Nach dem Ende von D1 kommt Sango

Wer in den letzten Tagen an der alten Saab Fabrik vorbei kam,  konnte ein ungewöhnliches Bild sehen. Der Auslieferungsplatz voller Fahrzeuge, wie zuletzt 2011. Eine heile Welt…was hat sich verändert in Trollhättan? Das erfreuliche Bild trügt. Spätestens,  wenn man sich dem Gelände nähert und das Logo auf den Fahrzeugen entdeckt, schwindet die gute Laune.

Trollhättan, alte Saab Fabrik April 2018.
Trollhättan, alte Saab Fabrik April 2018.

Rund 100 bis 150 neue  Volvo XC40 parken vor der früheren Saab Fabrik. Keine Elektroautos, nichts von NEVS, und schon gar nichts,  was „Made in Trollhättan“ wäre. Die NEVS Tochter NIS vermietet nicht nur ehemalige Saab Test- und Prüfeinrichtungen, sondern auch Parkplätze. Ihr Umsatz soll 2018 von rund 4 Millionen € auf 8 verdoppelt werden. Eine Erfolgsgeschichte, und die einzigste,  die im Moment zu vermelden ist.

Jenseits davon zieht eine weitere Schlechtwetterfront über die Stallbacka. Am 23. März meldet die Chinadaily ein neues Joint-Venture zwischen DiDi und CHJ Automotive. CHJ, ausserhalb Chinas ähnlich unbekannt wie NEVS diesseits der Saab Community, wird ab 2020 Elektroautos für DiDi produzieren. Es war klar, dass diese Entscheidung unmittelbare Auswirkung auf das D1 Projekt und die Zukunft von NEVS haben würde.

DiDi hatte sich, was keine echte Überraschung war, gegen die Kooperation mit NEVS entschieden. Die Utopie von der Hochzeit einer Mücke mit einem Elefanten war ausgeträumt. Aus Trollhättan gab es keine Reaktion. Es dauerte bis zum 5. April, bis in Schweden jemand Notiz davon nahm. Eine Meldung aus dem NEVS Intranet wurde zur Sverigesradio durchgereicht. Darin teilte NEVS das Ende der erst im Januar begonnenen D1 Entwicklung mit und die zukünftige Konzentration auf ein neues, eigenes Projekt.

In den folgenden Tagen versuchte die NEVS Presseabteilung,  die erneute  Niederlage zu beschönigen. Man habe die Entwicklung aus eigener Entscheidung und in verständnisvoller Abstimmung mit DiDi eingestellt. Und es habe sich nur der Zeitplan und die Plattform, nicht aber die Zusammenarbeit mit DiDi geändert. Eine Flucht aus der Realität bei einem Unternehmen,  das auf Niederlagen abonniert scheint.

Tatsächlich sind die Folgen nicht abzusehen. DiDi war als einer der Hauptkunden für das NEVS 9-3 Elektroauto vorgesehen. Der Produktionsbeginn im Sommer 2018 steht in den Sternen, ausserdem ist die Frage offen,  was mit den anderen unverbindlichen, großen Bestellungen ist. Auch die mittelfristige Finanzierung ist eine offene Flanke. Immer noch.

Nach D1 kommt Sango

Nach dem Ende der D1 Entwicklung konzentriert man sich in Trollhättan auf das Sango Projekt. Eine neue Plattform, die laut Pressechef Fryklund für das stehen soll, was NEVS wirklich ist. Klingt erst einmal spannend, ist es aber nicht. Das Sango Projekt ist ein autonomer Pod. Eine Studie davon zeigte NEVS 2017 auf der CES Asia.

Autonome Pods sind die Transportlösungen der Zukunft für die Metropolen dieser Welt. Unglaublich effektiv, aber auch absolut langweilig. Keine Emotionen, noch weniger Individualität als ein SUV. Und von der Gestaltung her so anspruchsvoll wie das Design einer Schuhschachtel. Dennoch möchte man hier mit skandinavischen Design-Akzenten punkten.

Das chinesische Startup aus Trollhättan wollte in den letzten 6 Jahren Vieles sein. Saab Nachfolger, Tesla Jäger, Wahrer des Saab Design-Vermächtnisses, eine innovative Marke und globaler Anbieter mobiler Dienstleistungen. Jetzt also die Zukunft als Hardwarelieferant für Flotten-Provider wie DiDi.

Ein Geschäftsmodell, von dem es in China bereits Dutzende gibt. Junge Firmen,  die darauf bauen, dass in nicht allzu ferner Zukunft ihre Hardware in den Flotten von DiDi oder anderer Provider auftaucht. War es das wert,  dafür die Überreste einer großen schwedischen Traditionsmarke zu zerschlagen?

13 Gedanken zu „Nach dem Ende von D1 kommt Sango

  • 19. April 2018 um 1:51 PM
    Permalink

    Bei der schwedischen Bevölkerung selbst scheint der (temporäre?) Verlust der automobilen Traditionsmarke SAAB kein großes Interesse auszulösen – merkwürdig, ich hatte die Schweden vor 2011 grundsätzlich anders eingeschätzt.

    Nicht mal der damalige Mutterkonzern, die SAAB AB, zeigt an einer Wiedergeburt Interesse – dort scheint mit dem Verkauf der SAAB-Automobilsparte im Jahre 2000 an GM und dem damit verbundenen Niedergang die Sache irgendwie erledigt zu sein. Direkte Kontakte der SAAB AB mit anderen Investoren als NEVS sind mir bisher nicht zu Ohren gekommen. Eigentlich schade, denn mit der Lizenzierung des Namens könnte man bei einem finanzkräftigen und geeigneten Investor mit Sicherheit zusätzlich ordentlich Kasse machen – bei der weltweiten SAAB-Community würden die Korken knallen!

  • 19. April 2018 um 2:15 PM
    Permalink

    So ganz verstehe ich es auch nicht, warum kein vom Dieselgate geplagter Automobilkonzern wenigstens bei den Namensrechten zugreift. Der Nimbus der Marke ist doch eindeutig höher, als der von z.B. Skoda oder Seat vor deren Übernahmen. Apropos alte Traditionsmarken: im Mai sollte doch der BX5 von Borgward in Deutschland vorgestellt werden….

    • 19. April 2018 um 2:24 PM
      Permalink

      Die ersten Borgward BX7 sind letzte Woche in Bremerhaven angekommen. Nicht besonders viele, so um die 30. Man lässt es scheinbar ruhig angehen.

  • 19. April 2018 um 6:06 PM
    Permalink

    Nevs ist wie ein Schiff ohne Kapitaen und faht ohne Richtung uebers Meer. Dan links dan rechts aber ankommen wird das Schiff niemals.Gedanken haben diese Leute genugend aber Praxis fehlt. Andere hersteller sind in einige Jahren schon viel viel weiter mit die Entwicklung von electrische angetriebene Wagen und wo ist NEVS; noch nirgendwo.
    Bin sehr gluecklich das dieses unternehmlen den Nahme Saab abgenommen worden ist.

  • 19. April 2018 um 6:07 PM
    Permalink

    Das verstehe ich auch überhaupt nicht das niemand bei dem Markennamen zugreift und Saab AB keine Überlegungen anstellt aus den Markenrechte Kapital zu schlagen…
    Ein Interview mit dem Vorstand von Saab AB wäre mal zu diesem Thema interessant.

  • 19. April 2018 um 6:54 PM
    Permalink

    Was sollen diese Sentimentalitäten – SAAB hin, SAAB her – ja, ich bin auch Saab-Fan und liebe mein 99er-Cabrio heiß und innig!
    Aber haben die Kommentatoren nicht verstanden, dass wir im Kapitalismus leben und dass dessen Gesetz gilt?
    Jammerlappen mag ich nicht!

    • 20. April 2018 um 11:02 AM
      Permalink

      Selbst im Kapitalismus gibt es Gestaltungsmöglichkeiten. Es darf aber bezweifelt werden, dass diese Möglichkeiten in Sachen SAAB bisher voll genutzt wurden – weder in der Vergangenheit noch gegenwärtig.

      Dies ist lediglich eine Einschätzung der Ereignisse und hat mit Jammern nichts zu tun!

      • 23. April 2018 um 11:40 AM
        Permalink

        Ich bin mir nicht sicher, ob es wünschenswert wäre, wenn die Saab AB die Namensrechte wieder neu vergibt. Und an und für sich hatten sie ja nach dem Entzug der Namensrechte an NEVS auch angekündigt, dass sie diese auch nicht mehr vergeben wollten. Was würde passieren wenn die Namensrechte beispielsweise an VW neu erteilt würden ? Es hätte nichts mehr mit Schweden und Trollhättan zu tun . In irgendeiner Fabrik des VW Konzerns würde zum Beispiel ein Audi A4 mit verändertem Blechkleid und Saabemblem vom Band rollen. Und was haben wir davon ? Wer das will, kann sich auch ein beliebiges neues Auto kaufen, und fürs Seelenheil beim Saab Service Partner mit neuen Saabemblemen versorgen und diese an seiner Neuerwerbung montieren.
        Um die Saab Autosparte wieder neu zu beleben müsste dies mindestens in Form eines Joint Venture mit der Saab AB und einem Autohersteller passieren, aber auf jeden Fall müsste die Saab AB und / oder der Standort Schweden eine große Rolle dabei spielen. Was ja jetzt auch schon bei NEVS in beiden Fällen nicht mehr der Fall ist.

  • 19. April 2018 um 7:37 PM
    Permalink

    Das sind unglaublich triste Fotos …

    Mich erinnern sie an die Abfertigungsanlagen für den Transitverkehr auf DDR-Seite, ein paar Jahre nach dem Mauerfall, also unbelebt und im Verfall begriffen. SAAB und DDR-Grenzanlagen. Was für eine traurige Assoziation.

    Parkplätze also. Immerhin so viel hat man mit (Auto-) Mobilität noch am Hut.

  • 19. April 2018 um 9:16 PM
    Permalink

    Danke für die Info, über das, was in Trollhättan so läuft.
    Das eine Fa. Parkraum (!) vermietet, lässt eine Menge Gedankenspiele zu.
    Ich spare mir die weiteren Ausführungen. Die Fa. ist es (in meinen Augen) nicht wert.
    In 2 Jahren, so tippe ich, ist die Fa. Geschichte.
    Schau´n wir mal…

  • 20. April 2018 um 12:54 PM
    Permalink

    ..schade also wird es nix, mit dem iSAAB über DIDI 🙁

    für eine Firma ohne Produkt halten sie aber schon verdammt lange durch, dafür Respekt! Ja das mit dem Kapitalismus ist ja auch so meine Meinung, wer die Potenz und den Mum = Geschäftsidee hat, kann ja bei der SAAB AB anklopfen. Schade ist es schon, keine andere Automarke war mit ähnlichen technischen Hintergrund so aggressionsfrei. Nicht das ich mich autotechnisch verändern müsste aber es gibt nix was bei mir wirklich einen Habenwollenreflex auslöst, mit großen Abstrichen vielleicht ein Tesla oder ein Volvo wenn mal ein daly driver gesucht wird. Aber es wird dann wohl auf Fahrdienstleistungen hinauslaufen und kein Begleiter Names SAAB sein sondern nur ein AUTO.

    • 22. April 2018 um 12:46 PM
      Permalink

      Mit dem Habenwollenreflex geht es mir (fast) genauso …

      Nur sind Tesla und Volvo ein- bzw. ausgeschlossen. Es gibt keinen Neuwagen mehr, der den Reflex auslöst.

      Begegne ich einem Hingucker, dann fällt der Blick u.a. auf einen Außenspiegel, der nicht nur elektrisch verstellbar und beheizt ist, sondern auch gleich noch eine Kamera und Anzeigen enthält. Vielleicht noch mehr? Etwa einen Miniblinker …

      Zweiter Blick und Kopfkino: Einparkhilfen, Kameras, ein Abstandsradar und noch viel mehr in den „Stoßstangen“. Etwa optische Sensoren für den Spurhalteassistenten, die automatisch öffnende Heckklappe oder den Kofferraumdeckel …

      Komplexität, Automatisierung, Assistenzen, Konnektivität* und Bevormundung. Mir ist das alles zu viel.

      Im Synonymwörterbuch (Duden 2007) steht unter *Anschluss übrigens (u.a.): Aneignung, Besitzergreifung, Besitznahme, Einverleibung, Eroberung, †Übernahme, Annektierung, Annexion …

      Will ich dafür auch noch (viel Geld) zahlen? Nein.

      Und doch kenne ich den Habenwollenreflex. Etliche Gebrauchtwagen, Young- und Oldtimer unterschiedlicher Marken lösen ihn zuverlässig aus. Mit darunter selbstverständlich sehr viele SAAB-Modelle …

  • 20. April 2018 um 7:41 PM
    Permalink

    Liebe Leute. Man muss doch wirklich nicht studiert haben, um zu verstehen, das Saal (leider) Geschichte ist. Ich will von diesem Elend wirklich nichts mehr hören. Besinnt euch auf die gute Tage, hegt und pflegt eure Saabs und freut euch immer wieder, wenn ihr einen Saab auf unseren Straßen seht. Ich habe es hier schon öfter geschrieben. Es ist noch nie in der Automobilgeschichte eine tote Marke wieder auferstanden. Noch nie!!! Eine Übernahme zur Fortführung einer Automarke hat nur funktioniert, wenn irgendetwas vorhanden war, was aus dem laufenden Geschäft heraus zu verkaufen war. Saab ist seit Jahren tot (leider!) geschweige denn, das irgendetwas da währe, was man für ein Auferstehen nutzen könnte. Außerdem ist der Name leider in Schweden verbrannt. Niemand würde (wenn Saab wieder auferstehen sollte) das Risiko eingehen, dort anzuheuern. Weil die Ungewissheit eines Fortbestandes sehr groß sein wird. Zulieferer wird es auch (aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit) keine geben.
    Ich möchte nichts aber auch gar nichts mehr von Nevs hören.
    Ich wünsche allen Saabfahrern eine unfallfreie Sommerzeit, und wer Lust auf ein saabiges Pläuschchen hat, den lade ich gerne an der A7 in Höhe Bad Fallingbostel oder Soltau auf einen Kaffe ein.

Kommentare sind geschlossen.