SAAB Presse: Die Luftschlösser der Chinesen in Trollhättan

In Schweden ist Saab immer wieder ein Thema, und die rege Medienarbeit von NEVS ist Ziel manchen Artikels. Besonders hart urteilte die Wirtschaftszeitung Dagens Industri in der vergangenen Woche über das, was die chinesischen Käufer des Werks in Trollhättan so von sich geben. Ein interessanter Artikel, der die Träume von elektrischer Mobilität zurück in die Wirklichkeit holt.

Das neue NEVS Logo feht noch immer.
Das neue NEVS Logo fehlt noch immer.

“Saab bygger nytt luftslott” war die Headline. Was sich natürlich besser verkauft als eine Überschrift wie: “NEVS baut ein neues Luftschloss”. Denn das Unternehmen in der Stallbacka hört, wenn wir es genau nehmen, auf den Namen “National Electric Vehicle Sweden” und nur die Produkte, wenn man welche hätte, würden den Namen Saab tragen. Da die Schweden verrückt nach Akronymen sind, entstehen aus sperrigen Bezeichnungen Markennamen wie IKEA, SAAB oder das phonetisch uninteressante NEVS.

Aber zurück zu den Fakten. NEVS arbeitet immer noch an einem neuen Logo, welches die Zukunft der Marke und ihrer Produkte visualisieren soll. Da NEVS aber auch 100 Tage nach dem Erwerb des Werks keinen schlüssigen Businessplan vorgelegen kann, war es für Dagens Industri Anlass genug, die bekannten Pläne zu beleuchten. Oder besser diese Visionen genüsslich zu sezieren und als unrealistisch einzuordnen. Das Saab Werk in der Stallbacka hat eine maximale Kapazität von 190.000 Wagen pro Jahr. Laut NEVS Sprecher Mattias Bergman beabsichtigt man diese zu nutzen. Nicht 5.000 oder 10.000 Wagen seien das Ziel. Und 80 % der Produktion sollen nach China gehen.

Geht man davon aus, dass es Elektroautos sein werden – die konventionellen Antriebe sind unbestätigt –  dann, so meint Dagens Industri,  sollte man sich die Absatzzahlen für Elektroautos in China anschauen. Das chinesische Regime ist der Meinung, im Jahr 2020 die stolze Zahl von 20 Millionen Elektroautos auf den Straßen zu haben. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Fahrzeuge mit reinem Batterieantrieb stark subventioniert.

Trotzdem enttäuschen die realen Zahlen. Im Jahr 2011 wurden in China 5.655 Elektroautos zugelassen. In den ersten 9 Monaten des Jahres 2012 nur 3.009. Im August 2012 waren in ganz China 12.347 Elektroautos unterwegs. Der Durchbruch lässt auf sich warten, und es sieht mehr nach einem langen Marsch bis zu 20 Millionen Fahrzeugen aus. “Nicht einmal ein kommunistisches Regime kann die Menschen zwingen Elektroautos zu kaufen” so Autor Hakan Mattson.

In den USA sehen wir das fast gleiche Bild. Zwar scheint die Zahl von 56.000 verkauften Fahrzeugen recht hoch, allerdings sind dabei auch die Plug-in-Hybride enthalten. Reine Elektroautos sind es 24.000. Auch Nissan, mit dem Leaf recht gut unterwegs, läuft den optimistischen Prognosen weit hinterher. Als Ziel wurde jetzt die Verdoppelung der Absatzzahlen des letzten Jahres ausgegeben. Statt 9.679 Fahrzeuge möchte man jetzt an der 20.000er Marke kratzen. Geplant waren 500.000 !

Schauen wir uns die Zahlen in Schweden an – die Basis von NEVS-  dann wird es noch kümmerlicher. 236 Elektrofahrzeuge wurden bisher in diesem Jahr verkauft. Möchte NEVS, wie von Bergman angekündigt, im Jahr 2017 volle Kapazität fahren und 80 % nach China liefern, dann ist jedes chinesische Elektroauto ein Saab. Denn der Marktforscher Pike Resarch rechnet mit einem Absatz 2017 in China von 150.000 Batterieautos.

Vor diesem Hintergrund sind die Pläne der Chinesen unrealistisch, so Dagens Industri, und schwer zu glauben.

Zugegeben, DI war immer besonders Saab-unfreundlich, und zumindest da scheint NEVS die alte Saab Tradition fortzusetzen. Aber die chinesischen Investoren geben mit ihren Statements und einem fehlenden Businessplan immer wieder eine Steilvorlage. Schlechte Headlines in der führenden Wirtschaftszeitung Schwedens ? Selber schuld !  Nach 100 Tagen ist die Schonfrist vorbei, und man sollte endlich anfangen, Fakten zu liefern, will man nicht komplett die Glaubwürdigkeit verlieren. Kommen Fahrzeuge mit konventionellem Antrieb oder kommen sie nicht? Oder bleibt man bei den Elektroautos, womit das Geschäftsmodell wohl scheitern wird.

Denn weltweit wurden die Prognosen einkassiert, und die Elektrobegeisterung brennt auf kleiner Flamme. Die Wirtschaftskrise im alten Europa und das verhaltene Wachstum in anderen Ländern ermuntert nicht zum Experimentieren. Auch Unternehmen wie Fisker spüren,  dass es schwierig ist, Autos mit Batterien zu bauen. Fisker-Lieferant Batteriehersteller A123 ist pleite, nach dem er 249 Millionen Dollar an Staatsgeldern verbrannt hat. Aufgekauft wurde das mit Steuergeldern aufgebaute Unternehmen jetzt von der Wanxiang Group, einem großen Autozulieferer aus China. Bis die Übernahme vollzogen ist, ruht bei Fisker die komplette Produktion. Den Chinesen von NEVS wird zumindest dieses Desaster erspart bleiben. Denn mit einer eigenen Batteriefertigung ist man unabhängig von externen Lieferanten.

Ein anderer Punkt sollte aber zu denken geben. Fisker hat, in mehreren Finanzierungsrunden, bisher mehr als eine Milliarde Dollar investiert und ist immer noch weit von der Marktetablierung entfernt. Eine Milliarde ! Als Anfang, wohlgemerkt ! Um eine Marke neu aufzubauen und dauerhaft erfolgreich zu sein, dürften es  4 bis 5 Milliarden Euro werden. Dann kann man mit ersten Erträgen rechnen. Das gibt vielleicht eine Idee, was man in Schweden, oder genauer in Trollhättan braucht, um die Elektroträume zu verwirklichen.

Text: tom@saabblog.net

Bild: Oliver für saabblog.net

9 thoughts on “SAAB Presse: Die Luftschlösser der Chinesen in Trollhättan

  • Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn”in den ersten 12 Monaten des Jahres 2012 nur 3009″ E-Autos in China zugelasssen wurden, dann kann man ja auf die restlichen Monate in diesem Jahr hoffen.

  • In irgendeinem Forum habe ich gelesen die Freunde nennen sich um in NEVS-UNITED :-).

  • Fasziniernd, wie stark die Meinungen/Sichtweisen auf die aktuelle Situation und die Zukunft zwischen diesem Blog und etwa “den Freunden” von Saabsunited abzuweichen scheinen. Aber netter Artikel. Danke.

  • Ich finde es eigentlich nicht von Nachteil, dass nach dem Aus unter VM einige Zeit ins Land gegangen ist – die Insolvenz ist somit nicht mehr so in alle Munde.

    Der neue Eigentümer wäre aber aufgrund der harten Fakten hinsichtlich Elektromobilität gut beraten, wenn er auf jeden Fall zweigleisig loslegt und Fahrzeuge mit herkömmlicher Antriebstechnik auch anbietet – natürlich später auch sehr gern mit vollendeter PHOENIX-Plattform und schönem neuen skandinavischen Design. Aber das wissen wir ja alle längst!

    Viele Grüße aus Hamburg

  • …..und die Automarke nicht noch mehr in Vergessenheit gerät. Die Mitbewerber freut es natürlich.

  • Wir haben da aber auch wirklich einen merkwürdigen Investor für SAAB erwischt. Wann kommen News bezüglich der konventionellen Antriebe?

  • Auch nur 12… Und Weihnachten und die Weihnachstferien stehen vor der Türe 😉

  • Hallo Tom,

    wieviele Monate hat dein Kalender denn? Nachdem die ersten 12 vorbei sind? 😉

    So einen kleinen Nachtrags-Sommer könnte ich nämlich noch gebrauchen.

  • Tja dann bleibt nur zu hoffen daß man vom Elektroauto Trip runterkommt bevor es zu spät ist und die Autos baut die wir wirklich wollen!

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