SAAB News: Frust im Lieferantenlager

Jean-Marc Gales, CEO CLEPA

Saab fehlt der schwedischen Autoindustrie, und viele Lieferanten wünschen sich den Hersteller aus Trollhättan zurück ins aktive Geschäft. Die Branche hat über Jahre davon profitiert, dass es zwei Hersteller in Schweden gab. Denn viele Innovationen entstanden aus dem Wechselspiel zwischen Trollhättan und Göteborg und der gesunden Rivalität zwischen beiden Marken.

Nachdem Saab vorerst von der Bildfläche verschwunden ist und Volvo einen rigiden Sparkurs fahren muss, wird es für viele kleine Betriebe eng. Die Vorhersage von Svenake Berglie ( ehemals CEO der nationalen Zuliefervereinigung ), dass der Abgang von Saab die ganze Industrie in Schweden gefährden könnte, erweist sich gut 10 Monate nach Konkursantrag als richtig.

Volvo forderte am Donnerstag die Lieferanten zur Kostensenkung auf, 20 % binnen der nächsten drei Jahre, und Volvo baut Arbeitsplätze ab. Zusätzlich zu den bereits angekündigten Streichungen sollen zum Jahresende je nach Quelle nochmals 300 bis 400 Stellen wegfallen, so dass insgesamt mehr als 600 Arbeitsplätze rund um Göteborg gestrichen werden. Denn Volvo kämpft mit den Problemen, die Saab in die Knie gezwungen haben. Die Techniklizenzen von Ford laufen aus, der neue V40 war das letzte Produkt auf Ford-Basis, und Göteborg muss lernen, auf eigenen Füßen stehen. Die nächsten 24-36 Monate werden hart und spannend für Göteborg. Automobil-Spezialisten in Schweden raten zu Kooperationen, sehen aber nur den Fiat-Chrysler Konzern als möglichen Partner.

Letzten Donnerstag trafen sich die Autozulieferer zu ihrer jährlichen Tagung in Göteborg, und wie man sich denken kann, war die Stimmung unter den aktuellen Vorzeichen nicht die Beste. Im letzten Jahr stand Vladimir Antonov ( wer erinnert sich noch an den Investor aus Russland ? ) auf der Gästeliste, um über die Zukunft von Saab zu berichten. Antonov ist eine Fußnote in der Geschichte von Saab, und weder für den Russen noch für die Marke aus Trollhättan liefen die letzten Monate wie gehofft. In diesem Jahr hatte man NEVS eingeladen, um mehr über die Pläne in nächster Zukunft zu erfahren. Viele Unternehmen, die durch den Abgang von Saab hohe Summen verloren haben, hofften auf gute Nachrichten und wurden durch die Abwesenheit der NEVS Vertreter enttäuscht.

Das Echo aus der Autoindustrie war entsprechend, und wenn man es ganz klar sieht, dann war es vernichtend. Ein kurzer Blick zurück hilft, um den Frust und die Zusammenhänge zu verstehen. Wir hatten mal einen möglichen Investor mit dem Namen Lotus-Youngman, der durch die Lande zog und mit den Lieferanten sprach. Die Chinesen, was immer man von ihnen gehalten haben mag, legten die Pläne auf den Tisch und banden in einem sehr frühen Stadium die Lieferanten mit ein. Mit der noch recht frischen Erinnerung an die Besucher aus China stehen die Lieferanten nun bei NEVS vor einer Wand des Schweigens.

Von NEVS war noch kein Vertreter vor Ort, und selbst mit der Dachorganisation der Lieferanten soll es keinen Kontakt geben, glaubt man dem, was am Donnerstag gesagt wurde. Alles, was der Investor tut, unterliegt einer Geheimniskrämerei, die nicht gut ankommt und die merkwürdig ist, wenn man plant, in 18 Monaten Autos zu bauen. Der neue CEO der europäischen Lieferantenvereinigung CLEPAS und frühere PSA Markenchef, Jean-Marc Gales, fand dann auch klare Worte, die uns nicht gefallen. Es sei traurig, so Gales, dass Saab nicht überlebt hat. Aber das, was aktuell Spyker und Youngman zusammen tun, findet er richtig, und er räumt den Plänen von Victor Muller Zukunftschancen ein. Muller und Youngman wollen auf Saab Technologie basierende Fahrzeuge bauen und im gehobenen Preissegment anbieten.

Ob das Statement von Jean-Marc Gales jetzt auf Ahnung oder Insiderwissen basiert, oder ob es die Retourkutsche für NEVS war, das mag jeder selbst entscheiden. Fest steht: die Atmosphäre ist eisig !

Der Vorgänger von Jean-Marc Gales bei CLEPA, Lars Holmqvist, wurde gegenüber der Presse noch etwas deutlicher. Alles sei geheim, so Holmqvist, der Kaufpreis, der Business Plan, und das sei unverständlich, da viele Unternehmen Millionen verloren hätten. Diese Firmen hätten ein Anrecht auf Information. Der eigentliche Skandal aber, so der ehemalige CEO, dass mit Lotus Youngman ein Investor bereit gewesen wäre zu kaufen. Lotus Youngman hätte auch für 2.2 Milliarden Kronen die Saab Parts AB übernommen, obwohl das Unternehmen diese Summe nicht wert sei. Jetzt aber übernimmt die Reichsschuldenverwaltung das Unternehmen aus Nyköping, weil NEVS nicht bereit ist, diese Summe zu zahlen. Steuergelder als Preis für die Akzeptanz eines merkwürdigen Investors.

Die Enttäuschung der Zuliefer-Unternehmen ist groß und verständlich. Die Lieferanten sind damit nicht alleine. Die örtliche Zeitung in Trollhättan gab Holmqvist und Gales eine Bühne und brachte als einzigste Publikation landesweit ausführlich die Kritik an NEVS. Ein Hinweis auf die Stimmungslage vor Ort. Denn NEVS hat bislang nur die angekündigten Stellenangebote, es sollen um die 75 sein, heraus gegeben. Mehr ist nicht passiert.

Der Verkauf des Werkes und die Nutzung der Markenrechte durch NEVS hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet, und das Verfahren scheint wenig transparent. Wer ein geheimes Süppchen kocht, der muss sich über fehlende Begeisterung und harte Kritik nicht wundern. NEVS ist eine Konstruktion, die wir unter Beobachtung halten. Ob daraus eine Zukunft für die Marke wird, oder ob wir nur noch für Youngtimer schreiben, das zeigt uns die Zeit.

Eines ist klar: auch bei allen negativen Vorzeichen, welche die Lieferanten sehen…solange in Trollhättan die Produktionsanlagen nicht demontiert sind und Geld in die Instandhaltung fließt, so lange ist Hoffnung für den Standort. Für was auch immer.

Text: tom@saabblog.net

Foto: Clepa

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Eicher
Eicher
13 Jahre zuvor

Dazu passt auch eine Meldung aus Schweden:

“Schwedischer Konzern SSAB wird Opfer der Stahlkrise”

(wobei ich mich zuerst verlesen habe SSAB->SAAB)

pmh
pmh
13 Jahre zuvor

die Lage ist sehr undurchschaubar. Das Verhalten von NEVS gegenüber den in Schweden
ansässigen und dort produzierenden Zulieferer kann man auch so deuten , dass man diese
nicht braucht, weil man garnicht in Schweden produziert ( falls man überhaupt produziert?)
Und betreffend SAAB Parts , wenn keine Saab s produziert werden und neu auf den Markt kommen
werden über kurz oder lang nur noch sehr wenige Teile benötigt und dann ist der Laden auch nicht mehr rentable , und auch nicht vergessen , ein Grossteil der Ersatzteile werden von den
Zulieferfirmen hergestellt , die von NEVS gerade vor den Kopf gestossen wurden.
Also am besten sehr pfleglich mit unseren SAAB s umgehen

Fridolin
Fridolin
13 Jahre zuvor

Man muss sich doch nicht wundern. Wie schon gesagt wurde, ist die ganze Sache hoch politisch. Von mir aus gesehen wollen weder der schwedische Staat noch die neue Gesellschaft etwas mit den alten ‘Benzinern’ zu tun haben. Man will sich nur noch GRüN geben, denn alle andern sind ja sowieso abgeschrieben!! Dass diese grünen Ideen zum Scheitern verurteilt sind kann man ja bereits vielerorts festellen, wie z.B. auf http://www.eike-klima-energie.eu/ und andern Foren, welche die ganze Sache etwas kritischer anschauen.

Werner
Werner
13 Jahre zuvor

Oh, Hallo Hr. Gales!!

Opel/GM lässt grüßen…, den Herrn kennt man ja einschlägig…

Helmut
Helmut
13 Jahre zuvor

Etwas am Rande, aber hat mit den Ersatzteilen für SAABs zu tun und zur Info: Letztes WE habe ich ein SAAB Kundencenter im Industriegebiet Mülheim-Kärlich nahe Koblenz gesehen.

PhiBo
PhiBo
13 Jahre zuvor

So ganz unverständlich ist die Entscheidung ja eigentlich nicht. Da sie vom wirtschaftlichen Standpunkt her kompletter Nonsens ist – kein Insolvenzverwalter mit mehr als einem Tag Erfahrung, der sich ein bisschen in der Automobilwirtschaft auskennt, würde auf ein frisch gegründetes Finanzkonsortium mit Lenkungsgesellschaften in Steueroasen setzen – ist sie wohl eher politisch begründet. Warum? Wieso sollte die Reichsschuldenverwaltung jetzt sich mit 200 Mio. Euro abspeisen lassen, wenn sie ohne großes Zutun in den nächsten Jahren einiges mehr mit SAAB Parts verdienen könnte? Da kommt ein Bieter, der SAAB Parts nicht will, ja grade recht. Und Autoersatzteile sind so etwas wie eine Lizenz zum Gelddrucken – sie werden immer benötigt, ein Markt ist also vorhanden, den man dann auch noch fast exklusiv hat (im Rahmen seiner Marke); dazu entfallen Forschungs- und Entwicklungsaufwand, man muß also eigentlich nur die Fabrik laufen lassen. Leichter kann man Geld kaum verdienen.

Daß NEVS sich so zurückhält, könnte aber noch einen anderen Grund haben – vielleicht wissen die schon, daß sie sich gar nicht vorzustellen brauchen, weil sie ohnehin in einem halben Jahr vielleicht zur Abteilung von SAAB degradiert sein werden?

Sicherlich hat NEVS keine Informationspflicht der ehemaligen SAAB-Kundschaft gegenüber, aber das Zulieferernetzwerk so zu verprellen, kann sich auch noch rächen. Außer Phrasen war da bisher jedenfalls nix. Und wenigstens den Zulieferern hätte man ja auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit mal den Geschäftsplan erklären können… wenn es da was zu erklären gibt.

Helmut
Helmut
13 Jahre zuvor
Reply to  PhiBo

So sehe ich das auch. Bisher dachte ich, dass NEVS irgendwas auf der Hinterhand hat, welches später für eine Überraschung in der automobilen Welt in Sachen SAAB sorgt. Aber so….Nee!

saabfan
saabfan
13 Jahre zuvor

Wirklich alles nur ein trauriges Unterfangen, was da in Schweden um diese Automarke abläuft. Mich überrascht bald gar nichts mehr. Monatelanges Hinhalten von Händler und Kunden. Und vorher noch wurde alles verkauft oder verpfändet, was irgendwie noch halbwegs etwas Wert war. Einfach alles nur schade, schade schade…….

Zirkoski
Zirkoski
13 Jahre zuvor

Was in Schweden läuft ist ein Trauerspiel. Leute, geniest eure SAAB solange es geht, wir tun es auch. Es kommt nichts mehr nach!

Gallix
Gallix
13 Jahre zuvor

Hiermit rufe ich alle SAAB – Freunde auf, sich das nur noch antiquarisch zu bekommende Buch ” The Spirit of SAAB – mehr als ein Auto ” von Rolf Bleeker zu kaufen.
Ihr werdet viel Freude damit haben und bald merken, dass dieser Geist – the Spirit of SAAB – ein für alle Mal dahingeschieden ist.
Das Schlimme daran ist, dass es auf vielen anderen Gebieten sich so ähnlich verhält – in Schweden im Übermaß – und auch bei uns.
Der alte Schwung ist hin – und um frei nach Valentin zu sprechen; Wenn´s so weitergeht, dann geht´s bald nicht mehr weiter. Zumindest nicht so, wie´s uns taugen tät.
Grüße von einem ” gewesenen ” SAAB-Fahrer und momentan etwas frustrierten automobilen Massenprodukt Benutzer.

Helmut
Helmut
13 Jahre zuvor
Reply to  Gallix

Das Buch habe ich mir vor über 20 Jahren mal gekauft, als ich noch einen 900er der ersten Baureihe fuhr. Ein schönes Buch, welches die Geschichte von SAAB beschreibt.

Anddeu
13 Jahre zuvor

Finde ich ungeschickt. Selbst wenn man nichts sagen will, hätten Vertreter zumindest dort sein sollen. Ich habe gelesen, dass NEVS den Schritt damit begründete, man sei noch nicht so weit. Da stellt sich mir schon die Frage, wie viele Monate sie noch dazu brauchen.
Ich interpretiere das dahingehend, dass kein großer Investor im Hintergrund (mehr?) ist. Ähnlich wie bei der BMW- Klage (ob zu Recht oder nicht sei dahin gestellt) sollte es doch im Interesse eines zukünftigen Herstellers von irgendetwas sein mit eventuellen zukünftigen Vertragspartnern gute Beziehungen aufzubauen.

@SaabRedJ Über alles informieren sollen sie aus meiner Sicht auch nicht. Allerdings gibt es Möglichkeiten ehemalige Saab- Geschäftspartner oder Kundschaft mitzunehmen (sofern man das (oder die) möchte).

(Zur Einordnung: ich bin NEVS gegenüber bisher neutral eingestellt, aber im Moment erkenne ich in ihrem Wirken auch keinen Zusammenhang zu Saab, sondern sehe nur eine Gruppierung, die (übertrieben formuliert) eine Plattform und ein Werk gekauft hat).

bergziege
bergziege
13 Jahre zuvor

Der schwedischen Automobilindustrie geht es z. Zt. nicht sonderlich gut. Das ist wohl FAKT. Was VOLVO macht, ist das Eine, was NEVS unterlässt, das Andere. Hochkarätige Kontakte bei den Zulieferern einfach zu ignorieren grenzt an Hochnäsigkeit. Auch wenn NEVS die Katze nicht aus dem Sack lassen will, Kontakt mit den zukünftigen Partnern ist das Mindeste! Ausser NEVS bedienst sich später in “Fernost”…, ein ernüchternder Gedanke!
Wenn die Eigner von NEVS schon viel Geld investiert haben und den Namen SAAB und die Fabrik erhalten haben, wissen diese Herren(?) sicherlich, was sie tun möchten. Warum sprechen sie nicht darüber? Vorfreude ist doch die Schönste aller Freuden!!! Und, es sind doch nur Pläne! Die können jederzeit wieder kippen, weiss jeder Kaufmann! Also Fa. NEVS: Mut zur Offenheit!

Fritz
Fritz
13 Jahre zuvor

Ich unterstelle NEVS einfach mal Seriosität. Aber man will die Händler nicht, den Ersatzteilvertrieb nicht und uns Kunden auch nicht. Man möchte möglichst ungestört sein Ding machen um dann in ein oder zwei Jahren mit einem neuen Produkt den Markt zu überraschen. Kein Wunder dass bei diesem Plan der japanische Finanzier die Kamikaze Party verlassen hat, denn NEVS scheint ein Selbstmord Kandidat zu sein. Die Arbeitsplätze die ein anderer Blog mit mangelnden Sprachkentnissen als existent beschreibt sind in der Realität nur Angebote, so steht es auch auf der Homepage von NEVS.
Sorry aber ich denke das ist fauler Zauber und nicht mehr. Unsere SAABs fahren wir so lange es geht, an einen Neustart kann ich nicht Glauben.

Peter
13 Jahre zuvor

NEVS muss uns auch nicht darüber informieren was sie vor haben.
NEVS ist eine neu geründete Firma die sich eine Autofabrik und die Rechte am Namen Saab gekauft hat . Damit ist es erstmal deren Bier was sie damit anstellen auch wenn uns das nicht gefällt. Aber wie ich es vorher schon geschrieben habe wäre es für die Insolvenzverwalter mal an der Zeit zu erklären , warum den nun alles so gelaufen ist wie es jetzt nun mal ist

SaabRedJ
SaabRedJ
13 Jahre zuvor

Es war mit Sicherheit keine Einfache Situation damals für die Zulieferer, aber wenn die CLEPA etwas druck gemacht hätte damit Saab vor dem Sommer die Produktion hätte wieder starten können, würden wir jetzt mit höher Wahrscheinlichkeit nicht über NEVS reden.

Der Verkauf von SAAB an NEVS mag eher politische als wirtschaftliche Gründe haben, aber jetzt ist alles nur Geschichte, und wir sind jetzt nur Zuschauer.

NEVS wird Anfang 2014 ein Auto präsentieren oder nicht, aber bis dann wird man sich gedulden, denn die werden nichts erzählen, aber wer von uns (zum Beispiel) kennt was momentan mit der i Marke von BMW passiert? Wird es den i3 und i8 geben oder war es alles nur falsche Versprechen?

Die Automobilindustrie ist voller Geheimnisse, und NEVS wird sich genauso verhalten. Und NEVS wird dann mit den Zulieferer reden, wenn NEVS es für nötig findet. NEVS ist nicht das alte SAAB.

Ich versuche nicht NEVS zu verteidigen, aber diesen Anspruch von den Saab Fans dass NEVS uns über alles informieren soll, kann ich nicht verstehen.

Peter
13 Jahre zuvor

Wann endlich erklären sich die Insolvenzverwalter zu ihren Entscheidungen und ihrem Tun . Wenn es um soviele Arbeitsplätze und eine Menge Geld geht , dann kann man doch von diesen Herrschaften erwarten , das sie auch ihre Gründe nennen warum sie sich gerade für dieses NEVS – Gebilde und nicht für einen höherbietenden und finanzkräftigen Automobilkonzern entschieden haben. Ich finde es kann nicht wahr sein das denen noch niemand wirklich massiv auf die Pelle gerückt ist um endlich mal die Wahrheit zu erfahren. Gibt es den in Schweden kein Gesetz , das eine Erklärung in einem solchen Fall von den Insolvenzverwaltern fordert , oder dürfen die ungestraft machen was sie wollen.