Rückspiegel: 68 Sammlerstücke in Schweden

Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel
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Sie sind die letzten ihrer Art. In Schweden stehen 68 teilweise nicht zulassungsfähige Saabs zum Verkauf. Es ist der letzte Akt eines Dramas, das jetzt zur Aufführung kommt. Für Saab Sammler und Freunde der Kultmarke eine Gelegenheit, die es so nie mehr geben wird.

Träume zum Verkaufen“ so schrieb eine schwedische Tageszeitung. Träume, genau das trifft den Punkt. Das Leben kann gemein sein !  Da ist ein amerikanischer Autohersteller, der seine kleine, schwedische Dependance über Jahre hinweg an der kurzen Leine hält. Der zwar die Ingenieurdienstleistungen aus Schweden schätzt, um seine durchschnittlichen  koreanischen und deutschen Produkte aufzupeppen, der aber den Modellen der Marke nicht die kleinste Investition gönnt.

Saab Fans mussten jahrelang mit dem gleichen Modell –  ich spreche vom guten, alten, tapferen Saab 9-5 der ersten Serie – überwintern. Nur minimale Facelifts, dafür lieber eine Einsparung, mehr war nicht drin. Dann plötzlich steht eine ganze Armada neuer Modelle, zumindest nach Saab Maßstäben, am Start.

Eine große, schicke Limousine, die es immerhin zum überhasteten Produktionsstart schafft. Ein toller, großer Sportkombi, der in Schlagdistanz zu den bekannten Premiumanbietern gekommen wäre. Und ein perfekt durchgestyltes SUV mit einem wunderbaren, emotionalen Motorklang und sportlichem Handling, welches Saab einem trendbewussten Publikum erschlossen hätte.

Der Frühling, das Saab Comeback, es lag in der Luft, zum  Greifen nahe…

Und was passiert? Die Lichter gehen aus ! Punkt.

Jedes dieser Fahrzeuge, welches in Schweden zur Versteigerung bereit steht, trägt ein Stück einzigartiger Saab -DNA in sich. Der Flugzeugtacho – kein Mitbewerber käme auf eine solche Idee – das Nightpanel, der typische Saab Hockeystick als Designmerkmal. Es sind richtige, moderne Saabs, passend in unsere Zeit. Es sind tolle fahraktive Autos, die fahraktivsten Saabs, die wir jemals hatten, sehen wir von dem Saab 9-3 XWD mit eLSD ab.

Saab war so nahe dran ! Endlich zurück auf dem richtigen Weg !  Das Flugzeug-Symbol im Kühlergrill, die eisblauen Scheinwerfer, die durchgehenden Bänder der Rückleuchten. Saab Designsprache modern interpretiert. So nahe dran und doch verloren !  Weil der große Geldkoffer fehlte. An den Produkten, die in der Pipeline standen, lag es nicht.

Ist es gelaufen? Ja, es ist vorbei. Auf der Auktion stehen die letzten Fahrzeuge einer Marke, die sich lieber um das Wesentliche kümmerte. Die serienmäßig orthopädische Sitze lieferte statt peinlicher Haifischmäuler. Die ergonomische Cockpits baute statt silikongedämpfter Haltegriffe. Deren Ingenieure die knappen Ressourcen in aktive Sicherheit investierten statt in lametta-artige Tagfahrlichter . Saab baute ehrliche und langlebige Wagen. Wer Saab verstehen will, der muss den schwedischen Begriff „Lagom“ verstehen. Lagom ist die Kunst, das richtige Mass, die Balance, zu finden. Nicht zu viel, nicht zu wenig, gerade richtig. Saab war Lagom !

Alles  ist jetzt Geschichte. Denn es ist die Seele der Marke, die uns abhanden kommt. Die Seele, die sich definiert aus der Tradition, den Menschen und den Wurzeln in der schwedischen Provinz.  In Schweden steht eine Fabrik mit dem Saab-Zeichen auf dem Dach. Aber es sind andere Menschen und andere Dinge. die sie antreiben. Was immer in Zukunft aus diesem Werk kommen mag, mit der ursprüngliche Saab-Philosophie wird es nichts mehr gemein haben.

Im winterlichen Schweden stehen 68 Wagen. Die letzten ihrer Art. Unsere geplatzten automobilen Träume und Hoffnungen. Einer davon, seine Vorderreifen sind abgefahrener als die Hinterräder, gehörte einst Victor Muller. In den Auktionspapieren steht Victor Müller. Müller statt Muller. Vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen. Die Saab-Geschichte beginnt bereits jetzt an Schärfe zu verlieren und zu verschwinden.

Text: tom@saabblog.net

Bild: saabblog.net

 

13 Gedanken zu „Rückspiegel: 68 Sammlerstücke in Schweden

  • 5. Dezember 2012 um 11:39 AM
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    So einen 9-4 würd ich glatt noch kaufen (wenn ich gerade irgendwie das Geld dafür übrig hätte**)!
    Und in einer europäischen Version macht der doch auch bestimmt etwas weniger „Sorgen“ als in der US-Version (z.B. Navi, Bedienung, etc.) – oder gibt es da keine gravierenden Unterschiede?

    ** Leider hatte mein großer Sparstrumpf irgendwie ein riesiges Loch und da ist nix drin! 🙁
    Naja, dann wird halt der olle Kombi wenigstens weiter gepflegt.

    Tom, schöner Bericht!
    Die Situation -so kurz und knapp zusammengefasst- zu lesen stimmt mal wieder etwas traurig! 🙁

  • 5. Dezember 2012 um 11:40 AM
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    Hallo Tom.

    Klare und realistische Worte. Auch wenn im SAAB-Werk wieder Autos gebaut werden – ob mit oder ohne SAAB-Flugzeug-Logo. Die Seele, der Spirit von SAAB ist schwer in diese Fahrzeuge zu transformieren…Denn wer soll es dort machen! Die Menschen die SAAB gelebt haben und entwickelt haben werden wohl nicht zurück kommen!
    So oder so stellt sich für mich, wie auch für viele andere:

    Was für ein Auto können wir nun kaufen?

    Wir haben noch einen Golf IV mit „nur“ 96000km, auch der läuft noch! Mein Traum wäre diesen mittelfristig durch einen (zweiten) SAAB zu ersetzen! Nun wird es wohl doch ein MINI Coountryman…

    Ich glaube ich überlasse dann meiner Frau die Wahl der Autos! Wenn in Zukunft kein SAAB, dann ist es auch egal! Hauptsache kein Auto der Detroidter! Unser Saab 9-3SC Bj 2007 fahre ich dann hoffentlich bis er ein H-Nummernschild bekommt, und dann erst recht!

    Sonnige Grüße André

  • 5. Dezember 2012 um 11:49 AM
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    Man könnte Depressionen bekommen! Ich beginne mir schon ernsthafte Sorgen zu machen, was ich denn in circa 15 Jahren fahren werde?! Und zu den lametta-artigen Tagfahrlichtern gebe ich Dir Recht. Meine Frau, die die Marke eh nicht mag, meint immer, sieht aus wie direkt vom Jahrmarkt! Halt was für kleine Kinder!

  • 5. Dezember 2012 um 11:54 AM
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    Hallo Tom,
    wieder einmal vielen Dank für einen sehr emotionalen Bericht.
    Wie viele Andere bin auch ich der Meinung, dasss diese vielen
    Hintergrundberichte und tiefgreifenden Statements für UNSERE Marke
    es verdient hätte in einem Buch zusammengefasst zu werden.
    Ich denke, so hat das noch keiner geschrieben.

    Habe heute kurzfristig einen Audi fahren müssen, ohhhh diese Sitze.
    Schnell wieder in den 9-5er.

  • 5. Dezember 2012 um 12:15 PM
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    Wieder einmal ein toller Bericht! Vielen Dank! Absolut auf den Kopf getroffen.

    Ich hoffe auch, dass unsere 3 SÄÄBe noch lange durchhalten und trotz ihrer vielen Kilometer auf dem Buckel noch lange von uns gefahren werden können.
    Noch gibt es junge Gebrauchte unserer Marke, so dass Ersatz möglich wäre.
    Wenn es in ein paar Jahren dann mal einen neuen Wagen geben muss, würde ich nicht wissen, was ich kaufen soll?!?!?! Wahrscheinlich wird es dann irgendeine emotionslose Alltagsschlurre werden…. Ich kriege jetzt schon Gändehaut bei dem Gedanken!

  • 5. Dezember 2012 um 12:38 PM
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    DANKE Tom, für diesen ans Herz gehenden Bericht. Die Realität ist nachmal hart und schmerzlich. Wie gut, daß unsere SAAB´s für lockere 300000 KM gebaut wurden….
    Ich freue mich auf die Fahrt im SAAB morgen nach Ostfriesland! Sicher und entspannt ankommen!
    So long…

  • 5. Dezember 2012 um 1:02 PM
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    SAAB ist immer auch ein Stück Lebensgefühl gewesen und mit ein Grund SAAB zu fahren. Was soll man sonst kaufen? Wir bleiben dabei!

  • 5. Dezember 2012 um 1:38 PM
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    Leute,ihr treibt mir Tränen in die Augen!!! Ich persönlich habe aber noch ein bisschen Hoffnung,dass es doch noch irgendwie weitergeht und zwar so,dass man den SAAB-Spirit nicht ganz verliert!!! Andernfalls werde ich auch nicht wissen,was ich für ein Auto kaufen soll!!! Die Idee von Andre 9.3 finde ich gut,soll’s meine Frau entscheiden…

  • 5. Dezember 2012 um 2:00 PM
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    Ein Freund von uns hat jetzt bei seinem 9-3I eine komplette Motorrevision machen lassen. Er liebt sein Coupe und wird es nicht verkaufen. Die Karroserie ist locker für 1 Million Kilometer gut meinte er und im Sommer kommt noch Mike Sander dazu. Er hat sich alles angeschaut, BMW, AUDI, VOLVO und nichts hat gepasst. Einmal SAAB, immer SAAB!
    Wir richten uns darauf ein daß es NICHT weitergeht. Kommt dann irgendwann eine gute Nachricht ist die Freude um so größer! 🙂

  • 5. Dezember 2012 um 2:17 PM
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    Auch hier aus Hamburg ein herzliches Dankeschön für den gut geschriebenen Bericht.

    Wir sind hier nach wie vor aber so richtig sauer, weil die Insolvenzverwalter ein unsauberes Spiel betrieben haben (Beispiel: Nichtnennung des tatsächlichen Kaufpreises, der durch NEVS gezahlt wurde) und natürlich insbesondere wegen der erfolgten Auswahl überhaupt, die eigentlich nach wie vor ohne Begründung im Raume steht. Diese unerträgliche Handlungsweise wird aktuell sogar noch gesteigert (Beispiel: Rückforderung von Zahlungen bei Zulieferbetrieben)!

    Die andererseits nette Geste des schwedischen Staates mit Übernahme von SAAB-Parts kann diese ganze Schmierenkomödie lange nicht übertünchen und bei allen SAAB-Fahrer für dauerhafte Fröhlichkeit sorgen – spätestens beim Kauf eines Neuwagens aus Japan, England oder Süddeutschland ist das Ganze Makulatur!

    Liebe Schweden, beim Umgang mit SAAB (= SAAB-Fahrer) gab und gibt es leider viel zu viele Ärgernisse!

  • 5. Dezember 2012 um 3:06 PM
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    Sehr treffender Artikel (mit leichtem Dezember- Blues 🙂 ). 1945 – 19.12.2011 (bald ein Jahr her)
    Jetzt gilt es seine Fahrzeuge weiterhin in guter Verfassung zu halten, so dass sie noch lange Freude bereiten.

  • 5. Dezember 2012 um 9:44 PM
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    Sehr fein geschrieben, Tom. Get zum Herzen

  • 6. Dezember 2012 um 11:12 AM
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    Ein excellenter Artikel, Tom. Genau so ist es. Lagom täte glaube ich alle gut, denn das vermisse ich derzeit sehr in der Gesellschaft.

    Ein Blick auf die sogenannten „Speckgürtelprotzkisten“ (Geländewagen des deutschen Premiums oder wenn es nicht reicht aus Korea oder Japan) vor den ebenso protzigen „Fertigpappbuden“ (Einfamilienhäuser aus Spanplatten) rund um die großen Städte bestätigt dieses, das richtige Maß ist abhanden gekommen, es wird geprotzt wie bei die Neureichen aus Osteuropa.

    Da fehlt jegliches Lagom und natürlich paßt dort auch kein Saab hin, eher in die Innenstädte oder die echten Nobelgegenden, bei einem Saab ist es egal, ob neu oder gebraucht, der Stil macht es. Dieses ist auch ein wichtiger Unterschied zu den anderen Autos.

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