Saab Turbo Family

Die Prototypen-Kreativität von Saab – der Weg zum Saab 99

Entwickelt eine Automobilfirma ein neues Modell, so geschieht dies unter höchster Geheimhaltung. Schließlich soll nicht nur der Verkauf des aktuellen Modells nicht einbrechen, sondern auch ein gehöriger «Wow»-Effekt bei der Präsentation des Neuen erzielt werden. So geschah es Anfang der ’60er-Jahre auch bei Saab, als man dem bereits seit rund 15 Jahren produzierten Typ 95/96 (als 92 vorgestellt und später zum 93 weiterentwickelt) ein neues, größeres und moderneres Modell zur Seite stellen wollte: den späteren Typ 99.

Der verständlichen Geheimniskrämerei steht aber das Problem gegenüber, dass das neue Modell im Maßstab 1:1 auf öffentlichen Straßen, im Alltag und unter verschiedensten klimatischen Bedingungen erprobt werden muss. Die Automobilfirmen lassen sich dazu allerhand an Tarnungen oder gar Irreführungen einfallen.

Saab war diesbezüglich besonders kreativ, wie ich finde.

Saab Paddan, Prototypen Kreativität von Saab
Saab Paddan, Prototypen Kreativität von Saab

Die Prototypen-Kreativität von Saab – der Weg zum Saab 99

Als man in einer ersten Phase die Motoren sowie die Bodengruppe mit den Fahrwerksteilen erproben musste, stülpte man «einfach» die Karosserie eines Typ 96 darüber. Das Wort «einfach» steht deshalb in Anführungszeichen, weil dies weit komplizierter war: Der neue Typ 99 war nämlich deutlich breiter!

In konkreten Zahlen waren dies zwar «nur» 11 cm. Aber da die Räder auch weiter außen als beim Typ 96 montiert waren, war dessen Karosserie rund 20 cm zu schmal.

Saab schnitt also für diesen als 96 getarnten 99-Prototypen eine 96er-Karosserie der Länge nach auf und setzte einen rund 20 cm breiten Blechstreifen ein. Das Resultat (hier mit demontierter Fronthaube, um den Blick auf den Motor freizugeben) sieht so aus:

Sieht aus wie ein 96er: Getarnter Saab 99 Prototyp
Sieht aus wie ein 96er: Getarnter Saab 99 Prototyp

«Paddan» ist schwedisch und heisst auf Deutsch «die Kröte» – es war die Saab-interne Bezeichnung für diesen Prototypen, wohl deshalb, weil das Auto so breit und fett auf der Strasse hockt wie eine Kröte. Bei Front- und Heckscheibe ging das mit dem Aufschneiden und Einsetzen nicht mehr so problemlos.

Zwar konnte die Heckscheibe aus Plexiglas gefertigt werden – bei der Frontscheibe verbot sich dies aber aus Sicherheitsgründen. Man schnitt also zwei Frontscheiben jeweils 10 cm neben der Mitte entzwei und setzte die jeweils breiteren Hälften zusammen. Die vertikale Fuge zwischen den beiden Hälften wurde mit Kitt gefüllt, was 1965 (dem Jahr, in dem der Prototyp gebaut wurde) noch nicht einmal so sehr auffiel.

Schließlich hatten auch die Typen 92 und 93 noch eine geteilte Frontscheibe.

Man hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt …

Von der Seite war «Paddan» nicht von einem normalen 96 zu unterscheiden, von schräg vorn oder schräg hinten betrachtet fiel die Überbreite nicht auf den ersten Blick auf. Exakt in der Längsachse sah «Paddan» zwar grundsätzlich ebenfalls gleich aus wie ein 96, aber ohne das Hintergrundwissen wird man das seltsame Gefühl nicht los, dass bei diesem Auto «irgendetwas nicht stimmt»…

Irgendetwas stimmt mit diesem Auto nicht
Irgendetwas stimmt mit diesem Auto nicht

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Auto, das rund 15 Jahre später nach dem gleichen Strickmuster entstand (wenn auch aus völlig anderen Motiven): der Artz-Golf des Autohauses Nordstadt aus Hannover: ein als Golf I getarnter Porsche 928, der 21 cm breiter (und 30 cm länger) als ein normaler Golf I war (Link).

Zurück zu Saab. Die Entwicklung des 99 schritt voran, das endgültige Design stand fest und musste 1967 erprobt werden. Ein optisch fertiges Auto in der Öffentlichkeit zu bewegen, ist natürlich ein noch größeres Risiko, von sog. Erlkönig-Jägern entdeckt bzw. enttarnt zu werden.

Autofirmen behelfen sich dabei oft mit irgendwelchen unförmigen, verfremdenden Karosserie-Anbauteilen, welche sie dem Prototypen «anpappen», was den Nachteil einer ebenso verfremdeten Aerodynamik mit sich bringt. Oder aber sie folieren das Auto so, dass z.B. die Fensterformen verfremdet werden – teilweise sind auch Folien mit beinahe psychedelisch anmutenden Mustern im Einsatz.

Selbstredend werden in jedem Fall sämtliche «verräterischen» Markenembleme entfernt.

Daihatsu – ziemlich gebastelt wirkend

Hier setzte Saab an. Immerhin hatte man den Vorteil, dass vermutlich kaum jemand ahnte, dass Saab ein komplett neues Auto entwickelte. Viel eher rechnete man wohl mit einer weiteren Überarbeitung des 96, nicht aber mit einer zweiten Modellreihe. Saab entfernte also nicht nur alle Markenembleme des Prototyps, sondern legte darüber hinaus auch noch eine falsche, aber äußerst originelle Spur: Auf der Motorhaube prangte nämlich der Schriftzug «Daihatsu» – ziemlich gebastelt wirkend zwar (was er ja auch war!), aber eben auch überzeugend.

Nun muss man wissen, dass die japanische Automarke Daihatsu erst Ende der ’70er-Jahre überhaupt auf dem europäischen Markt in Erscheinung trat; die Marke war also höchstens einigen wenigen «Petrol-Heads» bekannt. Und zu einem Zeitpunkt (Ende der ’60er-Jahre), als Honda als erste japanische Marke überhaupt, gefolgt von Toyota, in Europa Fuß zu fassen versuchte, war es natürlich durchaus glaubwürdig, dass auch die kleine Marke Daihatsu solches im Sinne hatte.

Hier der fertige, neue Daihatsu – aehm… Saab 99:

Der neue Daihatsu, oder der neue Saab?
Der neue Daihatsu, oder der neue Saab?

Und der erwähnte Schriftzug auf der Motorhaube:

"Daihatsu" Schriftzug auf Schwedisch
“Daihatsu” Schriftzug auf Schwedisch

Offenbar war der Entwicklungs-Etat des 99 komplett aufgebraucht, denn man setzte den Schriftzug aus den Buchstaben zusammen, die man hausintern im Regal fand: «saab sport». Die Buchstaben «i», «h» und «u» mussten mit Säge bzw. Feile nachbearbeitet. Die übrigen Buchstaben konnten einfach aus dem hauseigenen Schriftzug übernommen werden (das «d» ist das kopfstehende «p»…)

Hier zur Veranschaulichung der originale Schriftzug:

Buchstabenspiele, der "Saab Sport" Schriftzug
Buchstabenspiele, der “Saab Sport” Schriftzug

Ein weiteres, wunderbar originelles Beispiel der Kreativität von Saabs Ingenieuren, finde ich!

Wie könnte Saab zur Marke Daihatsu gekommen sein?

Bleibt die Frage, wie denn die Saab-Leute auf diese, in Europa damals noch völlig unbekannte Marke gekommen sind. Eine mögliche, vielleicht etwas spekulative Antwort fand ich wenige Tage nach meinem Besuch im Saab-Museum (wo die beiden obigen Prototypen stehen) auf meiner Weiterreise nach Gotland. Dort, ca. 5 km südlich der gotländischen Hauptstadt Visby in einem kleinen Ort namens Vibble, gibt es ein privates «Bil-Museum», untergebracht in diversen Scheunen.

Ein Besuch lohnt sich unbedingt, viele Exponate (auch viele alte Traktoren und Fahrräder sind ausgestellt) sind unrestauriert oder, wie es die Franzosen ausdrücken: «dans so jus» und trotzdem oder gerade deshalb sehr sehenswert. Und eines der restaurierten Fahrzeuge ist…:

Ein Daihatsu!

Ein Daihatsu, diesmal aber wirklich
Ein Daihatsu, diesmal aber wirklich

War dieser Daihatsu der Ideengeber?

Glaubt man der Beschriftung des Museums (daran zu zweifeln hatte ich keinen Anlass), so kamen nur gerade zwei Exemplare dieses Wägelchens im Jahre 1964 nach Schweden – weshalb und auf welchen Wegen ist wohl nicht mehr bekannt.

Sie versahen zunächst ihren Dienst bei einem Paket-Zusteller in Kalmar, wobei eines der beiden Autos ein eher unrühmliches Ende fand: spielende Kinder sollen die Handbremse gelöst haben, wobei das Auto dann in einen Kanal rollte und dabei Totalschaden erlitt (über das Schicksal der Kinder ist nichts bekannt).

Das verbleibende Auto kam nach Gotland, wo es dazu verwendet wurde, Liegestühle an den Strand zu transportieren – es ist das hier abgebildete Auto. Auf den ersten Blick gleicht das Auto formal und größenmäßig einem aktuellen Piaggio Porter (dem quasi-Nachfolger der dreirädrigen Ape).

Fun Fact: Der Piaggio Porter basiert weitgehend auf dem Nach-Nachfolger dieses Daihatsu, ist also eine Art Lizenzproduktion!

Dieser Daihatsu ist aber nirgendwo auf der Karosserie als solcher angeschrieben, es war also höchstens Insidern bekannt, um welche Automarke es sich hierbei handelt. Die Stadt Kalmar liegt knapp 400 km westlich von Trollhättan an der Ostseeküste.

Gut möglich also, dass einer der Saab-Entwicklungsingenieure diesem Wägelchen begegnet sein könnte und den Markennamen für seinen 99-Prototypen vorübergehend annektierte…

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2 Comments
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Der Lizi
3 Stunden zuvor

Wieder eine dieser zauberhaft drollig-trolligen Geschichten. Danke Tom.

Tom
Admin
2 Stunden zuvor
Reply to  Der Lizi

Ist nicht von mir. Ist von Andreas Marazzi.