Mit Saab Genen. Der Jaguar I Pace

Techno Classica 2019. Der Jaguar-Land Rover Auftritt ist in diesem Jahr bescheidener als sonst. Das Unternehmen muss sparen, die Party in der Autoindustrie scheint dem Ende entgegen zu gehen. Es sind nur zwei Fahrzeuge ausgestellt. Der vollelektrische I-Pace und ein Klassiker.

Jaguar i Pace
Jaguar I Pace. Bild: JLR

” Ihr Nächster?”  fragt ein Jaguar Mitarbeiter, als ich den I-Pace betrachte. Ich verneine jedoch freundlich. ” Dann der Klassiker? ” Als ich auch da abwehre, schaut er mich nachdenklich an. Und ich muss ihm die Geschichte von der Saab DNA im i Pace erzählen. Und die geht so:

Saab und Allrad, das war schon immer eine spezielle Verbindung. Angefangen in frühen Jahren mit Differenzial-Systemen, die Rallye Saabs schneller machen sollten. Über Sigvard Johansson, auch als Saab-Sigge bekannt, der in der Stallbacka ausstieg, um die IPU AB zu gründen. Aus der wurde später der Allrad Spezialist Haldex.

Weiter ging es mit dem 9000 CS 4WD, der leider nie in Serie kam. Bis hin zum unvergleichlichen Turbo X mit dem damals brandneuen Haldex 4 System, das Peter Johansson, der Sohn von Saab-Sigge,  2008 der Öffentlichkeit präsentierte.

Im Frühjahr 2004 kam bei Saab das Thema Allrad verstärkt auf den Tisch. Neben konventionellen Allrad-Systemen wurde spätestens ab dem Jahr 2005 auch an elektrischen Lösungen geforscht. Auch nach dem Verkauf an Spyker ging die Entwicklung weiter und erreichte im September 2010 einen Höhepunkt. Saab gründete mit der American Axle Manufacturing (AAM) ein Joint-Venture zur Entwicklung von elektrischen Allrad-Systemen für Elektro- und Hybrid-Fahrzeuge. Mit an Bord bei E-AAM war auch wieder Peter Johansson.

Als erstes Fahrzeug weltweit sollte der für 2013 angekündigte Saab 9-3 Nachfolger eine elektrische Hinterachse haben. Dazu kam es aus den bekannten Gründen nie, im Dezember 2011 schlossen sich im Saab Werk die Tore. So wie es aussieht für immer. Im Jahr 2012 übernahm AAM den Saab Anteil am Joint Venture,  und E-AAM zog mit rund 70 ehemaligen Saab Ingenieuren in das Innovatum. In dessen Umfeld, in der Gunnar W. Anderssons Passage 25, ist das Unternehmen heute noch zu Hause.

Saab Gene für Jaguar

Die Entwicklung an elektrischen 4×4 Systemen lief weiter, im Jahr 2014 meldete sich Jaguar-Land Rover bei AAM. Der britische Hersteller war auf der Suche nach einem elektrischen Allrad-System für sein erstes batterie-elektrisches Fahrzeug – den Jaguar I-Pace. Was die Schweden im Portfolio hatten, stieß bei den Briten auf Interesse. Gemeinsam mit den ehemaligen Saab Ingenieuren entwickelte man eine kompakte Antriebseinheit zur Serienreife, welche die Vorder- und Hinterräder des i Pace antreibt.

Jaguar ist damit der erste Hersteller weltweit, der diese ursprünglich von Saab konstruierte Technik einsetzt. Ein zweiter, europäischer Hersteller wird im kommenden Jahr folgen. Auch sein elektrisches Allrad-System basiert auf der Technologie von E-AAM aus Trollhättan. Jaguar hat seit der Premiere im Sommer 2018 von seinem ersten Elektroauto weltweit mehr als 8.000 Stück verkauft. Und in jedem fährt ein kleines Stück Saab DNA.

Der freundliche Mitarbeiter von JLR auf der Techno Classica kannte diese Geschichte natürlich nicht. Und obwohl er aufmerksam zuhörte, möchte ich bezweifeln, dass sie ihn interessierte. Warum auch? Saab ist eine schwedische Saga, die Autoindustrie hat andere Sorgen.

Bleibt zum Schluss noch die Frage, was Peter Johansson, der Sohn von Saab Sigge,  heute macht. Er blieb bis zum Juni 2014 bei E-AAM. Dann zog es ihn zurück in die Stallbacka. So wie seinen Vater und dessen Schwiegervater zuvor. Er entwickelt seitdem bei NEVS elektrische Antriebe. Manche Sagas gehen immer weiter.

10 Gedanken zu „Mit Saab Genen. Der Jaguar I Pace

  • 23. Mai 2019 um 11:09 AM
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    Das ist eine wirklich schöne und interessante Geschichte! Das wusste ich so auch nicht.

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  • 23. Mai 2019 um 11:11 AM
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    Hätte ich nie vermutet. Da wird man schon etwas wehmütig.

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  • 23. Mai 2019 um 11:12 AM
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    Neben Saab war Jaguar die einzige Marke, die mich je näher interessiert hat. Anfangs war Saab mein Firmenfahrzeug, später nur noch Jaguar, während das Saab Cabrio nun Privatvergnügen ist. Mein erster Jaguar hatte einen Allradantrieb und gleich zwei mal defekte Verteilergetriebe, der erste Schaden schlug auch auf das Hauptgetriebe durch; das hat mich doch etwas abgeschreckt, obgleich ich durch die Nähe zu Land Rover Allradkompetenz erwartet hätte. Das war eine Entwicklung noch aus den Ford-Zeiten von JLR; hier konnte Saab sicherlich helfen 🙂

    Ich hatte sogar überlegt, den XJ in einen 9-5 NG zu tauschen, aber die vielen km dann da drauf und bei einem Schaden die Gefahr fehlender Karosserieteile haben mich bislang abgeschreckt.

    Schön, dass es nun sogar einen Anknüpfungspunkt gibt 🙂

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    • 23. Mai 2019 um 1:36 PM
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      Es hätte fast noch einen weiteren Anknüpfungspunkt gegeben. Trollhättan war als Standort zur Produktion des Jaguars im Gespräch.

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  • 23. Mai 2019 um 11:17 AM
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    Toll zu sehen, wie die Lösungen, die SAAB erarbeitet hat, heute mehr und mehr in die Grosserie (leider) bei anderen Herstellern einfliessen.

    Herzlichen Dank für den informativen Artikel!

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  • 23. Mai 2019 um 11:31 AM
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    Je länger das Ende von SAAB her ist, desto verblüffender finde ich doch immer wieder wie viel Technik und Know-How von SAAB übrig geblieben und weiterentwickelt worden ist. Es ist eine dieser vielen Geschichten wo man am Ende denkt, das man all solche Unternehmen wieder einsammeln müsste und einen Re-Start von SAAB probieren könnte, müsste oder sollte. Denn noch sind diese Ingenieure mit SAAB-Vergangenheit am Markt.

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  • 23. Mai 2019 um 11:50 AM
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    EXTREM (DENK-) SPORTLICH …

    … dieser Beitrag. Anstößig im positiven Sinne eines oder gleich mehrerer Gedankenanstöße …

    Erstaunlich, dass ein einzelner Ingenieur heute noch quasi im Alleingang etwas von Relevanz schaffen kann (Haldex).
    Toll, dass Trollhättan noch immer ein Standort für fortschrittlich automobile Entwicklung und Technik ist (unter anderem AAM & E-AAM).

    Die Welt ist komplex und kompliziert geworden. Die Automobilindustrie ist im Umbruch. Hektisch werden neue Wege eingeschlagen und manches Fragezeichen am Wegesrand oder an der vermeintlichen Ziellinie wird dabei von manchem Hersteller (oder Politiker) ignoriert und ausgeblendet. Zugleich tun sich immer neue Nischen für Ingenieure, Entwickler und Visionäre auf. Eine Domäne, in der sich Schweden schon traditionell wohlfühlen …

    Mal sehen, was die Zukunft bringt. Einstweilen vielen Dank für den Artikel und die Denkanstöße.

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  • 23. Mai 2019 um 12:03 PM
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    Ich finde es stark und bewundernswert wie Saab bis zum letzten Tag gekämpft, gearbeitet und entwickelt hat. Nicht du die Produktion von den letzten Saabs, auch haben sie noch an Allradtechnik geforscht.

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  • 23. Mai 2019 um 12:44 PM
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    Krass, diese Story!
    Beeindruckend, dass “ein paar Ingenieure” aus Schweden die Allradtechnologie so vorangetrieben haben… und heute noch aktuell dabei sind! Und immer wieder die Spur zu SAAB führt…
    Chapeau!

    Antwort
  • 23. Mai 2019 um 4:14 PM
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    Immer wieder beeindruckend – dieses insider-Wissen. Danke dafür.
    Ein Vergnügen, fast täglich hier zu lesen.

    Antwort

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