Drei Jahre und 47.000 Km mit Joe

Es wurde die letzten Wochen viel über die Zukunft unserer Autos als Youngtimer geschrieben und ob es klappt, damit den Alltag zu bearbeiten. Es hängt natürlich von den persönlichen Umständen und Ansprüchen ab. Im Folgenden mal eine kleine Abrechnung, die zeigt, dass es gehen kann.

Saab 9000 "Joe"
Saab 9000 „Joe“

Im Januar ist Joe – ein SAAB 9000 CS 2,0t von 1997 – drei Jahre bei uns. Gekauft hatten wir ihn im Januar 2013 als Teilelager für unseren 9000 CSE mit 170.000 Km zum Preis von 950 € für. Der Zustand entsprach eher einem landwirtschaftlichen Nutzfahrzeug als einem zukünftigen Youngtimer und es war nicht der Plan, ihn zu fahren. Die Planänderung ergab sich am zweiten Tag der Reinigungsarbeiten, als nach und nach ein 9000 in eigentlich gutem Zustand aus dem Dreck auferstand.

Also Bestandsaufnahme und auf zum Verwerter. Dort standen zwei 9000er und ich erhielt für kleines Geld eine große Plastikwanne voll Teile, die ich tauschen wollte. Das waren hauptsächlich Schalter wegen defekter Instrumentenbeleuchtung, ein Rücklicht, Relais, Heckblende, Heckspoiler und diverser Kleinkram.

Nachdem ich mit meinem Teil fertig war, ging er noch für drei Tage zum Autohaus Lafrentz. Dort wurden Kraftstoffpumpe, Thermostat, Sauger der Klimaanlage und ein paar andere Dinge getauscht. Die Absicht war, ein sicheres und zuverlässiges Auto, aber keinen Neuwagen zu bekommen. Damit waren wir am 25.01.2013 bei 2233 € inklusive der 950 € Kaufpreis. Nun erstmal fahren und sehen was passiert….

Ich führe mal die wichtigsten Reparaturen/ Upgrades der folgenden drei Jahre auf:

11.11.13, 182300 Achsmanschetten, Hohlraum- und Unterbodenschutz 584 €

11.12.13, 183250 Batterie 68Ah 77 €

16.12.13, 183500 neue Scheinwerfer (Alternativmodell v. Schwedenteile) 335 €

27.03.14, 189423 Inspektion, TüV, vorne neue Bremsscheiben und einen Sattel,
Dichtung Zylinderkopf – Abgaskrümmer ersetzt 1181 €

21.08.14 ,190822 Unterdruck- und Kupplungshydraulikschlauch neu 181 €

29.11.14, 196780 CD-Player, Nebelscheinwerfer, Sonnenblenden neu 210 €

20.01.15, 199801 ein gerissenes Handbremsseil ersetzt, Holzarmaturen eingebaut,
zweiten Frosch/Funkei gekauft und programmiert 593 €

21.03.15, 204600 Lederinnenausstattung (B.o.W.) aus Schlacht-CSE 220€

30.06.15, 210200 Inspektion, Getriebeölwechsel, Klimaabläufe gereinigt 330€

10.11.15, 214731 Zylinderkopfdichtung, Steuerkette, 2 Kühlschläuche 1143€

Es fanden fünf Öl- und Filterwechsel statt, die ich alle 10.000Km selbst mache. Die kosten so knapp 50 € mit vollsynthetischem Öl. Ebenso wurden andere kleinere Investitionen in Heimarbeit durchgeführt, die sind in der Gesamtsumme enthalten. Insgesamt flossen in den drei Jahren nach dem Kauf 6410 € in den 9000. Wobei bemerkenswert ist, dass der erste Werkstattbesuch nach etwa zehn Monaten und 12.000 Km stattfand. Bis dahin hatten wir mit Joe schon so gute „Erfahrungen“ gemacht, dass er nun die volle Packung Korrosionsschutz bekam.

Der Scheinwerfertausch wurde nötig, da die alten Spiegel erblindeten, es wurde immer dunkler auf der Straße. Die neuen geben tolles Licht und waren inklusive Tausch der Leuchtweitenregelung in eineinhalb Stunden eingebaut. Überhaupt habe ich durch Joe den 9000 erst so richtig kennengelernt, da ich viele Dinge bearbeitet habe, an die ich mich vorher bei unserem CSE nicht herangetraute. Dabei merkt man erst, wie durchdacht dieses Modell ist.

Mein einziger Kritikpunkt sind die Nebelscheinwerfer, die sind wirklich schlecht zu erreichen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, wenn man moderne Autos sieht.

Es sind natürlich auch ein paar Luxusinvestitionen dabei, die für den Betrieb nicht nötig wären, aber man will es ja nett haben, wenn man damit täglich unterwegs ist (B.o.W. – Ledersitze, die originale Stereoanlage, Holz,…). In den letzten Jahren waren noch gute Originalteile auf dem Markt und man konnte sich den SAAB nach persönlichen Wünschen zusammenstellen, wie es bei keinem Neuwagen möglich ist.

Die Zylinderkopfdichtung begann im Herbst 2015, zunehmend Öl auszuschwitzen. Der geöffnete Motor zeigte sich in tadellosem Zustand und konnte so wieder zusammengebaut werden. Bei dieser günstigen Gelegenheit wurde ebenfalls die Steuerkette getauscht, die in den knapp 19 Jahren länger geworden war.
Wie fährt sich der „kleinste Turbo“? 150PS und 215Nm/2500 sind keine Werte, die den SAAB-Fan vom Hocker reißen. Erstaunlicherweise liefert er aber bei den Beschleunigungswerten (laut Werksangaben) nahezu die gleichen Daten, wie der 2,3 LPT mit 260Nm. Von 0-100 ist er eine Sekunde langsamer, von 60-100 im 4. Gang ist er eine halbe Sekunde schneller und von 80-120 im 5. Gang sind beide gleich!

Er reagiert offensichtlich schneller und das macht sich im täglichen Betrieb bemerkbar. Man hat nicht das Gefühl, untermotorisiert unterwegs zu sein. Rennen muss man damit sicher nicht fahren, aber der gemeine Dienstwagen bleibt schon mal erstaunt zurück. Das liegt auch an dem tatsächlich geringen Lehrgewicht (selbst gewogen) von nur 1360 Kg. Außerdem läuft der 2,0t sehr leise, selbst bei hohen Geschwindigkeiten. Dadurch nimmt man allerdings gelegentlich am Fotoshooting teil, weil man’s wieder nicht gemerkt hat.
Der Verbrauch hat sich im Schnitt bei 9,1L/100 eingependelt, wobei auf Langstrecke auch mal eine 7 vor dem Komma stehen kann, bei Anhängerfahrten können es 10,5 werden.

Nun drängt sich bei der Laufzeit und den zurückgelegten 47.000 Km der Vergleich zu einem Leasingfahrzeug oder zum Wertverlust eines Neuwagens auf. Joe hat in 35 Monaten 7360 € gekostet, das sind 210 €/Monat. Dafür kann man bei den derzeitigen Ramschpreisen sicher auch ein neues Auto leasen. Allerdings ist das nach drei Jahren weg und alles beginnt von vorne zu neuen Bedingungen.

Dagegen habe ich nicht das Gefühl, das Joe in nächster Zeit schlapp macht. Er ist unglaublich fit und ich denke, die gröbsten Reparaturen sind durch. Ganz schmerzfrei geht es bei so einem alten Auto eben nicht, wie Tom es bei Anna auch beschrieben hat. Alle verdächtigen Schläuche, Dichtungen u. ä. wurden getauscht, bevor es zu Ausfällen oder Leckagen kam. Er hat auch unter extremen Bedingungen (Lettland, Berliner Stau bei 42°, o. ä.) immer unauffällig seinen Dienst verrichtet.

Um aufzuzeigen, wo die Zahlen langfristig hingehen könnten, einen Blick auf unseren 9000 CSE von 98. Der steht grade in seinem Winterquartier und ist im Frühjahr 18 Jahre bei uns (1. Hand). In dieser Zeit fielen 14335 € für Service und Reparaturen an, das sind knapp 800 €/Jahr – damit kann ich leben.
Unbezahlbar ist das Gefühl, mit einem 9000 im täglichen Leben unterwegs zu sein. Entkoppelt von der automobilen Showgesellschaft steht man irgendwie über den Dingen und freut sich auf jede Fahrt.

Danke an Gerd für seine Saab Geschichte! Habt auch Ihr etwas zum Thema Saab zu erzählen?

Die Geschichte einer unvergesslichen Urlaubsreise, eine Restauration, der erste Kontakt mit der Marke aus Trollhättan oder einfach warum Saab zum automobilen Leben dazu gehört. Was immer es ist, schreibt uns. Wir freuen uns darauf!

8 Gedanken zu „Drei Jahre und 47.000 Km mit Joe

  • Wunderschön! Es gibt Saab Fahrer die 9000 lieben.. Ich liebe Saab ich liebe den 9000.

    Tolle Story ich hoffe das Fahrzeug lebt noch viele Jahre

  • Hallo Gerd,
    Ich schreibe gerade am meinem Artikel über unseren 9000er, und erstaunlicherweise fällt er sehr ähnlich aus – das muss am Auto liegen! Und es ist wirklich dieses einmalige Gefühl, dass man mit einem (beim mir) 800 Euro-Auto so viel Freude haben kann – vor allem, wenn man hinter einem 80.000 Euro-Auto fährt, der auch nicht viel besser von A nach B kommt.

  • Hallo Gerd
    Ich liebe meine drei 9000er auch, aber günstig rechnen geht kaum.
    Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben
    Wieviel km sind es denn jetzt insgesamt ?

    Grüße

    • Hallo Jürgen,
      Joe hat jetzt knapp 218.000 und der CSE ca. 198.000 Km.
      Ich will hier wirklich nichts schönrechnen, das sind die reellen Zahlen, wie sie anfielen und die finde ich persönlich akzeptabel, oder buchstäblich den Preis wert.
      Oberflächlich war ein 9000 CSE damals schon teuer, aber ein vergleichbar ausgestattetes Fahrzeug aus D hat den Peis immer getoppt. Durch die ausgezeichnete Langlebigkeit der 9000er relativiert sich der Preis nochmals. Aber das interessiert heute niemanden mehr, wer fährt schon sein Auto 18 Jahre und mehr? So irre sind nur wir… ;-).
      Es gibt immer noch günstige Exemplare, die sich mit überschaubarem Aufwand auf der Straße halten lassen und an denen man täglich seine Freude hat. Ich bin schon gespannt auf den Bericht von Thomas Zecher. Das sind natürlich keine Sammlerobjekte, aber es hilft auch unseren Werkstätten nicht, wenn keine SAAB mehr auf der Straße sind.
      Euch allen ein frohes Fest und alles Gute für 2016,
      Gerd

  • Lieber Gerd, eine tolle Geschichte über deinen „daily driver“ und die gute Entscheidung „Joe’s“ Leben zu verlängern. Von wegen Kosten, da habe ich vor kurzer Zeit einmal über alle meine Saab’s seit 2002 die Betriebskosten(Wartung, Reparaturen) und die Abschreibung nachkalkuliert und festgestellt, dass bei 2 Fahrzeugen (9-5l 2.3 Aero Kombi, 9-3X 2.0T XWD) welche ich als Neuwagen übernahm, über 8 bezw. 5 Jahre ein Kostenverhältnis von 20% für Wartung/Reparaturen und 80% für Abschreibung entstand. Dagegen stehen meine 2 älteren SAAB’s, ein 900l 2.0 Turbo Cabrio Jg. 89 und ein 9000 CS 2.3 LPT 98, beide mit Km-Leistungen noch unter 100Tkm mit sehr guter Substanz, in einem ganz anderen Licht. Die Abschreibung ist eine „0“ und so gesehen kann ich guten Gewissens in den Unterhalt und Werterhalt dieser Fahrzeuge investieren. Herausragend ist dabei der 9000er, da lohnen sich eben auch noch zusätzliche Investitionen für „Upgrades“ :-).
    So ganz nebenbei, der 9000er ist für mich der absolute Langstrecken-Favorit :-)!

  • Servus Gerd! Tolle Geschichte. Ich habe mir vor 1 Monat auch einen 9000er MY95 gekauft und fahre den seidem jeden Tag. Bin bis heute knapp 2000km gefahren und das ohne nennenswerte Probleme. Ich bein einfach begeistert von diesem Wagen.
    Gruß Matthias

  • Und ich dachte das geht nur mir so:)
    Ich geb im Jahr zwischen 2000-3000.- aus für reperaturen bei meinem 9000 Griffin V6 3.0

  • Es geht also wahrscheinlich vielen 9000er Fahrern so. Mir auch. Der 9000 CSE 2.0 steht jetzt im Winterquartier (der Schnee scheint ja aber gar nicht zu kommen) und ich freue mich so auf das Frühjahr. Es ist eigentlich unglaublich, er kokuriert hier mit einem 9-5 SC Aero My 2009 und einem 9-3 Cabrio Hirsch/Aero 2005 und dennoch, wie hier schon oft beschrieben, auf Langstrecken einfach nur toll.
    In diesem Sinne allen hier ein friedliches und saabiges Weihnachtsfest.

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