570.700 Kilometer. Ein Saab 900 II fährt Marathon.

Corona ändert so gut wie alles. Leser haben mehr Zeit freuen sich in diesen Tagen über positive Berichte oder nur über etwas Ablenkung zum Lesen. Stefan hat die Zeit genutzt, schreibt über den Saab 902, den er “Knuts” nennt und seine Geschichte. Sie beginnt mit dem Kauf durch Vorbesitzer Roland im Jahr 2011.

Ein Saab 900 II im Dauertest
Ein Saab 900 II im Dauertest


Roland übernahm den schwarzen SAAB 902 im April 2011. In der Halle eines Gebrauchtwagenhändlers in der hintersten Ecke stand er: Ein schwarzer SAAB 902 Automatik, Baujahr ’97 mit 131 PS. Der orange Kilometerzähler des Tachos leuchtete mit der Zahl 130.218. Vorbesitzerin war eine Arztgattin.

Der alte SAAB stand da seit 1 Jahr und war ziemlich verstaubt. Der Händler meinte, niemand interessiere sich dafür, obwohl sein Geschäft offensichtlich gut besucht wurde. Er fände es etwas schade, weil der SAAB besser wäre, als sein Ruf.

Der schwarze Saab ist ein zutiefst unspektakuläres Auto. Buchhalter-Ausstattung, Automatik, 131 PS – die nur zu erahnen sind, wenn man über 4000 Umdrehungen beschleunigt. Kein Auto, das Begehrlichkeiten erweckt, auf jeden Fall nicht auf den ersten Blick.

In einer KFZ Werkstatt, in der ein Mann arbeitet, der zuvor bei einer SAAB Vertretung beschäftigt war, stellte Roland das Auto vor. Ganz verunsichert reagierte man dann im Büro, als Roland sagte, der Wagen solle in Allem durchgecheckt und fit gemacht werden für die nächsten 100.000 km und Geld spiele keine Rolle. Das wurde dann auch nach einigem Hin und Her getan und Roland startete seinen 100.000 km Dauertest mit einem damals 15 Jahre alten Auto durch ganz Europa.

Im März 2012 in den Schweizer Alpen bei Bellinzona war es so weit: Nach 10 Monaten und 100.000 km das Testende. Diese 10 Monate gestalten sich als so unproblematisch, dass Roland den Test verlängerte, um weitere 100.000 Tsd. Kilometer und um weitere 100.000 Tsd. Kilometer usw.

Mehr als eine halbe Million Kilometer hat Saab 900 II "Knuts" auf dem Zähler
Mehr als eine halbe Million Kilometer hat Saab 900 II “Knuts” auf dem Zähler

Alle ausgiebigen Details dieser Reise sind übrigens sehr schön unter im Saab Cars Forum unter “Dauertest SAAB 902” nachzulesen.  Bei 556.500 km musste Roland den “schwarzen” leider abgegeben. Erstaunlich finde ich, dass neben Motor und Automatikgetriebe auch so Sachen wie Scheibenwischermotor und -gestänge, Lenkung, Zündspule, Kühler, Frontscheibe, Klimakompressor, Bremskraftverstärker noch original sind.

Ich erfuhr im Forum davon, auch weil ich schon über Jahre mit großem Interesse die Reise des 902 verfolgt habe. Und ich weiß, dass viele Kaufentscheidungen für einen 902 auf diesen Thread beruhen. Schnell reifte bei mir die Entscheidungen, dass diesem Auto das Schicksal Afrika, Ausschlachten oder lieblos zu Ende fahren erspart bleiben musste. Also habe ich ihn im August 2019 gekauft, um ihn zu erhalten, aber auch um ihn weiterhin zu fahren. Denn ich glaube, so ein Auto sollte gefahren werden und außerdem interessiert es mich sehr wie viel Kilometer der SAAB mit dem ersten Motor und dem ersten Getriebe noch schafft. Mit dem Entschluss zum Kauf war auch klar, die alte Konstruktion bekommt Alles was sie braucht, um weiterhin auf der Straße zu bleiben. Ich schenkte ihm damit ein 3. Leben.

Und wie fährt sich ein SAAB mit über 500.000 Tsd. Kilometern?

Die Karosse vermittelt das sichere Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Jedenfalls klappert mein 902 bis jetzt keineswegs und auch Türen und Hauben sitzen fest und stabil. Der typisch schwedische Auspuffsound (auch bei den ovloVs) macht Spaß. Der leise Motor und die gute Automatik zusammen mit dem sehr guten Sitzkomfort machen ihn zu einem angenehmen Langstreckenauto.

Normalerweise tragen bei mir die Autos keine Namen, aber bei diesem Auto machte ich auch da eine Ausnahme. An Anlehnung an Rolands Thead heißt der schwarze 902 jetzt “Knuts”. Was auch gut sichtbar am Heck zu entnehmen ist.

Die 600.000 Kilometer kommen langsam in Reichweite
Die 600.000 Kilometer kommen langsam in Reichweite

Und wie ging unsere Reise ab August 2019 weiter? Im November 2019 bekam “Knuts” neuen TÜV. Dafür musste der Katalysator und die Lambdasonde erneuert werden. Dann im Dezember ein sehr viel ernsteres Problem. Eine komplette Durchrostung im hinteren linken Radhaus.

Der erste Kostenvoranschlag eines Karosseriebauers € 1.300,- Puuuuuuhhh…..

Das muss, sollte doch hoffentlich günstiger gehen. Das originale Karosserieblech für das Radhaus kostet ca. € 600,-. Dann die günstigere rettende Idee. Ein Karosserieblech aus dem Opel Vectra A könnte passen. Und es passt! Und es kostet € 79,-. Nach dem Einbau fährt Knuts besser denn je. Ruhiger störrischer Geradeauslauf, souveräne Straßenlage – ein neues Fahrgefühl!

Und ja, dieser alte 902 mit Automatik und “nur” 131 PS (Minus viele PS weniger, für schwer beladen und mit angeschalteter Klima) hat mich so richtig gekriegt. Ich freue mich auf jeden Arbeitstag an dem ich “Knuts” fahren darf, bin sehr enttäuscht, wenn es partout der Diesel sein muss und erwische mich dabei Touren so zu planen, dass sie es erlauben doch mit “Knuts” zu fahren……

Nachdem ich mich mit einer solchen Ruhe und Gelassenheit durch den Straßenverkehr bewege, kam mir der Gedanke, man könnte “Knuts” als Therapieauto für gestresste Diesel-linkes pur-drängel Fahrer einsetzten, ich glaube, das ist eine Marktlücke…….

Sehr stolz bin ich übrigens auch, dass wenn man bei der Google Suche “SAAB 902” eingibt mein Auto zuerst erscheint. Was würden viele Firmen für dieses Privileg geben?

Text und Bilder: Stefan Mühlbauer

6 Gedanken zu „570.700 Kilometer. Ein Saab 900 II fährt Marathon.

  • Super Bericht! Das mit der Marktlücke gefällt mir! Man stelle sich all die gestressten Audi-Diesel-Fahrer in einem 131 PS Saab vor, köstlich!

    Und der Bericht macht Lust auf einen 902 im Fuhrpark zu haben.

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  • Sehr schöne Geschichte! Ja, die 97er 902 sind Top, ich bin mit meinen beiden auch sehr zufrieden. Allerdings sind die mit 185 und 230TKm ja grade erst eingefahren 😉

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  • Danke ! ! !

    Schöne Bilder und ein Lesevergnügen. Weckt gute Erinnerungen an meinen 9-3 l …

    Weniger spaßig finde ich aber, dass die Politik mit Verweis auf Corona schon wieder die nächste Abwrackprämie diskutiert.

    Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was ich mir an Lehren aus der Krise erhofft hatte.

    Einen Faktor von knapp 8 zwischen Orio und Opel für ein identisches Blech? Das liest sich auch nicht gut …

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  • Lieber Stefan.

    Danke für den schönen Bericht. Ich bin auch ein glücklicher 902 Fahrer. V6 Automatik und Cabrio. Jeden Tag aufs Neue freue ich mich vor Jahren den großen „Fehler“ begangen zu haben ihn zu kaufen…..

    Gruß an die Gemeinde

    Der Lizi

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  • Sehr schöne Geschichte, schön, dass private Saabdauertests so dokumentiert werden.

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  • Toll zu lesender Beitrag, das ist Wasser auf meine Mühlen.

    Und es zeigt auch: Keine Angst vor Reparaturen! Ein Auto ist nun mal eine Maschine und wie jede Maschine Verschleiß und Verfall ausgesetzt. Und Mobilität zum Nulltarif gibt es nicht. Jedoch steht in vielen Fällen die Investition in Reparaturen und Instandhaltung in keinem Verhältnis zu den versteckten Kosten durch Wertverfall eines neueren Fahrzeugs – Knuts Biografie belegt es Schwarz auf Weiß.

    Die quälende Frage ist nur: Was machen wir mit den vielen unnützen Neuwagen, die auf Halde stehen 😉

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