Saab 9000 Anna Projekt (Part 5) Fahrbericht

Juni 2015. Das Saab Festival in Trollhättan ist Geschichte. Die Schwedenfähre bringt Mark und mich zurück nach Kiel. Im Saab Zentrum steht Anna bereit zur Tour Richtung Süden. Vor mir liegen 620 Kilometer mit dem 9000 CSE. Eine Distanz,  die beweisen wird,  ob der erste große Saab immer noch auf langen Strecken zu Hause ist.

Saab 9000 CSE Anniversary, das Anna Projekt.
Saab 9000 CSE Anniversary, das Anna Projekt.

Was in der Zwischenzeit geschah: Die marode Kupplung wurde erneuert, die Domstrebe verbaut, der Anniversary steht auf neuen Michelin-Reifen. Ich freue mich auf die Tour, nun geht es in Richtung Hamburg. Anna fühlt sich gut an, keineswegs nach Gebrauchs- oder Verbrauchwagen. Im Gegenteil ! Der Rundum-Service bei Lafrentz hat gut getan.

Das Sahnestückchen im 9000 sind die Sitze. Die Konstruktion stammt aus einer Zeit,  als Saab die Sitzmöbel selbst konstruierte und baute. Auf der genialen Bestuhlung findet fast Jeder unmittelbar die optimale Sitzposition. Wie Saab das hinbekommen hat – nur die Trolle werden das wissen. Im Anniversary haben die Sitze das eingeprägte, traditionelle Saab Flugzeug-Logo, ausserdem wahlweise die spezielle Belederung Sandbeige mit Pamir oder Schwarz mit Wildledereinsätzen. Am schönsten ist Sandbeige mit Pamir, am genialsten die schwarzen Sitze mit Wildleder. Wildleder ist Rauhleder, und die Einsätze bringen zusätzlichen Grip und “halten” die Passagiere fest. Kleiner Einsatz – große Wirkung.

Ein 9000 ist ein tiefenentspanntes Fahrzeug. Es geht durch Hamburg;  in Richtung Hannover fällt das Tempolimit. Freie Fahrt! Unter der Motohaube steckt der B234 Motor. Mit 0.55 bar moderat auf 170 PS und 260 Nm aufgeladen – unauffällig und etwas langweilig, aber mit seidenweichem Lauf  – für einen 4 Zylinder.

Der 2.3 Liter und 170 Soft-Turbo-Pferde haben auch heute noch leichtes Spiel mit dem 9000. Der Saab wiegt um die 1.400 Kilo und läuft 220 Sachen. Das genügt,  um flott unterwegs zu sein, und die 200 plus X stehen schneller auf der Anzeige,  als es die Papierform vermuten lässt. Um so flotter wir fahren, desto deutlicher werden Windgeräusche. Nicht übertrieben, aber doch so,  dass man das Radio lauter stellt. Der Saab ist eben doch kein Neuwagen.

Dafür steht er für entspanntes Reisen. Immer noch! Der 9000 ist Reisewagen, kein Hektiker. Entspannend kommt hinzu: der Saab ist frei von elektronischem Gedöns. Ruhe für die Passagiere, nichts bimmelt, warnt, nervt. Wunderbar !

Wir fahren in Richtung Hannover. Ein Ingolstädter Tiefflieger räumt vor mir rabiat die linke Spur frei. Er kriecht dem bösen Linke-Spur-Blockierer fast in den Kofferraum, bis der sich auf die rechte Spur neutralisiert. Krieg auf deutschen Autobahnen? Man könnte es glauben…

Der 9000 bleibt mit Sicherheitsabstand dran, verfolgt von Vertreterkisten. Der Saab – er kann es immer noch. Mitschwimmen bei höherer Geschwindigkeit. Nur die Bremsen, die sind neu, sollte man überdenken,  wenn man langfristig einen Saab 9000 etwas flotter bewegen will. Da wäre Raum für Besseres.

Auf der Höhe Hannover der übliche, dichte bis stockende Verkehr. Das 5-Gang Getriebe ist knackig zu schalten. Nur die Schaltwege sind einen Hauch zu lang, was man übrigens ändern kann. Die Schaltarbeit macht Spaß, es kommt ein sportliches Gefühl auf.

Ist der 9000 auf langen Strecken zu Hause? Er ist es. Wir fahren in Richtung Kassel, ein Richtungswechsel nach Fulda, dann erneut in Richtung Frankfurt. Nach ein paar hundert Kilometern sitzt man immer noch bequem und entspannt. Anna läuft präzise wie ein Uhrwerk. Wer will da noch einen Neuwagen? Ja, es gibt leisere Autos, aber auch moderne Fahrzeuge,  die lauter und hektischer sind.

Es ist die Mischung mit perfekten Sitzen, viel Platz, hervorragender Klimatisierung, großen Fensterflächen und bester Ergonomie,  die den 9000 ausmachen. Das Fahrwerk, hinten mit Starrachse, ist einfach, aber auch einfach gut gemacht und sauber geführt. Dazu passt, dass dem Saab 9000 jede Agressivität fehlt. Er ist mit seinen Passagieren routiniert unterwegs. So, als ob er selbstverständlich täglich die Strecke Kiel – Frankfurt fahren würde. Seit 17 Jahren. Und er lässt keinen Zweifel: Ja, ich bringe alle sicher ans Ziel. Egal was passiert. Man kauft es ihm ab.

Der Schnitt an diesem Tag liegt bei mehr als 100 Kilometer die Stunde. Die gefahrene Zeit ist mit dem vergleichbar,  was der 2011er 9-5 auf gleicher Strecke benötigt. Details spare ich mir, die Familie liest mit. Ebenso Menschen,  die der Meinung sind,  dass Autos ab einem gewissen Alter nur sehr gemächlich unterwegs sein sollten…

Der 66 Liter Tank ist leer, als Anna kurz vor der Haustüre zur Zapfsäule rollt. Etwas mehr als 10 Liter des guten Super Kraftstoffs hat sich der Anniversary auf 100 Kilometer genehmigt. Das geht bei zügiger Fahrweise in Ordnung. Modernere Fahrzeuge sind auf meiner Referenzstrecke von und nach Kiel beim gefahrenen Schnitt durstiger.

Und jetzt? Die Teile 1 bis 5 der Story waren dramatisch und auch sehr ernsthaft. Es ging um gesprengte Budgets, ein Auto,  was fast gestorben wäre, jetzt wieder vernünftig fährt. Jetzt ist Zeit für etwas Unfug! Der 9000 ist die perfekte Basis für ein paar PS mehr. Saabs B234 Motoren sind so überdimensioniert,  dass sie sogar beim 225 PS Aero Langeweile haben. Und das 5-Gang Schaltgetriebe wurde gerne im Motorsport eingesetzt. Auch gegen Langeweile. Die beseitigen wir im kommenden Teil 6 der Anna Story. Wir lassen den Saab 9000 fliegen…

10 Gedanken zu „Saab 9000 Anna Projekt (Part 5) Fahrbericht

  • 14. Oktober 2015 um 12:32 PM
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    Sehr fein geschrieben; kommt der 9000 anniversary sehr gut zur Recht. Fuer mich war das auch die beste Saab den ich gefahren habe.

  • 14. Oktober 2015 um 12:35 PM
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    Welch´ Happy End! 🙂
    Wunderbar Deine Langstreckenbeschreibung… Ich würd´sofort mit einsteigen! 😉
    Auf den Bericht Happy End ² freu´ ich mich jetzt schon!!!

  • 14. Oktober 2015 um 12:46 PM
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    Tolle Schreibe über ein tolles Auto! Lese ich immer wieder gerne. Freue mich auch weitere Folgen!

  • 14. Oktober 2015 um 12:53 PM
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    Das erinnert an die gute, alte 9000er Ära. Waren tolle Jahre, macht viel Freude zu lesen. SAAB = auf langen Strecken zu Hause 🙂

  • 14. Oktober 2015 um 1:11 PM
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    Der 9000 und der 900 (901) waren und sind noch immer DIE Saabs schlechthin, auch nach 17, 20 oder gar 30 Jahren….Auch hier merkt man an bestimmten Details wie den Sitzen, die Verwandschaft mit Flugzeugen an. SAAB= Auf langen Strecken zu Hause :))

  • 14. Oktober 2015 um 1:55 PM
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    ARRRGH …

    Schon wieder so ein anfixender (und gut geschriebener) 9000er-Artikel. Wie soll man da bloß stark bleiben und sich keinen kaufen?

    Verdammt!

    Auch sehr schön (“200 plus X”), wie der Artikel Eingeweihte ganz beiläufig an den Understatement-Tachometer erinnert. Dieses schöne Detail des 9000ers hatte ich doch glatt fast vergessen …

    Dabei hat mich der Tacho damals so begeistert. Irgendwie ist er die Quintessenz des ganzen Autos und bringt insbesondere den AERO perfekt auf den Punkt – kann alles, bietet alles und muss nix und niemanden irgendwas beweisen. Der 9000 ist das mit Abstand coolste Auto seiner Zeit.

    Weiterhin viel Spaß mit Anna!

  • 15. Oktober 2015 um 9:30 AM
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    …die Sitze sind wie so viele Details bei Saab kein Zufall: die wurden in Zusammenarbeit mit Orthopäden entwickelt. Und sogar bei der Tachoeinheit wurde auf Details geachtet: Drehzahlanzeiger und die rechten Anzeigen sind leicht zum Fahre hin abgewinkelt, so dass man die beleuchteten Zeiger stets von vorne sieht. Ich erinnere mich noch gut wie ich das erste Mal als Beifahrer in meinem 9000er saß und fast schon erschrocken bin: die Zeiger wirkten von der Seite genauso billig wie im Ford Sierra – aber da wirkte das auch von vorne so…

  • 20. Oktober 2015 um 10:43 AM
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    Sehr schöner Erlebnisbericht. Trotz allem: was entspannt noch mehr als ein 9000 auf langen Strecken? Ein 9-5 I ! Die Sitzposition im 9000 ist für mich einen Tick zu hoch, der 9-5 integriert mich tiefer ins Auto und die Sitze plus Fahrwerk sind noch etwas komfortabler. Trotz allem bleibt das Gesamtpaket aus Platzangebot, Langzeitqualität,Fahrspass, Komfort und Wirtschaftlichkeit, dass der 9K schon vor 30 Jahren lieferte, bis heute bemerkenswert. Auf den nächsten Teil freue ich mich besonders: wer tunt was wieviel an Anna?

    • 20. Oktober 2015 um 1:02 PM
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      Natürlich kann es der 9-5 auf langen Strecken noch besser, wäre ja schlimm wenn nicht. Auch ein 9-3 I Aero mit den Viggen Sitzen ist eine Klasse für sich, immer noch. Für eine 30 Jahre alte Konstruktion ist der 9000 immer noch sehr gut, sehr langstreckentauglich und mit dem Charme eines Youngtimers. Donnerstag oder Freitag kommt die Fortsetzung!

    • 22. Oktober 2015 um 9:18 PM
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      Da sieht man mal wie die Meinungen auseinander gehen können. In der Tat sitzt man im 9-5 tiefer, allerdings sind die Sitze im 9-5 bis MY02 die schlechtesten die Saab je in ein Auto montiert hat. Meine Meinung. Vector und Aero ab MY02 sind wieder richtig gut. Allerdings auch nicht besser als bei vielen anderen Herstellern.

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