Die elektrische Saab Zukunft
Ist Saab auf dem richtigen Weg? National Electric Vehicle Sweden AB, im Sommer zwei Jahre Eigentümer der Traditionsmarke, setzt auf Elektromobilität. Die richtige Idee zur passenden Zeit oder ein unkalkulierbares Risiko?

Klar ist, dass die Marke sich neu erfinden muss. Ein “weiter wie bisher” kann es nicht geben, und auf noch einen weiteren europäischen Hersteller hat die Welt ausserhalb der Community nicht gewartet. So hart es auch in unseren Ohren klingen mag – manche romantische Vorstellung von einer Wiedergeburt als reine “Turbomarke” wird damit in das Reich der Träume entsorgt.
Saab erfindet sich neu – mal wieder
Aber dramatisch ist das nicht. Saab hat bereits mehrere erfolgreiche Wiedergeburten hinter sich. Der kleine Hersteller aus Südschweden ist faktisch Meister darin, und vielleicht liegt hier ein Teil des Charmes der Marke begründet. Nur zwei Beispiele: der Saab 99 war ein riskanter Wechsel vom Hersteller schrulliger Kleinwagen in die moderne Mittelklasse, die Einführung des Turbos eine riskante, aber zum Überleben wichtige, neue Technologie, welche die Schweden in die Liga kompakter High-Performance Cars katapultierte.
Jetzt also Elektromobilität als Saab Zukunft. Und warum eigentlich nicht? Es gibt zur elektrischen Zukunft die optimistischen Aussagen mehrerer Zukunftsforscher. Wobei diese immer unter Vorbehalt zu sehen sind. Denn sie berücksichtigen nur sichtbare Faktoren – verdeckte Turbulenzen sehen auch sie nicht.
Nochmal ein Blick auf die Vergangenheit unserer Marke als Beispiel für die Unwägbarkeiten der Zukunftsforschung:
Auf der IAA 2009 stand die 9-5 NG Limousine, der Kombi und der 9-4x waren in Reichweite. Für das Modelljahr 2014 war die Ablösung des 9-3 geplant. Drei neue Modellreihen in kurzer Abfolge also. Wow ! Was hätte ein Zukunftsforscher 2009 zu Saab gesagt? Drei Modellreihen erneuert, Milliarden investiert, fantastisch! Die Marke hätte eine großartige Zukunft vorhergesagt bekommen. Ganz sicher ! Hätte GM nicht einige Monate später, allen Investitionen zum Trotz, in einer Panikattacke und den eigenen Untergang vor Augen den Stecker gezogen…es wäre möglich gewesen ! Aber das konnte man auf der IAA 2009 in dieser Deutlichkeit noch nicht sehen.
Weiter mit den Männern, die von sich sagen, sie können in die Zukunft blicken. Der Zukunftsforscher Matthias Horx sieht Verbrennermotoren im 2020 verschwinden, Lars Thomsen sieht den Tipping Point zu Gunsten von Elektromobilität bereits 2016/17.
Okay ! Wir schreiben bereits das Jahr 2014 und 2016 liegt damit fast in Schlagdistanz. Interessant ist der Ansatz von Thomsen zu dem Thema und seine Argumentation. Und auch wenn er Manches überzeichnet, sein Vortrag von 36 Minuten ist jede einzelne Minute wert.
Batterie: 8 Jahre oder 400.000 Kilometer
Der Schlüssel für den Durchbruch der Elektromobilität liegt bei immer günstigeren Batteriekosten und immer längerer Haltbarkeit. Thomsen nennt 200.00 US$, die Tesla pro kWh bei Lieferant Panasonic bezahlt. Tendenz fallend, und um zu verdeutlichen, wie günstig das ist, nur folgende Zahlen: vor gar nicht langer Zeit sprach man von 500,00 bis 600,00 € pro kWh.
Vor fast zwei Jahren haben wir den Fisker Karma getestet.Das Unternehmen ist mittlerweile nach langer Irrfahrt in chinesischer Hand und will die Produktion baldmöglichst neu starten. Der Lebenszyklus für die Batterie von Lieferant A123, ebenfalls mittlerweile in China-Besitz, wurde damals mit 4 Jahren angegeben. Zwei Jahre später ist Tesla mit den 18650er Zellen von Partner Panasonic bei garantierten 8 Jahren angekommen. 8 Jahre sind bei Tesla 1.600 Ladezyklen oder 400.000 Kilometer. Tendenz steigend, und in weiteren zwei Jahren könnten 2.400 Ladezyklen Standard sein. 400.000 Kilometer sind beachtlich und schlagen jeden hochgezüchteten, modernen Diesel. 400.000 Kilometer entsprechen der Laufleistung sehr robuster Motoren, wie wir sie auch aus Trollhättan kennen.
Die Preise pro kWh sinken, die Zuverlässigkeit steigt. Der mögliche Tipping Point 2016/17 verspricht uns Kunden günstigere Mobilität in einem EV als in einem Fahrzeug mit Verbrennermotor. Die Saabs, so wie wir sie kennen und lieben, könnten dann zur wahren Hobbygeschichte mutieren. Für sonnige Sonntage und für Nostalgie und Herz.
Autoindustrie 2.0
In Trollhättan gilt Tesla als Benchmark. Tesla Gründer Elon Musk kommt nicht aus der Autoindustrie, er ist ein Quereinsteiger aus der IT-Branche. Mit dem Bezahlsystem PayPal und dem Verkauf des Unternehmens hat er das Fundament für seinen Wohlstand gelegt. Spannend, denn jetzt revolutioniert er die Autoindustrie. Was er nur deshalb kann, weil er es sich leisten kann. Finanzielle Unabhängigkeit, der Mut zu unkonventionellen Ideen und – vor allem – der Schritt in die Autobranche 2.0.
Was wir so bisher gesehen haben, ist Autoindustrie 1.0. Hardware basierende Systeme mit immer mehr PS, die aber im Prinzip auf alten Techniken beruhen. Ein Verbrennermotor, ein Getriebe, in verschiedenen Varianten, als Hülle ein Fahrzeug. Mehr oder minder mutig werden Assistenzsysteme adaptiert, die aber am Kern der Technologie nichts ändern.
Das alles könnte sehr bald als Schnee des vergangenen Winters zur Vergangenheit werden. Die Autoindustrie 2.0 wird sich komplett wandeln und eine auf Software basierende Branche sein. Batterien, E-Motor, softwareseitige Anpassung und die Freiheit zur Individualisierung ohne Grenzen. Die Revolution ist vergleichbar mit dem, was einst die Computerindustrie durchlaufen hat. Desktop Computer, Hardware Komponenten waren vor 20 oder 30 Jahren sexy. Heute sind sie langweilig, und ehemals mächtige Konzerne wie Tandon, Olivetti, Compaq oder Wang sind verschwunden oder nur noch ein Abglanz früherer Größe. Ähnliches könnte den Autokonzernen der Gegenwart blühen. Der Weg zum Dinosaurier, die bekanntlich ausgestorben sind, ist kürzer als man denkt.
Denn ganz so einfach fällt den Dinosauriern den Weg in die Zukunft scheinbar nicht. BMW hat seinen Ingenieuren alle Freiheiten und ein grenzenloses Budget zur Entwicklung des i3 eingeräumt. Die Erwartungen waren hoch, mittlerweile kommt Gegenwind. Die Ergebnisse im Euro NCAP Crashtest sind ernüchternd, und dass viel Innovation nicht immer viel hilft, zeigt der Vergleich vom i3 mit dem neuen Elektrogolf in der Autobild. Der recht konventionell gebaute Wolfsburger schlägt die Revolution aus München. Nicht im Fussball, aber beim Thema EV.
Zurück zum Tesla. Der spricht Linux. Über angeblich innovative Geschichten wie die Integration von Apple Car Play bei Volvo wird man bei den Amerikanern nur lächeln. Linux ist ein offenes, freies System, unabhängig von Lieferanten wie Microsoft oder Apple, denen die Autoindustrie 1.0 bisher huldigt. Offen für Applikationen jeder Art, schnell und stabil. Der Erfolg gibt Tesla recht. Im ersten Halbjahr 2013 wurden in den USA 10.100 Tesla S verkauft. 5 Mal mehr als Porsche den Panamera verkaufte, und fast doppelt soviel Fahrzeuge, wie jeweils Mercedes in den Vereinigten Staaten von der S-Klasse und BMW vom 7er absetzte. Nach dem S wird der Tesla X folgen, ein Mix aus Kombi und SUV. 2017 soll dann der Tesla E auf den Markt kommen. Eine Limousine, die in die Mittelklasse passen wird.
300.000 Kilometer vs. 400.000 Kilometer
Das wird spannend, denn bis dahin werden auch in Trollhättan die ersten neuen Produkte an den Start gegangen sein. NEVS wäre damit pünktlich zur anstehenden Revolution eine Punktlandung gelungen. Ob schwedische Ingenieurskunst, japanische-chinesische Batterien und Kapital aus China an den Benchmark aus den USA heranreichen werden?

Die Ansätze in Schweden sind ähnlich spannend wie bei den Amerikanern. Wenn auch weniger transparent. Gründer Kai Johan Jiang, 6 Jahre älter als Elon Musk, ist ebenfalls Quereinsteiger. Er kommt aus dem Bereich regenerativer Energien, verfügt über eine eigene Batteriefertigung, die zum Teil auf japanischer Technologie basiert. Wie Tesla mit dem Roadster, der auf einem Lotus basierte, so startet auch NEVS mit dem 9-3 auf einer Basis, die ursprünglich nicht für Elektroautos konstruiert wurde.
Beijing National Battery Technology, der Batterieproduzent im Reich von Kai Johan Jiang, bietet ebenfalls 8 Jahre Garantie auf die Batterien, spricht von 300.000 Kilometern Lebenserwartung. Wobei unter Lebenserwartung der Punkt zu verstehen ist, an dem die Zellen nur noch 80% ihrer ursprünglichen Kapazität speichern können. Die Daten sind aus dem Mai 2013, an aktuellere Parameter zu gelangen ist schwierig. Damit wäre NEVS schon jetzt nahe dran an den Amerikanern.
Neue Batteriefabrik
Die Chancen für Saab sind nicht schlecht. Der Raum Göteborg-Trollhättan zählt zu den Regionen mit der höchsten Ingenieursdichte in ganz Europa. Vergleichbares gibt es nur noch im Raum Stockholm und in München. Die schwedische Politik hat im Bereich Elektromobilität Vorarbeit geleistet, die sich jetzt auszahlt. Das Innovatum in Trollhättan ist Geburtsstätte vieler Neugründungen, die in diesem Bereich zu Hause sind.

In China wächst in der Zwischenzeit Batteriefabrik Nummer 2 und 3 aus dem Boden. Für Dezember 2013 war der Probebetrieb geplant, aktuellere Daten sind nicht verfügbar. Batterien von Beijiing National Battery, der Hersteller in Konzernverbund von Kai Johan Jiang, finden sich in Elektrobussen und in Elektrotaxis.
Während TESLA an den Plänen für eine Megafactory mit eigener Batteriefabrikation arbeitet, hat Saab bereits alles im eigenen Konzern. Das könnte spannend werden. Denn das eigentliche Zauberwort zum Thema Elektroauto lautet “günstiger”.
Das Zauberwort “günstiger” entscheidet die Zukunft.
Letzte Woche ging eine Meldung zum Thema EV durch die Presse. AVIS Dänemark hatte bei Nissan eine Bestellung über 400 Leaf plaziert. Die Zahl ist von Bedeutung, denn im Jahr 2013 konnte Nissan im deutschen Flottengeschäft nur 139 verkaufte EV verbuchen. Der Leaf wird in Dänemark für monatlich 486,00 € angeboten und ist, durch Subvention der staatlichen Energieagentur, günstiger als ein konventionelles Fahrzeug. Auf Wunsch ist sogar die eigene Ladestation, installiert durch Avis, dabei.
Ist das Elektroauto günstiger als der Verbrenner und ist das in den Köpfen angekommen, dann steht dem Durchbruch nichts mehr im Wege. Saab wird in Zukunft innovative Elektroautos bauen, die ganz vorne dabei sind. Ein Elektroauto kann sportlich sein, Spaß machen, gut aussehen. Fisker und Tesla haben gezeigt, dass es geht ! Mit einer Dosierung Saab Spirit und schwedischem Erfindergeist können die Fahrzeuge das sein, was wir erwarten. Und man wird, das hat man uns versichert, auch weiterhin Turbofahrzeuge bauen. In guter, alter Tradition ! So lange wir es wollen und bis wir auf einen Elektro-Saab umsteigen.
Text: tom@saabblog.net
Bilder: saabblog.net (1), Beijiing National Battery (1), China Daily (1)
… und noch immer ist das Problem ungelöst, dass es in unseren Gefilden halbjährig für Batterien miserable Temperaturen draußen herrschen.
Gerne würde ich EV fahren…. Aber womit ziehe ich dann später meinen 1.6 Tonnen Wohnwagen?
Interessanter Artikel ! Aber mir fehlt bei all dem noch hierzulande die politisch/wirtschaftlich konsequent geplante Infrastruktur für Elektromobilität bzw. ich sehe sie nicht.
Vorerst werden sich wohl vornehmlich Einfamilienhausbesitzer mit Garage/Parkplatz+Steckdose und überschaubarer täglicher Fahrstrecke ein EV zulegen können.Wie das alles in Innenstädten mit Wohnungen funktionieren soll, ist mir ein Rätsel. Überall Induktionsschleifen mit elektromagnetischen Feldern ? Es gibt noch viel zu tun …
Es gibt wirklich viel zu tun, aber es scheint sich auch in einigen Bereichen was zu tun. Die Handwerkskammern zum Beispiel bieten in der KFZ Branche Kurse für die HV-Fahrzeuge an, Grundlage um am EV arbeiten zu dürfen. Immerhin ein erster Schritt wenn man 2015 ein Saab 9-3 EV warten und verkaufen will 😉
Das hört sich gut an. 🙂
Es soll ja auch nichts übers Knie gebrochen werden, sondern es wird einen langsamen u. fließenden Übergang zum EV geben. Es gibt heute schon Fahrer, in deren Bewegungsprofil ein EV passt und die werden sich beim nächsten Neuwagen vielleicht schon dafür entscheiden. Der Rest fährt wie gewohnt weiter, bis ein EV überall einsetzbar ist. Oder man behält den ALTEN nebenbei, denn der Wertverlust wird zunehmen.
Wie die Infrastruktur funktionieren kann, werden uns andere Länder vormachen, da bin ich mir sicher.
Man wird sich wohl mit dem Gedanken anfreunden müssen früher oder später Ev zu fahren. Bei mir eher später. Es gibt da auch noch viele ungelöste Probleme. Zb. Ladezeit, woher kommt der viele Strom der bei einem ev Boom plötzlich benötigt wird und wohin gehen damit die Strompreise? Was ist mit Batteriemiete? Was ist wenn man mit dem Auto in den Urlaub fahren will? usw
Da kann mann nur schreiben, einer der besten Artikel die ich je zum Thema Elektromobilität gelesen habe. Danke Tom
..so isses ! DANKE Tom! 🙂
Danke, freut mich sehr 🙂
Die Ausgangslage bei SAAB kann man nur mit optimal bezeichnen. Gut ist auch, dass nicht zu viel an Interna an die Öffentlichkeit gelangt.
Das Thema Design halte ich neben der eigentlichen E.-Antriebstechnologie für einen weiteren sehr wichtigen Baustein, um die Autos für die Kunden attraktiv zu gestalten – das Design ist bei den meisten E.-Automobilen bisher bekanntlich viel zu kurz gekommen. Bei SAAB aber eine Domäne, die das Ganze zusätzlich spannend macht!
Super Tom! Ein toller Artikel, der die momentane Situation gut beschreibt. Vor allem ist man in anderen Nationen dieser neuen Technik gegenüber viel aufgeschlossener (Dänemark, Norwegen…) als in Deutschland, wo viele am liebsten noch 6-Zyl.-Saug-Saurier fahren würden.
Ich habe mir den Zweit-9000er nicht nur zugelegt, weil ich diese Autos nach wie vor sehr gerne fahre. Ich investiere auch keine großen Summen mehr in die Technik aus dem letzten Jahrtausend (die mit sinnfreier Elektronik noch aufgehübscht wird). Die Elektromobilität macht zur Zeit richtige Schritte vorwärts und rückt bald in greifbare Nähe. Dann bleiben die Turbos als schönes Hobby, wie Du schreibst.