Saab 9000 CD Rettung (2)

Über den Werterhalt älterer Autos zu schreiben ist zum gesellschaftspolitischen Statement geworden. Das war nicht immer so, schon gar nicht im Jahr 2011,  als ich mit dem Schreiben begann. Die Zeiten haben sich gewandelt, das Bewahren alter Fahrzeuge ist auch ein Stück Kritik am System.

Man glaubt es kaum: 1. Hand und nur 93.000 Kilometer!
Man glaubt es kaum: 1. Hand und nur 93.000 Kilometer!

Gute, erhaltenswerte Autos aus den 80er und 90er Jahren wurden zuletzt zu Gunsten von Neuwagen verschrottet. Ziellos, sinnlos. Dabei bräuchten wir, wenn wir für unsere Umwelt etwas verbessern wollten, nicht andere Autos, sondern langlebigere, die man intelligent nutzt.

Der Schwund an Youngtimern ist enorm und dürfte anhalten. Das ist schade, denn wir vernichten mit jedem Fahrzeug auch ein Stück Geschichte. Alte Autos haben etwas zu erzählen, und manchmal wird aus einem häßlichen Entlein ein toller Schwan.

Ein Stück (deutscher) Zeitgeschichte

Bevor der 9000 CD in Richtung Werkstatt und TÜV rollt,  erforscht Oli die Historie der Limousine und wird dabei zum Auto-Archäologen. Denn der Saab hat eine besondere Geschichte, die erst nach und nach klar wird, und die liest sich so:

Im Jahr 1993 importiert der Botschaftsrat einer baltischen Botschaft, die damals noch ihren Sitz in der Bundeshauptstadt Bonn hat, einen fabrikneuen Saab 9000 CD 2.3i nach Deutschland. Der Saab ist fast voll ausgestattet. Es fehlt ihm nur das Schiebedach. Ein nobles, repräsentatives Fahrzeug, mit einer zu dieser Zeit sehr beliebten dunkelgrünen Lackierung und Sitzen mit schwerem, schwarzen Leder.

Der Saab bleibt nicht in Bonn, er wird weitergereicht an die Mutter des Botschaftsrats nach Hamburg. Die Gründe für die innerfamiliäre Transaktion sind wahrscheinlich die sehr günstigen Konditionen, die Trollhättan im Geschäft mit Diplomaten-Fahrzeugen anbietet. Die Besitzerin, eine Dame im bereits fortgeschrittenen Alter, lässt den 9000 CD am 1.10.1993 zu. Sie wird den Wagen bis zu ihrem Tod fahren. Wer ist diese Dame? Ihren Namen wollen wir nicht schreiben, nur so viel: Sie ist Mitglied der Akademien der Wissenschaften in mehreren skandinavischen Ländern, ausserdem eine emeritierte Professorin der Universität Hamburg.

Der repräsentative CD wird bei Saab Uhlenhorst gewartet, er ist durchgehend scheckheftgepflegt. Als seine Besitzerin hochbetagt stirbt,  wird er 2016 abgemeldet und landet bei dem Händler, wo Oli ihn zwei Jahre später retten wird.

Die Historie ist damit klar, wie oft bei einem Saab 9000. Viele dieser schwedischen S-Klassen wurden sehr lange vom Erstbesitzer gefahren, was es einfacher macht,  ihre Geschichte zu erforschen. Dass der CD auch noch ein weiteres, ungewöhnliches Stück Technik aus den 90er Jahren transportiert, bemerkt Oli erst bei einer weiteren Durchsicht.

Folksam Datenrekorder

Damit starten wir einen Ausflug in die frühen Jahre der Unfallforschung, die in Skandinavien höchst konsequent betrieben wurde. Denn neben einem schwäbischen Autobauer waren es vor allem die Schweden, die schon früh viel Energie in diese Disziplin investierten.

Saab baute in den 80er und 90er Jahren die sichersten Autos der Welt. Um objektiv zu bleiben galt alles, was damals aus Schweden kam, als extrem sicher. Mitverantwortlich war neben Saab, Volvo und Autoliv als treibende Kraft die Versicherung Folksam. Sie betrieb zielstrebig Unfallforschung und installierte Datenschreiber in den Fahrzeugen.

Der Folksam Datenrekorder aus den 90er Jahren
Der Folksam Datenrekorder aus den 90er Jahren

Im Jahr 1992 stellte Folksam den ersten Rekorder (CPR) vor, der auf einen mechanischen Crash-Impuls reagierte. In 260.000 schwedischen Autos von Toyota, Saab, Opel und Honda wurden die Geräte installiert. Mitte 2008 wurde der CPR durch eine neue, elektronische Generation von Rekordern (ECR) abgelöst.

Bis zum November 2018 hatte Oli noch nie einen Crashrekorder aus den 90er Jahren gesehen – bis er den CD kaufte und in der Reserveradmulde ein seltsames, schwarzes Kästchen fand. Mit einem Saab Aufkleber und Folksam Schriftzug. Die Schrift „Crash Pulse Recorder“ liess keinen Zweifel aufkommen. Ein früher Datenrekorder, der zum Glück noch nie seine Funktion unter Beweis stellen musste.

Der 9000 CD entpuppt sich, aus historischer Sicht, als vielfacher Glücksfall. Eine Vorbesitzerin mit einem spannenden Hintergrund, ein seltener Folksam Datenrekorder. Der Mut,  den 9k zu kaufen,  hat sich bisher ausbezahlt. Auto-Archäologe Oli hatte seinen Spaß.

Jetzt stehen Werkstatt, TÜV, Zulassung und Wellnessprogramm auf der Liste. Und natürlich möchte Oli den CD auf Euro 2 umschlüsseln lassen.

Wie es mit dem 9000 CD weitergeht, kommt in Kürze auf dem Blog.

13 Gedanken zu „Saab 9000 CD Rettung (2)

  • Auto Archäologie, das ist cool. Unglaublich, was der SAAB für eine Geschichte hat. Toll daß sie so gut dokumentiert ist. Ich freue mich schon auf Teil 3!

    10
  • Tolle Geschichte um diesen 9000 CD!
    Das dieser 9000 CD auch eine „wirkliche CD-Limo“ war, ist bei dieser Story wirklich genial!
    Da hat das Forschen sicher Spass und Freude gemacht… 🙂
    Auch ich freue mich auf die Fortsetzung!

  • STOSSSTANGEN

    „Ziellos, sinnlos(e)“ Verschrottungen und „Kritik am System“. Die Einleitung ist großartig …

    Erst heute morgen schoss mir auf einem großen Parkplatz durch den Kopf, wie sehr sich die gesamte Branche markenübergreifend (teils politisch bedingt und gewollt) von jeglichem Anspruch auf Nachhaltigkeit verabschiedet hat.
    Front- und Heckelemente werden immer größer gestaltet und auch seitlich immer weiter um das Fahrzeug gezogen – ringsum mit Sensoren und anderen Elementen gespickt …

    Stoßstangen und Kotflügel haben ausgedient. Man tauscht lieber gleich das halbe Auto oder gleich das ganze, wenn mal eins schief angeguckt wurde …

    Eine Heckklappe (Tiguan) fiel mir ins Auge, deren unteres Ende optisch und praktisch als ein Teil der Heckschürze / der „Stoßstange“ ausgeformt war. Eine Heckklappe als Stoßstange? Geht’s noch?

    Wenn man Autos so gestalten wollte, dass kleinste Rempler – sei es rechts, hinten, links oder vorne – möglichst einen wirtschaftlichen Totalschaden verursachen und die potentielle Verschrottung bedeuten, dann wären jüngere Automobile auf ganz genau dem richtigen Weg …

    Bin froh, dass der CD gerettet ist und gespannt auf Teil III …

    20
    • P.S.
      Wenn ich das richtig im Kopf habe, gab es damals Tests mit dem 9000 und anderen zeitgenössischen Autos hinsichtlich der Qualität ihrer Stoßstangen. Die Ingenieure von SAAB hatten die Qualität des Kunststoffs und die (Waben-) Struktur hinter der äußeren Hülle so gewählt bzw. gestaltet, dass der 9000 mit Abstand Testsieger wurde.

      Gemessen wurde, welche Geschwindigkeiten eines Aufpralls die jeweiligen Fahrzeuge/Stoßstangen zulassen, bevor sich eine bleibende Verformung oder andere Strukturschäden feststellen lassen. Das war sehr, sehr nachhaltig gedacht …

    • Völlig korrekt. Leider hat Saab diese Un-Mode mit der Heckklappe beim 9-5 NG SC ebenfalls mitgemacht.

      • Sie treffen den Nagel auf den Kopf …

        Ob SAAB sich gesetzlichen Vorschriften und Un-Moden heute sinnvoll entziehen könnte oder würde, ist ganz und gar und durch und durch zweifelhaft.
        Helmut Kohl sprach in einem anderen Zusammenhang mal von der Gnade der späten Geburt. Vielleicht ist die frühe Insolvenz ja auch eine gewisse Gnade?
        Wie dem auch sei, als Liebhaber der Marke ist man heute in der luxuriösen Situation, SAABs daran messen zu können oder zu dürfen, wie sie einst im Vergleich zu Zeitgenossen abgeschnitten haben und daran, wie nützlich sie noch immer sind.

        Ob SAAB heute noch Autos bauen würde und auch dürfte, die mir mit Abstand lieber als andere Neuwagen wären, vermag ich nicht zu sagen. Was hätte sein können, wird immer spekulativer und interessiert mich auch immer weniger …

        Meine persönliche automobile Zukunft sehe ich immer mehr im Bereich der Gebrauchten bis hin zu Oldtimern. Hätte ich vor ein paar Jahren noch nicht gedacht, aber nun ist es so. Und es ist erstaunlich befreiend. Sollen sie mal alle machen: ihre Un-Moden und Un-Sitten aber nicht mit mir …

  • Ja genau, ich weiß noch, wie ich mit meinem ersten 9000 CS in Brüssel beim zurücksetzen einen dieser sagenhaften Betonhinkelsteine (genau so hoch, dass man sie im Rückspiegel nicht sah) rammte: der Poller lag flach und meine schöne Heckschürze war heftig eingedrückt, ich war arg gedrückt! Wieder in Köln wollte ich den Schaden näher begutachten -wegen Reperaturauftrag. Und siehe da: kein Schaden mehr zu sehen! Nur leichte Lackkratzer, die ich als Bestätigung nahm, das Ganze nicht nur geträumt zu haben.

  • Wirklich wahre Worte die da im Zusammenhang mit der Umwelt stehen !. Werde von Freunde, die mit den Friday for Future Demonstranten symphatisieren, für meinen CD/das fahren „alter“ SAABs belächelt. Der alte Wagen wäre nicht up 2 date. Statt einem alten Auto fordern Sie alle Elektroautos…Ich denke an der Stelle bedarf es kein weiteres Kommentar.

    Dabei ist doch grad ein altes Auto nachhaltig. Wenn ich überlege wie viele Autos aus dem Freundeskreis der 9000 schon lange überlebt hat. Reines Kopfschütteln. Umso schöner das ein weiterer CD gerettet werden konnte.

    10
  • sehr interessante Geschichte, schön, dass das Auto gerettet werden konnte

  • Die Rückbank sieht wirklich aus, als hätte dort nie jemand Platz genommen. Da zeigt sich wieder, dass manchmal Inserate mit „traurigen“ Fotos doch einen Blick mehr verdient haben. Tolle Geschichte!

  • „Ein Stück Kritik am System […] Ziellos, sinnlos.“

    Tom, es ist unverändert eine große Freude Deine Blog-Einträge zu lesen, aber..

    ..mit dieser knackig kurzen Einleitung zum 2. Teil der informativen, flott geschriebenen 9000-CD Geschichte hast Du Dich wirklich selbst übertroffen! „Grandios“ wie Herbert Hürsch schrieb..

    Chapeau! und Merci

    • P.S.
      Korrektur: Herbert Hürsch schrieb „großartig“..

      2
      1
  • Pingback:

Kommentare sind geschlossen.