EV Aktivisten

Zwei Zahlen zum Einstieg. 2.338 und 180.000. Die erste Zahl steht für die 2011 in China verkauften Elektroautos, die zweite ist das geschätzte Resultat für 2015. China ist der größte EV Markt der Welt – durch politischen Willen. Der beginnt bei der bevorzugten Vergabe von Zulassungslizenzen für EV`s und geht weiter mit klaren Richlinien für Behörden-Fuhrparks.

NEVS EV. Photo Credit: Sveriges Radio
NEVS EV. Photo Credit: Sveriges Radio

Diese müssen seit dem 1. Januar in ihrem Fuhrpark einen Anteil von mindestens 30 % „New Energy Vehicles“ nachweisen. Speditionen spüren den Arm des Gesetzes ebenfalls. Sie bekommen bevorzugt Aufträge innerhalb des 6. Pekinger Autobahnrings, wenn die Transportflotte grün zertifiziert ist.

Der weltweit größte Produzent von EV`s kam im vergangenen Jahr aus der Volksrepublik. BYD (Build Your Dreams) meldete im November 2015  50.797 reine Batteriefahrzeuge als verkauft – und schlägt Tesla. Die Herausforderung für BYD ist es nicht,  Kunden zu finden. Das Unternehmen kann die explodierende Nachfrage kaum bedienen. BYD sitzt auf einem Berg von Aufträgen, die Kapazitäten laufen am Limit.

BYD Taxi Flotte in Brüssel
BYD Taxi Flotte in Brüssel

Um nachzuvollziehen,  was in China in Bezug auf NEVS passiert, sollten wir versuchen,  die Geschichte neutral bzw. mit chinesischen Augen zu sehen. Erfolg oder Misserfolg ist an die Person von Kai Johan Jiang, der in China den Namen Jiang Dalong trägt, geknüpft. Seine Partnerschaft mit Quingdao brachte NEVS in den Dunstkreis von Personengruppen, die der Korruption verdächtigt wurden. Was folgte,  war Liebesentzug von Partei und Staat für Jiang Dalong, Geldentzug für NEVS, Rekonstruktion in Schweden.

Es wurde für eine Schamfrist ruhig um Jiang Dalong; knapp ein Jahr später konnte man in staatlich gelenkten Medien diese Sätze lesen: „Jiang Dalong hat seine Fehler eingesehen und ist reumütig zurück gekehrt in den Schoß von Partei und Volk. Wir gehen davon aus, dass er seine zukünftigen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit erfüllen wird.“ Nicht mehr ganz so jugendliche Leser auf dem östlichen Teil unseres Landes kennen diese Satzprosa. Jiang Dalong erhielt im vergangenen Frühjahr die Absolution sozialistischer Art.

Seitdem geht es mit NEVS bergauf.

Ein neues Hauptquartier in Peking, das 5.000 Quadratmeter Nutzfläche bieten soll. Das Werk in Tianjin zu 50% fertig. Was entsteht,  ist ein Konzern für „New Energy Vehicles“. Komplett mit Verwaltung, Design, Entwicklung, Pressestelle und Fertigung in China. Noch war kein Serienfahrzeug in einem Showroom oder auf einer Ausstellung zu sehen, schon kommen die ersten Aufträge.

250.000 Fahrzeuge will das Leasing Unternehmen Panda New Energy, finanziert von Hasun Asset, in den nächsten 5 Jahren abnehmen. Jeweils 50.000 Kleinbusse, 50.000 MPV  und 150.000 Fahrzeuge,  die auf der Saab 9-3 Plattform basieren. Weitere 20.000 Fahrzeuge hat ein Unternehmen bestellt, welches dem Einflussbereich der Volksbefreiungsarmee zugeordnet wird. Das ist nicht ungewöhnlich, wir sollten es unvoreingenommen sehen. Erfolg wird im chinesischen System „gemacht“, wo er erwünscht ist. Aufträge können versteckte Subvention und Anschubfinanzierung sein, wenn das Unternehmen nützlich erscheint. Und NEVS, da gibt es kaum Zweifel, scheint zu den nützlichen Firmen zu gehören.

NEVS und Jiang Dalong kopieren in Teilen das Erfolgskonzept von BYD. Der größte Elektroauto-Hersteller der Welt bietet vom Klein-EV bis zum Bus alles, wo man eine Batterie einbauen kann. Das Konzept fand auch Investoren-Legende Warren Buffet gut. Der stieg 2008 mit 230 Millionen US Dollar bei BYD, nicht bei Tesla, ein. Der Wert der Aktie hat sich seitdem mehr als verfünffacht.

Politischer Wille zum EV existiert, Jiang Dalong sonnt sich im Wohlwollen der Administration, NEVS China ist unterwegs zur Erfolgsgeschichte. Ein Aufstieg, der rasend schnell gehen könnte. China will mit die weltweite Führerschaft bei EV`s. Und im Inland setzt man bei Mobilität mit Nachdruck auf einheimische Produkte.

NEVS und was es mit Saab zu tun hat

Der Blick zurueck: Bloggers Rueckspiegel
Der Blick zurueck: Bloggers Rueckspiegel

Was hat das mit Saab zu tun? Vordergründig nichts, sieht man davon ab, dass in Trollhättan für China konstruiert wird. In den letzten Tagen gab es Gerüchte,  dass NEVS die Saab Schriftzüge am Werk abmontieren muss. Dieses gab es bereits vor einem Jahr, als vor dem Festival alle Saab Wegweiser in der Stadt verschwinden sollten. Damals passierte nichts. Und jetzt, Fakt oder Fama? Wir werden sehen. Dass NEVS für China eine eigene Marke generieren wird, ist ebenfalls nicht neu und nicht ungewöhnlich.

Mein Verhältnis zu NEVS ist illusions- und emotionslos. Allerdings würde man es sich zu einfach machen, NEVS als reine China Angelegenheit abzuheften. Die Sache ist anspruchsvoller. Schweden ist fester Teil der Agenda, selbst wenn man nur spekulieren kann, wie es mittelfristig weitergehen wird. Das Gefühl sagt mir, dass NEVS die Option auf die Marke Saab nicht kampflos aufgeben wird – nicht ohne alles versucht zu haben, was finanziell und politisch möglich ist. NEVS hat Rückenwind, die Situation ist nicht mehr so wie vor einigen Monaten. Saab könnte als europäische Premium-Marke im NEVS Konzern auferstehen, so wie Volvo bei Geely.

Zum Ausstieg noch zwei Zahlen. Sie zeigen, wie Politik und Gesetzgebung auch in Europa wirken. 3.710 und 23. Es sind die Dezember Zahlen des populärsten „New Energy Vehicles“ zweier europäischer Ländern, in welchen Saab erfolgreich war. 3.710 Mitsubishi Outlander PHEV wurden im Dezember in den Niederlanden an den Kunden gebracht. Ein Land mit restriktiven Umweltrichtlinien.

23 Nissan Leaf wurden zum Vergleich im Dezember in Italien zugelassen. Nur 390 Leaf von Marktführer Nissan fanden über 12 Monate verteilt das Interesse der Kunden in einem Land, wo kein politischer Wille zum EV vorhanden scheint. Wie entwickelt sich Europa weiter? Und was wäre, wenn es ab 2018 Saab EV`s aus Trollhättan gäbe?

18 Gedanken zu „EV Aktivisten

  • Ein spannender Ausblick! Vielleicht, ober bestimmt, zu früh um Hoffnung auf neue SÄÄBE zu haben. Wenn man coole EVs baut und wenn die 4 magischen Buchstaben drauf stehen, könnte ich es mir überlegen.

  • SAAB als eigenständige Marke für hochwertige Elektroautomobile im Besitz eines chinesischen Konzerns…warum denn nicht?
    und ich denke, dass NEVS keine Probleme mit den Namensrechten haben wird sofern die neuen EVs dem Namen SAAB auch gerecht werden.

  • Ich kann mir sehr gut vorstellen in Europa, wenn preislich erschwinglich, dass ein Plug in Hybrid Fahrzeug sehr gut verkauft werden kann. Siehe die Mitsubishi Verkaufszahlen. In China wird die Strategie von NEVS unter diesen Umständen sicher auch aufgehen. Nur eine Auferstehung von Saab innerhalb des NEVS Konzerns sehe ich in Europa ohne Übergangstechnologien wie Hybrid nicht. Und NEVS gibt klipp und klar vor, keine Kompromisse, nur rein EV und sonst nix.

    • Das ist die offizielle Sprechweise zu dem Thema. Ich würde einen Plug-in-Hybriden für 2018 nicht ausschließen.

  • In Shenzhen (Herstellungsort von BYD, direkt an der Grenze zu Hong Kong) fahren bereits ca. 20% der Taxis mit reinem E-Antrieb, die von BYD hergestellt wurden. Eigene Eindrücke: sehr leise, umso mehr hört man das Geknarze der 5-türigen Karosserie. Reichweite für den Taxibetrieb ist nach Aussage der Taxifahrer noch nicht zufrieden stellend, max. 300 km sind möglich.
    Die vielen Toyota Prius werden dort als praxisgerechter angesehen.
    Trotzdem ist es eindrucksvoll zu sehen, wie sich die BYD´s innerhalb eines Jahres verbreitet haben.
    Gruß, Uli

  • Interessantester und wichtigster Artikel, den ich bislang auf Saabblog gelesen habe. Auch wg. der Hintergründe der Chronologie.

  • Sehr feiner und fairer Artikel! Interessant sich in chinesische Verhältnisse einzulesen. Tom, auch wenn das NEVS Thema nicht ernsthaft Vergnügen macht, es wäre schön wenn wir die EVs nicht aus dem Blick verlieren!

  • Toller Artikel, viele neue Informationen (zumindest für mich).

    Und auch wenn ich eigentlich bisher kein großer NEVS-Fan war, freue ich mich, dass es anscheinend ja irgendwie doch (und wohl auch etwas „seriöser“) „weitergeht“.

  • Auch von mir Danke für die Information! Mal sehen was daraus wird.
    Der Trend zum EV ist da und wird auch bei uns durchaus ernst werden.
    Ob das unter einer Gesamtenergie Bilanz sinnvoll scheint muss die Zeit weisen.
    Ich persönlich halte die Brennstoffzellen-Technologie für sinnvoller.

    Schön wäre es schön, eine Saab Zukunft auch mit dem richtigen Schriftzug zu sehen.
    Bis dahin hege und pflege ich meine Lieblinge!

  • Mich würde mal interessieren, ob die EVs nur an Businesskunden verkauft werden oder auch an chinesische Privatkunden?

    • Gute und spannende Frage. NEVS hat kein Vertriebsnetz in China, momentan. Der Aufbau einer eigenen Vertriebsstruktur ist teuer, denkbar wäre eine Nutzung des Dongfeng Händlernetzes. NEVS unterhält eine Kooperation mit Dongfeng.

  • Guter und interessanter Artikel. Möglicherweise gibt es 2018 ja auch bei uns eine bessere Ladeinfrastruktur, z. B auf Firmenparkplätzen um mittags den Solarstromüberschuß abzufangen. Dann wäre ein gutes nur Elektrofahrzeug als Zusatzfahrzeug für die Fahrten in 100 km Umkreis eine Option. Es muß keinen selten benötigten Zusatzantrieb mitschleppen und der „Verbrenner“ wird für die längeren Fahrten geschont

    • Den Verbrenner schonen kann nur wer 2 Fahrzeuge hat. Viele Leute haben nur 1 Auto, mit dem sie in allen Lebenssituationen auskommen müssen. Deshalb muss NEVS zwangsläufig einen Hybrid bauen, wenn das in Europa doch noch was werden soll.

  • Das man jetzt nur reine EVs bauen will heißt ja nicht das es in 3 oder 5 Jahren welche mit Brennstoffzelle gibt.
    Man darf nicht vergessen das diese im Moment selbst noch für die ganz großensehr teuer sind und nur dem Image dienen.
    Abgesehen vom Tankstellennetz das es ja faktisch auch noch nicht gibt.
    Bis jetzt zumindest.

  • Bis 2018 wird keiner mehr eine Brennstoffzelle benötigen außer eventuell LKW´s … Die Akkutechnik macht in 2017 einen Sprung und wird noch günstiger als heute.

    • So ist und wird es! Habe vorgestern mit einem aus dem E-Technikbereich an der Uni hier gesprochen. Es gibt eine Forschungsgruppe an der Uni Cambridge, die eine Lithium Ion Akkuzelle verbessert haben, sodass mind. 30 Prozent mehr Kapazität herauskommt. Das würde auf EVs bedeuten, Reichweiten von bis zu 800 Km bei Kleinwagen….

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