Fahrbericht: Saab 9000 CS

Ein Saab ist Turbo – oder? Noch nie hatte ich einen ohne Zwangsbeatmung in unserem Fuhrpark. Wie fährt sich der Saab 9000 CS  mit 2.3 Litern ohne Turbolader mit Automatik? Der große Saab Vierzylinder mit seinen Ausgleichswellen ist ein angenehmer, laufruhiger Antrieb. Mit einer schönen Klangkulisse und einem guten Antritt fahren wir durch den Münchner Stadtverkehr.

Sky View: Schiebedach im Saab 9000

Die ZF-Vierstufenautomatik schaltet flott und weich, wir sind gut unterwegs. 146 PS in einer ausgewachsenen Limousine sind nach heutigen Maßstäben nicht viel. Aber der 9000 bringt weniger als 1.4 Tonnen auf die Waage, aktuelle Mittelklasse Limousinen haben mindestens drei Zentner mehr. Und der 9000 war niemals Mittelklasse sondern zählte zum gediegenen Oberhaus.

Auf der Autobahn herrscht dichtes Schneetreiben, und die Massen an modernen Klein- und Mittelklassewagen scheint jeder Schneeflocke ausweichen zu wollen. Langsam geht es in Richtung Norden, 360 Kilometer, auf denen wir keinen anderen Saab sehen werden. Nach dem zweiten Stau gesellt sich ein Allrad getriebener Großelch der anderen schwedischen Marke zu uns und bleibt uns bis kurz vor Frankfurt treu. Wenn schon kein Saab, dann wenigstens ein Volvo. Immerhin !

Der Beweis: 20 Jahre, weniger als 100.000 Kilometer

Während der Stauphasen drücken sich die Kinder in den vorbeifahrenden Autos die Nasen an den Scheiben platt und deuten auf unser Auto. Mit seinen schwarzen Stoßfängern und der hellen Lackierung ist er eindeutig ein Youngtimer und auffällig dazu. Wir genießen in der Zwischenzeit das blaue Ambiente im Stil der späten 80er und frühen 90er Jahre. Die plüschigen Sessel sind bequem, haben Langstreckencharakter. Die Sitzheizung bullert, die Klimaanlage hält die Scheiben beschlagfrei. Klimaanlage, keine Automatik. Zurück in die Vergangenheit. Gestartet und entriegelt wird der Saab mit einem ganz profanen, häßlichen Schlüssel. Selbst Dacia würde heute so etwas nicht mehr liefern wollen. Es gibt keine Fernbedienung, aber dafür konnte man ab Modelljahr 1993 auch von der Beifahrerseite die Zentralverriegelung bedienen. Komfort von vor 20 Jahren.

Während wir nach dem zweiten Stau etwas flotter unterwegs sind, stellen wir überrascht fest, dass mehr Auto eigentlich kein Mensch braucht. Natürlich möchte auch ich nicht auf Xenon Scheinwerfer, Kurvenlicht und Allradantrieb bei meinem 9-3 verzichten. Aber wir sind in dieser Zeitkapsel aus Schweden sehr entspannt unterwegs.

Blauer Innenraum im Stil der frühen 90er Jahre

Kurz vor dem Biebelrieder Dreieck kommt eine lange Steigung, die A3 wird dreispurig. Die Schneeflocken ausweichenden modernen Plastikautos bleiben auf den rechten Spuren. Wahrscheinlich warnt irgendein Gepiepse im Auto die Fahrer permanent vor Frost, Eis und dem Verderben. Kinderkram, den unser Saab nicht kennt und den wir für heute mal vergessen. Wir verlassen uns auf das, was wir sehen, und auf unsere Erfahrung. Zeit, unseren Saab mal “uphill” fliegen zu lassen. Wir gehen aufs Gas, der 9000 beschleunigt, unspektakulär aber konstant den Berg hoch. Bei etwas mehr als 180 lassen wir es gut sein. Er hätte schneller gekonnt, der Fahrzeugschein spricht von 200 als Spitze, was wir spätestens jetzt glauben wollen.

Um die 50.000 DM hat der 9000 1993 gekostet. Viel Geld, aber er ist es wert. Alles ist solide und strahlt auch noch heute, 20 Jahre später, Unverwüstbarkeit aus. Die schwarze Dekoreinlage am Armaturenbrett – wenn man mit den Fingerkuppen darüber streicht, merkt man, dass sie fein strukturiert ist – passt zur schwedischen Sachlichkeit und ist ein wohltuender Kontrast zum sonst im Saab 9000 verbauten Holz.

Saab 9000 CS, sauber wie ab Werk

Die restlichen Kilometer über den verschneiten Hochspessart spult der Saab mit Leichtigkeit ab. Seit unserem Start in München ist er immer agiler und leichtfüßiger geworden. Die Kilometer auf der Autobahn tun der Maschine gut, mit 94.000 ist sie für Saab Verhältnisse nagelneu. Die letzten Kilometer der heutigen Fahrt gehen über die Landstrasse, enden auf dem Parkplatz unseres Lieblingsitalieners. Der 9000, auch ohne Turbo, ein richtiger Saab? Auf jeden Fall ! Wir waren einige hundert Kilometer in dichtem Schneetreiben unterwegs, haben zwei Staus abgeritten, dabei um die 10 Liter auf hundert Kilometer verbraucht und fühlen uns kein bisschen gestresst. Im Gegenteil !  Während des Abendessens geht es immer wieder um den unglaublich guten Zustand des Autos. Die Langzeitqualität der 9000er versetzt auch uns immer wieder in Erstaunen.

Willkommen Zuhause!

Bleibt noch die Geschichte mit dem Plan zu klären. Vor einigen Tagen habe ich in “Aktion Winterquartier” darüber geschrieben. Den Saab von der Strasse holen, wegstellen, im Frühjahr einen Saab-Fan als neue Heimat suchen.

Am nächsten Tag stehe ich vor dem 9000 und denke mir, was für ein schöner Saab er doch ist. Mit Aerofelgen ( die ich zufällig noch habe ) würde er noch besser aussehen. Den Auspuff neu, ein paar kleine Reparaturen und das Übliche, was man bei einem 20-jährigen Auto machen sollte, und er würde wirklich wie ein Neuwagen aussehen. Vergessen wir den Plan und behalten wir den Saab ! Vielleicht mit Saisonkennzeichen. Hat da einer gesagt, vier Saabs seien genug?

15 Gedanken zu „Fahrbericht: Saab 9000 CS

  • Nein, ich habe es zwar gedacht und auch ausgesprochen, vier Saabs sind genug, aber ich wanke und schwanke 😉 Ist ja schade um die schönen Autos, und fünf Saabs gehen auch gerade noch, sechs Saabs sind schon wieder sehr viel 😉

    • Fünf Saabs sollten wirklich genug sein. Hoffe ich 😉

      • Na komm… auf fünf Beinen kann man nicht stehen (wenn man ein Tausendfüßler ist) 🙂

        • Ist schon richtig, hier auf dem Blog gibt es Leser die immerhin 10 Saabs, alles 9000er, besitzen. 😉

  • für mich ist der 9000er das referenzauto in der gehobenen mittelklasse. kompakt, viel platz, und immer genug leistung. gut das design…da finde ich die 900er schöner besonder den 902. letzteren hab ich auch bei schnee lieber gefahren. naja und die 225pferdchen vom aero bei nässe und in kurven auf die straße zu bringen war nicht immer einfach. ungeschlagen ist der reisekomfort auf lange strecke mit dem 9000er.

    auch wenn es wirtschaftlich quatsch ist aber unser aero wird wieder hergerichtet und dann auch nur noch im sommer beweget. habe ich früher immer schiebedach und wurzelholz vermisst(letzteres wollte ich schon mal nachrüsten) so wird er nun so wie er vom band gekommen ist erhalten!

    • Stimmt – zu der von Tom im letzten Artikel über den 9000 erwähnten “guten alten Mercedes-Qualität” fehlen mir in diesem Auto noch die Wurzelholz-Applikationen am Armaturenbrett, im Stil der Taxi-Ausstattung. Und die Ledersitze… aber bei dem Schiebedach und der Verglasung sind Velourspolster im Sommer sicherlich angenehmer.

      Sonst gibt’s Spiegeleier 😉

  • Hallo Tom!
    Mit Spannung habe ich Deinen Bericht und die Bilder erwartet. Ich habe voriges Jahr meinen 1 Jahr alten 9-3 TiD gegen den 15 Jahre alten 9000 2,3, auch in weiß, eingetauscht. Habe diesen Deal keine Sekunde bereut. Der 2,3-l-Motor ist allererste Sahne. Im Frühjahr kam der 900 Red Arrow, Baujahr 1987, dazu. Der 9000 genießt seither Cabrio-Status, er wird nur bei trockenen Wetter gefahren. Der 900 muß seither die “Drecksarbeit” machen, so leid er mir tut. Dafür bekommt er bald eine Fertiggarage. Dein 9000 schaut super aus, ein Stück schwedischer Automobilgeschichte die es leider nie mehr geben wird. Glückwunsch!!! Behalten und sich jeden Tag an seinem Anblick freuen im Bewußtsein ein außergewöhnliches Auto zu besitzen.
    LG Jost aus Baden

  • Ja, 9000er haben wie mehrere gefahren. Ein kleines Detail, vor allem im Winter bei Schneefall, sind die Wischer für die Scheinwerfer. Bei den neueren Modellen 9.5 und 9.3 mit ihren Druckdüsen vermisse ich diese Wischer, denn Schnee bringen die Hochdruckdüsen nicht weg.

  • So einen schönen 9000er (gleiche Ausstattung) hatte ich bis 2006 auch mal – nur die die Lackierung war dunkelgrün und das Innendesign war in dunkelgrau (auch Stoff) gehalten.

    Mein Nachfolgemodell (9-5 Kombi) ist deutlich schwerer – bietet aber dennoch das ausgewogenere Fahrverhalten. Vor allen Dingen auf schlechten Wegstrecken ist er dem 9000er deutlich überlegen.

    Die Linienführung der Karosserie vom 9000er ist aber auf gleichem Niveau wie die des Nachfolgers – beide sind einfach zeitlos!

  • Schöner Bericht!

    Schon irgendwie ein weniglich kurios: Andere hätten sich so einen Wagen als “Winterschlurre” gekauft, um im Winter billig unterwegs zu sein, und hier wurde er als Sommerauto gekauft, um ihn zu schonen! Schön, dass es das noch gibt!

  • Tom kauft sich ‘ne Zeitmaschine 🙂 Super. Wenn Du noch Kassetten fürs Handschuhfach brauchst, sag mir Bescheid – da kann ich noch einiges liefern.

    Davon abgesehen wirklich ein toller Wagen. Die Front gefällt mir an dem Modell am besten, mit der sehr flach gezeichneten Nase. Und der Innenraum – wie man sieht, es geht auch ohne Aluminium-Inlays und unterschäumtem Weichplastik überall. Was mich nur etwas stört sind die Gummifußmatten. Aber mein Gott… wenn man schon so lange suchen muß, um etwas zu finden, das einem nicht gefällt, sagt das einiges über das Auto aus.

    Also, viel Spaß damit!

    • Noch ein Nachtrag zur Motorisierung: Mein Erfahrungswert ist, daß das Leistungs-Gewichts-Verhältnis so um 1:10 liegen sollte, also ca. 1 PS pro 10 kg Fahrzeuggewicht. Zum Vergleich: Mein alter 405 hatte bei ca. 1000 kg Leergewicht 120 PS, war also mit einem Verhältnis von 1:12 ziemlich sportlich motorisiert (trotz der objektiv niedrigen PS-Zahl). Mein 9-5 hat ca. 1600 kg Leergewicht und 175 PS ist mit einem Verhältnis von 1:9 auch nicht übel unterwegs.

      Schlimm war mal ein Ford Fusion Mietwagen: 1200 kg und 80 PS. Wie der sich fuhr, darf sich jetzt jeder selbst ausmalen.

    • Die Gummifußmatten sind wirklich nicht schön. Ich werde bei Saab nachfragen ob es irgendwo in Nyköping noch Originale Textilmatten im Farbton “Marine” gibt. Unmöglich ist das nicht. Wenn nicht, lasse ich mir welche anfertigen, soviel Luxus muss sein. Das Lenkrad wird auch gegen ein Lederlenkrad getauscht, wir haben zufällig noch eines. Mit den Kassetten komme ich eventuell auf Dich zurück 🙂

  • Hi Tom,
    Wenn hier einer behauptet, dass er soetwas nicht erwartet hätte denn muss ich sagen, kennt er dich und deine Faszination zu dieser Marke nicht 🙂 einen schönen Sommerwagen hast du dir da geangelt 😉
    Lg
    Yves

  • Schöner Bericht, schöner Wagen! Danke 🙂

Kommentare sind geschlossen.