Ein Saab 99 als Amphibienfahrzeug

“Wir suchen Sie und Ihren Saab” – Leserwettbewerb. Platz 4.

Eigentlich beginnt die Geschichte meiner Saab Leidenschaft vor mittlerweile rund 44 Jahren. Mein Vater fährt damals ein Nash Metropolitan Cabrio. Die unzähligen Vorbesitzer haben es gnadenlos zuschanden gefahren, im Winter schneit es drinnen fast genauso stark wie draußen und die Platzverhältnisse sind auch nicht gerade überragend.

Saab 99 ©2014 Gerald Niederpold
Saab 99 ©2014 Gerald Niederpold

Das ist vielleicht der ausschlaggebende Grund, sich nach einem neuen Auto umzusehen, denn hier trete ich auf den Plan.
Platz für die neu gegründete Familie soll er haben, der neue, sicher und sparsam soll er sein, robust natürlich auch und zu teuer darf er ebenfalls nicht werden. Diverse Probefahrten mit Gebrauchtwagen verlaufen enttäuschend; also ein Neuwagen.

Was aber gibt es in dieser Preisklasse?

Einen Käfer? Robust wäre er ja, aber die Heizung …  Schnee und Eis im Innenraum hatten wir schon.

Volvo Amazon? Könnte schon hinkommen, aber der Verbrauch…
Gerade zu dieser Zeit lanciert Saab den neuen 99. Zwar ist die Marke Saab noch nicht recht etabliert und so wird der 99 in diversen Tests mit anderen “Exoten” wie etwa dem Skoda verglichen, aber auf jeden Fall macht er eine blendende Figur .

Als der Wagen im Februar 1970 (ich bin mittlerweile 13 Monate alt) endlich in der heimischen Garage steht, ist die Freude groß. Allerdings nicht lange! Denn der Ölfleck unter dem Auto, der schon beim Abholen vom Händler aufgefallen war, ist plötzlich wieder da.
Als Übeltäter stellt sich ein Gußfehler im Motorblock heraus – na ja, wozu gibt’s schließlich die Neuwagengarantie? Also neuer Motor.

Ganz so einfach ist es einige Zeit später, als ein Mechaniker beim Getriebeölwechsel statt des teuren Hypoidöls billiges Standardöl verwendet und sich das (erwiesenermaßen nicht gerade robuste) Freilaufgetriebe laut knirschend verabschiedet, allerdings nicht mehr, denn die Garantie ist abgelaufen .

Glücklicherweise zeigt sich das Saab – Werk von seiner kulanten Seite (den Umgang mit permanenten Reklamationen ist man ja noch aus 2 -Takt Zeiten gewöhnt) und spendiert kostenlos ein Austauschgetriebe. Angeblich das robusteste Saab – Getriebe aller Zeiten, leider jetzt ohne Freilauf. Mich kümmern all diese Dinge zum damaligen Zeitpunkt nicht im Mindesten, was sich allerdings bald ändern sollte.

Mein Vater, aus Erfahrung klug geworden, führte ab da Servicearbeiten tunlichst selbst aus und ich war, als ich halbwegs laufen konnte, natürlich dabei. Meine ersten Fahrübungen machte ich, sobald es mir gelang, auf den Pedalen stehend, endlich übers Armaturenbrett zu schauen.

Nach elf Jahren als braves Alltagsauto wird der Saab, dank liebevoller Pflege durch meinen Vater immer noch im Zustand 1-2, in Rente geschickt. Er bekommt einen Platz in der Garag , wird viel gestreichelt und wenig gefahren und hat ansonsten ein sehr ruhiges Leben.

Das sollte sich aber am 7. Juli 1997 drastisch ändern!

Als es um 4:00 nachts draußen läutet, schwant mir nichts Gutes.
Ob ich mir das Hochwasser ansehen will, fragt mein Vater. Ich wünschte, ich müßte nicht, aber anscheinend ist die Katastrophe, die sich schon den ganzen Tag angekündigt hatte, an die aber niemand glauben wollte, nun doch eingetreten .
Nach einer Kletterpartie durch ein Fenster wird das ganze Ausmaß der Verheerung sichtbar. Der gesamte Garten und Hof eineinhalb Meter unter Wasser.

Mitten darin eine kleine Blechgarage und darin …

28 Jahre von meinem Vater penibelst gepflegt ( mit Gummimatten auf den Teppichen , um diese zu schonen – kennt man ja; aber dann mit Zeitungspapier auf den Fußmatten, damit auch die nicht schmutzig werden … ) und jetzt einfach abgesoffen. Wie ein Tiger im Käfig laufe ich auf und ab. Von der Veranda in die Küche und wieder zurück , so als könnte sich an dem Anblick inzwischen etwas geändert haben.

Als gegen Mittag das Wasser endlich zu sinken beginnt , hält mich nichts mehr. Runter mit den Klamotten und hinein in die Flut.
Was ich sehe heitert mich nicht gerade auf. Überall da, wo sich das Wasser zurückgezogen hat, hat eine braune Lehmschicht den Innenraum überzogen.
Die nächsten Tage verbringe ich damit, das Interieur auszubauen, damit die Feuchtigkeit ihr Zerstörungswerk nicht noch weiter fortsetzen kann. So steht er also da, das ehemalige Prachtstück, seiner Sitze und Teppiche beraubt, ohne Armaturenbrett; Kabel, Kleinteile und Werkzeug zwanglos im Innenraum verteilt, ein Bild des Elends.
Das muß auch mein Vater so gesehen haben, denn bei diesem Anblick warf er endgültig das Handtuch. “Nimm ihn mit !”, höre ich ( wie sehr hätte ich mir in den letzten Jahren gewünscht , daß er das sagt ) “Dafür habe ich die Nerven nicht mehr.”

Bevor ich aber diesem frommen Wunsch nachkommen kann, gilt es erst einmal, den Motor wieder in Gang zu bringen. Zuerst mal das Motoröl abgelassen – habe ich etwa die falsche Schraube
erwischt? Nach zehn Liter Wasser kommt es endlich doch schwarz heraus.

Das selbe Spiel beim Tank noch einmal.

Nachdem die Zündkerzen entfernt sind und ich den Wagen im 4.Gang vor und zurück schiebe, spritzen auch dort braune Fontänen heraus.  Statt des Motoröls fülle ich erstmal Heizöl ein, um auch die letzten Reste von Schlamm herauszuspülen.

Die ersten paar Startversuch beantwortet der Starter mit einem unwilligen “Tack” , bevor er sich endlich überreden läßt, durchzudrehen ( ich bin übrigens auch schon nahe dran ). Aber abgesehen von weiteren Wasserfontänen – diesmal aus dem Auspuff – tut sich nichts. Als Übeltäter ist rasch die dahingeschiedene Zündspule  entlarvt. Ersatz liegt glücklicherweise trocken ein paar Straßen weiter in meiner Garage.

Das Geräusch des daraufhin wirklich laufenden Motors ist himmlische Musik in meinen Ohren . Um die Nerven meines Vaters zu schonen, verfrachte ich den Wagen erstmal aus seinem Hof in meine Garage ( außerdem weiß man ja nie, er könnte sich
das mit der Schenkung noch einmal überlegen … )

Die weitere “Restauration” erweist sich als mühsamer Kampf mit Bürste und Schwamm gegen den mittlerweile eingetrockneten Schlamm . Die Verkleidungen und Bezüge scheinen das unfreiwillige Vollbad recht gut überstanden zu haben, lediglich einige Schalter und Kontakte, an denen Strom anlag, haben den Geist aufgegeben .
Um die Armaturen, die eher einem Aquarium ähnelten, mußte sich ein Fachbetrieb kümmern.

Die Wochen verrannen, aus dem Blechskelett wurde allen Befürchtungen zum Trotz wieder ein recht ansehnliches Auto.
Es waren dann noch ein Tauschstarter fällig, der dringend nötige Getriebeölwechsel wurde erledigt und dann, ja dann folgten viele glückliche Jahre mit dem wiedererstandenen Saab.

Mittlerweile war ich auch Mitglied im Saab Club Österreich. Hörte da von einem Saab, kaufte dort einen anderen. Gute und Schlachtfahrzeuge. Später kamen dann noch Internetforen dazu… Angebote und Kontakte zu anderen Saab Liebhabern weiteten sich immer mehr aus. Zeitweise hatte ich bis zu 17 Saab gleichzeitig auf dem Hof. Beeindruckend, aber nicht wirklich zu überblicken. Insgesamt waren es bisher 52 an der Zahl. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Mein Herz gehört immer noch den älteren Modellen. Saab 92B, 95 und 96 2-Takt, 95 und 96 V4, ein Sonett III, diverse 99, 900I, sogar ein 900II und mittlerweile auch mehrere 9000 waren darunter.
Mittlerweile bin ich ruhiger geworden. Mein Fuhrpark umfasst „nur“ mehr 8 Saabs ( obwohl da natürlich schon wieder was im Busch ist ) , mein Teilelager ist gut gefüllt.

Aber meinen Saab Nr.1 , den ´70er 99 gibt’s immer noch.

Text & Bilder: Gerald Niederpold

 

 

 

11 Gedanken zu „Ein Saab 99 als Amphibienfahrzeug

  • Sehr schöne Geschichte, dankeschön nach Österreich!

  • Da kommt die Saab-Leidenschaft richtig gut rüber – gratuliere! Freue mich auf die nächsten Beiträge.

  • Wann immer vom 99er die Rede ist, muss es Gerald sein 😉
    LG aus Wien

    • Genau mein Gedanke 🙂

  • Tolle Geschichte macht riesig Spaß das alles zu lesen !!

  • Toller Artikel, das ist Saab-Life 🙂

  • Tolle Story, andere Autos sind bestimmt verschrottet worden.

  • Ein echter FAN .

    Hochachtung !!!

  • Wahnsinn! Meine Hochachtung für die Herangehensweise nach der Katastophe. Da läuft richtig SAAB-Saft in den Adern. Viel Freude weiterhin mit dem guten Stück! Danke für die ergreifende Story.

  • wir haben schon in der volksschule autos gezeichnet – deiner war immer ein Saab! “hut ab”, dass dir diese Begeisterung so geblieben ist. lg Bernhard

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