Die Angst vor der Kernschmelze der europäischen Autoindustrie

In den letzten Tagen machten zwei Meldungen die Runde. Volkswagen kauft sich bei Xpeng ein, und Audi schließt ein Joint Venture mit dem staatlichen SAIC Konzern. Die Nachrichten sind harmlos und an sich kein Grund, um beunruhigt auf die Zukunft zu schauen. China ist weit weg, und Audi und Volkswagen machen dort seit Jahrzehnten Geschäfte.

Doch das, was sich wie eine Standardmeldung aus dem Ticker einer Nachrichtenagentur liest, hat Sprengkraft. Es geht um nicht weniger als die Angst vor der Kernschmelze der europäischen Autoindustrie. Klar wird das allerdings erst, wenn man die deutschen Zeitungen beiseite legt – und stattdessen auf chinesische Medien zurückgreift, welche die Ereignisse in vollen Zügen zelebrieren.

Kernschmelze - Blackberry ist Geschichte - Saab auch. Und Audi?
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Vom Lizenznehmer zum Lizenzgeber – so geht Kernschmelze

Caixin Global ist ein staatlich gelenktes Medium und kaum geeignet, wenn man China-kritische Nachrichten sucht. Es ist nicht so, dass Caixin komplett kritikfrei operieren würde. Doch auch kritische Beiträge liegen haargenau auf dem Kurs der Pekinger Administration. Auf der anderen Seite benennen die Redakteure Dinge sehr deutlich, wenn es China zum Vorteil gereicht.

In vollen Zügen genießt man den Triumph, den das vorgebliche Joint Venture zwischen Audi und SAIC bringt. Will man den inflationären Zeitenwenden-Begriff bemühen, trifft er hier zu. Vom Lizenznehmer zum Lizenzgeber (Link), so benennt Caixin die Lage exakt. In Erinnerung an jene Zeit, als SAIC noch unter VW Lizenz operierte.

Jetzt wendet sich das Blatt.

Demnächst ist Audi Lizenznehmer des staatlichen Konzerns, und Caixin sieht das Zeitalter chinesischer OEM heraufziehen.

Tatsächlich bezieht Audi zukünftig Motoren, Chassis, Software und die komplette elektrische Architektur von SAIC, um die neuen elektrischen Audi A3 und A4 Modelle darauf aufzubauen. Die Wertschöpfung und Lizenzgelder bleiben in China, für Audi ist alleine noch das Design übrig und die Anpassung der Software mithilfe von SAIC.

Siemens S65 - das letzte deutsche Oberklasse Mobiltelefon. 2004 erschienen - 2005 war Schluß.
Siemens S65 – das letzte deutsche Oberklasse Mobiltelefon. 2004 erschienen – 2005 war Schluss.

Nicht viel anders verhält es sich mit Volkswagen. Die Tagesschau titelt Volkswagen steigt beim Start-up XPeng ein (Link) und träufelt – die Wirklichkeit verkennend – Baldrian in die Volksseele.

Ja, Xpeng ist von den Stückzahlen gesehen einer der kleinen Hersteller. Aber er ist führend, wenn es um autonomes Fahren oder um kurze Ladezeiten geht. 4,99 % der Anteile kosten VW 700 Millionen $. Sie bringen jedoch noch nicht einmal einen Sitz im Aufsichtsrat, lassen aber in Zukunft 2.000 chinesische Volkswagen-Entwickler mit Xpeng Know-how Software schreiben, die man in Deutschland so dringend braucht (Link).

Das angebliche Start-up, wie die Tagesschau Xpeng betitelt, lehrt in Zukunft VW, wie autonomes Fahren funktioniert.

Die Lage des Volkswagen Konzerns muss verzweifelt sein, denn auf allen Feldern ist der Anschluss verloren gegangen. Das freilich ist kein Symptom, das alleine spezifisch für das Unternehmen vom Mittellandkanal wäre. Denn anderswo in Europa sieht es nicht freundlicher aus als bei Audi und VW.

Beispiel Kernschmelze: Volvo

Volvo bringt den neuen EX30 (Link) demnächst zu den Händlern. Das kleinste Volvo Modell ist, wenn man so will, ein Vorzeigeprojekt. Technisch auf dem aktuellsten Stand, preislich ist es attraktiv, und es liegt völlig im Zeitplan. Für den EX30 wählte Volvo die SEA Plattform, die von Geely entwickelt wurde. Sie ist modern, flexibel, und für ein Elektroauto ziemlich leicht.

Dass man mit ihrer Architektur kleine Autos mit einer hohen Gewinnmarge bauen kann, kommt noch hinzu.

Völlig anders sieht es bei einem anderen Volvo Projekt aus. Der neue EX90 (Link) basiert auf der Volvo eigenen SPA2 Architektur. Im Ergebnis wurde der EX90, mit mehr als 2,8 Tonnen, viel zu schwer. Volvo verspricht – noch vor dem Start – in Zukunft eine Gewichtsreduzierung. Der Markteintritt selbst verschiebt sich immer wieder, der EX90 liegt nicht mehr im Zeitplan.

Die schwedischen Entwickler kämpfen mit Softwareproblemen.

Nokia 7110, 1999 das weltweit erste Mobiltelefon mit Internet Browser. Und Made in Finnland.
Nokia 7110, 1999 das weltweit erste Mobiltelefon mit Internet Browser. Und Made in Finnland.

Beispiel Kernschmelze: Stellantis

Dass die Kernschmelze weite Teile der europäischen Autoindustrie erfassen kann, zeigt auch das Beispiel Stellantis. Für Elektroauto-Fahrende ist eine funktionierende Ladeplanung die Grundvoraussetzung. Oder, anders formuliert, ohne die Ladeplanung hat man ein Problem.

Denn dann gibt es keine Vorkonditionierung der Batterie, kein schnelles Laden. Stattdessen Frust.

Ziemlich bezeichnend ist, dass vor allem Kunden des Stellantis Konzerns in aktuellen Studien (Link) ihr Missfallen äußern und Konzernmarken am schlechtesten bewerten. Ein möglicher Grund: Eine funktionierende Ladeplanung scheint nicht verfügbar, erst letzte Woche wurde eine App für die Marke Citroën (Link) vorgestellt. Erhältlich ab Oktober, wie es den Anschein hat.

Chinesische Marken wie Polestar haben schon (fast) immer eine Ladeplanung an Bord. Sie funktioniert perfekt, wie alle Software an Bord, wie in den letzten Tagen ein Polestar Leihwagen zeigte.

Die Kernschmelze der Autoindustrie und die Fehler der Vergangenheit

Die Kernschmelze der Autoindustrie könnte um sich greifen. Chinesische Unternehmen entwickeln viel schneller als europäische – mit einem sportlichen Innovationsdruck. Die Kompetenz in den Bereichen Elektronik und Software ist höher, denn Europa hat sich schon vor Jahrzehnten aus der Massenproduktion von Elektronik verabschiedet – das rächt sich nun. Ebenso ist es bei der Software. Eine echte Kultur von Programmierern, wie wir sie in den USA und in Asien seit Jahrzehnten sehen, gibt es hier nicht. Digitales Nomadentum, die projektbezogene Arbeit, ist immer noch ein Fremdkörper in der Arbeitskultur.

Von Elektroautobatterien und ihrer Produktion muss man erst gar nicht reden. Der chinesische Staat kontrolliert bis zu 90 % der verschiedenen Rohstoffmärkte, hier sind Abhängigkeiten am Entstehen, die fatal enden können.

Ob Audi und Co langfristig als Lizenznehmer chinesischer Hersteller enden werden, ist trotzdem nicht ausgemacht. Hoffnung ist immer. Die Europäer waren unter hohem Druck stets kreativ, vielleicht gilt dies auch heute noch.

13 thoughts on “Die Angst vor der Kernschmelze der europäischen Autoindustrie

  • Caixin Global bringt es auf den Punkt.

    Und es brauchte nicht erst einen Robert Harbeck, damit es so kommt. Seit 40 Jahren agiert die deutsche Wirtschafts- und Entwicklungspolitik unter einem Vorzeichen postkolonialer Arroganz und hat China offen als eine verlängerte Werkbank und als Absatzmarkt begriffen. Schröder schwadronierte gerne von der deutschen Gesellschaft als einer, die ihre Zukunft in Forschung und Entwicklung hätte, von einem Volk weltweit führender Ingenieure und Wissenschaftler. Dazu noch vom Umbau hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft, denn Institute und Büros wollen gereinigt werden und Ingenieure brauchen Friseure. Und “Frauen & Gedöns” Maniküre, Beauty und Wellness. In seiner kruden Phantasie der deutschen Zukunft waren wir national eine Zwei-Klassen-Gesellschaft mit Niedriglöhnern und global, aufgrund unserer von ihm imaginierten geistigen Überlegenheit so etwas wie eine “Herrenrasse”. In seinen Monologen kam eine künftige Wertschöpfung durch die Gewinnung von Rohstoffen, Verarbeitung und Produktion nicht mal mehr in Nebensätzen vor. Industriegesellschaft und Fertigungsstandort war gestern. Dies könne man dem asiatischen Raum und Südamerika überlassen, wie ein Herr dem Hund einen Knochen …

    Blinde Überheblichkeit. China hat es nach Dekaden solcher Arroganz und dümmlicher Ignoranz ein Stück weit verdient, sich jetzt dafür zu feiern, als Lizenzgeber seiner “Kolonialherren” zu fungieren, eigene Technik zu exportieren und Werbänke im Westen zu realisieren. Das kommt nicht plötzlich und nix davon unterlag je der Geheimhaltung. Im Gegenteil hat die Staatsführung diese Zukunft so offen ausgemalt, wie Schröder und andere die deutsche. Nur wurden hier die Versprechen nicht gehalten.

    • Gut geschrieben. Das große Missverständnis war wohl, dass man glaubte, China würde sich für ewig damit zufriedengeben die Werkbank der Welt zu sein. Der Westen konstruiert – die Chinesen produzieren, dieses Übereinkommen funktioniert nicht mehr.

  • China hat das, was D nach dem Krieg hatte. Strategie Aufbau, Ideen gepaart mit Tatkraft und Pragmatismus, Geld, das man sich leihen und vor allem zurück zahlen konnte und keine Sättigung im Überfluss. Wir sind satt, andere hungrig. Diesmal, und das ist meine Hoffnung, geht aber Wachstum und Fortschritt wohl nicht mehr mit alten Rezepten und eine E-Karre mit Software ist und wird immer anfälliger sein, als mein Aero. Warten wir nur mal eine Laufleistung von 200.000 km in 10 Jahren ab. Die grüne Transformation ist allein deswegen die nahezu einzige und vertretbare Alternative. Da kommen Dinos wie VW und andere schwerlich mit und dennoch wird es gelingen – unter Schmerzen.

  • Wir werden uns wohl entscheiden müssen, was Deutschland in Zukunft sein möchte. Entweder eine Industrienation oder das größte europäische Naturschutzgebiet.

    Beides geht nicht zusammen, oder nur in Robert Habecks Theorie. Vielleicht sollten sie demnächst in Berlin mal jemand fragen, der was von Wirtschaft versteht und keinen studierten Germanisten ohne wirtschaftspolitische Qualifikation.

  • Das sehe ich auch so. Leider sind wir größtenteils selbst schuld an der Entwicklung.
    Erst jetzt kommt an den Universitäten der Gedanke auf, dass wir chinesische
    Studenten / Stipendiaten nach Deutschland geholt haben, die unser Know-how
    mitgenommen haben. Und wieviele hochrangige Entwickler im Automobilbereich
    haben die Chance des großen Geldes genutzt, um in China die Automobilbranche
    aufzubauen, ganz zu schweigen von den vielen Zulieferern. China hat eine Strategie
    entwickelt und konsequent umgesetzt, auch durch die zahlreichen Firmen-Übernahmen
    die nun anfängt Früchte zu tragen. Hoffnung ist immer, wie Tom schreibt, aber die
    wurde schon oft in anderen Industriezweigen enttäuscht.

    • Erlangen hat den Anfang gemacht, hoffentlich wachen noch mehr Universitäten auf und beenden den naiven Wissenstransfer.

      • Tom, ob wir in Forschung und Entwicklung noch führend sind mag ich leider bezweifeln. “WIR” glauben das zwar, nur was kommt denn wirklich neues? Okay stimmt ich hatte es vergessen. Da ist eine Gender- und Energie aus dem Nichts in der Pipeline, die so gut ist, dass auch kein Studium oder sonstige berufliche Erfahrungen mehr notwendig ist um ganz hohe politische Weihen auszufüllen.
        Wer Spuren von Sarkasmus oder Ironie findet kann sie gerne behalten.

        • … aus dem Nichts KI/AI … sollte da stehen

    • China arbeitet seit 20 oder 30 Jahren auf diesen Moment hin. Der ist jetzt!

  • Es ist schon erschreckend, wie der (leider immer noch!) Oberlehrer Deutschland in’s innovative Mittelmaß abgerutscht ist. Vom Trendsetter und Vordenker keine Spur mehr. Und die Stimmen aus Industrie und Handwerk, was unsere Zukunftsfähigkeit angeht, sind alles andere als beruhigend. Da macht man sich schon Sorgen um den Wirtschaftsstandort Deutschland, die fetten Jahre scheinen vorbei.

    • Andreas, völlige Zustimmung. Wenn in Dland so weiter gemacht wird wie die letzten 20 Jahre und in Steigerung was gerade an Innovationen abgeht, dann bitte das “scheinen” durch ein sind vorbei ersetzen.

  • Dem ist wenig hinzuzufügen, außer vielleicht ein Blick in meine Glaskugel. Demnächst wird die Industrie nach noch mehr Subventionen (außer der Elektroauto-Prämie) schreien. Wir dürfen dann wieder einmal zahlen.

    • Andreas, völlige Zustimmung. Wenn in Dland so weiter gemacht wird wie die letzten 20 Jahre und in Steigerung was gerade an Innovationen abgeht, dann bitte das “scheinen” durch ein “sind” vorbei ersetzen.

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