Spannend, ein Computer und was hat der Talbot Solara mit Saab zu tun?

Diese Geschichte ist zum Teil auch meine persönliche Geschichte. Hätte ich geahnt, dass dieses Auto etwas mit Saab zu tun hat, hätte ich es mit völlig anderen Augen gesehen. Die Erzählung beginnt vor langer Zeit. Mein Führerschein war erst einige Stunden alt und die Unterschrift des Prüfers auf dem Papier gerade getrocknet.

Jetzt sitze ich in diesem Talbot Solara, die komplette Familie ist mit an Bord, und ich komme nicht von der Ampel weg. Ich fluche, ich schwitze, hasse dieses Auto, den Berg, an dem ich anfahren muss, und das grottenschlechte Getriebe und die furchtbare Kupplung. Das Auto, das den Fahranfänger quält, oder umgekehrt, hat eine verblüffende, seltsame Verbindung zu Saab. Eine, die man niemals vermuten würde.

Ein Computer und was hat dieses Auto mit Saab zu tun?
Ein Computer und was hat dieses Auto mit Saab zu tun?

Spannend, ein Computer und was hat der Talbot Solara mit Saab zu tun?

Das Auto war ein Talbot Solara SX. Eine französische Limousine der Mittelklasse, mit einem herben Charme. Die Geschichte ging für mich blamabel aus. Nach einigen gescheiterten Versuchen an jener Ampel gab ich auf, mein Vater übernahm das Steuer und ich beschloss fortan, den Talbot zu meiden. Um ehrlich zu sein, die Niederlage saß so tief, dass ich keinen Meter mehr mit der Kiste fuhr, solange sie in meiner Familie war.

Der Talbot war auch objektiv gesehen kein gutes Auto. Wenn Marken in den Untergang schleudern, dann hat das meist einen Grund. Bei Talbot war es das Produkt, das den Ausschlag gab. Das Getriebe und seine Abstimmung waren tatsächlich eine Zumutung und schlimmer als das, was Saab im klassischen 900 anbot.

Das Original - Talbot Solara
Das Original – Talbot Solara

Die Verarbeitung war ziemlich lässig, man kann auch lausig dazu sagen. Die Spaltmaße waren großzügig, die Materialien in der Regel billig, manches aber hochwertig und überraschend. So hatte die französische Limousine einen “Ordinateur de Bord“. Einen Bordcomputer, und der war 1980, als der Solara auf den Markt kam, etwas völlig Abgefahrenes.

Was hat dieses Auto mit Saab zu tun?

Zusammen mit seiner kompletten Ausstattung ergab sich so ein sehr widersprüchliches Auto mit einer toxischen Mischung aus antiquierter Mechanik, mangelhafter Verarbeitung und französischem Luxus mit Hightech Raffinessen.

Solara SX - das Spitzenmodell der Baureihe
Solara SX – das Spitzenmodell der Baureihe

Mein Vater fuhr den Talbot Solara SX, der ein echter Zufallskauf gewesen war, weil einer seiner Kunden die Markenvertretung übernommen hatte, recht lange. Nicht weil der das Auto besonders gemocht hätte, sondern weil keiner es in Zahlung nehmen mochte. Sogar familiäre Bande zu Volkswagen und Audi versagten. Keiner wollte den Solara haben. Am Schluss übernahm ihn einer meiner Freunde für einen symbolischen Preis.

Was ich damals nicht ahnte, war, dass es den Solara auch in einer Saab Version gab.

Die Geschichte klingt ziemlich verrückt, hinterlässt offene Fragen und spielt bei Saab Valmet. In Finnland war man immer auf der Suche nach einem kompakten Einstiegsmodell, das Saab nicht im Programm hatte. In den späten 1970er-Jahren gab es zwar den Saab 96, aber der war längst veraltet. Die Finnen gingen auf die Suche nach einer moderneren Lösung und fanden den Simca (später Talbot) Horizon. Die französische Kompaktklasse war europaweit beliebt und erfolgreich, der bessere VW Golf, was deutsche Autozeitschriften nie zugegeben hätten, und ihrer Zeit ein kleines Stück voraus.

Ein Talbot mit Saab Sitzen und mehr

Talbot Simca verkaufte Saab Valmet die Produktionslizenz für den Horizon, allerdings mussten die Finnen zusätzlich den 1307 produzieren. Besondere Lust auf den großen Simca hatte man in Uusikaupunki nicht, machte man damit doch den eigenen Saab Modellen Konkurrenz.

Talbot Solara VIP - die Saab Version
Talbot Solara VIP – die Saab Version

Von 1979 bis 1985 produzierte Saab Valmet den Horizon, der wie alle Simca/Talbot Lizenzen nicht exportiert werden durfte. Der 1307 bekam 1980 die Solara Variante zur Seite gestellt und der Markenname wechselte von Simca zu Talbot. Zeitgleich hielten auch Saab Komponenten Einzug in den Solara, der so immer mehr zur finnisch-schwedischen Angelegenheit wurde.

Sichtbarstes Beispiel waren die Sitze, die ein eigenes Design hatten, aber komplett auf den Saab Sitzen basierten. Mit ihnen gab es erstmals eine automatische Sitzheizung im Solara. Die Scheinwerfer bekamen Reinigungsanlagen, wie man sie von Saab kennt. Was im Detail alles aus dem Saab Regal übernommen wurde, muss offen bleiben. Die Spurensuche ist schwierig.

Saab Valmet Talbot Spezialitäten

Saab Valmet baute bis 1985 verschiedene Spezialversionen der großen Baureihe, so den Talbot Solara VIP und den 1510 als Diesel und Turbo VIP. Die Stückzahlen blieben klein und exklusiv, von der VIP Version des Solara gab es 50 Einheiten. Der Vertrieb lief über das Saab-Scania Händlernetzwerk, den Namen Talbot zu nennen, vermied man, so weit es möglich war.

Stattdessen warb man mit dem Namen Horizon auf den Händlerfassaden.

Saab Sitze und andere Saab Komponenten im Solara
Saab Sitze und andere Saab Komponenten im Solara

1985 endete die Produktion bei Saab Valmet. Talbot war schon wieder Geschichte, der PSA Konzern entsorgte so Simca auf die elegante Art. Der Nachfolger des Horizon rollte als Peugeot 309 zu den Händlern, eine neue Lizenz für Saab Valmet war zu diesem Zeitpunkt kein Thema mehr. Saab hatte ein Jahr zuvor den 90 vorgestellt, das günstige Einstiegsmodell, das so lange erwartet worden war.

Talbot wurde zum Kult

Heute haben die finnischen Talbot Modelle einen gewissen Kultstatus in ihrer Heimat. Sofern welche überlebt haben. Ähnlich ist es in Frankreich. Um den letzten großen Talbot und seine Markenbrüder hat sich ein Freundeskreis gebildet, der das Erbe der Marke schützt und die Fahrzeuge der Nachwelt erhält. In den letzten Jahren hat das Interesse spürbar zugenommen und die Gründe, die zum Aus der Marke geführt haben, sind vergessen.

Auch ich habe dem Solara längst verziehen. Heute sehe ich die Limousine, die Gold-metallic mit beige-goldenem Velours war, in einem milderen Licht. Der Verkaufsprospekt von damals hat die Jahre überdauert und jeden meiner Umzüge mitgemacht. Und den “Ordinateur de Bord” finde ich immer noch kultig. Ein Stück Technik Geschichte zu einer Zeit, als ein Computer im Auto eine wahre Sensation war. Und als Computer aus Europa und nicht aus Asien kamen. Es ist fast ein wenig schade, dass der Solara nicht überlebt hat.

14 Comments
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Christian Arndt
4 Jahre zuvor

Wirklich interessant. Wie ich anderswo schon schrieb: meine Tante hatte einen Horizon, den sie lange fuhr. Gut ausgestattet, praktisch und wendig. Unser Passat (Modelljahr 86) hatte weniger für mehr Geld. Mir gefällt der Horizon bis heute. Und der geplante Nachfolger Arizona steht als Modell im Regal.
Mein Onkel fuhr einen 1307 oder 1308 in rostbraun-metallic. Für ihn bis heute ein Grund, nie wieder etwas anderes als einen zuverlässigen VW zu kaufen, für den man überall Ersatzteile bekommt…….Der Talbot rostete relativ schnell weg. Irgendjemand in der Familie fuhr auch noch einen Simca 1100.

Ich erinnere mich gut an die an die Hauswand gemalten Logos von Peugeot und Talbot samt farbigen Streifen unseres örtlichen Peugeot-/Talbot-Händlers damals. Das muss bis Anfang der 90er auch noch an der Hauswand gewesen sein.

Talbot brachte in den PSA-Konzern Modelle ein, die mit den PSA-Modellen, mehrheitlich mit denen von Peugeot, konkurrierten. Es war aus damaliger Sicht durchaus verständlich, die Marke und die Modelle auslaufen zu lassen. Man wusste nicht so richtig etwas damit anzufangen. Ähnlich wie es bei GM mit SAAB war. Und es bleibt interessant zu sehen, was denn PSA aus Opel macht.

August-Eric Hübner
Editor
4 Jahre zuvor

Korrektur: Es war ein 1301 “Spezial”, die Polsterung war rotes Kunstleder mit Stoffeinlagen “Hahnentritt”. Und der Motor hatte, wenn ich mich richtig erinnere, eine “Leistungssteigerung” auf 72 PS.

August-Eric Hübner
Editor
4 Jahre zuvor

Dann oute ich mich jetzt auch mal als Simca-Fahrer. Mein Vater hatte, nachdem der von ihm heißgeliebte Citroen DS 19 mit ständigen Reparaturkosten in steigender Höhe begann sein Budget zu sprengen, den Entschluß gefaßt, ein neues Auto, möglichst Neuwagen zu erwerben. Citroen wurde damals von Westfalen-Motors betreut und hatte auch die Vertretung der damaligen Simca Fahrzeuge. Und “zufällig” war ein frisch eingetroffener Simca 1308 zu verkaufen, Cremebeige mit roter Innenausstattung, Stoffsitze mit “Hahnentritt”- Muster. Der Not gehorchend griff er kurzentschlossen zu, und so hatten wir jetzt eine Simca-Familienkutsche. Mein Vater hatte die Angewohnheit überwiegend mit dem Motor zu bremsen und den Wagen mit schleifender Kupplung am Berg zu halten, was uns fast auf den Kilometer genau alle 10000km eine neue Kupplung kostete. Aber in der Zeit lernte ich, um Fahrstunden zu sparen, Schaltwagen zu fahren auf “geheimen” Schleichwegen auf dem Truppenübungsplatz Senne, die ich als Zeitsoldat mit Motorradführerschein “in- und auswendig” kannte.
Nach der 4. Kupplung hatte mein Vater genug von Simca, wechselte zu Ford Werksangehörigen Fahrzeugen und versuchte den Simca zu verkaufen. Die o.g. Farbkombi und der Name Simca erwiesen sich als absolute Verkaufsbremse, und der Wagen wechselte nach Monaten für einen “symbolischen” Preis in mittlerer dreistelliger DM-Höhe den Besitzer, nachdem ich noch ein Rostloch in der Beifahrertür mit Kunststoffvlies und Spachtelmasse geflickt und überlackiert hatte.

Subaru
Subaru
4 Jahre zuvor

Soll die Marke Talbot nicht möglicherweise wiederbelebt werden?

Dominik
Dominik
4 Jahre zuvor

Der bei Valmet gebaute Horizon hatte die Gummi-Stosstangen des 99 und die Lackierung entsprach weitgehend der Farbpalette von Saab.

Stefan Schäfer
Stefan Schäfer
4 Jahre zuvor

Meine ersten Fahrversuche machte ich 1982 mit dem Simca 1308 Jubilée in hell- und dunkelgrüner Zweitonlackierung, den mein Vater 1979 neu gekauft hatte. Vorher hatten wir einen Simca 1308 GT und dessen Vorläfer waren nacheinander ein Simca 1500 und 3 Simca 1501. Mein erstes eigenes Auto 1983 war, wie könnte es anders sein, ein Simca 1501 Spécial von 1971, mit diesem war ich 3 Jahre glücklich.
Klar waren die Simca keine Saab, Volvo oder Mercedes, aber das Preis-Leistungverhältnis im Zusammenspiel mit einer, für damalige Verhältnisse, sehr kompletten Serienausstattung war sehr gut. Technisch hatten wir mit diesen Autos keine Probleme und der Fahrkomfort war grossartig. Ich fuhr dann bis 1999 verschiedene Peugeot vom 205 bis zum 405. Als dann Saab den 9-5 Kombi präsentierte, bestellten wir sofort einen 2.3 SE in Schwarz mit Vollausstattung, der blieb 13 Jahre und 240’000 km bei uns und fiel leider dem Rost an der Hinterachsaufnahme zum Opfer. Simca erlitt ein ähnliches Schicksal wie SAAB, wurde zunächst von Chrysler und dann von Peugeot kaputtgespart und versenkt.

bergsaab
4 Jahre zuvor

Schon schade um die vielen Marken und Hersteller die verschwunden sind. Gleichzeitiger wird alles uniformer einheitlicher.

Subaru
Subaru
4 Jahre zuvor
Reply to  Tom

Soll die Marke Talbot nicht möglicherweise wiederbelebt werden?

Der Lizi
4 Jahre zuvor

Danke für die tolle Geschichte Tom. Das es so enge Verbindungen zwischen Talbot und Saab gab, hätte ich nie gedacht. Ein bemerkenswerter Zufall, dass es im Elternhaus „Lizi“ über viele Jahre einen Talbot Tagora in der fröhlichen Farbkombi Grau/Grau gab.
Im Topmodell der Marke war die von Dir erwähnte „toxische Mischung“ noch intensiver. Ich mochte ihn schon damals mit all seinen Kuriositäten und seinem unglaublichen Design. Überlebt hat wohl kein einziges Exemplar. Dieser Wagen rostete schon beim Händler….. Meine Cabrio-Karriere begann übrigens mit einem Talbot Samba. Damit habe ich sogar den Umzug Deutschland – Spanien gemeistert…..

Grüsse an die Gemeinde.

Der Lizi

Schwarzer Saab
Schwarzer Saab
4 Jahre zuvor

Anfahren am Berg – da werden verschüttete Erinerungen ausgegraben. Jetzt habe ich mit Tom gelitten – toller Beitrag!

AERO-9-3
AERO-9-3
4 Jahre zuvor

Danke für den historischen Ausflug in die franz.-schwedisch-finnische Autowelt. Danke für die persönlichen Anmerkungen. Der TALBOT wird zum Ende hin fast sympathisch… 😉
Herrlich.
Guten 4. Advent allen Mitlesern