Paul. Die Leistungssteigerung und der Nervenkitzel

Wenn man von einem 9-3 II in einen 9-5 umsteigt, ist es der Aufstieg in eine andere Fahrzeugklasse. Es ist September, die Ausfahrt der Saab Freunde Sachsen ist gerade zu Ende gegangen. Ich hatte den 9-3 II mit nach Sachsen gebracht, nachdem er in Frankfurt das LED Tagfahrlicht erhalten hatte.

VW Schulungszentrum. Aber wen interessiert schon VW, wenn man einen Saab fahren darf?

Während der Ausfahrt war ich, mehr oder minder begeistert, mit dem 9-3 II unterwegs, denn er hat einen Diesel unter der Motorhaube. Und Diesel war noch nie mein Ding. Jetzt aber, endlich, der Umstieg. Walnussholz, dunkles Leder, herrlich !  Der 9-5 strahlt Seriosität aus. Auch im schon etwas höherem Alter. Willkommen zu Hause…

Paul hat Nervenkitzel für mich. Wie immer…

Die Fahrt geht in Richtung Frankfurt/Main, zuerst über kleine Landsträßchen. Dann über die Autobahn. Etliche 100 Kilometer liegen vor mir, und nach einem Diesel-Tag freue ich mich auf jeden davon. Aber Paul wäre nicht Paul, wenn er nicht etwas Nervenkitzel bereithalten würde.

Schon auf der Fahrt zur Autobahn merke ich: Da stimmt etwas nicht. Der 9-5 läuft nicht so sanft und kultiviert wie gewohnt, mehr etwas unrund, unharmonisch. Auf der Autobahn beginnt Paul zu ruckeln. Nicht dramatisch, aber spürbar. Ich schaue auf das Navi, sehe die Kilometer, die vor mir liegen…die Sorgenfalten auf der Stirn vertiefen sich. Im Geiste gehe ich durch, was alles erneuert wurde. Oder, die kürzere Liste, was nicht ersetzt wurde. Da bleibt, als einzigster Posten, die Zündkassette. Sie wird doch nicht…?

Die Kilometer vergehen, der Saab ist eigentlich ein tolles Reiseauto. Sehr seriös und satt liegt er auf der Strasse. Die 19″ Bereifung verstärkt den Eindruck noch. Die Klimatisierung ist perfekt, die Sitze super bequem. Als die Dunkelheit einbricht,  machen die H4 H7 Lampen ein gutes Licht, die grüne Cockpitbeleuchtung ist sehr angenehm.

Wäre da nicht dieses leichte, unterschwellige Ruckeln, alles wäre gut. Werden wir stranden? Irgendwo in tiefsten Sachsen oder Thüringen. Ich bin im Laufe des Lebens erst einmal mit einem Auto liegen geblieben. Das ist viele Jahre her – damals mit meinem 1972er MGB. Was nicht am englischen Roadster, sondern an meiner Unerfahrenheit lag. Und es eine andere Geschichte aus einer Zeit ist, als es noch keine Mobiltelefone gab.

Doch die Kilometer vergehen, Paul ruckelt weiter in Richtung Bayern, und Bamberg liegt schon fast in Reichweite. Der Optimist in mir gewinnt Oberhand, ein Nothalt bei Ralf Muckelbauer wird verworfen, über Schweinfurt und Würzburg geht es weiter. Am Ende kommen Paul und ich gut zu Hause an. Mittlerweile entspannt, aber auch etwas ratlos.

Die Ratlosigkeit nimmt zu, weil der gute alte Saab mit dem Ende der Fahrt auch das Ruckeln sein lässt. Die restlichen Wochen der Saison läuft er ohne Probleme, erweist sich auch als Lademeister, in den man zwei antike Ledersessel verstauen kann. Ein Kombi mit hohem Nutzwert, der mehr Ladevolumen als ein 9-3 II hat. Er fährt, als wäre nichts gewesen. Ruckelfrei, klapperfrei, bequem. Toll im Handling, wie ein modernes Auto. Aber gut, auch das Fahrwerk ist fast komplett neu.

Hirsch Leistungssteigerung für unseren Saab?

Nur das Temperament, das lässt zu wünschen übrig. Der 9-5 Kombi ist schwer, und im direkten Vergleich zu einem Saab 9000 mit gleicher Motorisierung recht behäbig. Aber Saab wollte das damals so. Weg vom Leichtbau, weg von der Avantgarde eines Saab 9000, den GM gehasst haben muss. Dafür ist der 9-5 eben absolut seriös, ein wenig Mercedes im positiven Sinn. Das schlägt sich auf den Verbrauch nieder. Um die 10 Liter sind es im Schnitt, viel weniger werden es nicht.

Ein Freund hat seinem 9-5 neulich eine Hirsch Leistungssteigerung gegönnt. Die Limousine ist kaum wiederzuerkennen, sie ist agil und so typisch Turbo-Saab-Unvernunft geworden. Paul würde das auch gut bekommen.

Nur: Für Paul`s Modelljahr liefert Hirsch nicht mehr. Vielleicht, falls wir für 2018 wieder ein Budget zusammen bekommen, würde man sich in Ruckstuhl überreden lassen und dem guten Kombi eine Leistungskur gönnen? Ich werde es zumindest versuchen.

Auch wenn Mark und ich 2017 mit dem Projektsaab nur einen Bruchteil von dem realisieren konnten, was wir vorhatten, so steht fest,  dass aus dem alten Kombi dank vieler Helfer ein attraktives Auto geworden ist. Mit einigen kleinen Mängeln. Wie dem SID, das nur bei kühlen Temperaturen keine Pixel-Fehler zeigt. Oder dem Schaltknauf, der nicht mehr wirklich schön ist.

Der Saab verbringt die nächsten Monate im Hangar. Zum ersten Mal seit vielen Jahren darf er im Trockenen überwintern. Er hat es sich verdient. Ich habe Zeit,  um noch einige Kleinigkeiten zu erledigen. Und 2018 suchen wir einen neuen Besitzer für ihn und spenden den Erlös einem guten Zweck.

11 Gedanken zu „Paul. Die Leistungssteigerung und der Nervenkitzel

  • 7. November 2017 um 12:35 PM
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    Wenn man einmal liegengeblieben ist, dann hört man immer und sehr sensibel in seinen 9-5 hinein.
    Jedes anlaufen der Klima, im Stand an der roten Ampel, lässt einen an den ersten Ausfall der Zündkassette denken. 😉

    Und dann schnurrt er über die Landstrassen und alles ist wie es sein soll.

    Leistungssteigerung wäre hier auch ganz nett, Schaltknauf zerfällt seit dem Sommer auch langsam.

    Gruß Andreas

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  • 7. November 2017 um 1:44 PM
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    Zündkassette? geht die nicht ganz plötzlich und ohne Vorankündung kaputt? Einfach ein plötzlicher Ausfall, so war es bei mir. Und das Auto ist natürlich liegen geblieben. Die Schweizer gelben Engel, TCS, haben mir sehr schnell und topp weitergeholfen. Als ich ihm den Ausfall schilderte wusste der gleich was Sache ist und brachte eine Zündkassette mit!

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    • 7. November 2017 um 4:55 PM
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      Zündkassetten können auch “schleichend” sterben. Das beschriebenen Ruckeln kann z.B. ein Symptom sein.

      Wie war denn das Fahrprofil bzw. die gefahrene Geschwindigkeit? 10,2L/100km laut BC scheint mir etwas hoch. In meinem gehirschten (220PS) 9-5 mit 4-Gang Automat stand eigentlich immer eine 8 vor dem Komma, in CH auch gerne ein 7. Allerdings bin ich in der Regel “französisch” (130km/h) bis 140km/h gefahren.

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      • 7. November 2017 um 5:04 PM
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        Ich denke da war beim Verbrauch einiges an Kurzstrecke dabei, und auf der Autobahn dann gern mal 180. Da macht sich das Gewicht plus geringe Leistung bemerkbar. Ein “Hirsch” fährt souveräner und nicht so oft am Leistungslimit wir der 150 PS Motor. In den nächsten Tagen, mit Landstrasse, ging der Verbrauch nach unten.

        @Hans S. = Die Diagnose ist natürlich das reine Ausschlussverfahren. Motor wurde überholt, Turbo ist neu. Mit allen Schläuchen sollten wir jetzt auch durch sein. Hoffe ich 😉

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    • 7. November 2017 um 7:00 PM
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      Ich habe zwar Zündspulen aber bei mir kams plötzlich ein ruckeln beim Gas auf der Autobahn, abgeschaltet, nichts mehr, ca. 150km ohne etwas nach Hause gefahren, zwei Tage später im Stand extrem geruckelt und 10km zur nächsten Werkstatt gefahren…habe dann gleich Kerzen und Spülen ersetzt…..

      Für den Schaltknauf und den Pixelfehler würde ich mal auf proxyparts schauen ob die was haben…..

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  • 7. November 2017 um 11:23 PM
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    Hallo Tom.
    Wieder mal ein sehr spannender und Toller Beitrag. Besonders die Bildunterschrift am Anfang!

    Tipp wegen dem Pixel-Teufel, das Sid ausbauen und die Platine herausnehmen. Sind nur Schrauben und Steckverbinder.
    Dann jede Lötstelle mir nem kleinen Lötkolben erwärmen. Es sind nur Kalte Lötstellen, die die Pixel verschwinden lassen. Das Lot muss nur soweit erwärmt werden, das es sich molekular neu formiert und schon fließt wieder Strom.
    Habe sogar mal gelesen, dass ein Bügeleisen auch reichen soll.
    Auf jeden Fall ist das günstiger als ein Neues zu kaufen. Macht halt nur mal ne Halbe Stunde Arbeit.

    Hab das bei meinem erfolgreich vollzogen.
    Und zum Dank ist gestern die Beleuchtung vom Radio ausgefallen.

    Alte Autos. Yippi ya ya, yippi yippi yeh!

    VG Eric

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  • 8. November 2017 um 9:40 AM
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    Hallo Tom,

    ein wirklich schöner und toller Bericht – wir haben auch einen 9-5 mit der gleichen Motorisierung aus 2000. Und ja unser 9000 aus 1997 ist deutlich agilier – wie meinst Du das “Saab wollte das damals so”?

    Unser 9-5 hat H7 Scheinwerfer – der 9000 H1 die alten 900 H4 und unser 9-3 Cabrio aus 2009 Xenon?

    Gibt es für den 9-5 auch H4 Scheinwerfer?

    Danke für ein Feedback

    GLG Michael

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    • 8. November 2017 um 8:25 PM
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      Er hat natürlich H7. Bitte das Versehen zu entschuldigen. Während Saab beim 9000 auf innovativen Leichtbau setzte, geriet der 9-5 schwerer und konventioneller. Er war, das darf man nicht vergessen, das erste während der GM Ära neu konstruierte Fahrzeug. Die Prioritäten waren (durch GM vorgegeben) schlicht und einfach andere.

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  • 9. November 2017 um 9:57 AM
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    Der 9-5 als auch der 9-3 waren, neben dem Gewicht, auch deshalb weniger agil weil die Abstimmung der Trionic7 im Gegensatz zur Trionic5 eine andere war. Die T7 Fahrzeuge waren von der (gefühlten) Leistungsentfaltung etwas “massenkompatibler”. Auf dem Papier war der 9-5 Aero schneller auf 100km/h als der 9k Aero, gefühlt war man jedoch mit dem 9k deutlich schneller. Schon deshalb weil beim 9k das max. Drehmoment früher anliegt.

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  • 9. November 2017 um 10:43 PM
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    Diese Art Nervenkitzel kenne ich. Im November 2014 wurde an meinem 9-5 (übrigens in Bamberg) der Spazierstock repariert. Danach war die Trionic wohl etwas verwirrt. Die kalibriert sich zwar wohl von selbst, aber zunächstmal sackte im Leerlauf die Drehzahl immer wieder so weit ab, dass der Motor in den Notfall-Modus wechselte. Aus ging er nicht, aber zwischen Frankfurter Kreuz und Rüsselsheim wurden meine Nerven auch ordentlich durchgekitzelt…

    Zwei Neustarts später war der Lauf dann wieder kultiviert wie stets.

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  • 10. November 2017 um 1:56 PM
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    Aber mit einem SAAB zur VW Schulung zu fahren hat was. Die fragenden Blicke der anderen Schulungsteinehmer waren Klasse!!

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