Rückspiegel: Von der Kunst, nicht aufzugeben

Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel
Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel

Es ist nicht einfach, über die Marke Saab zu schreiben. Seit mehr als einem Jahr baut Saab in Trollhättan keine Autos mehr, und ich bin nicht gut darin, nur über die glorreiche Vergangenheit zu schreiben. Denn das Leben geht weiter, Dinge entwickeln und verändern sich. Es ist schlicht und einfach viel zu spannend, als dass man die Zukunft ignorieren und an der Vergangenheit kleben bleiben könnte.

Ein heikler Artikel in einer schwierigen Situation also. Und ein recht persönlicher und offener dazu. Denn in der momentanen Situation, in dieser ewigen Hängepartie, bringt das Thema mir wenig Spass. Angetreten bin ich oder wir – damals noch mit Freund Marco – um Saab zu unterstützen und um Testberichte aus der Sicht eines normalen Kunden zu schreiben. Keine Produkte, keine Testberichte, und in meinem Freundeskreis fragt man sich schwer besorgt, und das zu Recht, ob ich ernsthaft daran glaube, dass es jemals wieder Autos mit dem Greif geben wird.

Jetzt ist der Zeitpunkt zum optimalen Ausstieg gekommen. Denn in meiner Unbekümmertheit hatte ich versprochen, zu schreiben, bis die Werkstore endgültig schließen. Voilà! Das ist am 1. August der Fall. Die ehemaligen Saab Angestellten, welche noch für die Administratoren arbeiten, haben ihren Job weitgehend erledigt. Ein neuer Eigentümer wird Hausherr in der Stallbacka. Damit ist die Geschichte am Ende, und es ist an der Zeit, den Hut zu nehmen und den Mac auszuschalten. Aber ist sie wirklich zu Ende erzählt?

Was ist eigentlich passiert? Eine Immobilie wechselt den Besitzer, und Autowerke, die einen neuen Eigentümer bekommen, sind auch nichts Aussergewöhnliches. In den USA hat Fisker gerade ein GM Werk gekauft, in Holland wechselt Nedcar für einen Euro den Besitzer, und leere oder aufgegebene Produktionsstätten gibt es in Europa einige. Und in Zukunft wird wohl noch manches Werk hinzu kommen. Fiat hat zwei Fabriken zuviel, Opel so oder so auch, und auch PSA wird ein oder zwei Werke dicht machen müssen.

Werke gibt es also wie Sand in der Wüste, und die Wertschätzung dieser Immobilien, man sieht es an den symbolischen 1 € Preisen, ist recht gering.  Eine Autofabrik zu kaufen, mieten oder pachten ist also nichts, was besonders aufregend wäre. Wenn zum 1. August NEVS Büros in der Stallbacka beziehen kann, werden die Investoren eine besenreine Fabrik vorfinden. Presswerk, Lackierwerk, Prüfstände, eine Teststrecke und noch viel mehr.

Und jetzt noch mal die Frage, ganz konkret ! Ist es nun der richtige Zeitpunkt, auszusteigen und die Schlacht verloren zu geben?

Es ist eher an der Zeit, um die richtigen Fragen zu stellen !  Während NEVS ein Werk kauft, mit Scania und der Saab AB über die Markenrechte spricht, fragt kein Mensch in Schweden nach den Saab Kronjuwelen. NEVS hat Rechte für den Bau des Saab 9-3 erworben, falls man den Kaufpreis an die Administratoren bis zum Ende des Sommers bezahlt. Aber der 9-3 ist, seien wir ehrlich, maximal ein Brückenprodukt auf dem Weg in die Zukunft. Der wahre Wert von Saab liegt nicht dort.

Da wäre, völlig aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden, der neue, kleine Saab. Erinnern wir uns… Auf Basis des auslaufenden Mini sollte ein Saab 9-1 erscheinen. Verträge mit München wurden gemacht, Entwicklungsarbeiten begonnen. Da ist auch noch die Phoenix Plattform, die Basis für eine ganze Produktfamilie. Der kleine Saab und der Saab 9-3 Nachfolger, das sind die wahren Kronjuwelen des schwedischen Autoproduzenten. Nur spricht keiner darüber, zumindest offiziell. NEVS hat weder die Phoenix Plattform erworben, noch Interesse am Saab Kleinwagen angemeldet.

Dass die Prototypen vergessen in einer Ecke der Fabrik stehen, vor sich hin stauben, das ist auszuschließen. Auch dass die halbfertigen Stücke in eine Presse gewandert sind. Dazu sind sie zu wertvoll. Unter der Administration der Insolvenzverwalter wurden die Entwicklungsarbeiten nicht komplett eingestellt, denn der Wert liegt auch im Entwicklerteam selbst.

Schauen wir auf den Markt !  Das Automobilgeschäft wird härter. China hat in den ersten 6 Monaten des Jahres seine Automobil-Exporte um 28 % steigern können. Geely allein hat im Juni 10.000 Wagen exportiert, in diesem Jahr wird der Produzent 200.000 Autos ausführen. Es ist das leise Grollen einer Lawine, die sich ankündigt und unaufhaltsam auf uns zurollt. Betroffen davon werden die Hersteller sein, die das Auto als günstiges Transportmittel sehen.

In Europa sind es Ford, Opel, PSA und Fiat. Preiswerte Autos auf unserem Kontinent zu bauen, wird immer schwerer werden. Die Chinesen exportieren jetzt nur in die Schwellenländer und verkaufen ihre Autos über den günstigen Preis. Aber in Südeuropa und auf dem Balkan laufen jetzt schon die ersten Autos “made in China”, und es werden immer mehr.

Überleben wird von den Europäern nur der, welcher im Premiumsegment zu Hause ist oder ein starkes Image besitzt und der für seine Produkte einen entsprechenden Preis erwirtschaften kann. Das sind Unternehmen, die sich über Design oder von der Masse Technik absetzen. Oder die, wie Börsianer sagen, eine bestimmte weil einzigartige Story transportieren.

Saab könnte zu diesen Firmen dazu gehören, denn die Markengeschichte ist unvergleichbar, und die Marke ist zu gut, um heute die Bücher zu schließen. Die Saab-Story, da bin ich mir sicher, ist noch nicht fertig erzählt !  Da sind die Saab Zukunftswerte, über die bislang keiner spricht. Der Saab 9-1 und der Saab 9-3 Nachfolger sind die wahren Objekte, um die es geht. Die Administratoren werden – irgendwann demnächst – die Geschichte zu einem Ende bringen. Ob im August oder im September, das weiss keiner so wirklich. Und dann werden wir sehen, ob die Marke ein Zukunft hat.

Ich muss nicht um jeden Preis weiterschreiben. Mein Leben ist voller interessanter, herausfordernder Optionen, und auch ein Leben nach oder ohne Saab würde nicht langweilig sein. Aber jetzt das Finale verpassen? Niemals !

Text: tom@saabblog.net

25 Gedanken zu „Rückspiegel: Von der Kunst, nicht aufzugeben

  • 30. Juli 2012 um 10:31 AM
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    Puuuh … Tom, jag uns doch nicht so einen Schrecken ein! 😉

  • 30. Juli 2012 um 10:42 AM
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    Spitzen Artikel mit klarer Ansage! Aber was machen wir wenn Tom wirklich von Bord geht? 🙁

  • 30. Juli 2012 um 10:42 AM
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    Hallo Tom,

    und wieder einmal schreibst Du wahre Worte. Obwohl mich persönlich eher der neue 9-5er interessiert, wäre ein 9-1er wohl aktuell eher der Schlüssel zum Markt. Dies zeigt der Erfolg der “Kleinen” bei anderen Marken. Wer hätte zur Einführung gedacht, dass jemand einen 1er BMW “braucht”? Ich bin gespannt, ob sich jemand jetzt noch traut mit Saab weiter zu machen und ob er die Chance dazu bekommt.

    Vielen Dank an Dich, dass Du uns mindestens bis zum Finale auf dem Laufenden hältst. Eines kann ich versprechen: Solange Du weiterschreibst, solange werde ich lesen.

    Gruß aus Rheinhessen
    Alex

    • 30. Juli 2012 um 11:36 AM
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      Der 9-1 währe das ideale Produkt um auch wieder eine, nun ich sage es mal so, eine jüngere Saab Generation an zu ziehen. Der Grossteil der Saabfahrer hat doch eher ein leicht erhöhtes alter, haben noch die glorreichen Zeiten mit dem SABB 900 und 9000 erlebt, als Fahrer. Ich will hier niemandem zu nahe treten aber die Zukunft liegt bei den jungen Fahrern diese sollten sich auch solch ein SAAB leisten können. 9-1 als Einstiegsprodukt, keine Riesen Motoren aber noch immer klasse mit gutem Durchzug, so dass diese Fahrzeug auch als zweit Wagen ein Saabiger spass wäre 😉 Modell Hatchback und Cabrio mehr nicht 🙂 Ich währe je nach Design auf der Matte und würde mir ein solches Ding kaufen, mit genug Schub und Hirschigem Tuning strong buy 🙂

      • 30. Juli 2012 um 12:12 PM
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        So nen Saab 9-1 Aero… Das wäre schon was… Würde ich direkt vorbestellen.

        Naja, träumen darf man ja noch… ^.^

        • 30. Juli 2012 um 12:15 PM
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          9-1 Aero Cabrio, mit Hybried strong buy

  • 30. Juli 2012 um 11:25 AM
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    Hi Tom,

    schreib nicht ganz soviel sonst ist der Sommer vorbei und wir waren gar nicht im Biergarten 🙂

    Ciao

    M.

    PS: Die SAAB Story ist erst dann zu ende wenn der letzte Saab in die Schrottpresse gewandert ist, was noch verdammt lange dauern wird!

  • 30. Juli 2012 um 11:39 AM
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    … tja, manche wollen es einfach auch nicht wahrhaben, wie ich schon vermerkt habe, mit dem Verkauf an NEVS ist die Marke SAAB tot und gehört der Vergangenheit an. Mit einem Verkauf an Youngman, Mahindra, oder jeden anderen beliebigen, der Autos bauen kann, sähe das anders aus.

    Die Administratoren haben sich für ein Startup-Finanzkonsortium entschieden, wobei noch immer nicht klar ist warum, das kein Interesse an SAAB oder deren Technologie hat und E-Autos bauen will, mit allen damit zusammenhängenden Bedenken und auch kein klares Konzept vorweisen kann. Die verlorene Zeit und die verlorenen Mitarbeiter sind nur weitere Negativposten.

    … die einzige Chance noch jemals einen “neu” produzierten SAAB zu sehen, ist wenn NEVS die Rechte an jemanden verkauft, der Autos bauen kann, dazu brauchen sie auch den Namen, den sie so aber kaum bekommen werden – aber das hätte man ja einfacher haben können, und wirft die Frage auf warum hat man nicht …

    • 30. Juli 2012 um 12:09 PM
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      Ich glaube nicht an NEVS und den ganzen Humbug. Das ist die Show um abzulenken und Tom hat das richtig erfasst. Was ist mit dem kleinen Saab und der Phoenix Plattform. Das sind die Dinge von Interesse und wenn das Theater zu Ende ist werden wir die Wahrheit sehen.

  • 30. Juli 2012 um 11:50 AM
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    Tom lass uns bitte nicht im Stich, auch wenn es andere Blogs wie SU etc. auf dem Web existieren so ist deiner doch der Blog auf welchen wir immer zählen können und nicht nur ürgend welcher Pimperniz gepostet wird, ich persönlich bin ein Fan von deiner Schreibweise und würde diese missen.

    P.s. ich werde mir, wenn alles gut geht für den TurboX den Honey Grill kaufen, weißt du ob wir das TX Packet am TurboX haben?? ich bin mir nicht sicher, dies ist das Produkt der Begierde 🙂 http://www.hirsch-performance.ch/Content.aspx?path=/Products/Aerodynamik/F848006700

    • 30. Juli 2012 um 12:53 PM
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      Der Grill passt auf jeden Fall. Gute Idee :-). Das TX Paket = Turbo X, also wir haben es auf jeden Fall. Und lass uns mal abwarten was bis September so passiert…

  • 30. Juli 2012 um 12:05 PM
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    Also, ich wäre dafür, die Frist bis zum Ausstieg aus dem Blog aufzuschieben – kennen wir ja aus Schweden so – bis die Akte SAAB geschlossen ist.

  • 30. Juli 2012 um 12:40 PM
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    Hallo Tom,

    Ich kann deine Intension nur zu gut verstehen. Mich haben Freunde und Familie schon längst zur Wirtschaftsromantikerin abgestempelt. Aber ich kann und will meinen Saabtraum nicht einfach begraben. Saab gehört zu mir und mein Herz, mein Autoherz gehört Saab. würde ich jetzt die Flinte ins Korn werfen, das würde heissen, ich würde einen Teil von mir aufgeben.
    Die letzte Zeile ist noch nicht geschrieben. die Telenovela wird schon gut ausgehen. Ich vertrau da auf mein Bauchgefühl, dass ist gut, es hat mich auch noch nie im Stich gelassen.

    Es ist schon ein so großes Stück des Weges geschafft, dann werden wir jetzt so kurz sicher nicht aufgeben. GM darf einfach nicht gewinnen. Und nur gemeinsam können wir den Saabtraum weiterleben lassen.

    • 30. Juli 2012 um 1:17 PM
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      “GM darf einfach nicht gewinnen” – genau das ist auch für mich einer der wichtigsten Punkte!

      Beim aktuellen Artikel von Tom frage ich mich immer mehr, ob er nicht doch bereits ganz konkrete Hinweise hat, die wir nicht haben – eigentlich geht es ja wirklich in erster Linie um die Phönix-Plattform und die Modelle 9-1 + 9-3 und nicht um eine gewagte Elektroauto-Produktion von NEVS. Letzteres könnte zwar auch in Trollhättan mit starten, aber mir kommt es doch so vor, als wenn demnächst ein anderer bereits bekannter Name noch zur großen finalen Überraschung werden könnte. Zwei der bisher großen Interessenten könnte ich mir mittlerweile als den neuen SAAB-Autobile Konzernlenker vorstellen (hierbei kommt mein Favorit nicht aus Europa).

  • 30. Juli 2012 um 1:04 PM
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    Ein SAAB 9-1 wäre auf jeden Fall passender gewesen als das große Dickschiff SAAB 9-5 (nix gegen den 9-5). SAAB hätte endlich junge Käufer bekommen und der kleine wäre ein Erfolg. Vielleicht lauert irgendwo ja noch ein Inder der die Verträge heimlich schon ausgehandelt hat. Die Hoffnung stirbt bei mir immer noch nicht.
    Der Abgang unseres Bloggers wäre ein herber Verlust für uns und die Marke. Also muss es weitergehen!

  • 30. Juli 2012 um 1:43 PM
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    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass gerade Krisenzeiten so wertvolles Marken Kapital vernichtet werden könnte. Gerade jetzt sind starke Marken gefragt, denn nur die können sich erfolgreich vom automobilen Einerlei abheben. Einen SAAB kauft man sich, weil man einen SAAB haben will. (Was natürlich analog auch für MB oder bmw etc. gilt)
    Wenn man sich nur irgendeinen neuen Wagen anschaffen will, dann stehen vw, opel, koreaner und japaner in einer Reihe.

    Ich will einen SAAB und bleibe bei SAAB bis es tatsächlich keinen mehr zu kaufen gibt. Ende. 🙂

  • 30. Juli 2012 um 2:30 PM
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    Wow…! @Tom: Ja, auf jeden Fall bitte weitermachen! Und vielen Dank für den super Blog!!!

  • 30. Juli 2012 um 3:35 PM
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    Hallo Tom,ich hoffe dass Du die nötige Illusion hast um hier weiterzumachen! Ich glaube,dass die Saab-szene,zumindest die deutschsprachige,ein gutes Stück ärmer wäre ohne dein Blog! So wünsche ich Dir nur das Beste,hoffe noch auf VIELE deiner Berichte und nochmal vielen Dank für Deine Arbeit hier. Grüsse aus dem heissen Spanien.

    • 30. Juli 2012 um 4:06 PM
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      Illusion??? Ich denke du meinst Inspiration oder was anderes positives… Aber Illusion denke ich wohl nicht, ansonsten muss man hier ja nicht mitlesen 😉

      • 30. Juli 2012 um 6:58 PM
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        Entschuldigung,da ist mir ein kleiner “Druckfehler” unterlaufen! Natürlich meinte ich was positives,wie Inspiration,Lust usw.Sowas passiert,wenn man 30 Jahre im Ausland lebt,und frei aus dem spanischen übersetzt. So hoffe ich, hier witerhin mitlesen zu dürfen…;-)))

        • 30. Juli 2012 um 10:41 PM
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          logo, hat mich nur verwundert das wer so was schreibt auch wenn der artikel nicht nur rosa Streifen am Himmel hat, es ist halt keine Illusion 😉

  • 30. Juli 2012 um 4:02 PM
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    Hallo Tom,

    zwischen Hoffnungsschimmer und Illusion kann der Insider
    am besten unterscheiden. In der Hoffnung,dass ersters zutrifft, sind alle SAAB – Freunde sicher für das Weitermachen dankbar.

  • 30. Juli 2012 um 4:39 PM
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    Wenn auch bei mir ( noch ) die schwedische Fahne auf Halbmast steht, hoffen wir doch alle, dass UNSERE Flagge wieder einmal ganz oben im Wind flattert.
    Gruß und Dank für deinen Artikel.
    GALLIX

  • 30. Juli 2012 um 5:56 PM
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    Hallo,

    ich bin immernoch SAAB Fahrer(1 cabrio, 1 kombi ==> 2* 180000km), weil ich mich ganz einfach nicht für ein anderes entscheiden kann. Autokauf ist halt gefühlskauf. Ich hoffe inständig, das der 9-5er als Kombi bald zu sehen ist.

    Gruss aus dem Saarland.

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