Das Dieselsterben

„Die Verkaufszahlen von Dieselmodellen sind seit Monaten erstmals wieder angestiegen“- So oder so ähnlich ließ sich die Nachricht vergangene Woche in irgendeiner Zeitung lesen. Der Dieselskandal. Mittlerweile schon fast vier Jahre alt, war bis letzte Woche schon fast in Vergessenheit geraten. Und das, obwohl ich als gebürtiger Hamburger die erste Fahrverbotszone der Republik quasi direkt vor der Haustür hatte. Aber geschenkt.

Egal wohin man schaut
Dieselsterben – Egal wohin man schaut


Damals, als der Skandal publik wurde und Umweltprämien aus dem Boden schossen, hatte ich schon so eine Ahnung, dass dies nicht spurlos an der schwedischen Marke vorbei gehen würde. Auch wenn ein Turbo-Benziner seine Vorzüge hat, viele 9-5 und 9-3 Modelle hatten auch ein Dieselaggregat unter der Haube. Damals befürchtete ich, dass viele von ihnen vom Markt verschwinden würden, für ein paar Tausend Prämien-Euros eingetauscht, um dann durch ein neues Fabrikat aus dem Hause VW, BMW oder Mercedes ersetzt zu werden.

Die Prämien liefen also an, nach VW wurden weitere Autobauer entlarvt und die Geschichte nahm ihren Lauf. Autoverwerter wurden überrannt um den angeblich so umweltfreundlichen Verschrottungsnachweis ergattern zu können.

Plötzlich interessierten sich Presse und TV-Teams für die Schrottplätze der Nation, die nicht mehr wussten wo Sie mit den ganzen Dieselmodellen hin sollten. Ein Zufall also das vor meiner Haustür der größte Schrottplatz Deutschlands, vielleicht sogar (Nord-)Europas liegt. Jahrelang habe ich ihm keinen Besuch abgestattet. Woran das lag ?

Trotz seiner Größe wurde man hier nur selten fündig, SAAB Modelle suchte man über die letzten Jahre vergebens, und wenn, dann waren Sie schnell geschlachtet. Gute Teile zu ergattern bedeutete die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. 



Aber zurück zum Anfang. Die gestiegenen Verkaufszahlen ließen mich auf einer Fahrt im 9000 ins Grübeln kommen.

Besuch auf dem größte Schrottplatz Deutschlands

Ob meine Befürchtungen sich bestätigten, hatte ich nie überprüft. In der Hoffnung falsch zu liegen. Ich suchte aber die endgültige Bestätigung, wollte mich überzeugen, ob ich – so wie immer – keine SAABs antreffen würde, wenn ich dem Platz nach Jahren wieder einen Besuch abstatten würde.

Also auf dem Heimweg eine Abfahrt früher genommen, mit dem 9000 in Richtung Norderstedt, vor den Toren Hamburgs. Kurz vor Ladenschluss parkt der 9000 unweit eines Volvo 850. Neben alten Opel, und VW Lupos mit überdimensionierten Endrohren will ich den 9000 nicht abstellen, also neben dem schwedischen Nachbarn parken.

Schnell über den Platz laufen, vorbei an unzähligen Reihen von Audi, Mercedes, BMW und VW. Die deutschen Marken dominieren deutlich. Schon jetzt fällt auf: die Fahrzeuge wirken sehr jung. Der Weg hin zur Schwedenecke wird gesäumt von Reihen mit Autos aus Wolfsburg. Diverse Caddy-, Touran- und Golf-Modelle. Auch wenn ich der Marke aus Wolfsburg so wenig Beachtung wie möglich schenke, reicht es um festzustellen das die meisten Modelle keine 10 Jahre alt sind. Rückstände vom Kleber der Motorenbezeichungen lassen erkennen: 100% Diesel.

Ganz in der hintersten Ecke liegt Sie dann. Die Ecke der Exoten. Volvo und SAAB bunt gemischt. Zusammen mit Rover haben sie ihren eigenen Platz gefunden. Und was ich dort sehe lässt mich mehr als staunen. Mir tut sich ein völlig fremdes Bild auf. Und meine Befürchtung hat sich bewahrheitet. Es lassen sich diverse SAABs zählen, mindestens 15-20 Stück. So viel wie in den letzten 10 Jahren zusammen, fein säuberlich aufgereiht.

Dieselsterben – egal wohin man schaut

Und auch hier: fast 100% Diesel. Diverse 2.2 TID Diesel 9-5, ob Limousine oder Kombi, das Gleiche beim ersten 9-3 Modell. Sie werden im Straßenbild immer seltener, hier sehe ich auf einen Schlag 5-6 Modelle. Ein silberner SE schafft kurzzeitige Abwechslung. Auch ein 9-3 mit Vollausstattung ist hier gelandet. Beim Versuch das SID auszubauen splitterte das seltene Carbon Dashboard. Ein 3.0 TID oder eine Chromebrille. Gefühlt sind alle Farben und Formen zu finden. Fast alle Fahrzeuge lassen sich dabei noch einen guten Zustand attestieren.

Die Lederausstattungen sind kaum ausgesessen, Carbon oder Holzarmaturenbretter wurde verbaut oder beim Versuch sie wieder auszubauen zerstört. Die elektronischen Tachos verhindern – zu meinem Bedauern- einen Blick auf die Laufleistungen. Gerne hätte ich gewusst wie viele Kilometer die schwedischen Fabrikate bewegt worden sind.

Ich habe nach wenigen Minuten mehr als genug gesehen, und komme wieder ins Grübeln. Nicht nur das mich die ganzen SAAB Modelle fast schon schockiert haben, hinterfrage ich das ganze System von Schadstoffklassen, Fahrverboten und Umweltprämien.

Fahrverbote, Umweltprämien – Konsum?

Die SAAB Ecke steht dabei sinnbildlich für einen übermäßigen Konsum und zeigt ein weiteres Mal, in was für einer krassen Wegwerfgesellschaft wir leben. Die SAABs alle in einem Zustand, der noch für die ein oder anderen zehntausend Kilometer gereicht hätte. Statt dessen entsorgt und mit größter Wahrscheinlich für irgendeine Prämie und damit einem neu produzierten Auto eingetauscht. Das es dem schwedischen Nachbarn ähnlich ergeht hat dabei schon fast eine tröstende Wirkung. 
Was daran nachhaltig oder umweltfreundlich und ökologisch ist, ist für mich unverständlicher denn je.

Zurück auf dem Parkplatz treffe ich die Besitzer des Volvos, kurze Blicke werden ausgetauscht, man freut sich über die mehr als gepflegten Schweden, ein kurzer Gruß, Daumen hoch. Das fast schon Typische. Was bleibt ist lediglich das reine Gewissen, nicht ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, die sich von reißerischen Prämien dazu verleiten lässt, irgendeine Massenware zu erwerben oder Konzernen zu verfallen, die Geschäfte mit der Hoffnung der Kunden machen, wieder mit reinem Gewissen durch die Umweltzonen deutscher Städte fahren zu können.

Stattdessen wird der 9000 am Laufen gehalten, Verschleißteile werden ausgetauscht um den PKW solange wie möglich zu erhalten. Eine Einstellung, die mir eigentlich nachhaltig und umweltfreundlich erscheint. Aber mit dem Anblick der Diesel könnte man sich glatt täuschen, fast scheint es so, als würde Nachhaltigkeit mit einem neu erworbenen KfZ definiert.

Egal wie. Um die SAABs ist es schade, auf sie wartet in wenigen Wochen und Monaten der letzte Gang zur Presse. Dann sind sie weg und mit ihnen ein weiter kleiner Teil historischen Kulturguts.

53 thoughts on “Das Dieselsterben

  • @ Ebasil,

    ich glaube, es nicht ganz so extrem, nicht ganz so einseitig und eindeutig …
    Enge Verflechtungen mit dem Staat weisen größere Automobilkonzerne verschiedener Länder auf.
    Förderpolitik, Protektionismus und Korruption kennen viele Spielweisen. Die Abwrackprämie in D war auf vielfältige Art und Weise kontraproduktiv. Auch insofern, dass dt. Steuergeld zwar über dem heimischen Markt dort aber über der globalen Automobilindustrie ausgeschüttet wurde. Gezielte Förderung sieht anders aus.

    Fragen Sie mal Trump oder Xi Jinping, ob sie die Schlüsselrolle ihrer eigenen Autoindustrie unterschätzen würden und ob sie von deutschen Politikern etwas lernen könnten. Die Frage wird ihnen entweder als ein ganz köstlicher Witz ausgelegt oder als persönliche Beleidigung, Sie ernten schallendes Lachen oder einen Rauswurf.

  • @StF

    Danke für den Link, interessanter Artikel. Ob das so stimmt, ist natürlich die Frage, aber in jedem Fall lesenswert. Dem zweiten Teil des Kommentars kann ich auch nur zustimmen, sehr differenzierter Ansatz.

    Was aber mehr als nur getrost bezweifelt werden kann, ist die Annahme, die deutsche Regierung würde aus Angst vor Beziehungen zu ausländischen Staaten den ausländischen Herstellern “keine Knüppel zwischen die Beine werfen”. Das Gegenteil ist offenkundig richtig: In keinem Land der Welt wird die heimische Autoindustrie von der Regierung so stark nach wie vor als “Schlüsselindustrie” angesehen, subventioniert und gefördert (2 x Abwrackpprämie usw.) wie in Deutschland. Keine deutsche Regierung legt sich mit den großen deutschen drei (die zudem z.T. ja im Staatsbesitz sind) an, deren Hand bis ins Verkehrsministerium reicht und darüber hinaus. Nirgendwo ist die heimische Automobillobby so stark wie in D. Wenn sie könnte, würde die deutsche Politik den ausländischen Herstellern so viele ” Knüppel zwischen die Beine werfen”, dass die gar nicht mehr laufen können, um im Bild zu bleiben. Da schreckt D mit seiner “Schlüsselindustrie” auch vor den besten EU-Freunden nicht zurück. Man erinnere sich nur an das Theater um die Kennzeichnung der Autos bzgl. Verbrauch und Abgaswerten. Von D immer wieder aufgeschoben, verwässert, in Frage gestellt – um die deutschen PS- Maschinen und SUV-Tonner gegenüber den frz. Kleinwagen gut dastehen zu lassen.

    Der Hintergrund in Bezug auf die ausländischen Diesel muss ein anderer sein, den wir – leider – alle nicht kennen.

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  • Was neue Saabs betrifft, weil der alte 6 Jahre alt ist, stimmt schon, die meisten von uns würden sich ja wünschen, dass in Trollhättan wieder Autos gebaut werden und diese dann hoffentlich auch kaufen, sofern sie die Mittel und Möglichkeit haben. Wenn man von der Marke überzeugt ist und der Nachfolger besser ist als der alte, ist es doch verständlich, dass man sich verbessern will. Was Das Diesel Sterben betrifft, so unterhielt ich mich kürzlich mit einem Freund und auch Saabfan, dass es jetzt wohl viele 9-5NG Diesel Combis mit Euro 5 und auch 9-4X falls dieser auch einen Euro 5 Diesel bekommen hätte, geben würde wenn Saab nicht pleite gegangen wäre und diese in Deutschland jetzt wohl aufgrund der Fahrverboten zu günstigen Preisen verkauft werden müssten. Natürlich ist das rein hypothetisch und theoretisch, aber diese Ehrlichkeit wollte ich anbringen. So aber versuchen wir das bestehende so gut es geht zu halten und zu pflegen.

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