Der Renault 6 war ein französisches MPV, das heute vergessen ist

Das Schicksal vieler nützlicher, variabler Fahrzeuge ist es, dass sie eines Tages vergessen wurden. Sammler fliegen auf Coupe und Cabriolet, aber ein prähistorisches MPV findet selten einen Liebhaber. Der Renault 6 gehört zu dieser Gattung, die kaum Liebe erfährt.

Im Unterschied zum Renault 4, der einen gewissen Status besitzt, ist der größere Renault 6 heute vergessen. Es geht ihm wie dem Citroën AMI 6 (Link), welcher zu Produktionszeiten der direkte Rivale war. Beide Fahrzeuge haben vieles gemeinsam, auch wenn der Renault optisch den moderneren Eindruck abliefert.

Renault 6 TL
Renault 6 TL (1973)

Der Renault 6 ist der größere R4

Auch wenn es 1968 die Plattform Konzeption, so wie wir sie heute kennen, nicht gab, so ist der R6 ein Upgrade auf R4 Basis. Renault war da ziemlich einfallsreich unterwegs und spendierte dem bewährten kleineren Kastenwagen einfach eine größere Karosserie. Ein Plus von 20 Zentimeter sollte die Kunden, die man vorwiegend bei jungen Familien sah, überzeugen. Renault zielte mit dem R6 direkt auf den Citroën AMI 6 – und glaubte außerdem einen Trumpf ausspielen zu können.

Der viel größere Renault 16 (Link) war europaweit erfolgreich unterwegs – er galt als innovativ und qualitativ hochwertig. In Deutschland war er als französischer Mercedes akzeptiert und die Marke verpasste dem R6 eine Front, die exakt an den R16 erinnerte.

Das Kalkül war klar. Der Ruhm des großen Renault sollte auf das kleinere, vernünftige und günstige MPV abstrahlen. Damit das Erfolg haben würde, bekam der R6 ein aufwendigeres Armaturenbrett und bessere Sitze als der kompakte R4 – und zusätzliche Ausstattung.

Die Rechnung wäre vermutlich aufgegangen, hätte man dem Renault 6 auch größere Motoren spendiert. Aber, das Problem war ähnlich wie bei der AMI 6. Es blieb mit einem Leistungsangebot von 34 bis maximal 48 PS nur das Niveau des kleineren Modells.

Das war schade, die Presse bemängelte das Versäumnis schon bei der Premiere 1968 und auch der 1,1 Liter Antrieb mit 48 PS konnte sie nicht versöhnen.

Renault 6 Werbung im Juni 1973
Renault 6 Werbung im Juni 1973

Eine gewisse Karriere machte der vergrößerte R4 trotzdem. Er war ein variables, einfaches und anspruchsloses Auto, das man heute als MPV bezeichnen könnte. Das Raumangebot war großartig, der Federungskomfort war es ebenfalls und ein Freund meiner Eltern fuhr einen Renault 6 als Jagdwagen. Offensichtlich machten die langen Federwege den Renault schlecht-Wege tauglich, Platz für den Jagdhund war genug vorhanden, die große Heckklappe schluckte alles, was erlegt wurde.

Die Ölkrise hinterlässt ihre Spuren

Im Jahr 1973 spendierte Renault dem 6 ein großes Facelift, dem Zeitgeist entsprechend verschwand der Chromgrill, die jetzt sachlich moderne Front mit viel Kunststoff  nahm erneut die Sprache des größeren R16 auf. Die Technik aber blieb unangetastet, mehr Leistung hielt man nicht für notwendig. Warum? Die Ölkrise machte Schlagzeilen und sorgte für leere Autobahnen. Für Deutschland schob der Importeur jetzt sogar die sparsame Basismotorisierung nach, von mehr Leistung war man so weit entfernt wie nie zuvor.

Die deutsche Renault Niederlassung warb im Juni 73 für einen Familienwagen, der eigentlich alles kann, was man zum Leben benötigt.

Eine Spitzengeschwindigkeit des R6 TL von 136 km/h war damals nicht schlecht, die Ausstattung war umfangreich, sogar Scheibenbremsen waren vorhanden und Renault ist richtig stolz auf die modernen Viereckscheinwerfer. Dass damit jedoch die Nacht zum Tag werden würde, darf im Gegensatz zu anderen Werbeaussagen aber bezweifelt werden.

1,75 Millionen Renault 6 – wo sind sie geblieben

Alles andere, mit dem der Hersteller wirbt, stimmt aber weitgehend. Enorm viel variablen Raum für alles bietet der Renault 6, der eine lange internationale Karriere hinlegte. Die vielleicht richtig glänzend gewesen wäre, hätte es mit dem R4 nicht die Konkurrenz im eigenen Haus gegeben – oder hätte man dem R6 mehr Leistung gegönnt.

1980 endete die Produktion in Frankreich, in Spanien erst 1986. Der R6 wurde in Belgien, Spanien, Argentinien und Kolumbien produziert. 1,75 Millionen Fahrzeuge liefen von den Bändern – aber der R4 von dem er abstammt, wurde über 8 Millionen mal verkauft. Heute ist der R6 mehr oder weniger verschwunden und vergessen.

2 Comments
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Volvaab Driver
Volvaab Driver
2 Jahre zuvor

Dank fürs Erinnern

Macht immer wieder Spaß, hier über charmante alte Autos aller Herren Länder zu lesen …

Die Italiener und Franzosen tun es mir immer besonders an. Der erwähnte (und bis dahin von mir ebenfalls fast vergessene) R16 ist auch interessant und sehr markant. Ganz schön viel Chrom für diese Zeit und dazu noch eine Kombilimousine. Heute eigentlich ein attraktiver Oldtimer, der auch wirklich wie einer aussieht. Wenn man denn einen sähe. Der scheint auch komplett verschwunden. Selbst von Oldtimertreffen. Echt schade.

Chelsea
Chelsea
2 Jahre zuvor

Respekt vor Ihrem Geld – das klingt so klasse und heute schräg! Welcher Hersteller hat das noch?