Die Alfetta verbraucht 12 Liter – geht in Ordnung, sagt Alfa Romeo
Diskussionen über Verbräuche und Ressourcenverschwendung gab es schon immer. Allerdings wurden die vor 50 Jahren nicht so engstirnig und ideologisch wie heute geführt. Es gab eine richtige Diskussionskultur, die ihren Namen verdiente. Sie war ergebnisoffen und konnte humorvoll Selbstbetrug entlarven und benennen.
Damit tun wir uns besonders schwer und Werbung, wie sie Alfa Romeo 1974 für die Alfetta schaltete, wäre heute unvorstellbar. 12 Liter Verbrauch sind ehrlich, sagt der Hersteller. Denn Deutschlands Autos saufen heimlich und spricht Tatsachen an, die Jahrzehnte später ihre Gültigkeit nicht verloren haben.

Die Alfetta verbraucht 12 Liter – geht in Ordnung, sagt Alfa Romeo
Vermutlich wurde bei keiner anderen Sache so viel beschönigt wie bei Verbrauchswerten von Autos. Das, was vermutlich zum Dieselskandal führte, hatte lange Tradition. Normen, jenseits der Realität, Fahrzyklen, die nur unter optimalen Bedienungen nachstellbar sind. Dafür schöne Verbrauchsangaben in Prospekten, welche die Kunden fast nie erreichen würden.
Das alles klingt bekannt und ist heute nicht viel anders. Elektroautos verbrauchen mehr Energie als eigentlich angegeben, die Reichweiten sind geringer als erhofft und der Verbraucher sieht dahinter ein Naturgesetz. Er regt sich nicht auf, denn er kennt das ja aus Verbrennertagen, als die Angaben ebenfalls überoptimistisch waren.
Dass es bereits vor 50 Jahren so war, erstaunt dann doch. Alfa Romeo schaltet 1974 eine Anzeige, in dem der Importeur den eigenen Normverbrauch infrage stellt. Humorvoll, denn man soll den eigenen Vertrieb besser nicht fragen, der würde einen mit der Wahrheit belügen.

Die Wahrheit ist, dass die nach der deutschen Industrienorm gemessenen Verbräuche nichts mit dem Alltag zu tun haben. In der Preisliste ist die Alfetta mit 8,925 Litern angegeben. Mit Freude gefahren, was man bei einem Alfa Romeo erwartet, wären es aber rund 12 Liter.
Warum es so ist, erklärt der Hersteller, in dem er lustvoll die deutsche Industrienorm seziert. Die geht nur bei Windstille und bei gewissen Temperaturen in Ordnung. Dann sollte die Straße gerade und trocken sein und generell wären die so mühevoll zusammengezuckelten 7,6 Liter auf 100 Kilometer eine todtraurige Sache.
Der Spaß am Alfa fahren würde sicher auf der Strecke bleiben. Und der Autospaß ist ein Faktor – der in keiner Rechnung vorkommt.
Die Alfetta war eine Mailänder Fahrmaschine
Die Werbung, die zum Spaß am Auto aufruft und die Verbrauchswerte in die Realität holte war vor einem halben Jahrhundert akzeptiert. Wer skeptisch die Augenbrauen hebt, dem muss gesagt sein, dass die Alfetta eine Legende war, die zum Fahrspaß verführte.
Mit einer perfekten 50:50 Gewichtsverteilung, Alfa baute das Getriebe vor der Hinterachse ein, erreichte die Limousine aus Mailand ein neutrales Fahrverhalten. Die hinteren Scheibenbremsen waren innen liegend, was für eine Reduktion der nicht gefederten Masse sorgte und die Wartungskosten in die Höhe trieb. Die drehfreudigen Alfa Maschinen leisteten ab 120 PS aufwärts, das Getriebe zu schalten, war eine Freude und der Klang aus der Abgasanlage eine Ode an die Fahrfreude.
Generell wäre die Alfetta ein enormer Erfolg geworden, denn die Euphorie der Motorpresse bei ihrem Erscheinen 1972 war enorm. Doch dann holte die Wirklichkeit die sportliche Limousine ein, und die hatte nichts mit dem tatsächlichen Verbrauch oder den Werten im Prospekt zu tun.
Die Alfetta war lausig zusammengebaut, was zu mangelnder Zuverlässigkeit führte. Große Probleme mit der Korrosion kamen hinzu und holten die Mailänder Fahrmaschine zurück auf den Boden. Was toll und durchdacht konstruiert war, mit viel Liebe zur Marke, das scheiterte an den Nachlässigkeiten der Produktion. Da blieb der 12 Liter Verbrauch nur eine Fußnote einer traurig endenden Geschichte.
Das hat ja wirklich eine lange Tradition bei deutschen Autos, diese geschummelten Verbräuche. Aber ehrlich, hat gemals jemand von uns daran geglaubt? Ein Drittel draufrechnen erschien mir immer realistisch. Bis ich meinen ersten 9000er besaß. Da stimmten die angegebenen Verbräuche plötzlich. Komisch.
Mein heutiger 9-5 1,9 TID Hirsch mit Automatik ist mit 7,8 im Durchschnitt angegeben. Schaffe ich nie! Trotz Fahrspass – ich verbrauche immer einen Liter weniger.
Vielleicht bin ich ja nur alt geworden? Obwohl, mein erster 9000 ist ja auch schon über 30 Jahre her
Ich glaube heute wäre der Text für eine Werbung viel zu lange.
Glaube ich auch. Der Leser würde nach wenigen Zeilen abschalten. Vor Jahrzehnten war das anders.
Langatmig- aber unheimlich ehrlich.