Erstkontakt: Saab 9000 CS

Eine Reihenhaussiedlung in einem Münchner Stadtteil. Kleine Vorgärten, alles gepflegt. Hier ist der Mittelstand zu Hause, hier schlägt das Herz der alten Bundesrepublik. Ein Bewohner hat sich einen neuen Saab 9000 CS geleistet. Einen CS, keinen CSE. Velours statt Leder, Einspritzer statt Turbo, schwarze Stoßstangen statt lackierter. Dafür die große Maschine, Automatik und Schiebedach.

Das ist er, Saab 9000 CS, Baujahr 1993

Natürlich in weiss, einer neutralen und vernünftigen Farbe und ohne Hubraumbezeichnung auf dem Heck. Die Nachbarn könnten sonst denken, man sei unvernünftig geworden. So steht er vor der Haustüre, frisch vom Werk. Das unvermeidliche D-Schild am Heck, er glänzt in der Herbstsonne, wie es nur Neuwagen können. Ein Idyll im München der 90er Jahre. 90er Jahre? Halt, zurück. Erzählen wir von Anfang an.

Mit Freund Achim bin ich mittlerweile und mit einer kräftigen Verspätung in München gelandet. Ein paar Schneeflocken und kräftiger Wind haben uns gezeigt, dass unsere Hightech-Gesellschaft von der Natur beliebig aufgehalten werden kann. Wir kämpfen mit S-und U-Bahn durch München, immer weiter unterwegs zu unserem 9000er. Die letzte Strecke legen wir dann zu Fuss zurück. Stoßen in eine kleine Reihenhaussiedlung vor, biegen um die Ecke und…sind zurück im München der 90er Jahre.

Vor uns steht, plötzlich und unverhofft, ein Saab 9000 CS 1993 im fast Neuwagenzustand ! Der Lack glänzt, wie es nur Neuwagen vermögen. Die Kunststoffteile und Dichtgummis sehen aus wie frisch vom Band. Nicht aufgehübscht oder mit Pflegemittel auf Verkauf getrimmt. Nein, eines ist klar. Dieses Auto war noch nicht vielen UV-Strahlen ausgesetzt. Wir sind überwältigt, reissen uns aber los und klingeln beim Verkäufer. Der empfängt uns herzlich und erzählt bei einem frisch gebrühten Tee die Geschichte des Saabs.

Sein Besitzer, ein Familienmitglied und älterer Herr, der mittlerweile die 80 überschritten hat, nutzte den Saab nur zu Fahrten ins Büro, die nicht so häufig waren. Und ab und zu wurde mal ein Anhänger mit Gartenabfällen bewegt. Jetzt sei er alt, bewege nur noch einen japanischen Kleinwagen und hat den Saab, den er sehr vermisst, an seinen Enkel weitergegeben. Als der Wagen bei diesem vor der Türe stand, bemerkte er, dass Opa ein Automatikfahrzeug verschenkt hatte. Automatik und Fahranfänger geht gar nicht.

Nein, keine Motorwäsche. Vorher 360 Kilometer durch Schnee und Matsch.

Während wir noch Saab reden, werfe ich immer wieder einen Blick aus dem Fenster, sehe den Saab vor der Türe stehen, und im Geiste habe ich den Kultschweden bereits gekauft. Nach einem kurzen Plausch schauen wir uns den 9000er genauer an. Der erste, äussere Eindruck bestätigt sich auch im Innenraum. Die blaue Innenausstattung, normalerweise nach 20 Jahren ausgebleicht, strahlt im Neuwagenglanz. Der 9000 ist fast perfekt, aber wir suchen weiter und entdecken endlich einige Mängel.

Die Liste ist wie folgt: Ein Türgummi eingerissen, der Auspuff ein kleines Loch, hinten rechts eine kleine Stelle nachlackiert. Das wars !

Und Rost? Rost ist bei fast allen frühen Saab 9000 ein Thema. Die ersten 9000 CC rosteten gerne weg, mit der Umstellung zum CS wurde es besser, aber erst ab Modelljahr 1995 hatte Saab das Problem so richtig im Griff. Türen zum Beispiel rosten gerne durch. Nicht so bei unserem Exemplar. Wir finden Spuren der Konservierung ab Werk, die im Motorraum und an manchen Stellen der Türen zu sehen ist. Ein kleine Stelle mit Flugrost, 2 Millimeter groß. Und auch an der Aufnahme des Heckklappenschlosses – ein Stelle, wo unsere beiden 9000er aus 98 Durchrostungen hatten –  ist Neuwagenzustand. Nicht schlecht für 20 Jahre. Was dann folgt, wird die kürzeste Probefahrt meines Lebens. Wir schrauben die Schilder ans skandinavische Blech,  ich schlage vor, zur Tankstelle zu fahren, um den Saab mit Treibstoff für die Fahrt nach Norden zu befüllen. Denn mittlerweile habe ich ein so gutes Gefühl, dass ich spüre, ein tolles Auto vor mir zu haben.

So waren die 90er: Kasettenradio, 4-Gang Automatik und Klimaanlage

Unterwegs zur Zapfsäule sprechen wir über den Saab, über was sonst… Der Saab, so meint der Verkäufer, ist mindestens so gut wie ein Mercedes und noch ein richtiges, ehrliches Auto. Nicht so viel Plastik wie die modernen Kisten. Wir können nicht widersprechen. Und es stimmt. Der 20 Jahre alte Schwede fährt auf den ersten Metern wie ein Neuwagen, nur eben aus dem Jahr 1993, und er hat schon etwas von der guten alten Mercedes Qualität.

Keine Frage, wir haben den Saab gekauft und noch vor der Zapfsäule das Geschäft mit Handschlag besiegelt. Und wir scheinen zur rechten Zeit gekommen zu sein. Denn außer vielen jungen Leuten, die Saab cool finden, kam am Tag vorher noch ein Winterwagen-Käufer, der den 9000 sofort mitnehmen wollte. Winterwagen, was für ein Wort…

Mittlerweile hat es auch in München begonnen, stark zu schneien, und wir machen uns im Schneegestöber auf den Weg in Richtung Norden. Ab auf die Autobahn und Gelegenheit zu sehen, was der alte Schwede kann. Unser Saab 9000 CS 1993 Fahrbericht kommt am Montag.

13 Gedanken zu „Erstkontakt: Saab 9000 CS

  • Herzlichen Glückwunsch zu diesem Prachtexemplar. So einen hatte ich auch mal Anfang der 90er. Damals gewonnen bei einem Gewinnspiel über Autobild uns Hörzu als der 9000er ganz neu auf den Markt kam. 2,3 Ltr. und 150 PS – eine schöne Reiselimousine.
    Als Andenken von der damaligen Aktion habe ich immer noch den Schlüsselanhänger.
    Immer gute Fahrt mit diesem Schmuckstück.

    Gruß Ralf

  • Gab’s denn die schicken alten DIN-Kennzeichen dazu, so als Andenken? Denn die waren ja noch das i-Tüpfelchen bei dem Wagen – wird so bald nicht wieder möglich werden, und mit blauem Eurobalken und grässlicher FE-Schrift sieht das einfach unangemessen aus.

    • Ja natürlich, die guten alten Kennzeichen sind da. Etwas verbeult und in dem Nummernschildrahmen des ausliefernden, nicht mehr existierenden Saab Händlers.

    • Immerhin hat er noch einen vollformatigen D-Aufkleber, das ist wenigstens ein Trostpreis.

  • Schön, das inzwischen auch 9000er vor dem ENDVERBRAUCH gerettet werden. Lange Zeit wurde dieser Typ in der SAAB-Gemeinde ja gar nicht ernst genommen (immer nur 900-I), wobei ich finde, das der 9000er das am besten durchdachte Auto aus Trollhättan ist. Als er 1985 erschien, sahen die deutschen Marken erstmal alt aus und ich hatte viele extrem positiv überraschte Mitfahrer.
    Er hat ja auch bis fast Produktionsende viele internationale Preise gewonnen, war über mehrere Jahre sicherstes Auto überhaupt und wurde noch parallel zum 9-5 I gebaut und verkauft. Ich bin auch immer auf der Suche nach einem gut erhaltenen Zweit-9000er, aber die Luft wird langsam dünner, weil dieser Typ selten gut gepflegt wurde.
    Viel Glück damit Tom

  • Schöner Bericht, bei dem ich Lust bekomme, auch wieder los zu ziehen, um einen Saab zu suchen. Allerdings gibt eine Farbe, die nicht auf der Liste steht- ich verrate aber nicht welche 🙂 Viel Vergnügen mit dem Auto!

  • ….Roxette wäre doch auch gut oder? Die sind noch fleissig am musizieren…
    Wieder einmal ein grosses Dankeschön an dich Tom aus der Schweiz für dein tolles Wirken für SAAB.
    Grüsse
    Walter

  • Hallo Tom.
    Wiedermal ein schöner Bericht, über ein noch schöneres Auto. Und mit fast 20Jahren darf sich auch ein Saab den Winter über schonen!

    Dann fehlte ja auf Eurer Rückreise eigentlich nur noch eine Kassette der Drei Fragezeichen!

    VG André

    • Oder ein paar ABBA Kasetten, die hätten hervorragend gepasst 😉

      • Waterloo….

  • So ein tolles Auto! Gratuliere, da hätte ich auch nicht widerstehen können, denke ich.

    Ich habe bis heute nicht begriffen, wozu Winterwagen gut sein sollen.

    Ich habe bei meinen Autokäufen “bei meinem ureigenen Lastenheft für geeignete Autos im Geiste” als wichtiges Kriterium immer den Winter eingeplant, also das Auto muß einen verschneiten Berg hinaufkommen können, sonst in den Alpen nicht zu gebrauchen. So sind viele Marken wie BMW und Mercedes früher auch Volvo immer sofort aus dem Kaufraster rausgefallen. Ein Auto, das nur bei trockener Straße gut ist, kann ich nicht gebrauchen. Was mache ich denn bei Rückfahrt von einer Dienstreise, wenn sich die Witterung ändert, wie gerade jetzt? BMW oder Mercedes stehen lassen beim Kunden? Mit der Bahn zurück und das Winterauto holen 😉

    • Die Definition von Winterwagen ist meines Wissens nach eine andere. Dabei steht mehr im Vordergrund, daß der Wagen anspruchslos ist und nicht allzusehr behütet werden muß. Ein Bekannter von mir (der mich gelegentlich seine Hebebühne nutzen lässt) fährt im Sommer einen T5-Transporter mit einigen Verschönerungen und Sonderausstattung, für den Wintereinsatz ist der ihm aber zu schade (Streusalz, Glätteunfälle, etc.). Deshalb fährt er im Winter einen günstig gekauften Gebrauchtwagen – vor zwei Jahren einen Audi 80 Kombi, letztes Jahr einen Ford Escort. Kostet kaum was, wird nur minimal gewartet, und wenn der TÜV fällig wird, kommt er in die Verwertung Überlebt er nicht bis zum TÜV, ist der wirtschaftliche Verlust minimal.

      Das widerspricht natürlich komplett dem, wie SAAB-Fahrer ihr Auto sehen. Und deshalb sage ich auch, daß für diese Art Einsatz der oben beschriebene SAAB Verschwendung wäre.

  • Donnerwetter… alle Achtung, wirklich, ein toller Wagen. Da lässt sich der fehlende Turbolader wohl verschmerzen. Und ein Kassettenradio – naja, das alleine wäre für mich schon ein Kaufgrund, weil ich noch das ein oder andere Handschuhfach voller Kassetten aus meinem 405 gerettet habe.

    Ich sehe ihr hattet euren Spaß bei der Zeitreise… inclusive Mobiltelefon aus den 90ern 🙂 Übrigens, vor ca. 5 Jahren hatte ich mir von Volvo einige Prospekte schicken lassen. Auf der Ausstattungsliste stand – Achtung! – ein Autotelefon! Mit Hörer und Wähltastatur. Es stellte sich dann bei näherem Hinsehen heraus, daß man anscheinend das eigene Handy (falls Bluetooth-fähig) über diese Garnitur bedienen konnte.

    Freue mich schon auf den Fahrbericht…

    PS: Winterwagen sind per se nichts schlimmes – aber das wäre für dieses Exemplar Verschwendung.

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