Pininfarina gestaltet für Evergrande NEVS

Nur wenige Wochen nach dem Besuch von Evergande CEO Xu Jiayin in Italien wird die Tragweite der Zusammenarbeit mit Pininfarina langsam klar. Das italienische Traditionsunternehmen ist nicht nur ein weiterer Partner für die Entwicklung von Evergrande und der neuen Automarke Hengchi. Pininfarina wird die Gestaltung für alle neuen Fahrzeuge des Unternehmens übernehmen und so die DNA der Marke maßgeblich prägen.

Ein Opernhaus? Nein, das Polestar Produktionszentrum in Chengdu
Ein Opernhaus? Nein, das Polestar Produktionszentrum in Chengdu. Bild: Polestar

Ein entsprechender Vertrag wurde vor einigen Tagen von beiden Parteien in Shenzhen, dem Hauptsitz von Evergrande,  unterzeichnet. Ziel ist eine langfristige Partnerschaft, in der die Italiener das Erscheinungsbild der Fahrzeuge prägen werden. Pininfarina ist eine der guten, alten Adressen. Das Unternehmen ist längst ein eigener Mythos, es steht in seiner langen Geschichte bis heute für aufregendes Design und prägte Hersteller wie Ferrari.

Pininfarina gestaltet die Marke Hengchi

Die interessante Frage wäre, wohin sich der Immobilienriese mit seinen Milliardeninvestitionen bewegen wird? Viel Geld steht bekanntlich nicht zwangsläufig für guten Geschmack,  und auch aus Schweden kam unter NEVS in den letzten Jahren nichts,  was bemerkenswert gewesen wäre. Eine erste Spur, wohin die zukünftige Ausrichtung führen könnte, legen die neuesten Immobilien von Evergrande.

Unter der Leitung der renommierten Architekten von HPP entsteht in China das Evergrande Ocean Flower Island. 70.000 qm von aufsehenerregender,  organischer Struktur nach den Plänen von HPP mit einem Theater, Opernhaus, Konzertsaal und eine Bühne für Wassershows. Das Projekt geht seiner Fertigstellung entgegen. Spannend wird in diesem Moment ein Posting aus Schweden. NEVS veröffentlichte ein Bild einer sehr futuristischen Autofabrik, die in der Guangdong  Provinz nahe Hongkong entsteht. Auch sie folgt dem organischen Design des Ocean Flower Island. Und sieht damit so ganz anders aus, als die tragisch grauen Kästen, die sonst zur Produktion von Automobilen erbaut werden.

Unklar ist, wer das Werk in Guangdong geplant hat. Bei HPP findet sich kein Hinweis auf eine mögliche Urheberschaft. Der Trend ist aber sichtbar. Autofabriken der Zukunft werden erheblich von dem abweichen, was wir bisher als Normalität empfinden. Sie werden mehr und mehr zu Kathedralen des Unternehmens und sollen Nachhaltigkeit und Innovation verkörpern. Das Eintauchen in die Markenwelten findet in der Zukunft schon bei der Produktion statt.

Hengchi als Avantgarde?

Ein gutes Beispiel für die Zukunft liefert die Marke Polestar. Die Volvo Tochter hat ein neues, puristisches Hauptquartier auf Hisingen errichtet. Richtig bemerkenswert ist aber die Fertigung in Chengdu. Das neue Werk erinnert in keiner Weise mehr an Automobilbau. Ein Konzertsaal, ein Kulturbetrieb wären denkbar. In der Realität werden in dem Ambiente, das auch zu einem High-End IT Konzern passen würde, doch nur Autos gebaut.

Mit der Verpflichtung von Pininfarina wird die Entwicklung rund um die ehemalige Saab Fabrik noch etwas spannender. NEVS arbeitete in der Vergangenheit mit Teams zusammen, die vorwiegend für koreanische Hersteller tätig waren und die keine großen Namen tragen. Pininfarina weckt hingegen Erwartungen an die Qualität des Designs. Steht das Werk in Guangdong für die zukünftige Ausrichtung, dann könnte sie sehr in Richtung Avantgarde tendieren.

Trollhättan ist ein strategischer Brückenkopf in der EU, für alles was kommt. Rund um das Werk besteht in einem ausreichenden Umfang Expansionsfläche. 2020 soll endlich wieder Leben in die Hallen einziehen. Sicher noch nicht mit einem Fahrzeug aus der Feder von Pininfarina, aber mit dem Sion von Sono Motors und einem neuen Sportwagen von Koenigsegg.

5 Gedanken zu „Pininfarina gestaltet für Evergrande NEVS

  • Spektakuläre Architektur …

    Ich mag gutes Design und gute Architektur. Die Fotos sind faszinierend. Danke Tom, für diesen Artikel …

    Blöd ist nur, dass Mathematik und Physik ein recht striktes Regiment über das Prinzip form follows function führen. Trotz zahlreicher Versuche ist bislang noch jeder Designer daran gescheitert, ein besseres Rad als ein geschlossenes und schlicht rundes zu entwerfen …

    Ebenso scheitern Architekten und Bauingenieure zuverlässig daran, Lasten in der Waagerechten effizienter als in der Senkrechten abzutragen. Oder auch daran, mehr nutzbares Raumvolumen (im Verhältnis zu Außenfläche, Energieeffizienz und Baukosten) in einer anderen Form als in einem Würfel effizient zu realisieren …

    Ob eine Produktionsstätte – die zwar optisch reizvoll ist, aber letztlich doch nur die Funktion einer Produktionsstätte übernehmen soll – vor diesem Hintergrund noch uneingeschränkt positiv als spektakuläre Architektur bewertet werden kann und darf, weiss ich nicht so recht …

    So (tatsächlich spektakulär) oder so (rein spekulativ), es ist schon faszinierend, was wir Automobilisten momentan und schon länger so alles finanzieren …

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  • Spannender Artikel, Tom.
    Die spektakulär veränderte Werksform lässt ja einiges hoffen…, u.a. auch, dass die optisch futuristische Fabrik „grün“ entstanden ist und ökologisch freundlich arbeitet…
    Ob ich mit der neuen Formensprache des Gebäudes gleich veränderte Fahrzeuge gleichsetzen kann, ich weiß nicht so recht.
    Ich bin gegenüber dem Marketing (egal wo und was) immer skeptisch. Ist halt Marketing. Möchte eine bestimmte „Sichtweise“. Ich möchte gern max. ökologische Produkte.
    Ich bin gespannt, was kommt…

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  • Ja, China halt. Optimistischer, fortschrittlicher, wagemutiger. Drückt sich eben auch in der Architektur aus.

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  • @Herbert Hüsch:…im Prinzip richtig, die rechteckigen Kisten sind einfach und wirtschaftlich! In Leipzig beim BMW-Werk hat Frau Hadid den Eingang organisch designt und der Rest sind eckige Kisten. Aber!!!…., es gibt auch eine andere häufig verwndete Formen (muß ich zur Ehrenrettung meines Berufsstandes) einwerfen: der Bogen. Gewölbe und Bögen werden aber nicht so häufig verwendet weil letzlich teurer. Aber die Bogenhallen von Hugo Junkers, die Dächer von Friedrich Zollinger und viele Brücken zeugen davon.

    Auf jedenfall spannend, danke für den Artikel Tom.

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  • @Bergsaab, gegen Bögen (Kreuz-) Gewölbe oder den Berufsstand will ich auch nichts gesagt haben …

    Der Bogen und Gewölbe sind bauhistorisch ohnehin sakrosankt. Der Witz ist, das war damals mit den gegebenen Mitteln und gemessen am angestrebten Zweck (etwa die Statik einer Brücke oder Decke) ja form follows function in Reinkultur. Und richtig, Bögen oder Kuppeln können das noch heute …

    Die so genannte organische Architektur hat zwei Seiten, unterschiedliche Auslegungen. Da gibt es strikte Verfechter des alten Tripple-F-Prinzips, die ausloten, was von der Natur (etwa einem Baum und dessen Statik) hinzugelernt werden kann, welcher Stabilitätsgewinn und welche Materialeinsparungen sich so erzielen lassen …

    Und dann aber auch solche, die mit erhöhtem Aufwand Stadien und Hallen in die Gestalt von Amöben und Bakterien zwingen und das anschließend organisch nennen.

    Mein Kommentar zielte auf die Fragestellung ab, wo da die chinesischen Bauherren Evergrande (und auch Polester) zu verorten sind. Hätten sie das Tripple-F zugunsten des Spektakulären aufgegeben, würde ich mir von den Autos auch nicht allzu viel versprechen …

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