, Souveränität und Wertigkeit. In der heutigen Zeit ginge ein Hersteller mit einem solchen Produkt pleite. Auch Saab konnte deshalb anfangs nur schwer seinen 9-5er unters Volk bringen. Nicht weil er schlecht war, sondern weil der 9000er aufgrund seiner Qualitäten eine treue Fangemeinde auf sich eingeschworen hatte. Und schöne Exemplare gibt es immer noch, aber sie stehen heutzutage trocken in Garagen und nicht auf „mobile.de“.

Zur „Nachhaltigkeit“ sollte ein 1996er 9000 2.0t mit Turboladerschaden – aus dem 550 km entfernten Wietzendorf – mit seinen beiden Kotflügeln ebenfalls als Teileträger fungieren. Es kommt, wie es kommen musste: kein Schlachtfahrzeug, sondern wieder ein Auto, das aufgrund seiner geringen Laufleistung von 173.000 km und seines guten technischen und optischen Zustands auf unserem Hof steht und wieder auf die Straße will. Dies ermöglicht ein Ersatzturbolader seines Artgenossen, den wir früher selbst gefahren und vor kurzem als Teileträger wieder erworben haben.

Unsere Bekannten langen sich bereits an den Kopf: Geld für einen Rostkübel mit 274.000 km zu zahlen, man solle doch froh sein, dass man das „Ding“ los sei. Wir sehen das anders: seine inneren Werte in Form von Turbolader, Zündschloss, Ladeluftkühler, nachgerüstetem APC-System und vielen Kleinteilen ermöglichen es uns nämlich noch lange, 9000er fahren und damit unsere Saab-Leidenschaft genießen zu können. Und der Motor schnurrt mit 274 tkm noch wie ein Kätzchen – mit einer laufruhigen und haltbaren Steuerkette, wie sie sich so mancher Golf-VII-Fahrer wünschen würde.

Doch was macht es so besonders, Saab zu fahren? Was steckt hinter dem sogenannten Saab-Feeling? Was löst diese Faszination aus? Und die Frage aller Fragen: „Welcher ist denn nun der echte, einzig wahre Saab?“

Wir haben in den letzten zwei Jahren Saab 900, 9000, 9-3/I, 9-3/II und 9-5 im Vergleich (er-) fahren und müssen Sie leider enttäuschen: „den“ echten Saab gibt es nicht. Aber wir können Sie auch beruhigen, steckt doch der „Spirit of Saab“ in jedem Modell – nur eben immer wieder anders. Saab hat sich Gott sei Dank nicht immer wieder neu erfunden, sondern kontinuierlich weiterentwickelt. Der Nischenhersteller konnte nie aus dem Vollen schöpfen, daher hat er sich den Anforderungen der jeweiligen Zeit gestellt und intelligente Lösungen gefunden. Saab produzierte damals schon schadstoffarme Fahrzeuge nach dem „Downsizing“-Prinzip als es für „Premiumhersteller“ noch verpönt gewesen war.

Erlebe das Saab-Feeling! Die Urigkeit und das analoge, puristische Fahren des 900tu16S ist genauso saabtypisch wie das Raum- und Wohlgefühl des 9000ers. Aber auch entspannte Nachtfahrten mit dem Black-Panel ab dem 900/2 vermitteln einem abermals Geborgenheit und lassen klar erkennen, dass sich die Konstrukteure was bei Ihrer Arbeit gedacht haben. Nicht zu vergessen ist der entspannte Durchzug in unserem 9-5 Aero, dessen Gesamtkonzept als luxuriöser Kombi ihn zu Recht zum absoluten Liebling unserer Familie werden lassen hat. Und das, obwohl er kein 9000er ist.

Ursprünglich als Winter-Interimslösung hat auch unser 9-3/II mit gerade einmal 134.000 km „seine Rose bekommen“ und bleibt bei uns. Wieder ein Auto mehr auf dem Hof. Hat er sich doch mit seinem Sportfahrwerk, Sportsitz, Schiebedach und großen Innenraum in unsere Herzen geschlichen. Sogar meine Frau hat vergessen, dass sie keine Sedans mag.

Und der Saab 9-3/I? Er steht zu Unrecht im Schatten seiner Kollegen, denn aufgetretene Motorschäden beruhen oft auf mangelnde Pflege und der fatalen Überzeugung, vernachlässigte Ölwechselintervalle würden sich nicht wirklich auf die Haltbarkeit eines Motors auswirken.

Bei unserem 2000er 9-3 Aero halten Stoßdämpfer, Gummis, Auspuff etc. freilich auch nicht ewig, aber der Rest überzeugt auch noch mit über 324 tkm (davon die Hälfte mit Autogas gefahren) auf der ganzen Linie. Er betört mich mit seinem Geruch von Leder und zeigt stellvertretend für alle Saab-Turbomotoren, dass ihnen bei 10.000km-Ölwechselintervallen auch die hohe thermische Belastung des LPG-Betriebs eher sekundär tangiert. Ins gleiche Horn bläst unser 2002er 9-3/I Anniversary als Alltagsbegleiter mit seinen 279.000 km (davon 60 tkm mit LPG) in Sachen Standfestigkeit und Nachhaltigkeit. Das Auto ist nichts Besonderes, aber es ist mir ans Herz gewachsen. Er fährt und fährt und spart und spart. Erst neulich habe ich innerhalb von 24 Stunden 1200 km zurückgelegt. Und es hat Spaß gemacht.

Der jüngste „Neuzugang“ unseres Saab-Seniorenheims wird jetzt hoffentlich der Letzte. Kann man denn einen 84er 900 turbo16 mit gerade einmal 324 tkm vor der Tür stehen lassen? Einem Modell, mit dem der Kult des 900ers und des Turbo-16-Ventil-Motors begann? Nicht wirklich! Unser schwarzer 5-Türer mit Schiebedach (!) lebte lange Zeit in Barcelona und trägt seitdem seinen „Espana“-Aufkleber mit Stolz auf der Heckklappe. Aber jetzt muss endlich einmal Schluss sein, denn beim Schreiben wird mir wieder einmal bewusst: „Wir haben zu viele Autos!“ „Und wir sind wirklich nicht normal.“ Pardon, meine Frau nehme ich davon natürlich aus. Andererseits muss man ja an die Zukunft denken. Wenn demnächst unsere Kinder Auto fahren dürfen, treten sie vielleicht doch in unsere Fußstapfen und wollen doch keinen „Einser BMW“ fahren. Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Soviel zur „Faszination Saab“ und Nachhaltigkeit, hinsichtlich des Themas „Kilometerkönige“ können wir zwar nur eine durchschnittliche Laufleistung von 262.000 km aufweisen, die „Gesamtlaufleistung“ von fast 3,5 Mio km verschlägt allerdings sogar mir die Sprache. Was unsere Saabs wohl so alles erzählen könnten? Für mich sind sie alle Könige!

Text und Bilder: Gunther Knopf

14 thoughts on “Kilometerkönige? Hier kommen 3,5 Millionen!

  • Unglaublich schöne Fahrzeuge. So eine Sammlung hätte ich auch gerne.

  • Taubenberger im Tölz hat einen schönen 95NG … war vor Weihnachten dort …

  • Ein wirklich sehr guter Artikel ! Es trifft den Nagel auf den Kopf. Ein Auto ist ein Fortbewegungsmittel und kein rollendes Infotainmentsystem. Wenn ich die selbstfahrende Elektromobilität will, dann setze ich mich in den Zug (was leider Dank der “Weitsicht” im Maximilianeum nicht immer einfach ist. Ansosten: es gibt derzeit auf dem Markt kein Auto, für das ich meinen Saab stillegen würde – und es ist auch keines in Sicht.

  • Dieser Beitrag bringt den Saab Spirit wirklich schön auf den Punkt!
    Auch wenn es bei mir “nur” 10 Saab sind und die Baujahre mit ´66 bis ´96 deutlich älter, die Faszination ist die Selbe.

    Danke für diesen schönen Artikel!
    Gerald

  • @ Helga Fassbinder,

    großartiger Kommentar zu einem großartigen Beitrag. Es wäre schön, wenn beides “nur” für den Individualverkehr zutreffend wäre …

    Aber Beitrag und Kommentar sind ja gerade deshalb so gut, weil sie ein größeres und universelles Problem exemplarisch fassen und adressieren.

    Unfassbar, was wir an Energie und Ressourcen sparen würden, wenn man das positive Beispiel weiterdenkt.

  • Hallo, Ich glaube Sie wohnen ja auch in Wien. Es gibt am 11 Jänner ab 10 Uhr ein kleines Saabtreffen in Skalica in der Slowakei ca 90 Minuten von Wien entfernt.

  • Was ein toller Bericht! Vielen Dank dafür! Das nenne ich Leidenschaft!
    Ich habe in den letzten 12 Monate meine Saab von sieben auf vier reduziert. Ein Fehler? Ja, eigentlich schon. Die Viggen Limousine (5-türig ) und der 95NG reuen mich schon. Mindestens einer davon muss wieder her, aber wo finden?

    Ihnen Familie Knopf weiterhin viel Freude und unfallfreie kms mit Ihren tollen Saab!

  • Tolle Saableidenschaft, und schön, dass man so viele Saabs rettet und sie weiterhin nutzt. Wir hätten unseren alten 9-5I auch gerne behalten wollen und hätten es wahrscheinlich auch getan, hätte ich schon damals die ganzen Saabexperten gekannt.

  • Wann ist ein Saab ein Saab?

    Das schwedisch (kilometer-) königliche Lesevergnügen (1.000 Dank an den millionenschweren Autor) streift auch diese Frage mit der für alle Saabs und deren Besitzer versöhnlichen Antwort: Jeder Saab ist ein Saab.

    Aber wann ist ein Saabfahrer ein Saabfahrer?

    Der Autor ist einer. Durch und durch und zweifelsohne. Aber bin ich auch einer? So viel geballte Kompetenz und die Größe des Fuhrparks hängen die Messlatte sehr, sehr hoch. Da kann man bei aller Freude am Leserbeitrag schon auch Minderwertigkeitskomplexe entwickeln 😉 …

  • Verrückt? Ansichtssache. Begeisterung und tatsächlich außerhalb vom MainStream zu stehen trifft es ebenso. Wenn mir wieder mal jemand sagt ich sei verrückt nehme ich das als Kompliment und lade ihn gerne auf ein Bier ein Also Fam. Knopf verrückt ist gut. Aber das wissen Sie eh schon.
    Da sich meine Sammlung ehr im Bereich “last Edition” bewegt (9-5 NG (auch ein X, dass muss sein), 9-4x, Turbo X, 9-3 Cabrio) kann ich das Gefühl den einen oder anderen Wagen hinzuzufügen gut nachvollziehen nur scheint Fam. Knopf (zum Glück) über Garagen Plätze ohne Ende zu verfügen.
    Und ja was ist der echte Saab? Hatte einen 900er, 99 mit Schiebedach, 9-5 aero, 9-3 I, 9-3 II die leider aller aufgrund von Alterserscheinungen abgegeben wurden. War das ein Fehler?
    Habe meinen Sohn jetzt mit Saab angefixt (na ja vielleicht denkt er auch bloß besser Saab als nix 🙂 und inzwischen finde ich den 9-3 Anniversary wieder richtig schick. Aber einen 9-3x oder einen gut erhaltenen 9-5 aero (nur mit Leder und Schiebedach) könnte ich mir doch noch gut vorstellen. Verrückt? Aber gerne

  • Grossartiger Beitrag! Nicht allein wegen der wundervollen Übersicht über die vielen Façetten der Saab-Welt, sondern auch wegen seiner oh so treffenden und wichtigen Aussage zur Nachhaltigkeit im Indivualverkehr. Wieviel klüger wären wir, unsere guten Stücke bis zu ihrem unausweichlich echten Lebensende zu fahren, statt der Aufforderung von Politik und Autoindustrie Folge zu leisten, sich jeweils durch Neukauf in eine weitere ‘Anpassung’ des Individualverkehrs zu stürzen…

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  • Ja, das ist treffend: “Mir wird ganz schwindelig vor lauter Saab!” 🙂 Was für eine bewundernswerte Arbeit und großartige Einstellung und gelebte Nachhaltigkeit. Chapeau! Das ist wahre “Liebe” und Hingabe zu ganz besonderen Autos, die es heute leider nicht mehr gibt (gebaut werden). Sehr schön auf den Punkt gebracht: “Form folgt Funktion“ oder „Konzentration auf das Wesentliche“.

    Und, wie in diesem herrlichen Bericht wunderbar beschrieben, geben die Saabs die Liebe und Pflege voll an ihre Fahrer, Mitreisenden und Besitzer zurück.

    Was mich immer wieder fasziniert, sind die einhelligen Lobpreisungen über die 9000er. Ich hatte die nie als “ganz richtige” Saabs auf dem Zettel – wegen des falsch platzierten Zündschlosses (ja, ja, ich weiß, ein bisschen bekloppt). Aber meine Lust ist nun schon des längeren wegen der ganzen begeisterten Berichte auf dem Blog geweckt, so dass ich mal nach einer Gelegenheit zu einer Probefahrt Ausschau halten werde, vermutlich bei meinem nächsten Besuch in Kiel. 🙂

    Aber, Hand aufs Herz, liebe Familie Knopf, mindestens ein weiterer Saab fehlt doch noch in Ihrem Fuhrpark, nicht wahr? Einen offenen Saab zu fahren ist ein unglaublich beglückendes Gefühl! Die Saab Cabrios sind nach wie vor die schönsten, elegantesten, stilsichersten, komfortabelsten und rundum gelungensten Cabrios, die es auf unseren Straßen gibt. Das Frühjahr naht, also keine falsche Scheu! 😉

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  • Mir wird ganz schwindelig vor lauter SAAB! 🙂
    Ein ganz besonderer (Fan-) Bericht.
    Vielen Dank für diese technisch emotionale Einblicke. Nach diesem Bericht wird auch klar, jeder SAAB hat seine “Berechtigung”. Jedes Modell seine Spezialitäten. Liebenswert.
    Es zeigt aber auch auf, Liebhaber muss viel an Zeit investieren…, Liebhaber ohne Zeit und Kenntnisse die Euros.
    Mobilität mit Autos kostet halt.
    Sonnigen Sonntag noch!
    Familie Knopf allzeit gute Fahrt; allen anderen SAABianern auch 😉

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  • Ich spürte schon beim Beginnen des Lesens, dass da doch der nette Mensch dahinterstecken “muss”, der mir mit seinem gelb-blauen Knopf-Kärtchen und der Einladung zum Stammtisch in Glashütten ein großes Lächeln ins Gesicht gezaubert hat, als ich (damals noch) meinen ’97er 9000CSE 2.3 Turbo nach einer Arbeitswoche wieder am Pendlerparkplatz bei Münchberg abholte. Super Sache – das Kärtchen und noch mehr Ihre Aktivitäten selbst! Danke!

    Wenn Sie mal die A9 auf dem Weg Richtung Norden um Hermsdorfer und Schkeuditzer Kreuz “stranden”, melden Sie sich bei mir: 0160 772 5663. Sie werden dann geholfen 🙂

    Herzliche Grüße!

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