Volvo 144 – das war Sicherheit aus Schwedenstahl

Volvo, die große schwedische Marke, war immer erfolgreicher als Saab. In der Heimat mit kleinen Schwächephasen und in Deutschland durchgehend. Der Blick von Saab Deutschland richtete sich jahrelang von Frankfurt nach Dietzenbach. Mal versuchte man mit abgeworbenen Volvo-Managern deren Erfolge zu kopieren, meist aber beschritt man eigene Wege.

Dass die Stückzahlen, die Volvo in Deutschland absetzte, Saab geärgert haben müssen, ist klar. Aber warum konnte Volvo so viele Erfolge einfahren? Eine Erklärung liefert die historische Autowerbung. Hier war die Marke aus Göteborg konsequent und klar positioniert. Das Thema Sicherheit besetzte man sehr früh und lies wenig Raum für den kleineren Marktbegleiter.

Der Volvo 144 - Sicherheit aus Schwedenstahl
Der Volvo 144 – Sicherheit aus Schwedenstahl

Der Volvo 144 – Sicherheit aus Schwedenstahl

Einer der besten Werbeslogan, die Volvo je auf dem deutschen Markt platzierte, war Sicherheit aus Schwedenstahl. Er wurde zu einem Synonym für eine ganze Generation von Autokäufern, die Sicherheit und Schweden fortan mit Volvo verbanden. Die harten Fakten lieferte der Hersteller 1972 in einer farbigen Anzeige gleich mit.

Der Volvo 144, so war zu lesen, verfügt in Serie über eine Sicherheitszelle aus 1,44 mm starkem Schwedenstahl, eine überrollsteife Dachkonstruktion, außerdem eine Sicherheitslenkung und ein Sicherheitsfahrwerk, eine Frontscheibe aus Verbundglas und vieles mehr.

Das war damals eine Ansage. Sicherheitsglas ließ sich Opel (Link) auch Jahre später noch per Aufpreis bezahlen und spielte ein zynisches Spiel mit der Gesundheit seiner Kunden. Die Blechstärke sortierte so gut wie allen Marktbegleiter aus Italien, Großbritannien und Frankreich aus und auch die Massenhersteller wie Ford fielen bei der Stärkemessung durch.

So blieb am Ende nur Saab als Mitbewerber übrig, der Saab 99 (Link) kann alles, was der Volvo auch bietet, vielleicht ist er sogar besser. Aber das Werbefeld mit der Sicherheit aus Schwedenstahl hat Göteborg besetzt und eine wir können das auch Geschichte möchte Saab nicht sein. Also überlässt man, mit wenigen Ausnahmen, das Feld dem großen Marktbegleiter.

Historische Werbung für den Volvo 144
Historische Werbung für den Volvo 144

Die weichen Fakten der Volvo Werbung

Allerdings verlässt sich Volvo nicht allein auf die harten Fakten. In den Hintergrund der historischen Anzeige setzt man eine werdende Mutter, die offensichtlich sehnsuchtsvoll aus dem Fenster ihres schwedischen Landhauses schauend auf den nahenden Gatten wartet. Der fährt natürlich einen Volvo 144 – die junge Frau kann daher völlig entspannt bleiben.

Rückblickend könnte man den 144 nur als eine langweilige Limousine einordnen. Der 1,8 Liter Motor produzierte wahlweise 75 oder 90 PS, was schon damals keineswegs sportliche Fahrleistungen ermöglichte. Aber der 144, von dem die Marke 523.808 Exemplare herstellte, war historisch bedeutend.

Für Göteborg war er eine Art Dauerbrenner. 1966 vorgestellt wurde er bis 1974 produziert und lebte dann in der 240 Serie bis in die frühen 90er-Jahre fort. Auch heute assoziiert man ihn sofort mit Volvo, hat aber den 144 schon lange vergessen und sieht in ihm spontan einen frühen 240er. Das ist ungerecht, denn der 144 punktete in vielen Disziplinen. Mit ihm führte Volvo Knautschzonen vorn und hinten ein, der Innenraum war erstmals unter Sicherheitsaspekten optimiert, es gab Sicherheitsgurte für Fahrer und Beifahrer und vier Scheibenbremsen rundum.

Der 144 war ein innovativer Meilenstein aus Schweden, der Zeit und den Marktbegleitern voraus. Der Slogan Sicherheit aus Schwedenstahl überlebte den 144 um etliche Jahre, er war ein Geniestreich der Marketing Agentur.

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Volvaab Driver
Volvaab Driver
2 Jahre zuvor

Nicht gerade sportlich (Nachtrag)

Diesen Ruf hat der 140er tatsächlich weniger seinen Mitbewerbern sondern interner Konkurrenz zu verdanken.

Bei seiner Vorstellung 1966 mit B18A & B18B Motoren kannte man die schon aus Buckel und Amazone. Die hatten mit dem rund 300 Kg leichteren Buckel im Wortsinn leichtes Spiel und in diesem ganz andere und richtig gute Beschleunigungswerte erzielt.

Die Amazone hatte zwar gegenüber dem Buckel an Gewicht zugelegt, war gegenüber dem 140er noch immer zweifach im Vorteil. Sie hatte auch den deutlich kleineren Querschnitt und wohl auch die bessere Aerodynamik, beschleunigte besser und erreichte bei gleicher Motorisierung eine 5 bis 10 km/h höhere Endgeschwindigkeit. Das blieb auch bis zu ihrem Produktiosende (1970) so, weil Volvo die neuen B20 für den 144 an sie durchgereicht hatte.

Das hat einen 144 zwar nicht langsamer gemacht, ihm aber die motorjournalistische Kritik und Häme eingebracht, “unsportlicher” als sein eigener Vorgänger zu sein – was ja auch stimmte und mancher Käufer nicht anders sah. Sportlich orientierte Volvofahrer griffen lieber zur Amazone, so lange sie noch parallel verfügbar war …

Nichtsdestotrotz ist ein 144 spätestens mit dem B20E und 125 PS seiner Zeit durchaus ein flottes Auto gewesen. Man darf nicht vergessen, dass sich Luxuslimousinen und selbst Sportwagen damals daran abgearbeitet haben, die 200 zu knacken, dass Exemplare, die das konnten von der Presse gefeiert wurden, als wären das neue Rekorde für Landfahrzeuge. Dass massenhaft Autos produziert wurden, die sich mit Höchstgeschwindigkeiten zwischen 105 und 135 km/h begnügten. Da war ein 144 schon auch flott, selbst wenn er mit der Topmotorisierung “nur” 175 km/h schaffte. Vielleicht war es ja sogar doch auch sportlich?

Einen Saab 99 EMS mit 110 PS und 170 Km/h + von 1974 haben wir hier zumindest kürzlich gefeiert. Ist doch ein guter und gültiger Maßstab, finde ich 😉

Volvaab Driver
Volvaab Driver
2 Jahre zuvor
Reply to  Tom

🙂 wirklich witzig ist ja, dass der 144 in Sachen Fahrleistungen tatsächlich markenintern rückschrittlich war. Darauf kam es mir noch mehr an, als ihn zu rehabilitieren …

Von der Straßenlage ganz zu schweigen. Der 144 stand bei Einführung auf der Plattform der viel kürzeren und auch schmaleren Amazone. Spur und Radstand wurden einfach übernommen, Radstand immerhin bald um 20 mm verlängert. Der wirklich große Wurf von Volvo war die rund 10 Jahre ältere Amazone.

Die fuhr auch in der selben Klasse, wie später der 99, sieht aber zu sehr nach 1950ern aus, um sie zu einem Vergleich heranzuziehen und fand nach Einstellung ihrer Produktion (logisch) auch erst wieder in Oldtimerzeitschriften motorjournalistische Beachtung. Dabei ist sie der heimliche Star der Volvo-Story und steckt in gewisser Weise unter dem 140er, dem P1800 und streckt ihre Gene über mehrere Generationen und Dekaden bis in die 240er und die 1990er. Das ist die eigentliche Sensation aus meiner Sicht.

Gleichwohl waren die Bremsen des 140 sensationell und im 240 der Insassenschutz auf Fort Knox Niveau. Da waren schon auch Fortschritt und Innovationen nach ihr. Aber auf ihrer Plattform hat sich Volvo auch ein Stück weit ausgeruht. Sie war eben echt gut gemacht.

Volvaab Driver
Volvaab Driver
2 Jahre zuvor

Höchstform

Genau mein Thema, mein erstes Auto. Tatsächlich ganz genau dieses. Also ein 144 von 1972 in diesem “gelb”, für das ich noch immer keinen Namen weiß …

Die Farbe war schon 1972 nicht wirklich schön, als ich mir auf dem Rücksitz noch in die Windel machte. 1988 noch immer nicht, als ich ihn selbst fuhr. Für mich ist das noch immer senf-gelb und noch immer nur mittelscharf.

Aber wie dem auch sei, meines Wissens hatte der 1.8 Liter 1972 komplett und längst ausgedient. Der 144 hatte spätestens 1972 weltweit ausschließlich 2,0 (B20A – B20F) und als solcher mindestens 82 und maximal 125 PS.

Den B18A (75 PS mit Einfachvergaser) oder B18B (95 mit Zweifach) aus der Amazone und dem Buckel gab es da für den 144 schon längst nicht mehr. Diese Motoren sind meines Wissens zuletzt im August 1967 verbaut worden.

Aber gut, ein Kubikzentimeter oder PS hin oder her. Die Bremsen sind endgültig der Hammer. Die Sattel waren noch nicht schwimmend gelagert. Deshalb gab es Kolben auf beiden Seiten. Das sind dann tatsächlich 8 an der Vorderachse und 4 hinten. So ein 140er oder 160er hatte tatsächlich 12 Bremskolben und man konnte bei jedem Tempo und jeder Beladung mühelos die Räder blockieren. Das galt damals was, galt als sicher. ABS kam später, war auch überflüssig, so lange die Bremsen der meisten Hersteller noch gar keine Vollbremsung geschafft haben …

Fühle mich heute wieder in so einem Volvo sicher. Mein 164E hat zwar knapp doppelt so viel PS, wie der 144 mit B20A, aber er hat die gleichen Bremsen. Mehr Bremsleistung (als jederzeit blockieren zu können) geht einfach nicht. Der Rest liegt dann am Fahrer oder den Assistenten. Wie dem auch sei, 140er Volvos oder der Volvo 164 waren schon auch Meilensteine.

Meine Wahrnehmung ist, dass Saab Volvo überholt hat. Deshalb fahre ich auch einen alten Volvo und einen “neuen” Saab 😉

Volvaab Driver
Volvaab Driver
2 Jahre zuvor
Reply to  Tom

Man muss da immer aufpassen, welche PS es damals waren. Meine Angaben sind nach DIN. Nach SAE hatte der 144 sogar bis zu 135 PS. Deine 130 sind genau dazwischen. Da hat wohl mal jemand irgendwo den Mittelwert zwischen DIN und SAE in die Geschichtsbücher geschrieben …

Ist sehr pragmatisch, stiftet aber Verwirrung. Ich habe die originalen Werkstattunterlagen in Ringordnern. Sogar einer der Ordner selbst ist noch original.

Die stärkste Version der Serie war der B20E (Bosch D-Jetronic) mit 125 PS nach DIN. Es gab darüber hinaus aber Volvo-R-Sport Versionen – quasi Volvo AMG. Wenn ich es richtig im Kopf habe, dann hatten die 2,2 statt 2,0 Liter und zwei 45er Webervergaser. Die kamen dann tatsächlich und schon lange vor Saab auf 160 PS (nach DIN) – anders als mein 164 aus nur 4 Töpfen.