Zukunft – nachhaltiges Benzin aus erneuerbaren Quellen
Die Diskussion um die Mobilitätswende wird erschreckend eindimensional geführt. Deutschland, das Land der Erfinder, das war wohl einmal. Statt mit Mut und Kreativität voranzugehen, lautet das Mantra “Elektroauto”. Ausschließlich, alternativlos scheinbar. Dabei gibt es durchaus Alternativen, um den CO2 Abdruck zügig zu reduzieren. Denn es ist vor allem die Schnelligkeit, mit der wir reagieren, die der entscheidende Faktor im Kampf gegen die Klimaveränderung sein wird.

Leider spielen die Alternativen in der öffentlichen Diskussion keine Rolle, und auch die Politik glänzt durch Mutlosigkeit. Zum Glück ist dies nicht überall in Europa so. Eine Sonderrolle nimmt Skandinavien ein. In Schweden zum Beispiel kann man an vielen Zapfsäulen HVO Diesel tanken. Der Kraftstoff aus regenerativen Quellen ist von den meisten Herstellern abgesegnet und keine Besonderheit mehr.
Der Kraftstoff ist nachhaltig, er hat mit fossilem Diesel nichts zu tun. Denn er stammt zu größten Teilen aus industriellen Produktionsrückständen, die sonst entsorgt würden.
Nachhaltiger HVO Diesel
Die Liste der Zutaten liest sich abenteuerlich. Frittierfett, Fettsäure Destillat, Schlachtabfälle oder auch technisches Maisöl aus der Äthanol Herstellung gehören dazu. Marktführer bei der Herstellung von nachhaltigem Diesel ist der finnische Raffinerie-Konzern Neste. Er stellt 2,7 Millionen Tonnen im Jahr her, die anderen skandinavischen Mitbewerber kommen zusammen auf 2 Millionen Tonnen.

Das ist global gesehen nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Im Gegenzug werden pro Jahr weltweit 4.200 Tonnen Erdöl nachgefragt. Nachhaltiger Diesel von Neste macht im Vergleich weniger als 1 Promille der Menge aus.
Doch es ist ein Anfang, und die Branche für alternative Kraftstoffe hat dazugelernt. Zog man vor Jahren mit der Herstellung grüner Kraftstoffe aus Grundstoffen der Lebensmittelproduktion den Zorn der Umweltschützer auf sich, perfektioniert man nun die Verarbeitung von Reststoffen aus der Industrie. Neste gibt den Anteil erneuerbarer Energieträger bei der Produktion von HVO Diesel mit 100 % an, Luft nach oben bleibt da keine mehr.
Nachhaltiges Benzin
Das neueste Produkt der Finnen ist nachhaltiges Benzin. Als Ersatz für fossile Energieträger erprobt Neste gemeinsam mit der Volvo Tochter Powertrain Engineering Schweden die Einführung von nachhaltigem Benzin. Verläuft der Test erfolgreich, dann kommt es zu größeren Feldversuchen. Ähnlich begann man vor Jahren mit der Einführung von nachhaltigem Diesel.
Wie beim HVO Diesel wird der Kraftstoff weitgehend aus Abfällen gewonnen. Anbieter Neste verspricht eine Verminderung der CO2 Emissionen im direkten Vergleich zum fossilen Energieträger um 65 %, Ziel sind 90 %. Damit läge ein Verbrenner auf dem Niveau eines Elektroautos.

Die Idee des nachhaltigen Benzins klingt bestechend einfach. Existierende Fahrzeuge könnten länger genutzt werden, und für die Umwelt ist jedes nicht neu produzierte Auto ein Gewinn. Die bestehende Infrastruktur zur Distribution ist vorhanden, die Minderung des CO2 Ausstoßes würde umgehend und im großen Maße stattfinden. Ein Joker im Rennen gegen die Zeit, wo jeder Vorteil zählt.
Doch es gibt auch Fragezeichen. Die sind weniger technischer Art. Das nachhaltige Benzin von Neste erfüllt die Kraftstoff Norm EN228 und könnte sowohl in älteren wie modernen Verbrennern und Hybrid Fahrzeugen zum Einsatz kommen. Eine offene Flanke ist die Produktion in ausreichender Menge. Zwar sind Raffinerieprojekte von Anbietern wie Total oder ENI in Planung, Bau oder bereits fertiggestellt. Aber für eine größere nachhaltige Produktion im Sinn der Umwelt benötigt man eine breitere Rohstoffbasis.
Problem Rohstoffbasis
In Skandinavien macht Neste kreativ auf dieses Problem aufmerksam. An Weihnachten wirbt man zum Beispiel um den Speck vom Weihnachtsschinken, den Verbraucher meist wegschneiden und entsorgen würden. Aus ihm wird Weihnachtsdiesel, doch das ist höchstens eine charmante Marketingidee. Am grundsätzlichen Problem ändert sich dadurch nichts.

Es fehlen nicht nur in Skandinavien die geschlossenen Kreisläufe für eine nachhaltige Wirtschaft, die Abfallprodukte nicht entsorgt, sondern sie als Energieträger zu einem realen Preis der weiteren Verarbeitung zuführt. Ein generelles Umdenken ist nötig für die Realisierung. Dann könnte man auch die Kosten für die Herstellung in den Griff bekommen. Denn die sind ein weiteres Problem.
Die aktuellen Kosten der Herstellung von nachhaltigen Kraftstoffen sind immer noch höher als von fossilen Brennstoffen. Es ist unklar, ob Kunden europaweit und im größeren Maßstab einen Aufpreis für nachhaltigen Kraftstoff im Tank ihres Autos zahlen würden.
Hier fehlt die staatliche Steuerung, auch in Skandinavien. In Finnland ist fossiler Diesel rund 15 % günstiger als HVO Diesel aus nachhaltiger Quelle. Eine europaweite, breit gefächerte Strategie im Sinne der Umwelt, die zu einer Förderung nachhaltigen Benzins und zur raschen Minderung der CO2 Emissionen führen würde, fehlt trotz aller Ansätze.
Um den Klimawandel zu mindern, ist es nötig, alle Optionen zu spielen. Nur auf eine Karte zu setzen wird nicht ausreichen. Verbrenner können mit nachhaltigem Benzin sofort eine Umweltbilanz auf dem Niveau erreichen, das man Elektroautos zuschreibt. Die Schaffung von geschlossenen Kreisläufen zur Nutzung von Abfallstoffen kann nur im Sinne des Planeten und der Schonung von Ressourcen sein.
Mit Bildmaterial von Neste Oyj
Ist schade, dass dieser Kraftstoff faktisch chancenlos ist. Ich glaube aber, die Mehrheit hat sich mit “elektrisch” abgefunden. Wenn der Staat Geld dazu gibt, dann wird alles kritiklos hingenommen.
Man sieht es ja selbst hier. Keine lebhafte Diskussion (obwohl der Beitrag gut geschrieben ist), das Thema ist nur noch für Randgruppen gut. Der Rest zieht die Elektroautokarte.
Ja, der Artikel ist hochinteressant. Ich glaube, hier findet keine wirkliche Diskussion mehr statt, weil wir das Elektrothema schon seit Wochen und Monaten anhand von sehr interessanten Beiträgen durchgesprochen haben, das Meiste ist gesagt und wir sind uns weitgehend einig. Ist keine Lösung, aber super Geschäftsmodell.
Das Volk füttert man über längere Zeit mit immer den gleichen Nachrichten und irgendwann folgt es! Konnte man auch gut beim Thema Corona und der einseitigen Berichterstattung beobachten. Da ist auch nicht alles sauber gelaufen, ist aber hier kein Thema – keine Politik!
“Denn es ist vor allem die Schnelligkeit (…)”.
Das ist für mich mal wieder so ein Schlüsselsatz, welche sich hier auf dem Saabblog immer wieder finden.
Die so genannten Kippfaktoren, etwa der Schwund rückstrahlender Eismassen in Gebirgen oder den Polarregionen (unter anderem), lassen uns wenig Zeit.
Die Kippfaktoren sind nicht etwa ein Kippschalter, den wir noch nicht umgelegt hätten. Dieses Bild wäre falsch und insofern ist der Begriff (Kippfaktor) wohl auch nicht gut gewählt.
Längst sind die Kippfaktoren am Klimawandel beschleunigend beteiligt. Die Rückstrahlung von Sonnenenergie nimmt jährlich ab. Moore trocknen aus, Permafrostböden tauen auf und setzen Methan frei.
Von den Kippfaktoren kann man viel lernen.
Etwa, dass CO2 nicht der einzige Klimafaktor ist. Vor allem aber, dass wir keine Zeit haben, große CO2-Rucksäcke in Ruhe abzutragen.
Es ist kontraproduktiv, jetzt – 3 vor 12 – neue Autos und Häuser zu bauen, Häuser so zu sanieren, dass sich in X Jahren eine Einsparung ergeben wird, wir dafür aber jetzt zunächst mehr Energie aufwenden.
Um im Bild zu bleiben: 3 vor 12 braucht es Maßnahmen, die innerhalb von allerhöchstens 2 Minuten und 59 Sekunden positive Effekte zeigen. C02-Rucksäcke, die erst nach 3, 4, 5 oder 6 Minuten abgetragen sind, sind eine schwere Hypothek, die uns so von der Bank (die Mutter Erde und ihr Klima) nie genehmigt wurde …
Aber wie gesagt, von den Kippfaktoren lässt sich noch viel mehr lernen. Sie zeigen auch, wie wichtig ein lokales, wie wichtig ein Mikroklima ist. Das globale Klima ist letztlich auch nix anderes, als deren Summe.
Wir unterschätzen unseren Einfluss und unsere Möglichkeiten gewaltig. Ein banales Beispiel: Mein Garten und der meiner Eltern sind Luftlinie nur 1.500 m voneinander entfernt und in etwa gleich groß. Der eine ist im Hochsommer mehrere Grad kühler und hat nur den halben Wasserverbrauch. Nochmals besser ist es im nächsten Wald. Und die absolute Katastrophe ist der schwarz geteerte Parkplatz ohne Bäume des Supermarktes zwischen uns …
Auf diesem treffen wir uns gelegentlich, um Spiegeleier und Bratkartoffeln auf unseren schwarzen Autos zuzubereiten …
Na ja, das globale Klima ist eben die Summe lokaler Verhältnisse. Think global, act local.
Ein schwarzes EV auf der schwarzen Zufahrt im sonnigen und baumlosen, schwarzen Steingarten vor dem Eigenheim mit schwarzen Dachziegeln, ist jedenfalls keine Lösung. Nicht 3 vor 12 und nicht mit CO2-Rucksack …
Ich finde deinen Artikel ausgezeichnet. Es gibt viele Alternativen, aber diese werden einfach nicht wahrgenommen. Siehe dazu BioEthanol (E85). Leider muss man aber auch sagen, dass Diesel in Österreich extrem günstig ist, da dieser weniger besteuert wird. (Transportwirtschaft) Solange die fossilen Brennstoffe zu günstig angeboten werden, rechnen sich schwerlich alternativen.
Ach das will doch einfach niemand. Man kauft sich eine Elektrokarre und sonnt sich im “wir tun aber was für die Umwelt”
Und der Nachbar sagt zu Muttern; “siehste, die haben schon Einen” und schon ist fast wieder einer verkauft. Die Medien befeuern das ganze noch ungemein. Fussball Euro 2020 und was sehe ich andauernd? Ja, genau, die schöne, heile VW Welt!
So geht das.
Über diesen Weg der reinen Elektromobilität findet die Gentrifizierung des Individualverkehr statt. Absolut unglaublich. Das wird aber nach hinten losgehen.
Das ist ein unglaublich spannendes Produkt! Aber in Deutschland ohne Chance. Man müsste sich ja seriös mit dem Thema Kreislaufwirtschaft befassen und etwas wirklich nachhaltiges auf den Weg bringen.
Die Autoindustrie verdient daran auch zu wenig, das Mega-Autotausch Programm das aktuell läuft, bringt viel mehr auf die Konten. Also echt chancenlos.
Vielen Dank für den sehr wichtigen Artikel. Allmählich unterstelle ich dem deutschen Elektroweg einzig und allein Profitgier. Alles auf die Elektrokarte zu setzen hat nichts mit Nachhaltigkeit, geschweige denn Umweltschutz zu tun. Denn auf diesem Weg muss früher oder später jeder seinen Benziner gegen ein Elektroauto tauschen. Das steigert natürlich die Absatzzahlen. Auf jeden Fall verkauft man so mehr Autos als wenn man ein Weg finden würde auf dem Verbrenner mit Elektroautos Co-Existieren könnten.
Das scheint der vorgezeichnete Weg zu sein. Ich finde das bedenklich. Auch, weil eine Partei die für Nachhaltigkeit stehen möchte, nur diesen Weg gehen will. Scheuklappen nach jeder Seite, kein Abweichen, alternativlos.