Saab 9000. Das Auto aus der Hightech Schmiede.

Mitte der 80er Jahre war Saab auf dem großen Sprung. In der Stallbacka entstand der neue R&D Komplex, 1986 waren die Labore bezugsfertig. Endlich hatte die Marke einen eigenen, modernen Wind- und Klimatunnel, Akkustiklabore  und neueste Computertechnik. Die Saab PKW Abteilung mutierte zur Hightech Schmiede. Fans, die 2015 zum Festival in Trollhättan waren, konnten die Räume besichtigen. Sie atmen immer noch den Geist der aufregenden 80er und 90er Jahre, welche die Entwicklung der Marke nachhaltig prägen sollten.

Saab Hightech der 80er. JAS 39 Gripen und 9000 CC. Bild: Saab Automobile AB.
Saab Hightech der 80er. JAS 39 Gripen und 9000 CC. Bild: Saab Automobile AB.

Der Saab 9000 galt als avantgardistisches Hightech Fahrzeug aus Schweden, die Produktion wuchs von Jahr zu Jahr und erreichte 1988 mit 52.199 Einheiten ein Allzeithoch. Saab Turbotechnik galt als führend, wenn auch teuer, die Fahrzeuge als umweltfreundlich und verbrauchsarm.

Ein Saab 9000 Turbo mit 175 PS gewann den Verbrauchstest der Autozeitung (12/86) gegen Ford Scorpio 2.8i, Mercedes 260E, Lancia Thema, Renault 25, Opel Senator, Peugeot 505, BMW 525i und Volvo 760. Der kleinere 9000i verwies im Test der Autobild im Mai 86 den Ford Scorpio, Audi 100, Mercedes 230E, Opel Senator und BMW 525i auf die Plätze. Alles lief fantastisch, aber Saab wollte noch mehr.

Turbo Motoren galten in den 80er Jahren prinzipiell als nicht dauerhaft haltbar,  aber in Trollhättan war Olle Granlund von der Standfestigkeit der Konstruktion überzeugt. Die Motoren und das manuelle Getriebe im 9000 kann man als überdimensioniert einordnen, der große Saab ist unkaputtbar,  und solange der Motor und sein Getriebe irgendwo einen Tropfen Öl finden,  laufen sie auch.

Der Talladega Long Run

Gute Voraussetzungen, denn der Talladega Superspeedway in Alabama als Herausforderung hatte es in sich. Mercedes hatte mit dem 190 2.3 16 die Rekordfahrt versucht und war abgereist, als nach 50.000 Kilometern nur noch eine der 3 Limousinen lief. Nach Mercedes kam Audi an die Strecke. Die Turbos aus Ingolstadt versagten auf dem Oval in Alabama. Audi beendete den Alptraum, packte zusammen, und die Schweden reisten an.

Die Geschichte ist allgemein bekannt und Teil der Saab Saga. 3 Turbo Limousinen, von Vertretern der Motorsport-Behörde im Serienzustand vom Band geholt. 31 Fahrer, maximal 85 Kilogramm Ersatzteile pro Auto durften mitgeführt werden. Der Talladega Long Run der Saab Turbos beginnt am 7. Oktober. Nach 5 Minuten der erste Rekord für 10 Kilometer bei stehendem Start. Und das sollte nur der Auftakt sein. Innerhalb von 24 Stunden kassierte Saab 13 internationale Rekorde!

30 Jahre später. Talladega Nummer 1 ist immer noch ein Star. Mit Filmcrew aus Frankreich.
30 Jahre später. Talladega Nummer 1 ist immer noch ein Star. Mit Filmcrew aus Frankreich.

Alle 20.000 Kilometer rollten die Saabs zur planmässigen “Inspektion” an die Box. Neues Öl, neuer Ölfilter und frische Zündkerzen, mehr braucht es nicht. Die schnellste Inspektion soll nur 2 Minuten und 18 Sekunden benötigt haben. Saab ist fantastisch unterwegs und die Turbos fressen mit hoher Präzision Kilometer an Tag und Nacht. Nach 20 Tagen ist es soweit. Der schnellste Saab 9000 Turbo hat den begehrten Rekord für 100.000 Kilometer mit einer Durchnittsgeschwindigkeit von 213.229 Kilometern geholt,  und alle 3 Fahrzeuge kommen ohne Probleme über die Distanz.

Der innovativste Saab aller Zeiten

Saab hat die Qualität seiner Fahrzeuge eindrucksvoll unter Beweis gestellt,  und in den 80er Jahren jagt eine Innovation die nächste. Nie zuvor und nie mehr danach wird Saab so viele Innovationen zeigen wie im Lebenszyklus des Saab 9000. Und die Schweden machen zu diesem Zeitpunkt alles richtig. Modellpflege – die Kunst,  das Fahrzeug stets begehrenswert zu halten – steht ganz oben auf der Liste.

1985 bringt Saab die revolutionäre Direktzündung. Das System verzichtet auf bewegliche Teile, minimiert so die Fehlerquellen. Die Zündspannung erhöht sich um 60%, der Zündfunke ist 20mal schneller als bei konventionellen Systemen. Zeitgleich baut Trollhättan als einer der ersten Hersteller den Gurtstraffer im 9000 ein. Im folgenden Jahr erscheint der 9000i 16, auch er mit einem in den 80er Jahren als Hightech geltenden 16 Ventil Motor. 1988 wird mit viel Aufwand die Prestigelimousine 9000 CD in Nizza vorgestellt,  die Abgasregelung wird mit einer beheizten Lambda Sonde verbessert, Airbags für den Fahrer kommen, ein System zur Traktionskontrolle wird eingeführt.

Saab 9000 Produktion. Bild: Saab Automobile AB
Saab 9000 Produktion. Bild: Saab Automobile AB

1990 erscheint der 2.3 Liter Motor mit Ausgleichwellen,  und Saab verspricht den Kunden die Laufkultur eines 6-Zylinders. Das Versprechen wird nicht zu 100% eingelöst, sehr kultiviert ist der 2.3 trotzdem, ausserdem eliminiert Saab mit den mild aufgeladenen Softturbo Modellen das Turboloch. Saab Turbo Motoren werden stetig kultiviert, ihre Akzeptanz steigt und steigt, und die Innovationsflut der 1.400 Ingenieure scheint keine Grenzen zu kennen. Saab ist führend im Bereich Turbotechnik,  und man wird der Welt beweisen, dass man die umweltfreundlichsten Motoren baut.

Hightech hier – Scheune dort

Im seltsamen Gegensatz zu dem Hightech-Ambiente bei Saab steht die Design-Abteilung. Die Ingenieure haben die besten Computer und die modernsten Labore. Die VAX 8800 und VAX11/785 sind direkt mit dem Cray-1 der Aerospace Division in Linköping  verbunden. Parallel arbeitet das Design-Team um Björn Envall in einem Gebäude auf dem Werksgelände, das man als Scheune bezeichnen könnte. Gerade groß genug,  um ein 1:1 Modell aufzustellen, und mit einem Balkon,  damit man das Design aus allen Perspektiven betrachten kann.

Envall war mit dem Design der ersten Saab 9000 Generation, die heute als 9000 CC und 9000 CD bezeichnet wird, nie glücklich. Die ursprüngliche Linienführung kam von ItalDesign, Envall konnte sich nur noch in Detailbereichen einbringen. Aber Envalls große Stunde kommt mit der zweiten Generation des großen Saabs. Der 9000 CS wird das letzte Modell sein, das ohne Vorgaben aus den USA in Trollhättan gestaltet werden wird. So wie der 9000 überhaupt der einzigste moderne Saab war, wo Saab machen durfte,  was man wollte. Das würde Envall zwar viel später, mit Abstand von rund zwei Jahrzehnten, erst öffentlich sagen.

Aber es ist die Wahrheit, denn die Saab PKW Abteilung war zwischenzeitlich mit hohen Investitionen erneut in die Verlustzone gedriftet. Die Verhandlungen mit Ford scheiterten, im März 1990 wurde die Personenwagen-Sparte aus dem Saab Scania Konzern ausgegliedert. GM übernahm 50% der Anteile, und es fielen Entscheidungen, die den Lebenszyklus des Saab 9000 erheblich beeinflussen sollten.

Wie geht es weiter mit der Saab 9000 Saga?

Envall schenkt der Welt einen Keil. Chancen werden nicht genutzt, die Konkurrenz hat aufgeholt. Und der 9000 lebt länger als geplant. Warum? Das alles im nächsten Teil.

Teil 1 lesen:

Saab 9000. Der erste Tech Saab.

Danksagung:

Wir bedanken uns bei dem Saab Archiv von Wolfgang Schmel für die zur Verfügung gestellten Pressebilder.

8 Gedanken zu „Saab 9000. Das Auto aus der Hightech Schmiede.

  • 4. November 2016 um 10:45 AM
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    Geschichte…., wie immer packend geschrieben und hoch interessant zu lesen!
    Der Virus bleibt…, wenn auch die SAABs immer älter werden.
    Klasse, das die Fortsetzung in Arbeit ist…. 😉

  • 4. November 2016 um 11:46 AM
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    Toll geschrieben. Und wie immer packt mich dieses Thema (SAAB) mehr als das andere (NEVS).

    Inspektion in 00:02:18 ? Wow !

    Das ergibt bei einem Werkstattsatz von 85,– €/h Wartungskosten von 3,26 € zzgl. Material und Umsatzsteuer.

    Hat eigentlich jemand mal geguckt, ob der Blog seit dem Start seiner lesenswerten und packenden Artikelreihe zum 9000 dessen Preise weiter in die Höhe getrieben hat?

    • 4. November 2016 um 12:52 PM
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      Die Artikel schreiben den 9000 zumindest zurück in das Interesse. Denn da ist nicht viel, was man in die Höhe treiben könnte. Der Markt ist fast leer, was gute und gepflegte Fahrzeuge angeht. Vor 4 oder 5 Jahren war die Auswahl noch groß. Wer damals kaufte hat alles richtig gemacht.

  • 4. November 2016 um 12:10 PM
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    … so einer war bei uns in der Familie die “Einstiegsdroge” (als Ersatz des 528i)!
    … und ich bin bis heute leider weiter voll abhängig! 😉

  • 5. November 2016 um 4:01 AM
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    Wobei ich den nur ein Jahr gebauten 9000 turboS MY91, also CC mit schräger Front, für einen der, wenn nicht DEN, schönsten 9000 ever halte… 😉

  • 5. November 2016 um 12:08 PM
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    Am 50-jährigen “Jubilee-Day” 30. August 1987 in Trollhättan war die Werksbesichtigung noch interessanter und vorallem grösser gegenüber 2015, auf dem ganzen Werksgelände, inkl. Führungen durch die damals aktuelle Produktionsstätte, Testhallen, Forschungslabor wie auch Lagerhallen mit Vorstellungen von Zukunftsprojekte und eine leider verregnete Flugzeug- und Fahrzeugakrobatikvorführung mit nachfolgender Museumsfahrzeugevorstellung auf dem Fluggelände. War wirklich ein unvergesslichlicher Besuch wert, ganz klar besser und intensivere Vorstellungen als 1997 und 2007! Schade sind dies Zeiten vorbei …

  • 6. November 2016 um 12:50 PM
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    Natürlich freut das alle die hier auf dem Blog zu Hause sind. Dass Audi gescheitert ist freut mich ganz besonders….
    Bloss, die Tatsache heute; Audi und MB spielen in der Champions League und Saab ist leider tot. Ähnlich geht es ja Lancia, meine zweite Passion neben Saab. Was nützen heute die 6 Ralley WM Titel in Folge? Lancia ist faktisch auch tot.
    Es wird zunehmend schwieriger und natürlich auch teuerer die tollen Autos aus Trollhättan und Turin am Leben zu erhalten.

    • 6. November 2016 um 2:06 PM
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      Das ist schon richtig. Aber es macht eben Spaß SAAB zu fahren und die modernen Autos sind schlicht und einfach sehr langweilig. Lieber einen alten SAAB, auch wenn`s Mühe macht.

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