Saab 92.004 – automobile Geschichte wird verkauft

Was für eine unglaubliche Geschichte! Eines der ältesten noch existierenden Fahrzeuge von Saab wird verkauft. Es ist ein Saab 92 Standard mit der Fahrgestellnummer 92.004. Ein rares Fahrzeug aus der Vorserie, hergestellt in Handarbeit. Es wurde am 2. Juli 1948 für den Verkehr zugelassen und ist der älteste Saab in privater Hand, der immer noch eine Straßenzulassung besitzt.

Vielleicht der älteste Saab im privaten Besitz
Vielleicht der älteste Saab im privaten Besitz

Die Serienproduktion des Saab 92 startete am 12. Dezember 1949. Nummer 92.004 mit der amtlichen Zulassung P15913 ist ein Vorserienmodell. Es gehört zu einer Flotte von 20 Erprobungsfahrzeugen, die bis Dezember 1949 hergestellt wurden. Ursprünglich wurde es als Standardmodell gebaut, die Fachliteratur zeigt ein Bild des Autos in dieser Ausstattung.

Saab 92 Standard – eine automobile Rarität

Von 20 Versuchswagen wurden 18 in der Deluxe Ausführung, aber nur 2 in der Standardversion produziert. Eine Tatsache, welches die Einzigartigkeit dieses Zeitzeugnisses untermauert. Standard, das bedeutete in erster Linie Verzicht. Ungeheuer spartanisch ausgestattet sollten die Standardversionen Interessenten mit einem günstigen Einstiegspreis locken.

Altes Bild des Saab 92.004 in Standard Version
Historisches Bild des Saab 92.004 in Standard Version

Die Liste des Verzichts ist lang. Heute klingt sie absurd. Es gab nur einen Scheibenwischer statt 2, keine Stoßstange, auch keine Sonnenblende und keinen Aschenbecher. Außerdem sollte der Standardkunde auf Halteschlaufen, Türinnengriffe, die Wassertemperaturanzeige und andere Dinge verzichten. Äußeres Merkmal der günstigen Einstiegsversion war die Farbe der Karosserie. Sie sollte blau sein, während alle Luxusversionen grün lackiert wurden.

Die Rechnung ging nicht auf

Mit der Idee der Einstiegsversion trafen die  Saab Manager bei der Vertriebsorganisation auf verhaltenen Applaus. Die legte den Schwerpunkt von vornherein auf besser ausgestattete Modelle und setzte sich damit durch. Im Endeffekt wurden im ersten Produktionsjahr nur Deluxe Versionen des Saab 92 hergestellt. Nummer 92.004 wurde ebenfalls umgerüstet und umlackiert und erhielt die Ausstattung der besseren Variante.

In den 50er Jahren wurde die Karosserie auf ein 92B Modell umgebaut,  und der 92 bekam einen von außen zugänglichen Kofferraum. Zuvor musste man mühsam das Reisegepäck durch den Innenraum einladen. Die Technik aber wurde nicht angetastet. Sie blieb, wie sie von Anfang an war. Muntere 25 2-Takt PS mussten ausreichen, das 92B Modell hatte 3 PS mehr zur Verfügung. Bis 1952 blieb der 92 bei Saab. Dann wurde er verkauft und hatte seitdem 5 Eigentümer.

Ein Stück schwedischer Automobil Geschichte

Die ersten Fahrzeuge, die vor der Serienfertigung entstanden, hatten die Fahrgestellnummer 92.001 bis 92.024. 92.001 steht heute im Museum. Der Ur-Saab, der einzige Prototyp der Frühzeit im Bestand der Sammlung. 92.004 könnte der zweitälteste Saab der Welt sein. Das schwedische Reichsarchiv bestätigt seine Identität.

Bilweb, das Auktionshaus,  welches Saab 92.004 im September versteigern wird, setzt die Preiserwartung auf umgerechnet 24.000 bis 29.000 €. Der Saab ist ein Stück schwedischer Geschichte. Ein kleines Juwel, eine Art heiliger Gral. Was ist er wirklich wert? Die Einschätzung fällt schwer. Schwierig ist die Bewertung der Umbauten, auch wenn sie vom Werk selbst durchgeführt wurden.

Die Auktion wird auf jeden Fall spannend werden.

10 thoughts on “Saab 92.004 – automobile Geschichte wird verkauft

  • Danke troll 90,

    man findet wirklich viel im Netz. Unter den Teilnehmern auch Saabs. Das mit 1950 – wie hier von Georg Fluvius erwähnt– wurde offenbar irgendwann gelockert. Man sieht auch viele “jüngere” Fahrzeuge.

    Man braucht also nicht zwingend den 92.004, um Zutritt mittels eines Saabs zu erhalten. Und nicht zwingend einen PV 444 oder noch ältere Volvos, um mittels eines Göteborgers teilzunehmen.

    Die Veranstaltung stellt sich mir erfrischend offen und breit gefächert dar. Bis Bj. 1970, wenn ich richtig verstanden habe?

    Da muss ich unbedingt mal hin!

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  • Hallo zusammen,

    ich kann das garnicht glauben, daß angesichts so vieler Saab-Experten das Prins Bertil Memorial nicht so bekannt sein soll.
    Das ist wirklich eine feste Größe im Veranstaltungskalender in Stockholm. Ich war 1994 das erste Mal und zuletzt 2018 dabei. Einfach mal gärdesloppet.se googeln bzw. youtube.
    Zu Euren Anfragen nach Fotos usw.: Ich bin, so denke ich, weit von den literarischen Fähigkeiten mancher Kollegen hier entfernt. Zudem habe ich früher alles mit Spiegelreflex festgehalten. Die letzten Male habe ich kaum noch fotografiert, sondern nur noch die wirklich nette Atmosphäre genossen.
    Übrigens: Der König schickt üblicherweise auch immer zwei Autos mit Chauffeur zum Treffen.

    Grüße aus München

  • Georg F – troll 90 – Volvaab

    Ja, was für ein hochinteressanter Bericht von Georg aus erster Hand mit vielen interessanten Details zum (grünen! :-), die andere Wahrnehmung liegt wohl an den Fotos/meinem digitalen Endgerät) 92.004 (wie schön einfach und transparent ist ja auch diese VIN). Vielen Dank für diese berührende Geschichte!

    Und dann auch noch diese interessanten Hintergrund- und persönlichen Erlebnisberichte zum exklusiv-königlichen Oldtimertreffen mit starkem Saab-Bezug. Großartig!

    Volvaab hat ganz recht: Ein Bericht dieses Treffens mit Fotos, vielleicht von 2019 (? :-)), wäre ganz wunderbar!

    Bleibt für mich nur noch die – leider immer noch ungeklärte – Frage, wie man aus dem charmanten Standard 92er ohne Innen-Türgriffe wieder herauskam …. hmmm … Aber, wenn ich Toms Bericht richtig verstehe, gab es wohl ohnehin nur zwei Standard 92er der Vorserie, von denen einer der auf Deluxe umgebaute 92.004 ist, und alle folgenden Serienmodelle, jedenfalls des ersten Produktionsjahres, waren ebenfalls Deluxe. Bleibt nur noch ein Standard-Modell, was wahrscheinlich zusammen mit seinem Fahrer, der ja bedauerlicherweise nicht rauskam 😉 , irgendwo verschollen ist …. Vielleicht in einer alten schwedischen Scheune …

  • Eine tolle und spannende Geschichte!

  • @ troll 90,

    das wird ja immer besser hier. Vielen Dank auch für diesen erhellenden Kommentar zum königlich und festlich wohlgelittenem Saab 92.0004 …

    Faszinierend, dass Mitglieder der dt. Community so eng dran sind.

    Gibt es ein paar Fotos von der exklusiven Veranstaltung?
    Darf man vielleicht sogar auf einen Leserbeitrag hoffen?
    Das wäre großartig.

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  • Das Prins- Bertil- Memorial findet jedes Jahr Ende Mai zu Ehren des Onkels des heutigen Königs Carl Gustav, Bertil von Schweden, auf Djurgarden statt. Prinz Bertil war außerdem ein erklärter Saab-Fahrer und ein in der Bevölkerung sehr beliebter Mann. Ich durfte schon mehrmals im Volvo PV 444 meines schwedischen Freundes, den dieser seit 1951 fährt, daran teilnehmen. Immer ein großes Vergnügen!
    Grüße

  • @ Georg Fluvius,

    eine königliche und außergewöhnliche Geschichte.
    Artikel + Kommentar = Doppeltes Saab-Vergnügen …

    Vielen Dank dafür

  • @Ebasli: Es ist wirklich grün

  • Hui, das ist ja lustig nach 20 Jahren noch mal etwas über 92.004 zu lesen. Der Wagen war vor ca. 20 Jahren bei mobile.de inseriert und stand ziemlich lange im Netz. Der Preis damals (aus der Erinnerung) zwischen 15 und 20.000 (tja, noch DM oder schon €?). Ich war damals in Schweden gewesen und bin den Wagen gefahren und kann sagen, dass er sich richtig gut fuhr. Insgesamt ein ehrliches Auto. Daran sollten auch lächerliche 20 Jahre nichts geändert haben. Nach Auskunft des damaligen Besitzers scheint es von den 24 Vorserienfahrzeugen nur noch 92.001, 92.004 und 92.009 zugeben. Dies konnte er deshalb so sicher sagen, da es in Schweden wohl alljährlich ein Oldtimertreffen gibt/gab (?), zu dem das Königshaus einläd/-lud und bei dem nur Fahrzeuge vor Baujahr 1950 teilnehmen können und dabei seien eben aus der SAAB-Welt nur 92.004 und 92.009 eingeladen worden.
    Im Zuge meines Interesses an 92.004 hatte ich damals auch den schwedischen SAABclub kontaktiert, welcher mir die Authentizität des Wagens bestätigte. Der Wagen war offensichtlich für die Weiterentwicklung der Karosserie genutzt worden, weshalb die genannten Umbauten erfolgten und er den Spitznamen “the mule” erhielt. Auf schwedischer Seite schien das Interesse an dem Fahrzeug eher verhalten, was wohl auch mit dem Umstand zu tun hatte, dass man für dieses Gefährt eigentlich keinen Originalzustand definieren kann. Ist original so wie produziert, also ein 92A, oder so wie zuletzt im Werk umgebaut? Schwierige Frage. Was sicher ist -und das hatte Tom schon geschrieben- es ist der zweitälteste SAAB weltweit, der vierte jemals gebaute und der älteste in Privathand. Das ist doch was !!
    Ach so, falls sich jemand fragt, warum ich das gute Stück letztlich nicht gekauft habe. Ganz einfach. Nein, es lag nicht an dem häufigsten Grund, der Frau, sondern an einer moderaten, aber relevanten pekuniären Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

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  • Danke für diesen netten Bericht!

    Zwar haben diese (ur)-alten Saab-Oldtimer natürlich nichts von dem, wofür Saab für mich steht und was Saabs Besonderheit ausmacht (Turbo, Motorleistung, Cabrio, Schrägheck, Sicherheit, Design, funktionelle Bedienung, tolle Ausstattung, Zündschloss in der Mittelkonsole usw.). Aber ein Blick auf ein noch “lebendes” Fossil unter der Lupe bzw. den Ururururgroßvater ist natürlich immer interessant. Das Auto ist 72 Jahre alt! Und immer noch fahrbereit und zugelassen – Wahnsinn!

    Hübsch finde ich die Farbe. Das soll grün sein? Doch wohl eher tükis! Interessant auch, dass m.W. doch zunächst alle Autos grün waren, um die Tarnfarbenbestände nach dem Krieg aufzubrauchen. Hatten sich die Schweden in türkis getarnt??

    Und die Standard-Ausstattung ohne Innen-Türgriffe?? Wie sollte man da wieder aus dem Auto rauskommen? Selbst bei einem so schnuckeligen Gefährt kann ja von Zeit zu Zeit gleichwohl gelegentlich mal der Wunsch aufkommen, selbiges zu verlassen. Dann Scheibe runterkurbeln und von außen öffnen?? Auch sicherheitstechnisch ein interessanter Ansatz! 😉

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