Warum fahren Sie immer noch Saab?

Meine Saab Geschichte begann vor einer Ewigkeit. Der graue Führerschein war ganz frisch, mein Kontostand dafür recht übersichtlich. Nun stand da ein grüner Saab 900 Turbo beim Händler zum Verkauf. 10.000 DM, die ich nicht annähernd hatte, konnte man auf dem Preisschild lesen. Trotzdem kam es zu einer Probefahrt. Ein Ereignis mit Folgen für Jahre.

Mit einem 900 "Gradschnautzer" fing alles an
Mit einem 900 “Gradschnautzer” fing alles an

Der grüne Gradschnautzer Turbo mit beigem Interieur hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Den Klang des Turbo habe ich heute noch im Ohr, und denke ich an diesen 900, dann habe ich den speziellen Duft seines Innenraums in der Nase. Dieser Saab Geruch von Holz und Leder, den die alten Autos haben. Welcher der Marke mit der Zeit abhanden kam, so wie es bei fast allen Neuwagen heute ist.

Die Jahre vergingen. 1992 kam dann der erste 900, dann ein Zweiter und ein Dritter. Saab entwickelte sich zur Konstante in meinem Leben. Besonders beeindruckend war ein früher 9000 CS, den ich für lange Zeit als Leihwagen fuhr, während ich auf meinen ersten 900 wartete. Jahre später versuchte ich kurz vor Produktionsende noch einen fabrikfrischen 9000 zu kaufen, was aber misslang. Meine Lust auf einen neuen Saab scheiterte am völlig desinteressierten Autohaus und seinen Inhaber, der lieber mit einem Freund Karten spielte, als Autos zu verkaufen. Dass ich die beiden Jahre später in der Saab Szene wieder treffen sollte, ist eine ganz andere Sache.

Denn diese Geschichten sind irre lange her.

Und heute? Fast 30 Jahre später steht ein Firmenwagen vor dem Haus, der kein Saab ist. Ein deutsches Premiumprodukt und ein gutes Auto. Hersteller und Autohaus geben sich viel Mühe,  mich glücklich zu machen, was nicht immer gelingt. Das geht im Bedarfsfall soweit, dass man das Werk einschaltet, wenn ich Sonderwünsche habe. Dennoch steht der Firmenwagen mehr als er fährt, was nur zum gewissen Teil an Corona und den reduzierten Außenterminen liegt.

Sehr beeindruckt hat mich aber ein früher 9000 CS
Sehr beeindruckt hat mich aber ein früher 9000 CS

Denn im Hangar steht – keine Überraschung – mehr als ein Saab 9000. Und der macht dem Premiumfabrikat das Leben schwer. Dabei kann das moderne Auto so viele tolle Sachen. Es schreibt mir Mails oder eine SMS, es erinnert mich an den Termin in der Werkstatt und ruft selbständig an. Der Kollisionswarner entdeckt sogar Dinge, die es gar nicht gibt. Auf freier, wirklich freier Strecke und in totaler Einsamkeit warnt er vor unsichtbaren Gegenständen, mit denen man in den nächsten Millisekunden kollidieren könnte.

Der Ton ist markerschütternd, man ist dann wirklich hellwach,  und der Puls rotiert unter dem Fahrzeughimmel.

Man darf natürlich nicht ungerecht sein. Der Firmenwagen hat ein Fahrlicht, das die Nacht zum Tag macht. Tempo 250 auf der linken Spur hält er bei freier Strecke ewig durch und ist dabei kein bisschen angestrengt. Davon darf ein alter Saab nur träumen.

Und trotzdem, da ist was.

Dieser Saab Faktor. Ich fahre lieber den alten 9000, auch wenn er mittlerweile wirklich alt ist. Vor 10 Jahren, als ich mit dem Blog anfing, war er noch in der Youngtimer Fraktion. Heute ist er ein Klassiker. So fährt er auch, und es fordert mehr Kraft als mit einem modernen Auto,  den alten Schweden zu bewegen. Der Wendekreis ist vergleichsweise riesig, in der Stadt ist er unhandlich, auf der Autobahn laut.

Das ist völlig egal. Denn so ein altes, analoges Auto, das ist wie Urlaub. Schiebedach auf, Fenster auf, das Fahren genießen. Charles Trenet im CD Player, und schon ist es wie eine Fahrt durch die Lavendelfelder der Provence. Schlechtes Licht in der Nacht spielt keine Rolle, man fährt dann eben umsichtig.

Begeisterung, die bis heute anhält
Begeisterung, die bis heute anhält

Dann sind da die kleinen, versteckten Freuden. Wenn man mit dem alten Saab im Bauzentrum vorfährt, der Typ mit dem Stapler die Palette mit der Ware bringt, und rundherum Leute mit dem “das bringt er nie in sein Auto” Gesichtsausdruck stehen.

Dann öffnet man locker die Heckklappe, lädt entspannt alles ein, tut so,  als ob man die bohrenden Blicke nicht wahrnimmt, und fährt weg.

Während ein Dutzend Leute ihre Wette verloren haben.

Ich könnte jetzt noch etwas über Nachhaltigkeit schreiben, was es sicher ist. Auch über analoge und nicht überwachte Mobilität. Das aber trifft es nicht im Kern. Meine Triebfeder ist die pure Freude am 9000, die jedes Mal neue erwacht, wenn ich einen davon nach Wochen aus seiner Halle hole.

Was ist die Motivation der Lesenden? 10 Jahre nach dem Ableben der Marke immer noch Saab fahren, wo liegen die Gründe der Leidenschaft? Schreiben Sie mir ein paar lockere Zeilen an immernochsaab (aet) saabblog.de. Ich sammle die besten Motivationen und veröffentliche die Stimmen der Lesenden hier auf dem Blog.

13 thoughts on “Warum fahren Sie immer noch Saab?

  • Weil Saab souveräne Alltagstauglichkeit definiert. Denkwürdig der Moment, bei dem ich mit der 2,46m Küchenarbeitsplatte im SportCombi unter ungläubigen Blicken des Mitarbeiters vom IKEA-Parkplatz rollte..

  • Auf die Einsendungen bin ich wirklich gespannt. Saab begleitet mich mein ganzes Leben und ich bin an diesem Punkt angekommen- ich weiß es nicht mehr…

  • Das könnte bestimmt ein Buch füllen und letztlich die einzelnen Geschichten dieses zu einem Bestseller in der Saab – Welt werden lassen !?!?

    Also dann, schreiben, schreiben und nochmals schreiben 🙂

  • @EF-elch Natürlich, das ist o.k. Die Beteiligung ist gigantisch, ich habe so viele Mails zum Lesen. Und so viele lange Saab Geschichten. Einfach unfassbar.

  • @ Tom, mmh – warum fahre ich (“immernoch”) SAAB ?
    Ich denke das könnte eine längere – gut überlegte – Antwort werden ?!
    Ich hoffe es ist okay, die Antwort auf diese spannende Frage erst am kommenden WE auf’s “Papier” zu bringen ??
    Ertappe mich immer öfter’s über meine 29 Jahre Saab – beruflich wie privat – nachzudenken und in Erinnerungen zu schwelken ….

  • @Volvaab Driver Gut beobachtet. In der Tat, es ist ein Hecktriebler aus deutscher Produktion. Er wird 2022, wenn er mich verlassen haben wird, seine Story auf dem Blog bekommen. Nicht vorher, und auch dann nur einmalig. Aber er hat eine interessante Geschichte zu erzählen.

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  • Danke für die schönen Bericht, Tom.

    Meinen ersten Saab kaufte ich 1987. Ein 9000i mit 128PS (glaube ich). Ich hatte die Wahl zwischen einem Volvo und einen Saab. Hirschbold in München machte ein gutes Angebot, und so fing meine Beziehung an. Zwei Saabs später fuhr ich nur noch BMWs. Gute Autos. Sicherlich Saab in vielerlei Hinsicht überlegen, aber an jeder Ecke zu finden. Also nichts besonderes. Das gleiche gilt auch für Mercedes und Audi übrigens. Saab ist special.
    Nach fast 20 Jahren Saab-Abstinenz war die Sehnsucht so groß, dass ich 2018 wieder einen Saab kaufte (9-5 2.3t Bj. 1998). Ja, mein Saab ist schon in einem erhöhten Alter. Aber er kann noch gut mit den Jungen mithalten. Zum Beispiel, die Automatik.
    Meine Frau fährt einen 2017er BMW 120i mit der viel gerühmten ZF-Automatik. Warum viel gerühmt kann ich nicht nachvollziehen. Der Saab fährt und schaltet spürbar homogener. In der Stadt und auf dem Land.

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  • Wendekreis (@ Tom)

    Jetzt wissen wir aber schon ganz schön viel über den Firmenwagen.
    Ein Audi kann es nicht sein, denn das Ding hat keinen Frontantrieb – nicht wenn der Wendekreis so viel besser als beim 9K ist. Allrad kann er dann logischerweise auch nicht haben. Da kann man den, dessen Name hier nicht genannt ist, schon recht gut eingrenzen …

    Aber wie dem auch sei, ein toller Auftakt zum Thema. Der Fronttrieb ist ja weder ein Alleinstellungsmerkmal Saabs, noch wäre er für mich je ausschlaggebend gewesen. Einen 900 Turbo oder einen 9K Aero hätte ich jederzeit auch mit Heckantrieb (und kleinerem Wendekreis) genommen. Allerdings hätte Saab dann die Achslasten anpassen müssen …

    Die 60/40 sind eben nicht universell gültig, aber sie sind definitiv fester Bestandteil eines in sich schlüssigen Konzepts – wie auch der Wendekreis. Und hier schließen sich der Kreis und dieser Kommentar.

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  • Mein erstes Auto war ein NSU 110. Diesen tauschte ich bald auf einen SAAB 99 L ein. Seitdem war SAAB für mich ein Muß.
    Im Stall steht jetzt ein 9,3 T, XWD, MY 2011 und ein 9000 CSE (Italo Aero) MY 1996.
    Ich fuhr auch andere Marken aber nach kurzer Zeit war der Wunsch nach einem SAAB wieder übermächtig. So bin ich bis jetzt 18 SAAB aller Modelle, außer dem 9,5 NG gefahren.
    Soeben von einer kleinen Tour mit dem 9,3 zurückgekommen. Wirklich ein tolles Auto was Fahrverhalten und Spritzigkeit betrifft. Aber DAS SAAB-Feeling hatte ich vermißt. Wieder daheim angekommen setzte ich mich in meinen 9000, dort fühlte ich mich Zuhause!!! Er hat dieselbe Farbe wie im Artikel von Tom

  • Gute Idee, binn gespannt zu erfahren was anderen dazu bringt noch immer Saab zu fahren. Werde mich selbst auch mal am Scheibtisch setzen

  • Wunderbarer Bericht. Und ein Grund mehr bei Saab zu bleiben.

  • Die simple Antwort zu der Frage lautet; weil ich es kann! Die etwas ausführlichere Erläuterung versende ich gerne an Toms “immernochsaab”

  • Danke für Deinen offenen emotionalen Bericht.
    Offen bleibt, warum der SAAB 9000 CS zur Probe gefahren wurde und ein 900-ter bestellt wurde… Wahrscheinlich der legendäre Klang des Turbo…, oder?
    Bei mir war die “Reihenfolge” ähnlich: 900 lpt zur Probe fahren und nach der 2. Probefahrt des 9000 CS verwirrt zu sein.
    Zwar fehlte der Klang, aber welch ein Unterschied beim Fahrgefühl!!! Ich hätte sofort (!) den 9000 CS bestellt, wenn, ja , wenn meine Frau mich nicht ausgebremst hätte… Sie meinte, in eine solche “Luxuskutsche” steige ich nicht ein. Ein schwerwiegendes hartes Argument…, später fand sie mit dem SAAB 9-3 2.0 SE ihren Frieden und Gefallen (!), besonders am satten Durchzug beim Überholen. 🙂

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