Blick über den (Saab) Tellerrand

In der nächsten Woche will NEVS die Rekonstruktion verlassen. Gleichzeitig sollen weitere Entscheidungen öffentlich gemacht werden.  Das könnte spannend werden… Zuvor haben wir noch genug Zeit, um mal wieder über den Saab Tellerrand zu schauen…

Karlheinz L. Knöss, Vice President and CEO Borgward AG. Bild: obs/BORGWARD AG
Karlheinz L. Knöss, Vice President and CEO Borgward AG. Bild: obs/BORGWARD AG

Wir können (noch) nicht erahnen, wohin die Reise von NEVS geht, auch wenn leicht positive Signale kommen. Woanders rollt bereits das Comeback.

Borgward. In letzter Zeit immer wieder Gast auf dem Blog. Die ersten Gehversuche sahen wir in Genf. Die kamen gut an. Der Messestand wurde – für einen mutigen, innovativen Auftritt – mit einem Preis bedacht.

Wobei ich das so aussergewöhnlich innovativ gar nicht fand. Hätte mich jemand gefragt, wie ein Saab-Comeback-Auftritt aussehen könne, ich hätte als Bauchentscheidung nur einen großen Saab Schriftzug vorgeschlagen. Saab ist zurück, eine klar kommunizierte Botschaft. Sonst nichts !  Aber weder läuft im Moment ein Comeback, noch würde mich bei Saab jemals jemand ernsthaft nach meiner Meinung fragen.

Zurück zum Thema Borgward. Ich mag Comebacks ! Hier die Neuigkeiten komprimiert im Überblick:

In Stuttgart will sich der Heimkehrer auf dem früheren IBM Campus niederlassen. Nach dem Architekten als „Eiermann Areal“  benannt, war das 20 Hektar große Gelände lange verwaist.  Für Borgward verhandelt Foton. Bis 2019 soll dort die Zentrale von Borgward 2.0 mit Entwicklung, Design und Vertrieb entstehen.  Stuttgart bringt das 235 neue Arbeitsplätze – Borgward, oder besser gesagt Foton, will verteilt auf 10 Jahre 260 Millionen € investieren.

Bis Erwerb und Umbau der Immobilie gelaufen sind, wird die neue Borgward-Zentrale im City Gate am Hauptbahnhof zu finden sein, berichten die Stuttgarter Nachrichten.

Wer ist eigentlich Foton, wer steht hinter Borgward? Ein Blick hinter die Kulissen…schon treffen wir alte Bekannte. Die Beiqi Foton Motor Co.Ltd. ist im Besitz der  Beijing Automotive Industry Holding Co.Ltd., zu der auch BAIC Motors gehört, die auf Saab Technologie in China Fahrzeuge fertigt. Die Unternehmen sind über ein Geflecht von Joint Ventures und Firmenanteilen mit Daimler verbunden, was kompakt den Hintergrund erklärt.

Foton ist seit 1986 am Markt, produziert 1 Million LKW pro Jahr, der größte Hersteller von Nutzfahrzeugen in China. China Automotive Review sieht in Foton den optimalen Partner für die Borgward Challenge. Stark, expansiv, solide ! Foton ist ehrgeizig, will zu den Top 10 Herstellern der Welt aufsteigen. Seit März laufen in China die Lizenzierungen für die neuen Borgwards; das erste Modell soll zum Jahresende in den Verkauf gehen.

Borgward hat Fahrzeuge, die bereit für die Produktion sind.

Ist da ein Kunststück gelungen? Unbemerkt vom Rest der Welt sind neue Modelle, mehr als eines, zur Produktion gereift. Im September wird ein SUV in der Größe einer Mercedes M-Klasse auf der IAA stehen.

Wer zieht die Fäden bei Borgward? Unklar. Die Markenrechte liegen ausweislich bei Beiqi Foton, woraus man schließen könnte, Foton wäre die Kraft hinter dem Comeback.  Borgward hingegen bezeichnet Foton immer nur als einen Partner unter Vielen. Und es stellt sich die Frage,  wer die neuen Borgwards bauen wird. Denn Foton ist ein Nutzfahrzeughersteller, hat keine Erfahrung im Bau von PKW.

Eine Zeile, publiziert in der China Automotive Review, hat es in sich.  „An assembly plant is reportedly being built in Bremen, Borgward’s original production base“. Borgwards aus Bremen? Aus Sebaldsbrück, das immer noch von Daimler besetzt ist? Das wäre….eine Sensation.

Vielleicht (spekulativ!) ist Daimler einer der Partner im Borgward Projekt, schraubt das Markenschild an eine Bremer Werkshalle und lässt neue Borgwards auf Daimler-Basis vom Band rollen. Manche Dinge können so einfach sein…

In China verdichtet sich das Comeback von Woche zu Woche, es scheint Substanz dahinter. Eine heikle Mission ist es trotzdem. Borgward startet auf Level 0, ganz von unten. Das wird brutal hart.

Denkt man über das Borgward Projekt nach, dann kommt man unweigerlich auf eine Frage, für die es nur eine Antwort geben kann. Warum da eine Marke belebt wird, die seit Ewigkeiten weg vom Markt ist?

Der Test zu Ostern, im eher wenig Auto-affinen Freundeskreis bringt die schaurige Wahrheit: Borgward ist tot. Keiner, der nicht an alten Autos schraubt, kennt die Marke. Das ist etwas gruselig und frustrierend, denn ich mag die Borgward-Geschichte.

Zurück zur Frage ! Wer nimmt so viel Geld, und es muss sehr viel sein, in die Hand,  um eine Marke neu zu beleben, die seit 1961 vom Markt ist? Die Antwort:

Jemand,  der es kann. Der in Dekaden, nicht in Jahren rechnet. Der Zeit hat, um ganz unten, ganz auf Level 0, neu anzufangen. Vielleicht bräuchten wir so ein Kaliber in Trollhättan?

22 Gedanken zu „Blick über den (Saab) Tellerrand

  • Genau, ich denke nur so kann ein echter Neubeginn für SAAB beginnen, jemand der weitsichtig genug denken kann und will und vorallem das nötige langfristige Kapital dazu hat.
    Das sind dann sicher ganz andere SAAB´s wie wir heute kennen und lieben, aber so könnte das was werden.

    • Wer will denn ganz andere SAAB-Automobile, als die der letzten Jahre?

      Ich nicht!

      • Ach bitte, die NEVS Saabs sind also Saabs so wie du sie dir vorstellst? Bastelkisten waren das…

    • Sehr schön, netter Link… Sieht aus wie ein Borgward Grill 🙂

      • sollen die Schweden doch glauben es wäre ein Jaguar 😉

        • Ob man so creativ ist dem „Jag“ einen Rombus zu verpassen 😉 Glaube ich nicht.

  • dieser blog ist saab, nicht borgward

    • Es ist die Freiheit des Bloggers Themen auszuwählen. Wenn es die Leser interessiert, und das tut es, warum nicht.

    • So lange es kein BMW Blog wird ist mir das recht, das Blick-über-den Tellerrand Thema ist interessant.

    • Sollte Borgward tatsächlich in der Lage sein, etwas Marktfähiges auf die Räder zu stellen, dann wäre das auf jeden Fall um Welten interessanter als das jahrelange ätzende Geplänkel um SAAB und deren ignorierte Kunden.

  • Vom Standpunkt des Autobegeisterten finde ich diese Borgward-Sache extrem spannend, auch und grade wegen der möglichen Parallelen zu SAAB. Die Männer im Hintergrund von Borgward scheinen auch eine wesentlich realistischere Einschätzung bezüglich des Ressourcen- und Zeitaufwandes zu besitzen als die NEVS-Leute.

    Trotzdem bin ich skeptisch.

    Ich kann mich erinnern, dass es Anfang der 1980er eine Studie zum Thema Neueinstieg in das Automobilgeschäft gab, angefertigt von der NIDA (Northern Ireland Industrial Development Agency) zur Finanzierung der damals aktuellen Pläne von John DeLorean. Da wurden die Überlebenschancen eines Neueinsteigers mit staatlicher Anlaufunterstützung mit 1:9 oder 1:10 beziffert.

    Zunächst sind da noch die Entwicklungskosten. 260 Mio. über 10 Jahre für den Firmensitz in Stuttgart sind wohl realistisch, aber wenig im Vergleich zu den Entwicklungskosten für die eigentlichen Modelle. Hier könnte Daimler vielleicht für den Anfang aushelfen, Plattformen oder Motoren zuliefern, aber langfristig werden das eigene Abteilungen übernehmen müssen.

    Dann ist da die Marktlage. Der automobile Massenmarkt bereits stark besetzt und im wesentlichen aufgeteilt. Ein Neueinsteiger müsste mit sehr aggressiven Marketing- und Rabattmethoden seine Marktanteile erstreiten, und kann sich dabei gleichzeitig weniger Verluste leisten als die „Platzhirsche“.

    Außerdem sind die Kaufzyklen lange (ein neues Auto kauft man sich bekanntlich nicht jedes Jahr), die „Anlaufphase“ bis zur Etablierung der Marktanteile kann sich also über mehrere Jahre hinziehen. Hält Foton von selbst so lange durch? Oder schießt die chinesische Politik wieder quer (hat man ja gesehen…)?

    Unterm Strich bleibt das eine spannende Geschichte, die von mir aus auch vom Blog weiter verfolgt werden kann. Wie gesagt bin ich skeptisch, würde mich aber schon gerne positiv überraschen lassen.

  • Danke Tom für den Blick über den Tellerrand! Danke 9-5 Aero für den punktgenauen Kommentar. Schon alleine, weil ich den Automobilen Mainstream sowas von satt bin, werde ich mir den SUV und die weiteren Modelle von Borward sehr genau ansehen. Genauer zumindest als irgendwelche NEVS-Karren aus fragwürdigen Hinterhof-Zulieferbetrieben „made in Eile“…

  • Der ganz große Bluff!
    Ein Getränkehändler, der zufällig ein Borgward-Enkel* ist, eine verkrachte Managergestalt und ein Designer der mal eine kurze Zeit in der Automobilbranche gearbeitet hat und sich mangels Anstellung selbständig gemacht hat.
    Ein tolles Gespann!
    Außer viel Wirbel hat man nichts vorzuweisen. Rechtzeitig zum großen Auftritt, fragt der dahinter stehende Chinese (Foton) beim Finanzbürgermeister von Stuttgart an, ob er für die Borgwardhauptverwaltung Teile der denkmalgeschützten ehemaligen IBM-Hauptverwaltung kaufen könne.
    Danach Funkstille!
    Keine Kontakte, keine Verhandlungen und ein ratloser Bürgermeister Föll. Kann man alles nachlesen.

    Der Zeitplan war gut gewählt, denn rechtzeitig zum großspurigen Auftritt in Genf, kam in der Stuttgarter Presse die richtige Schlagzeile.
    Borgward übernimmt ehemalige IBM-Hauptverwaltung!
    So geht der ganz große Betrug!
    Niemand muss im Zeitalter der der vernetzten Welt sein Hauptquartier in einer spießigen, aber sehr teuren Großstadt eröffnen, allein schon der Hinweis, weil dort die Zulieferer sitzen, läßt mich vor Lachen vom Sessel fallen.

    Hier soll billige Chinaware als Borgward gelabelt, dem dummen Konsumenten angedreht werden, mehr nicht.
    Der Auftritt ist gut, keine Frage. Heiratsschwindler machen es genauso und Lieschen Müller gibt voll freudiger Erregung ihr Erspartes.

    Zweimal schon wurde versucht Borgward neu zu starten, 1968 mit dem 230 GL und 1979 mit dem Borgward 23, keiner hatte Interesse, damals gab es wenigstens Hardware in Form von fahrfähigen Ausstellungswagen und damals lebten noch ehemalige Borgwardfahrer, die sind heute seit 10 Jahren im Grab. Und in China kann kein Mensch Borgward aussprechen, die verknoten sich dabei die Zunge und ersticken eher, als dass Sie das aussprechen können.

    Die Gebrüder Grimm hatten weniger Fantasie, wieviel Einfalt braucht der Mensch um bei solchen Aussagen „3 neue Modelle pro Jahr“ nicht zu zweifeln. 800 000 Autos so aus dem Stand, selbst in China nicht denkbar. Wo sollen denn die ganzen Käufer herkommen?

    Vorher sitzt das Trio im Knast, oder in der Karibik, aber Millionen Borgward im Jahr . . .

    Egal was kommt, dass was versprochen wurde kommt garantiert nicht.

    Vieleicht sollte ich mir die Markenrechte von Glas sichern oder passender noch von Wendax, da paßt die Vorgeschichte. Außerdem, können die Chinesen das wenigstens aussprechen, wenn die Schüsseln, mangels weltweiter Nachfrage dann doch noch im Land des großen Mao Zedong und seiner heute so beliebten Nachfolger, verkauft werden muss.

    Ja, der Mensch will betrogen werden und er liebt die ganz großen Betrüger, die ehrlichen und gescheiterten, die werden verlacht und beschimpft, das hätte Herr Kai Johan Jiang von NEVS bedenken sollen, er wäre hier jetzt der Star.

    Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

    Wie recht er doch hat, unser guter Albert Einstein.

    * Sein Vater hat eine sehr gute Doktorarbeit geschrieben, hätte er die gelesen und auch die, die an Borgward glauben, sie wüßten, dass hier was nicht stimmt.

    • Danke Albert!
      Besonders der Abschnitt mit der umgelabelten Billigware spricht mir aus dem Herzen. In Italien kann man bereits fortgeschritten am Beispiel der Textilindustrie besichtigen, was geplant ist: da ist alles, von der Garnfertigung bis zum Kleidungsstück, zu 100% in chinesischen Händen, aber der europäische Konsument kauft überglücklich „Fatto intero in Italia“.

      Beste Grüsse
      Martin

    • Reinstes Lesevergnügen!

      Ab und an muss dem unglaublich ausgeprägtem Wunsch, an Gutes und Wunder zu glauben, mal ganz gepfefferter Realismus entgegen gesetzt werden.

      Was bitte hat Borgward 4.0 bislang vorzuweisen?

      Und doch findet sich schon reichlich Gefolgschaft, welche die solide Aufstellung des Unternehmens und die Linienführung neuer Borgwards in höchsten Tönen preist.

      Des Königs neue Kleider!

      • Des Königs neue Kleider!
        Ja, besser kann man es nicht beschreiben.

  • Die Chinesen lernen schneller als uns lieb ist. Mit dem Qoros ein wirklich gutes Auto gebaut, welches im Crashtest VW und Mercedes schlagen konnte, aber verkaufen lässt sich dieses Auto ohne Image nicht. Die Absatzzahlen sind erschreckend gering, sogar in China. Jetzt kommt der zweite Versuch, diesmal mit Historie und das Funktioniert. In der Presse bekam der Borgward Stand mehr Aufmerksamkeit als die guten Ergebnisse des Qoros. Das alles ohne ein Auto zu haben. Glückwunsch!

  • Kann man so sehen Albert . Ich denke jedoch wer 10 Jahre Vorbereitungsarbeit leistet , der meint das ernst . Betrüger müssen schon sehr gut sein um nach 10 Jahren immer noch nicht im Knast zu sitzen oder auf der Flucht zu sein. Mister Planlos Jiang hat es keine 2 Jahre durchgehalten bis die Seifenblase geplatzt ist.

    • Wie wäre es mit mal ein paar Fakten auf den Tisch zu legen, anstatt hier auf Stammtisch zu machen?

      Bei NEVS in Schweden läuft eine Rekonstruktion, dieses ist ein gerichtliches Verfahren. Das Gericht hat öffentlich festgestellt, das NEVS Unterlagen vorgelegt hat die als seriös bewertet werden, alle Unterlagen und Pläne wurden geprüft und für gut befunden. Auch die überwältigende Mehrheit der Gläubiger hat zugestimmt. Die Gewerkschaft unterstützt ebenfalls die Pläne. Außerdem hat das Unternehmen alle Auflagen des Gerichts immer erfüllt. (Aussage des Gerichts)
      Da man der Meinung war, dass das Unternehmen zwangsläufig in Konkurs gehen muss, wenn seine Pläne in die Öffentlichkeit gelangen, wurden alle an der Rekonstruktion beteiligten Personen schriftlich zum Stillschweigen verpflichtet. Eine Seifenblase sieht anders aus, oder willst du unterstellen, dass das Gericht in Vänersborg involviert ist, also gemeinnsame Sache mit Kai Johann Jiang macht?

      Das Gericht mag sich ja täuschen, trotzdem ist die gerichtliche Aussage eine Einschätzung die auf genauer Prüfung bassiert und die bei einer Unregelmäßigkeit seitens der Beteiligten unangenehme Folgen hätte.

      Bei Borgward und Co. gibt es nichts außer Seifenblasen und haufenweise Ungereimtheiten. Dazu steht eine Person dahinter die ein der Branche einen mehr als zweifelhaften Ruf besitzt. Nicht ohne Grund sind die Berichte in der Wirtschaftspresse sehr zurückhaltend.

      Es gibt keinen Grund für ein Unternehmen, das neu in den Markt eintritt, nicht im Vorfeld etwaige Prototypen zu zeigen. Nur wenn man nichts hat, kann man auch nichts zeigen. Fisker und Tesla haben immer wieder ausgesuchte Journalisten ihre Prototypen vorgeführt und zwar Jahre im voraus.

      Entweder gibt es nichts, oder die Reisschüsseln sind so bescheiden, dass man sie besser versteckt!

  • Ich bin hier hin- und hergerissen. Es klingt alles schon interessant und hört sich gut an. Aber ich bin irgendwie skeptisch, woher man die ganzen Autos in so kurzer Zeit nehmen will.
    Wenn man Ende des Jahres schon ein Auto vorstellen will und dann laufend Modelle nachschieben will, dann muss man diese doch im Prinzip schon im Test haben und die Produktion mit Werken muss doch dann auch schon stehen. Gut China ist gross und ggf. wird da auch schon produziert aber um dann in Europa gleich loszulegen. Ich weiss nicht. Sicherlich der Name ist in Deutschland ein Begriff aber ausserhalb Deutschlands denke ich ist mit dem Namen Borgward dann nicht mehr so viel los.

    Aber lassen wir uns überraschen, vielleicht zaubern sie ja wirklich was aus dem Hut, das alle überrascht. Aber nach den letzten Jahren mit den Aufs und Abs (Saab aber z.B. auch Qoros) bin ich eher skeptisch geworden.

    Gruss Ded2

  • Des KAISERS neue Kleider.

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