Saab 92A – perfekt oder zu gut restauriert und die Geschichte ausgelöscht?

Vor einigen Tagen war bereits ein historischer Saab 92A unser Thema. Es handelt sich um ein Fahrzeug aus Uruguay mit einer sehr speziellen und spannenden Geschichte. Ein überlebendes Exemplar von nur acht Neuwagen, welche die Saab AB damals offiziell in das südamerikanische Land exportierte. Die Historie, die Art und Weise, wie der Saab gefunden und zurück nach Europa gebracht wurde, sind einzigartig.

Das Atemberaubende an dem Fahrzeug ist seine Originalität (Link). Zwar ist der Lack nicht mehr im Auslieferungszustand, aber das übrige Fahrzeug trägt eine überwältigende Patina, so wie sie sein sollte. Sein Besitzer, der sich jetzt von dem Fahrzeug trennt, widerstand der Versuchung, es perfekt zu restaurieren. Es atmet und erzählt die Geschichte eines langen, bewegten Autolebens.

Ganz anders ereignete es sich in Schweden. Mit einem Saab 92A aus dem Jahr 1950, der perfekt restauriert wurde.

Saab 92A - perfekt und besser als neu
Saab 92A – perfekt und besser als neu

Saab 92A – perfekt oder zu gut restauriert und die Geschichte ausgelöscht?

Man findet sie unvermeidlich bei jeder Marke. Die Fahrzeuge, die perfekt restauriert sind und die sich in einem Zustand befinden, der besser als jener ist, wie sie einst verkauft wurden. Diese Vorgehensweise ist höchst umstritten. Denn zum einen löscht man mit einem Schlag eine Geschichte aus und man beraubt das Fahrzeug um seine Authentizität. Zum anderen simuliert man eine Qualität, wie es sie damals ab Werk definitiv nicht gab, und präsentiert der Welt ein absurd gutes Fahrzeug.

In Schweden wurde ein Saab 92A nach diesem Muster perfekt neu aufgebaut. Die Aktion dauerte volle drei Jahre und das Vorgehen war hier wohl ohne eine wirkliche Alternative. In dem spezifischen Fall musste das komplette Bodenblech nach alten Plänen neu angefertigt werden. Auch die Innenausstattung befindet sich komplett im Neuzustand. Die Stoffe dafür wurden nach Originalmustern gewebt, ein Restaurator kümmerte sich in aufwendiger Handarbeit um den Innenraum.

Schöner als ab Werk - ein restaurierter Saab 92A
Schöner als ab Werk – ein restaurierter Saab 92A

Wurde der Saab zu gut restauriert und hat die Seele verloren?

Das Ergebnis der mehrjährigen Aktion? Ein Fahrzeug – perfekt bis ins Detail. Und qualitativ feiner und sicher hochwertiger als der Saab 92A im Jahr 1950 aus der Trollhättan Fabrik herausfuhr. Wie zuvor erwähnt, war vermutlich das Vorgehen alternativlos, da das Fahrzeug aufgrund seines miserablen Zustands sonst wohl komplett verloren gegangen wäre.

Aber das Resultat fällt gleichzeitig auch merkwürdig steril und seelenlos aus. Es ist ein Objekt, das keine Geschichte erzählen kann und das kein Leben hatte.

Will man es fahren und besitzen? Oder ist es zu beliebig, zu kalt und nichtssagend, trotz seines Alters?

Stoffe neu gewebt, Sitze und Innenraum neu bezogen
Stoffe neu gewebt, Sitze und Innenraum neu bezogen

Die Auktion zeigt, was die Szene von zu gut restauriert hält

Der perfekt restaurierte Saab wurde in der vergangenen Woche in Schweden versteigert. Nach dem Tod des Besitzers hatten die Erben keine Verwendung für den perfekten Saab 92A Zweitakter. Die Auktion kann man als eine Art von Test sehen, wie die Saab-Szene auf diese Art von Fahrzeugen reagiert.

Für den Saab Nummer 536 aus dem Jahr 1950, im Originalzustand, hätte hier viel Geld winken können. Aber wie wird ein Fahrzeug eingeschätzt, das es in diesem Finish nie zu kaufen gab? Das Ergebnis ist eindeutig. Die Auktion erbrachte 245.314 Kronen (ca. 22.500 €), plus Aufgeld für das Auktionshaus (Link). Das klingt zwar viel, ist aber wenig. Denn es braucht nicht besonders viel Fantasie, um zu wissen, dass die Restaurierung ein mehrfaches dieses Betrags gekostet haben wird.

Wie neu, aber auch steril und leblos
Wie neu, aber auch steril und leblos

Wie sehen Sie das? Sind perfekte Restaurierungen zu gut und töten sie die automobile Seele? Oder sollte man es tun, besser als neu zu restaurieren wie diesen Saab 92A. Denn die Zeiten haben sich geändert und die Techniken sind vorhanden, also nutzt man sie?

Stimmen Sie ab, sagen Sie uns Ihre Meinung!

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Mit Bildmaterial von Bilweb

 

8 Comments
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Der Lizi
1 Jahr zuvor

Jeder, wie es ihm gefällt lautet die Devise. Ich habe gelernt beides zu akzeptieren, und mittlerweile auch beides zu machen. Je nach Fahrzeug. Den mittlerweile zum Vollturbo mutierten 900 OG und den roten 900 NG finde ich mit ihren Lebensspuren sehr charmant. Aber auch ein „besser als neu“ Oldtimer hat seinen Reiz. In Hamburg war ein im Hause Bredlow komplett überholter dunkelblauer 900 OG zu bewundern. Atemberaubend. Und der Glückspilz Lizi durfte letztens ein vollrestauriertes Coupé der XK150 Serie von Jaguar durch den Bayerischen Wald spazieren fahren. Respekt den Ingenieuren der 50-er Jahre. Und ebensolchen manchen Handwerks-Künstlern der heutigen Zeit.

FloK
FloK
1 Jahr zuvor

Restaurieren ist ein sehr individuelle Entscheidung. Gerade unter den Saab Fahrern soll es ja einige Individuellisten geben.
Die “Überrestauration” mit moderne Ausstattung ist doch absolut statthaft, wenn der Besitzer z. B. den Wagen als sicheres, tägliches Fortbewegungsmittel benutzen will. Da brauch man nur die Diskussion über die Nachrüstung von den Scheinwerfer anzuschauen.
Wenn er aber nur Spaß an einer Voll- oder Überrestauration hat weil er gerne werkelt oder viel Kohle hat und machen lässt, ganz egal. Hauptsache einen schönen SAAB (oder ein anderes Fabrikat) erhalten und möglichst auf der Strasse lassen.
Ein schönes Wochenende ☀️

F. Weber
F. Weber
1 Jahr zuvor
Reply to  FloK

Hauptsache ein Saab mehr auf der Straße. Absolut!

Christian Arndt
1 Jahr zuvor

Restaurieren? Ja! Aber behutsam, es ist kein Neuwagen. Manchmal führt an einer Neulackierung nichts vorbei, wenn der Altlack unrettbar ist. Dann sähe der Wagen mit einer Über-Patina eher grotesk aus irgendwann. Technisch vielleicht top, aber außen und innen verlebt. Dann doch lieber einheitliche Linie und ihn auch optisch schick machen ohne zu übertreiben. Alles soll zueinander passen.

Bei dem 92A kann ich die Intention verstehen: Wiederaufbau mit heutigen Mitteln. Interessant wäre es nun, ihn würdevoll im Betrieb altern zu sehen, so dass er wieder Patina ansetzt.

Mac Saab
Mac Saab
1 Jahr zuvor

Dieser hier hat zu viel Hochglanz. Eine sachte Patina wäre mir 1000x lieber.

gi.pi.
gi.pi.
1 Jahr zuvor

Immer wieder interessant zu sehen und erfahren wie mit der Instandhaltung, Teil- oder Ganzrestaurierung von alten Fahrzeugen vorgegangen wird. So wie sich der Fahrzeugmarkt im Laufe der Zeit extrem stark und immer schneller modernisiert hat, ebenso haben wir uns z.T. ebenfalls verändert, genau sowie von Generation zu Generation anders überlegt und gehandelt wird.

Wer noch von der alten Saab-Generation ist und den damaligen Saab-Virus von unseren Vorgängern hautnah miterlebt hat, kann durchaus nachvollziehend verstehen, wieso ein Saab-Besitzer an einer ehemaligen Fahrzeuggeschichte ein entsprechend persönlichen Wert legt!

MK_900
MK_900
1 Jahr zuvor

Das ist ein ganz heikles Kapitel. Ich bin der Meinung, dass gute Restaurierungen vollkommen in Ordnung gehen, allerdings ist das “besser als neu” dann in meinen Augen das Quäntchen zu viel. Im Prinzip bin ich ein Fan von, “so original wie möglich” bei der Restauration zu bleiben. Im vorliegenden Fall hätte es vielleicht auch eine gut erhaltene Innenausstattung in gebrauchtem Zustand getan, während die Bodengruppe wohl alternativlos war… Aber die Sache mit dem “erzählen” – naja – was kann einem eine Delle oder ein Rostfleck denn schon erzählen, außer, dass es verlebt aussieht. Interessanter finde ich dann, dass man bei Retsaurierungen noch Gegenstände im Auto findet, die unter den Sitz gerutscht sind, in Ritzen usw. – da erfährt man doch die eigentliche Geschichte des Fahrzeugs und vor allem der Menschen, die es besessen haben. Guten Start ins WE

F. Weber
F. Weber
1 Jahr zuvor

Ich glaube, da dreht sich aktuell was. Mein bester Freund ist im Porsche Lager, die restaurieren alles zu Tote, ohne Rücksicht auf irgendetwas. Das wird langweilig, das Leben wird ausgelöscht und die Geschichte und eine junge Generation geht andere Wege.