Die Totengräber von Trollhättan

Der letzte Saab ist verkauft, und in Schweden ging eine Ära unwiderruflich zu Ende. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass NEVS dieses Ereignis in den sozialen Medien regelrecht zelebrierte. Dazu besteht kein Anlass, es ist vielmehr ein Ereignis, das Trauer und Wut auslösen sollte. Ein sehr persönlicher Blick zurück. Mit einer Portion Wut im Bauch.

Saab Werk 2012
Saab Werk 2012

Eine Zahl. Eine Zahl sagt viel,  und sie kann das Versagen der letzten Jahre in Trollhättan dokumentieren. Spielen wir also einmal mit Zahlen.

1 Million

Eine Million Saabs waren 2012 weltweit unterwegs. In dem Jahr, in dem NEVS die Schlüssel für die Saab Immobilien in der Stallbacka in die Hand gedrückt bekam, einige geistige Rechte erwarb und seitdem ein Autobauer sein möchte. Also 1 Million. Eine Million Menschen,  die Saab fahren und die Marke gut finden. Vielleicht sind es auch mehr. Rechnet man Partner und Familie dazu, vielleicht auch Freunde. Dann sind es  3, 4, 5 Millionen. Aber bleiben wir fair, uns genügt heute die eine Million.

Was ist ein Kunde wert? Es gibt dazu verschiedene Statistiken, je nach Branche. Fest steht, es ist günstiger, einen bestehenden Kunden zu behalten, als einen neuen zu akquirieren. Im Fall Saab waren die Kunden sehr teuer. Zusammen mit Alfa Romeo hatte die Marke vom Göta Älv die höchsten Kosten pro verkauftem Fahrzeug. Saab investierte pro Auto je nach Jahr zwischen 2.500 € und 5.000 € in Werbung und Marketing, ein Spitzenwert. Gehen wir konservativ vom untersten Wert aus, multiplizieren ihn mit der einen Million an Kunden, dann erhalten wir:

2.500.000.000 €

Zweieinhalb Milliarden € als Mitgift 2012. Und vielleicht auch mehr. 3 Milliarden, 4 Milliarden, die man hätte in die Hand nehmen müssen, um eine Million Autos zu verkaufen. Als Newcomer, als unbekannte Marke. Für Marketing, Werbung, Präsentationen. Ein Milliarden-Potenzial, das 2012 als geschenkte Zugabe vor Kai Johan Jiang und seinem Team lag. Und das man einfach wegwarf. Damals, als es noch ein internationales Händlernetz gab, funktionierenden After-Sales und einen funktionellen Kreislauf bestehend aus relativ neuen Fahrzeugen und Gebrauchtwagen. Nicht zu vergessen eine moderne Fabrik, die auf Knopfdruck Neuwagen ausgespuckt hätte, eine funktionierende Lieferkette. Auch davon war vieles gratis, weil einfach vorhanden und vom Wert her kaum zu beziffern.

Was 2012 passierte,  war aber das Gegenteil. Und es ist unglaublich, es war hart zu akzeptieren. Statt die Chance zu sehen, kam die Geschichte mit dem Elektroauto. Natürlich, das weiß man heute, hatte NEVS keine Rechte an der E-Autotechnologie von Saab erworben. Obwohl gerade das naheliegend war. Vielleicht wollten die Insolvenzverwalter diese auch nicht an Chinesen verkaufen, eventuell lagen sie auch bei GM. Tatsache ist aber, dass man Kunden und Händler von Anfang an links liegen ließ, Luftschlösser baute und bis zum heutigen Tag in China gerade einmal 1.000 Elektroautos hergestellt hat. Mit Spekulationen verspielte man die Markenrechte,  und wenn GM Saab beerdigt hat, dann schlug NEVS nachträglich noch die Nägel in den Sarg.

Und jetzt? Man zelebriert den Verkauf des allerletzten Saabs auf allen Kanälen, feiert sich selbst für sein Versagen. Die Aktion Saab Totengräber ist gelungen, man hat den Eindruck, dass es für NEVS ein Akt der Befreiung ist. Weg von Saab, weg vom traditionsreichen Namen.

Das kann sein. Brüche schmerzen,  und die industrielle Geschichte von Trollhättan und Saab ist voll davon. Die Saab Saga ist Vergangenheit, jetzt endgültig. Evergrande hat andere Ansprüche als eine kleine, gescheiterte Marke,  die kaum jemand kennt,  neu zu beleben. Die Zukunft spielt in einer anderen Liga.

Trotzdem, und gerade deshalb, es ist gut,  wütend zu sein. Wenn man die Ignoranz Revue passieren lässt, mit der die NEVS Gründer 2012 über die wertvolle Substanz der Marke hinweg gingen. Vielleicht, und hier ist ein Platz für Verschwörungstheoretiker unter den Lesenden, waren Kai Johan Jiang und Co nur Platzhalter für eine Geschichte,  die jetzt beginnt. Eine China Saga, wer weiß das schon.

Wut ist hilfreich,  und sie braucht ein Ventil. Man schreibt einen Artikel darüber, lässt es heraus. Oder geht in den Wald, schreit laut, auch das soll helfen. Dann ist es aber endgültig gut. Brüche schmerzen, wie gesagt. Aber gerade Brüche machen das Leben spannend. Menschen, die Brüche im Lebenslauf haben,  sind in der Regel die unterhaltsameren Zeitgenossen als die, welche ohne Probleme durchs Leben gleiten.

In Schweden ist ein Kapitel endgültig zum Abschluss gekommen. Das ist vielleicht gut so, denn die Zeiten ändern sich gerade grundlegend. Eventuell, hätte Saab überlebt, wäre es nicht mehr die Marke,  welche die Fans lieben. Lassen wir die Vergangenheit los. Die Zukunft kann spannend sein, Lust auf Neues tut gut.

21 Gedanken zu „Die Totengräber von Trollhättan

  • Ist wohl ehrlich so. Makaber finde ich daß jetzt scheinbar Geld genug da ist. Das hätte man 2012 gebrauchen können. Heute ist alles vorbei.

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  • Sehr guter Artikel, schon fast poetisch!

    Und mit viel Herzblut und eben auch Wut geschrieben. Diese Wut wühlt auch oft in mir. Vieles was mir gut und teuer war, teuer im echten Sinn des Wortes, gibt es heute nicht mehr oder ist nur ein Abklatsch von dem was es mal war. Zu oberst auf der Liste stehen da Saab und Lancia. ( Revox z.B. steht auch ganz weit oben )

    Wo sind sie geblieben, diese tollen Autos?

    Was ist aus ihnen geworden? Lancia na ja, da wird eine grosse Ami Kiste als Lancia vertrieben, einfach nur schrecklich.

    Ich fahre diese Autos mit viel Leidenschaft und recht grossem finanziellem Einsatz. Warum mache ich das? Eine rationale Erklärung gibt es eigentlich nicht. Was treibt mich an? Wenn ich dann am Samstag beim Einkaufen auf einem grossen Parkplatz all die gleichförmigen SUV sehe, ja dann weiss ich wieder warum ich meine Saab so liebe! Sie heben sich einfach grossartig von der Masse ab und das passt mir sehr.

    Hätte das gereicht um Saab oder Lancia am Leben zu erhalten? Ich denke eher nicht. Die grosse Masse springt einfach dem Mainstream nach, VW lässt grüssen. ( die haben aber auch eine riesige Lobby hinter sich und verfügen über ein grenzenloses Werbebudget; Fussball gucken wird langsam zur Tortur, wo man hin guckt VW, VW,….)

    Ich gehe jetzt in meinen Schopf und schaue ob sie noch alle da sind, die Saab und die Lancia. Ganz bestimmt huscht ein kleines Lächeln der Freude über mein Gesicht und das ist mir sehr viel wert.

    Gute Fahrt und Grüsse aus dem Schwarzwald.

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  • Unglaublich wieviel Geld dort verpulvert wurde.
    Möchte gerne mal wissen wieviel Leute daran glauben das es mit NEVS noch was wird,ich gehöre jedenfalls nicht dazu.

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  • @ Hans S. (& Tom),

    ein sehr passender Kommentar auf einen bewegenden Artikel …

    Mir kommt unweigerlich der Slogan eines dt. Versands mit angeschlossenen Warenhäusern in den Sinn, der für die Welt in Anspruch nimmt, dass noch immer gute Dinge produziert würden und für sich selbst, diese zu vertreiben.

    Und tatsächlich habe ich dort vor vielen Jahren Geräte gekauft, die noch heute klaglos und zuverlässig im Dienst stehen und die ich zuvor regelmäßig unmittelbar nach Ablauf der Garantie ersetzen musste.

    Mein Saab wetteifert jetzt mit anderen Erstehnissen um die Krone der Nachhaltigkeit und schlägt sich ziemlich gut. Was will man mehr?

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  • Ja, das ist der Welten Lauf! Tom schreibt immer so, als wenn man das gerade selber schreiben wollte. Wie gesagt, ich bin glücklich mit meinem 9-3II Cab, selbst dann noch, wenn jetzt ein neues CIM fällig ist: Na und …?

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  • „Die Zukunft kann spannend sein, Lust auf Neues tut gut.“……momentan hab ich nix neues im Blick was gut tun könnte, zumindestens im automobilen Bereich. Im letzten Urlaub hatte ich als Mietwagen einen von VW geordertet um wenigstens gleichförmig unaufgeregt unterwegs zu sein, leider ging das Häckchen,…nur diesen Wagen…, bei der Buchung verloren und es wurde ein Nissan Juke,….ich hab mich noch nie so für ein Auto geschämt, eigentlich will man (ich) bei diesem Design nur wegschauen!

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  • Bleibt als allerletzte Hoffnung in diesem Zusammenhang nur, dass zeitnah doch noch wirklich annehmbare Fahrzeuge in Trollhättan von den Bändern rollen. Sonst rückt die Qual der Wahl unter anderweitigen Herstellern immer näher. Leider findet man dort als SAAB-Enthusiast aber bekanntlich keine 100%ige Alternative – sollte es dennoch so kommen, wäre es jammerschade.

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  • Vielen Dank Tom für den sehr passenden Artikel. Abschliessen finde ich gut – deshalb habe ich auch privat meine wunderschöne SAAB-Zeit beendet. So kann ich jederzeit mit viel Freude daran denken. Alles gute hat ein Ende!

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    • Alle schönen Dinge haben ein Ende. Aber Saab hat man im Herzen und den Virus wird man nie so ganz los. Irgendwas bleibt immer, auch wenn es weniger wird. Vielen Dank für das Blog lesen und den netten Mailkontakt der Vergangenheit!

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  • Vielen Dank für den Artikel und die Einblicke

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  • Spricht mir aus dem Herzen. Was uns bleibt sind die Fahrzeuge. Wir sollten sie erhalten und fahren so lange es geht. Etwas wie SAAB kommt nicht wieder, das war wohl einmalig. Ich hoffe dass es den Blog noch lange gibt und Tom nicht seine Abschiedsrunde einläutet. Es sprach mir da viel Melancholie aus dem Beitrag.

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  • Werbung

    Bislang geht kein Kommentar tiefer auf diesen spannenden Aspekt des Artikels ein. Dabei ist es durchaus interessant, dass Saab gemeinsam mit Alfa diesen traurigen Rekord hält.

    Bei der Produktion und in den Verhandlungen mit Zulieferern wird von Centbeträgen bis hin zu maximal dreistelligen Eurobeträgen optimiert und verhandelt, um in Summe auf eine vierstellige Kostenreduktion zu kommen.

    Bis zu 5.000 € Werbung je Fahrzeug sind in einem fünfstelligen Preissegment absolut desaströs!

    Zwar heißt es, wer nicht wirbt, der stirbt, aber das ist nur die halbe Wahrheit und Werbung geht auch anders.

    Man muss nicht unbedingt Unsummen an Agenturen und für Medien zahlen. Saab hätte sich auch auf eine frühere Einführung des 9-5 NG SC konzentrieren können und eine Charge günstig an die schwedische Polizei und an Taxifahrer abgeben und eine nationale Präsenz auf den Straßen und international mediale Präsenz gratis haben können.

    Bei Alfa ist es ähnlich. Ein lang ersehnter Kombi sorgt seit Jahren für Spekulationen unter Motorjournalisten. Käme er, bekäme Alfa sehr viel Aufmerksamkeit gratis und hätte seine Zielgruppe erweitert.

    Die strategisch sinnvolle und gut platzierte Einführung des richtigen Produktes zur rechten Zeit kann kein noch so hoher Aufwand und Etat für Werbung je ersetzen.

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    • Die Zahlen, um das richtigzustellen, stammen aus den „besten“ Saab Jahren nach der vollständigen Übernahmen durch GM als man Stückzahlen um jeden Preis in den Markt drücken wollte. Wie es nach 2009 aussah, ist mir unbekannt. Ich denke, es wird viel wenige Budget vorhanden gewesen sein.

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  • So oder so, dieser Spitzenwert je Fahrzeug ist ein eher trauriger Rekord. Dem kleineren Werbeetat späterer Jahre stehen eine schrumpfende Produktion und sinkende Absatzzahlen gegenüber. Das Verhältnis kann kein gutes gewesen sein …

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  • Was hätte nicht alles sein können?! Es sollte aber nicht sein, leider! Hier waren es damals viele Seiten, nicht nur GM, oder NEVS. Auch die schwedische Regierung hätte etwas tun können und was war mit den Wallenbergs?! Saab hatte sehr viele Totengräber und nie eine Chance.
    Ich bin der festen Überzeugung das Saab mit seiner damaligen Mannschaft, das Thema Auto und Umwelt heute hervorragend „gelöst“ und in vielen Bereichen die richtige Antwort parat gehabt hätte. Designknaller on top noch obendrauf!
    Das Thema Saab wird sich für mich dadurch aber nicht erledigen, eher im Gegenteil. Mein 9-3 I Cabrio (wenn auch belächelt) werde ich Stück für Stück zu einem Sammlerstück machen, nur für mich:-)

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  • @ Alter Schwede,

    der 9-3 l wird doch gar nicht mehr belächelt. Er zählt längst als der modernste und jüngste 900. Ob Sie das nun wollen oder nicht, aber den können Sie gar nicht mehr nur für sich fahren.
    Sie werden immer einem Saab-Fahrer begegnen, der sich mit Ihnen freut – und sei es ein ehemaliger …

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  • Now re-write this as:-

    Saab 9-5 is similar. A long-awaited station wagon has been causing speculation among motoring journalists for years. If he came, Saab would receive a lot of attention for free and would have expanded its target group.

    The strategically meaningful and well-placed introduction of the right product at the right time can not replace even the highest expenditure and budget for advertising.

    Saab 9-5 NG, Wagon, as success that was waiting to happen ……..

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  • My 1st main 9K was a 9K SE (Uk) version, with 175hp, B202, auto full leather , auto AC, etc. cost in 1988 £22,985.00 GBP.
    UK Rover’s were nearer £18,995.00p ….

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  • But, the buyer was rewarded with a superb machine, that would see off a Ferrari………..

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  • Long lived reader of this forum and the forum prior. Love your passion. There is a virus thing about Saab’s …never was really a car person myself but after 3 of them over the years I have Realised this is the end. Nevs like anything Chinese is an excuse for the rich few to get richer from some wild corrupt scheme that they have no idea about but love the European/western idea lol.
    Will enjoy my jetblack 2008 93 Aero wagon with most Hirsch and Maptun upgrades with updated pioneer sat nav stereo which looks spec and sounds great until the end and i know it still looks better than most new cookie cutter cars of today with some nice Saab spooling on take off….:) that is a 10 year old car and I have driven many new cars but no way they are worth a lot of $ more new…
    Like you, what could have been is very disappointing. Still see the designs now copied but without the same style. Volvo look nice now but really they would still be the same box on wheels compared to Saab’s of today if they were still around and financed correctly.
    Keeping the spirit alive down under…Melbourne, Australia. As Jeremy Clarkson once said, you can tell a Saab driver as they just smile cause they know…..

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  • @Herbert Hürsch

    ich teile sehr gerne diese Freude. Ich war mir nicht im Klaren, dass sich der Stellenwert schon geändert hat. Finde ich natürlich gut, um so mehr freue ich mich jetzt ein Auto mit guter Basis gefunden zu haben.

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