Erlebnisse eines Schrottplatz-Junkies

Schwedische Schrottplätze sind nicht erst durch die kürzliche Zwangsbestattung der neuen 9-5er-Prototypen für Saab-Freaks interessant geworden. Nein, schon seit über 30 Jahren üben diese Friedhöfe, zumindest für einen Schrottplatz-Junkie wie mich, einen unwiderstehlichen Reiz aus. Grundsätzlich kehrte ich bisher nach jedem Schweden-Aufenthalt mit einem volleren Kofferraum zurück wie bei Beginn der Reise, natürlich gefüllt mit Saab-Teilen.

Schrottplatz Impressionen aus Schweden.
Schrottplatz Impressionen aus Schweden.

Im Sommer 2006 sollte dies nach meinen Plänen nicht anders werden. Nach dem Ende einer Dienstreise nach Kopenhagen reizte die „geringe“ Entfernung nach Trollhättan so sehr, dass sogar das Aufschrecken durch das Weckergeklingel um 4 Uhr früh große Vorfreude auslöste, die nicht einmal der Mietwagen, ein VW Touran, trüben konnte.

Nach der Ankunft in Trollhättan stand natürlich als Erstes der Besuch des Saab-Museums auf dem Programm, erst danach ging´s zu unserer schwedischen Vertretung, die zu allem Glück nur 300 Meter neben dem Museum angesiedelt ist. Wichtigste Frage gleich am Anfang: Wo ist hier der nächste Schrottplatz? Diese Frage konnte niemanden aus der Fassung bringen, da fast alle meine Saab-Manie kannten.

Prima, ein großer Platz war nur etwa 10 km außerhalb der Stadt gelegen. Also rein in den Touran, am schönen Kopparklinten vorbei und immer weiter in den dunklen Wald hinein. Endlich das ersehnte Schild „Bilskrot“ am Straßenrand und – das sehr hohe Eingangstor stand kurz vor 12 Uhr einladend offen. Glücksgefühle pur! Nach 100 Metern der erste Adrenalinschub: Blickte da zur Begrüßung nicht ein vermooster Rover 2000 TC aus dem Gebüsch hervor? Auf dem Weg zum Büro eine ausgebeinte Ford Badewanne, die einen Granada Huckepack ertrug. Ein Mercedes Ponton ohne Fenster, der dem schwedischen Regen sicher jahrelang getrotzt hatte. Ein Buckel-Volvo, noch in recht passablen Zustand.
Aber wo stehen hier die erhofften Saab??

Im Büro dann die erlösende Auskunft: „Schau mal ans andere Ende des Platzes, dort stehen Dutzende herum“. „Herumstehen“ war nun wirklich untertrieben. Perfekt aufgereiht standen alle Saab nebeneinander: 96, 99, 900, 9000, sogar zwei 93 waren zu sehen. Vier runde 96er Rücken in allen Farben nebeneinander auf bessere Zeiten wartend, einfach toll!

Alle, die diesen Schrotti-Bazillus ebenfalls in sich tragen, können nachvollziehen, was in den nächsten zwei Stunden passierte: Jede noch so kleine Gasse des Schrottplatzes wurde auf der Jagd nach immer schöneren Fotos genutzt. Dieser Platz atmete automobile Historie in jedem Winkel. Ohne Mitbringsel konnte ich hier nicht gehen: Eine komplette Front für den 96, zwar verrostet, aber Scheinwerfer und Wischermotor fast wie neu, hatten es mir angetan. Das konnte ja nicht allzu teuer sein.

Inzwischen war es 15 Uhr, die Zeit war wie im Flug vergangen. Also zurück ins Büro, die letzten Kronen-Scheine bereits in der Hand. Doch was ich sah, ließ mir den Atem stocken. Die Tür war verschlossen, kein Mensch war außer mir zu sehen. Sollten die wirklich….???

Mit dunklen Vorahnungen bestieg ich den Touran und fuhr zum Ausgang. Tatsächlich, das knapp 3 Meter hohe Tor war zu!!! Unüberwindbar und monströs stand das Hindernis vor mir. Der Zaun neben dem Tor war auch nicht viel niedriger. Nun entdeckte ich auch das Schild am Zaun: Freitag bis 14 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag „stängt“. Selten hat mich ein Wort so geschockt. Stängt. Punkt. Aus. Zwei Tage ohne Verpflegung hier verbringen, außerdem war die Fähre für den späten Abend reserviert. Panik stieg langsam auf.

Andererseits: Jeder Zaun ist überwindbar, man muss nur nach der richtigen Stelle suchen. Diese fand sich dann auch 20 Meter neben dem Tor. Nur noch 1,5 Meter hoch, dieses Teil des Zauns war zu schaffen. Ok, ich war draußen, aber von innen schaute mich der Touran fragend an. Ein Fußmarsch zum nächsten Bauernhof schloss sich nun an, wo ich der netten schwedischen Familie meine Situation schilderte. Die erlösende Antwort: „Klar, wir kennen den Besitzer, wir rufen ihn gleich an“.

Mit schlechtem Gewissen trottete ich zum verschlossenen Tor zurück, eine deftige Standpauke erwartend. Nach 15 Minuten durchbrach ein eigenartiges, rasselndes Geräusch die Stille des Nachmittags. Und tatsächlich, ein hellblauer Citroen BX mit porösem Auspuff hielt vor mir an. Was würde nun folgen? …
Ein älterer Mann stieg etwas unbeholfen aus, offensichtlich war ein wenig Alkohol im Spiel. Anstatt mich nun mit berechtigten Vorwürfen zu beschimpfen, begrüßte er mich freundlich, öffnete das Schloss des Tors – und der Touran war befreit. Und nun kam das Unbegreifliche: Er lud mich in den BX ein und fuhr zu seinem Büro, wo er mir seine wahren Schätze zeigte. Ein Mercedes aus den 30er Jahren stand geschützt in einer Scheune, daneben ein Panhard PL 17, ein Facel Vega, ein Saab 95. Der ganze Stress war vergessen, der Schrottplatz-Junkie fand wieder in meinen Körper zurück.

Doch die Zeit des Aufbruchs drängte. Viel zu kurz war dieses unvergessliche Treffen mit dem charismatischen Schweden. Natürlich wurden die Adressen ausgetauscht und die Front des 96 gab er mir als Geschenk mit auf die Reise.

Was ein toller Tag, Schweden wurde mir an diesem Freitag noch viel, viel sympathischer als je zuvor!

Saab Lesertasse 2015
Saab Lesertasse 2015

Danke an Uli für seine Saab Geschichte! Habt auch Ihr etwas zum Thema Saab zu erzählen?

Die Geschichte einer unvergesslichen Urlaubsreise, eine Restauration, der erste Kontakt mit der Marke aus Trollhättan oder einfach warum Saab zum automobilen Leben dazu gehört. Was immer es ist, schreibt uns. Wir belohnen jede Veröffentlichung auf dem Blog mit einer exklusiven Saab Lesertasse!

2 Gedanken zu „Erlebnisse eines Schrottplatz-Junkies

  • Sehr schöne Geschichte. 🙂

  • Mensch, ich will auch so eine Tasse … gute Story im übrigen !

Kommentare sind geschlossen.