Das etwas andere Messekonzept

Mit dem Start der Saison gehen auch wieder die diversen Messen rund um das Heiligtum der Deutschen los: Das Auto. Was sich in den letzten Jahren vermeintlich zu einer exklusiven Szene der deutschen Marken rund um Porsche, Daimler und BMW entwickelt hat, wird für kleine Marken von Jahr zu Jahr immer wichtiger.

Volvo und Saab
Volvo und Saab

Marken wie das einst so ruhmreiche Lancia sucht man seit Jahren vergebens, weder auf der Essen Motor Show noch auf den regionalen Ablegern ist die Marke noch so richtig vertreten. Ein Messeauftritt in der Zeit, wo es immer mehr um alternative Antriebe geht, ist einmal mehr ein Gradmesser für eben solche Marken, die scheinbar tot sind. Wie steht es um den Kult, gibt es noch eine aktive Szene und wenn ja wie gut ist diese im Hintergrund organisiert? Fragen die für exklusive Marken von Jahr zu Jahr schwerer zu beantworten sind. Wie also organisiert sich SAAB? Auf den Messen in Essen ist man Stammgast, aber sonst? Wie sieht es im Rest der Republik aus?

Zum 2x mit saabiger Beteiligung

Was der Saab Club im Westen ist, ist der Stammtisch Schleswig-Holstein/Hamburg im Norden der Republik. Schon zum zweiten Mal ist das Team um Olli und Markus auf den Klassikertagen in Neumünster mit beiden schwedischen Marken am Start. Mit beiden schwedischen Marken?

Was in Schweden so oftmals in zwei strikt getrennte Lager aufgeteilt ist, harmoniert in Deutschland umso besser. Und was im letzten Jahr von Erfolg gekrönt war, fand auch in 2019 seine Fortsetzung. Dieses Jahr erobern ein 900 und ein 9000 den Stand. Jeweils beide in der CD Variante (!) Die Autos sind Luxus pur, statt der letztjährigen Rallye Optik zieht so die Oberklasse ein. Komplettiert werden beide von einem SAAB 90, die Marke aus Göteborg ist mit einem 240 und 740 vertreten. Beide Marken schenken sich an diesem Messewochenende nichts. Alle fünf Autos sind frisch beendete Restaurationsobjekte, verkörpern vom Anfang der 80er bis Mitte der 90er Jahre was bei beiden Marken möglich war.

Der heimliche Shootingstar

Und dennoch muss sich die Marke vom Göta Alv knapp den Ziegelstein Autos aus Göteborg geschlagen geben, der frisch aufgebaute 240 Volvo ist DER Shootingstar des Standes. Nach wenigen Stunden stehen die ersten dutzend Käuferanfragen, auch der weiße Volvo kommt gut an. Da kommt auch nicht der 9000 hinterher, der ebenfalls viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann.

Aber beide Marken profitieren voneinander. Wer für SAAB zum Stand kommt, guckt sich auch ausgestellten Volvos an, und andersherum. Auch so kann ein Messekonzept für SAAB (und Volvo) aussehen!

Willkommen in der Oberklasse

Dabei geht die individuelle Klasse des 900 schon fast unter, so stark laufen ihm der Volvo und der 9000 den Rang ab. Bei nur 480 produzierten Einheiten ist er einer dieser „Highlights“, die einen Messestand erst besonders machen. Frisch aufbereitet, ist er direkt in die Halle gerollt. Elektrische Fensterheber, die Sitzheizung und der lange Radstand der für unfassbar viel Beinfreiheit im Fond sorgt. Für Besucher gilt: Wer auf die kleinen Details achtet, dem fällt auf das es dies kein normaler 900 sein kann der hier ausgestellt ist.

Ein Abfangjäger auf Abwegen

Neben den Rekord Anmeldungen für Oldtimer – in 2019 wurde ein neuer Höchststand erreicht – sammeln sich auch wie immer diverse Gebrauchtfahrzeuge auf dem Messevorfeld. Die Preise sind teilweise immer noch schwindelerregend hoch, der Eindruck von fallenden Preisen und bald platzenden Blasen kann sich nicht wirklich bestätigen.

Dabei ist alles sowie immer. Von VW Käfer über diverse Mercedes W- oder Porsche Modelle. Jedes Auto findet man mindestens zweimal zum Verkauf. Nur ein SAAB sucht an diesem Wochenende einen neuen Besitzer. Ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist ? Ich weiß es nicht, wer an diesem Wochenende aber exklusiv unterwegs sein will, greift wohl lieber zum SAAB. Im odoardo grauen Lack steht er irgendwo zwischen Porsche 911 und amerikanischen Modellen aus den 60ern.

Ein kurzer Plausch mit dem Besitzer stellt heraus das der Wagen mit Hilfe vom SAAB Zentrum Kiel umfassend restauriert wurde. Der SAAB macht was her, die rote Box das gut erhaltene Leder – wieder einmal bestätigt sich der Eindruck der damals guten Qualität der Materialien. Wirklich viel Aufmerksamkeit kriegt der SAAB übrigens nicht. Der Besitzer hat sich mehr erhofft, und so geht es für den 900 erstmal wieder zurück in den heimischen Hangar.



Dieser eine Satz

Was jedoch nicht untergeht, und auch nach Abbau des Standes immer noch präsent ist, ist der allgemeine Zuspruch der Besucher. Ausnahmslos jeder der sich auf ein kleines Gespräch eingelassen hat, hat am Ende sein Mitleid über das Ableben von SAAB bekundet. Von vielen Besuchern hören wir Sätze wie „das waren noch besondere Autos“ oder „die waren immer so schön anders“. Viele kennen dabei kaum den Verlauf der Geschichte, und müssen ungläubig mit dem Kopf schütteln, als Sie darüber aufgeklärt werden das es nie ernsthafte Bestreben gab die Marke zu retten – nicht mal vom schwedischen Staat.

Viele wünschen sich ein Comeback oder wollen selber nochmal einen besitzen. Ganz besonders ist an diesem Wochenende aber auch die Dichte an jungen Leuten, die sich mit Anfang 20 für eine der beiden Marken interessieren und fahren wollen. Das macht Mut für die Zukunft! Insbesondere, wenn man die wesentlich älteren und ausgefalleneren Exponate sieht. Wer soll sich um all diese einmal kümmern? Und auch wenn es in Deutschland überall an Nachwuchs fehlt, so scheint es, als wenn die schwedische Szene noch am besten aufgestellt ist!

8 Gedanken zu „Das etwas andere Messekonzept

  • Saab und Volvo sind für jüngere Leute auch deshalb ein guter Einstieg in die Young-/Oldtimerwelt, da sie immer noch ziemlich günstig bzw. bezahlbar sind. Nimmt man z.B. einen typischen „Opa mit Hut“ Oldie wie den W123 von MB stellt man fest, dass man da für eine Rostlaube so viel auf den Tisch legen darf wie für einen guten 9k Aero oder 901 LPT… Auch wenn das jetzt etwas überspitzt formuliert ist.

    11
    Antwort
    • Stimmt schon, kann man so stehen lassen. Dazu kommt daß die SAAB/VOLVO Gemeinschaften immer relativ entspannt sind im gegensatz zu anderen Marken. Sehe ich als einen weiteren Pluspunkt.

      Antwort
  • PLUS & MINUS

    Die schwedische Autowelt war wirklich mal so bipolar wie eine Autobatterie – und genau deshalb war sie mal intakt.
    Zwei relativ keine Marken mit kleinen Modellpaletten haben mal in allen Punkten (Design, Innenraum, Antriebskonzept, Nutzwert) ein unglaublich breites Spektrum abgedeckt …

    Fotos und Artikel stellen diese heile Welt vergangener Tage und die Gegensätzlichkeit der Modelle beider Marken sehr schön dar. Ein ganz großes Vergnügen, zumal ich beide Marken aus unterschiedlichen Gründen mag, so wie Fleisch und Gemüse, wie Wasser und Feuer. Die eine Marke bis zur Insolvenz, die andere bis Geely …

    Bipolarer und komplementärer als ein frontgetriebener grüner 900 und ein roter 240, als die luxuriösen und elegant gerundeten Rücksitze in hellem Leder des einen bzw. die grobschlächtig eckigen aber wunderbar funktionalen Armaturen des heckgetrieben Autos geht es gar nicht.

    Vielen Dank Jan_HH, für dieses schwedenstählerne, schmierfettige, motorölige und benzingeschwängerte Lesevergnügen.
    Für die schönen sowie aussagekräftigen Bilder und für den positiven Schlusssatz. Klasse …

    10
    Antwort
  • Ich finde es äußerst erfreulich, dass sich noch weitere jugendliche für alte Autos begeistern können, und mit diesen auch gut umgehen. Noch erfreulicher ist, dass es sich bei den Autos um Saab und Volvo handelt. Für mich passen beide an einen Stand, Saab und Volvo sind immer etwas anders als die anderen.

    12
    Antwort
  • Unglaublich schön, das helle Leder! Die Rückseiten der Lehnen, die Türen, einfach alles in Leder. Ein fantastisches Foto, man riecht das Leder förmlich und spürt die samtene Oberfläche, wenn man sanft mit der Hand darüber streicht – als säße man drin. Und dann dieser „Lederzettel“ des schottischen Herstellers, unglaublich! Ist das noch der Urzustand? Aus welchem Baujahr? Diese Sitze gibt es ja wohl kaum zum Nachkaufen bei Orio!? Danke an Jan für diesen wunderbaren Start ins Wochenende! 🙂

    Antwort
  • Weil es keine neunen Saab gab haben wir eine Volvo CX40 gekauft (aber wir fahren noch immer weiter mit unseren 9-3 Cabrio, den Saab 900 Cabrio und den 96 Zweitakter). Damit habe ich unserem Parkplatz wo das Schild „Saab Parking Only“ haengt, von einen extra Zeile versehen.
    Jetzt steht dort; „Saab Parking Only“ und darunter;“By exception another Swedish Car“ :).

    Antwort
    • Die drei sind noch immer eine tolle und beneidenswerte Sammlung.

      Da ich einen paritätischen SAAB-Volvo-Mix habe, werde ich die Idee vielleicht kopieren.
      „Parkering endast för svenska bilar!“ wäre ziemlich cool. Weiß jemand, ob es so ein Schild gibt?

      Hätte ich einen neuen Volvo oder gar ein „ausländisches“ Fabrikat, fände ich den Aufkleber „Min riktiga bil är en SAAB“ ja auch reizvoll. An einem alten Volvo macht er für mich aber keinen Sinn 😉

      Antwort
      • Moin, Herbert!
        Urlaubsbedingt, erst jetzt meine Antwort: örtl. Werbeagenturen sind vielleicht ein erfolgreicher Ansprechpartner. Die haben Kontakte und Möglichkeiten derartiges in Kleinserie zu fertigen. Wenn´s vor Ort gar nicht klappen sollte: https://agentureins.business.site/ Meine Nachbarn im Norden der Rep. Der Chef ehemaliger SAABmechaniker u. SAAB-Fahrer, der vor Jahren (vor der SAAB-Krise) das Business gewechselt hat und weiterlin „Benzin & Öl“ im Blut hat. 😉
        Viel Erfolg bei der Umsetzung Deiner tollen individuellen Idee!
        VG aus Lüneburg

        Antwort

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.