Über 100.000 Km mit Joe (Saab 9000 CS)

Es ist nun fünf Jahre her, dass ich das letzte Mal über Joe geschrieben habe. Ja, es gibt ihn immer noch und er ist topfit! Joe ist ein SAAB 9000 CS 2.0t vom März 97. Ich habe ihn im Januar 2013 mit 170.000 Km auf dem Tacho als Teileträger (950 €) für meinen 98er CSE gekauft und es war nicht der Plan, ihn zu fahren.

Joe im Herbst 2020
Joe im Herbst 2020

Es kam anders. Ich fahre Joe seit acht Jahren, habe fast 110.000 Km mit ihm zurückgelegt und möchte ihn nicht mehr missen.

Wir haben die letzten Jahre viel zusammen erlebt und durchgemacht, dabei war er immer ein treuer Begleiter. Lange Reisen führten uns durchs Baltikum bis Lettland, Dänemark und Schweden sowieso, Belgien, Italien, Schweiz, … Ansonsten ist er zu Hause im täglichen Einsatz und muss gelegentlich auch mal einen schweren Anhänger bewegen. Die langen Dienstreisen gibt es inzwischen kaum noch.

Am 27.10.2016 früh morgens dachte ich, unser gemeinsamer Weg endet nun. Von links kam ein kapitaler Dammhirsch mit Höchstgeschwindigkeit aus einer Tannenbaumplantage und traf Joe ungebremst vorne links. Ich fuhr mit ca. 80Km/h! Der Hirsch rollte über die Motorhaube, wobei seine Schaufeln tiefe Furchen ins Blech zogen, die kurz vor der Scheibe endeten. Dann hob er ab. Der Jäger war zum Glück schnell vor Ort, um das stolze Tier zu erlösen – ein Jammer. Er hatte richtig schlechte Laune, weil er den dritten großen Hirsch innerhalb von zwei Wochen verlor, wunderte sich aber sehr, dass Joe noch fahrbereit war: „die anderen Autos sahen anders aus und fuhren auch nicht mehr“. Tja, SAAB…

Die Versicherung und deren Gutachter verhielten sehr fair bei der Werteinschätzung des alten SAAB. So konnte Joe mit einer überschaubaren Zuzahlung meinerseits sieben Wochen später repariert in sein drittes Leben starten. Glück gehabt.

Ein schwarzer Tag im Oktober 2016
Ein schwarzer Tag im Oktober 2016

Die Reparatur zog sich lange hin, da die Beschaffung eines brauchbaren Kotflügels für den 9000 heute eine fast unlösbare Aufgabe ist. Der erste ging in die Tonne, erst der zweite war brauchbar. Inzwischen habe ich einen Satz neue Kotflügel auf dem Dachboden liegen – Haben ist besser als Brauchen.

Im März 2017 führte uns eine längere Urlaubsreise bis nach Verona und zum Gardasee. Der Hinweg durch die Schweiz und zurück über Österreich, insgesamt 3200 Km, wie immer völlig problemlos. An seinem 20. Geburtstag machten wir uns von Garda wieder auf den Heimweg. Ich war auf dieser Reise wirklich erstaunt, wie die damaligen 150 PS die Alpen glattbügelten.

Die nächsten zwei Jahre verliefen ruhig. Es gab mal eine neue Wasserpumpe, einen neuen Auspuff und was sonst so im zarten Alter von 20+ an Verschleiß anfällt, alles nichts Aufregendes.

Im Herbst 2019 bahnten sich dann diverse Punkte an, die doch ins Geld gingen und einen Moment lang habe ich überlegt, ob ich diese Investitionen noch mal tätige. Mir fiel keine attraktive Alternative ein, also ans Werk: Es gab da fiese Parkplatzdellen lieber namenloser Mitmenschen, Reifen und Bremsen waren runter, ein Sattel fest, außerdem hatten Unterboden und Hinterachse mal wieder eine Rostschutzbehandlung nötig. Dazu wurden die Bremsleitungen abgenommen und die Hinterachse demontiert und konserviert, inklusive neuer Stoßdämpfer.

Das Ergebnis ist klasse. So eine neu geführte Hinterachse zusammen mit neuen Reifen auf den Aero-Felgen ist wie ein RESET auf Jahreswagenniveau. Außerdem gab es Anfang des Jahres noch einen Satz frische Fahrer- und Beifahrersitze aus dem guten B.o.W. Leder mit kleiner Laufleistung. Die bisherigen waren schon gebraucht aus einem Motorschaden und hatten jetzt mit zusammen über 400.000 Km Laufleistung ihren Dienst getan. Besonders der Fahrersitz ist überholungsbedürftig.

20. Geburtstag auf der Promenade von Garda
20. Geburtstag auf der Promenade von Garda
Dann war da noch diese italienische Geschichte. Ich bekam im Dezember 2016 das 900 II Coupe 2,0Turbo. Eine unglaublich spritzige Kombination aus tollem Turbo und wenig Gewicht – dieser Haken saß tief, sehr tief. Zweimal wurde ein italienischer 9000 Aero mit diesem Motor angeboten. Aber noch einmal von vorne anfangen? Eher nicht. Zumal der B204E in Joe bis auf das fehlende APC-Ventil mit einem entsprechenden Steuergerät baugleich ist. Und Aero-Sitze sind Geschmacksache.

Es gab dann zunächst andere Dinge abzuarbeiten, diese Baustelle wurde aufgeschoben. Bis Tom neulich diesen Artikel über „Bella Italia“ schrieb.

Ein italienischer Händler bot grade mehrere unbenutzte und neuwertige Originalsteuergeräte für den B204L an, eins passte für Joe. Ich habe sofort bestellt. Bei einem Händler in Buford / USA gab es noch zwei Trionic-5 APC-Ventile, die inzwischen genauso selten sind, wie Kotflügel. Die habe ich jetzt ebenfalls.

Auch dieses Ergebnis genial. Der ohnehin schon angenehme Motor läuft als B204L noch kultivierter, ruhiger und fährt sich super entspannt. Er verleitet nicht zum Rasen, sorgt aber bei Bedarf für hervorragende Fahrleistungen. Für den italienischen Aero hat SAAB die Trionic noch einmal angepasst, das ist sehr gelungen. Der Motor hat im Vergleich zum 900 II noch eine Schaufel Drehmoment mehr bekommen (283Nm), die das leichte Mehrgewicht des 9000 mehr als ausgleicht.

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Die Saab Fahrradträger wurden häufig genutzt in diesen Zeiten
Es war ein langer Weg hierher, aber nun lässt Joe keine Wünsche mehr offen. Er ist kein Sammlerstück, sondern war immer ein Arbeitsgerät mit entsprechender Patina. Der modulare Aufbau des 9000 und die weitgehend komplette Verkabelung ab Werk machen das Nachrüsten oder Austauschen von Teilen relativ einfach. Ich hatte viel Glück beim Zusammentragen der Originalteile und immer tolle Unterstützung vom Autohaus Lafrentz in Kiel.

Joe ist inzwischen ein dezentes Einzelstück, vielleicht der einzige 9000 CS 2,0Turbo.

Bilder und Text: Gerd Pitschmann

9 thoughts on “Über 100.000 Km mit Joe (Saab 9000 CS)

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    Danke fuer diesen tollen Beitrag. Den Saab 9000 war eine der besten Saabs den ich selbst gefahren habe und ich bin froh das diese „Joe“ noch immer so gut geplegt wird. Bedauern noch immer das ich meine 9000 CS Anniversary verwechselt habe fuer meine nachtste Saab und diese schoene CS nicht irgendwo ter Zeite stellen koennte fuer spaeter.

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    @Ebasli
    Das Leder hat Troll ja schon aufgeklärt Die Teilesuche läuft bei mir auf den üblichen Plattformen. Manchmal sehe ich mich nur um, manchmal gezielt, aber man braucht Geduld.
    Die Felgen vom „Gardasee“ sind BBS Cross-Spoke 7 x 15, perfekt für 205er Reifen auf denen der 9000 dann sehr komfortabel läuft. Sie machen eine etwas breitere Spur. Die gab es damals als Zubehör und Anfang 97 gab es eine Serie 9000 CS, die so ausgeliefert wurde. In Hamburg steht grade noch ein Roter dieser Serie zum Verkauf.
    Ein Treffen in Kiel würde mich auch freuen, Herr Koch kann sicher den Kontakt herstellen.

    PS.: Noch ein kleiner Nachtrag zum Motor. Seitdem ich mit der Italo-Aero-Steuerung fahre, ist der Verbrauch um rund 10% niedriger! Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Es muss sich allerdings langfristig noch bestätigen.

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    Chapeau & 1.000 Dank

    Da ich hier noch keine 5 Jahre lese, waren das für mich heute gleich 2 Leserbeiträge zu Joe und dem 9K.

    Beide sehr anregend und inspirierend. Faszinierend, wie stilvoll und nachhaltig der Autor unterwegs ist. Großes Kino.

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    So viel gutes wie über den 9000 geschrieben wird, ich glaube ich sollte doch irgendwann noch einen fahren, auch wenn das Zündschoss an der falschen Stelle ist.

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    Hmm bisher dachte ich immer man „hirscht“ hauptsächlich seinen Motor und nicht den Kotflügel…
    Hast Du wenigstens ein schönes Stück von dem Hirsch abbekommen, so als Trost? 😉
    Wunderschöner 9000 und ich gratuliere Dir zu Deiner Einstellung ihn am Laufen zu halten. Da könnte ich
    glatt nochmal schwach werden und überlegen mir wieder einen zuzulegen.
    Aber nein, das gäbe Ärger mit der lokalen Regierung. Die meint ohnehin schon das ich zu viel Geld in meinen 9-5 I stecke.
    B.o.W. Leder hätte ich aber schon gerne wieder…

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    B.o.W. = Bridge of Weir Leder, sehr dickes hochwertiges Leder in alten 900 und 9000

    Gruß vom Troll

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    Was für ein wunderschönes Auto und vorbildlich gelebte Nachhaltigkeit – danke für diesen herrlichen Bericht! 🙂 Wenn man will (und es keine wirklich größeren Katastrophen gibt) ist der Erhalt eines Saabs fast immer günstiger als die Käufe div. Neuwagen – schöner, stilvoller und bedienungsfreundlicher ist er sowieso! Sehr schade um den Hirsch, aber großartig, dass Joe den Zusammenprall so im Prinzip locker weggesteckt hat und weiterleben durfte!

    Zwei Fragen hätte ich allerdings noch: Wer oder was ist B.o.w.?? „Bild ohne Worte“ oder der englische Bogen werden es wohl genauso wenig sein, wie das Ergebnis laut Suchmaschine: Bio-organische Waffen! 🙁 Und wie kommt man an die Adressen div. Händler aus Italien und USA? Einfach gego…t?

    Wunderschön finde ich übrigens die blaue Farbe, sie steht dem 9000 vorzüglich, schlichte noble Eleganz, und beide Felgen. Besonders die „vom Gardasee“ sieht man sonst ja leider selten.

    Ich wünsche noch viele wunderbare Jahre und hunderttausende Kilometer mit dem Schmuckstück! Vielleicht trifft man sich ja mal zufällig bei Lafrentz? Würde mich sehr freuen!

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    Welch´ edler SAAB!
    Es wäre ein Jammer gewesen, diesen einem Hirsch zu opfern… Ende gut, alles gut! 🙂
    Danke für diese schöne emotionale Teilhabe incl. der tollen Bilder.
    Weiterhin gute unfallfreie Fahrt!

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    Glückwunsch zum schönen 9000er!

    Das der 9k für mich immer noch das Referenzauto in seiner Klasse ist habe ich schon oft geschrieben, aber beim lesen des Artikels ging mir auf das der 9k auch ein nachhaltiges Auto „fast“ ohne Verzicht ist. In den 9kaero unseres Sohnen wanderte noch ein Alpine Radio-Navi, und schon ist der SAAB über das angeschlssene Telefon personalisiert. Vermisste tue ich nur das gute Licht und den Allrad aus dem 9-5NG.

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