Herbstliche Sonntage in Trollhättan

Es ist Sonntag und ruhig in der Stallbacka, dem Industriegebiet von Trollhättan. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken, sie zeichnet ein zartes Herbstlicht auf die alten Hallen der früheren Saab Fabrik. So, als wolle sie deren langsamen Niedergang mit einem gnädigen Licht kaschieren. Es ist still, sehr still sogar. Nur von der ehemaligen Teststrecke direkt am Werk fliegen Wortfetzen herüber.

Herbsttage in Trollhättan. Volvo V60 vor der alten Saab Fabrik.
Herbsttage in Trollhättan. Volvo V60 vor der alten Saab Fabrik.

Aber es ist kein Testbetrieb auf dem Gelände. Eine Sportveranstaltung, ein Halbmarathon sorgt an diesem Tag für etwas Leben. Aber sonst: Leere und Tristesse. Vor der ehemaligen Hauptverwaltung parken ein paar NEVS Fahrzeuge, auf dem Auslieferungsplatz ist ein einsames Häufchen fabrikneuer Volvos abgestellt. Trollhättan im Oktober 2018.

NEVS Fahrzeuge vor der früheren Hauptverwaltung
NEVS Fahrzeuge vor der früheren Hauptverwaltung.

Trollhättan im Oktober 2011

Es ist Sonntag in Trollhättan, die Stallbacka ist menschenleer. Das Saab Werk produziert keine Autos mehr, der Insolvenzverwalter hat es auf Stand-by geschaltet. Ein Summen der riesigen Anlage ist im Hintergrund stets präsent. Die Fabrik schläft, aber sie wäre bereit. Könnte Autos bauen, 150.000 Stück pro Jahr…wenn jemand käme und den Schalter drücken würde.

Saab Werk im Oktober 2011
Saab Werk im Oktober 2011

Auf den Besucherparkplätzen stehen ein 9-5 NG, zwei 9-4x und zwei Vorserien Sportkombis. Sie warten auf die Saab Deutschland Delegation, die sie an diesem Sonntag abholen wird. Die Händlertour steht an, ein letzter Kampf um das Überleben von Saab und dem Werk. Die Schlüssel für die Fahrzeuge liegen beim Wachdienst bereit. Die schwedische Herbstsonne zeichnet ein schönes Licht, überdeckt das Drama,  das sich seit Monaten hier abspielt.

Saab Museum im Oktober 2018

Das Saab Museum. Es ist Sonntag, die Touristen-Saison ist vorbei. Eine Familie und ein weiteres Paar schlendern durch die Ausstellung. Besuche sind Momentaufnahmen, und an diesem Tag ist die Stimmung trist. Die ehrenamtlichen Veteranen haben keine Lust auf die wenigen Besucher, man lässt sie alleine mit ihren Fragen und Interessen.

In der Mitte der Ausstellung steht ein NEVS Prototyp. Dem Museum gestiftet, die allerletzte Idee aus der Stallbacka, die den Saab Schriftzug trägt. Das Ende einer Geschichte,  die 1947 begann. Eigentlich hätte die 9-3 Limousine mit dem auffälligen Turbo Schriftzug der Auftakt für eine Sonderserie sein sollen. Der Entwurf wurde nicht realisiert, die Saab Markenrechte wurden verspielt, die Produktion kam niemals richtig in Schwung. Es blieb bei dem einen Entwurf, der bald vergessen wurde und der erst zum Saab Festival 2017 wieder in die Öffentlichkeit kam. Da steht er nun. Als Mahnung und als Endpunkt einer langen Geschichte.

Saab Museum Oktober 2018. Der letzte Saab Prototyp
Saab Museum Oktober 2018. Der letzte Saab Prototyp. Eigentlich hätte es von NEVS eine Turbo Sonderserie geben sollen, die in etwa so ausgesehen hätte.

Saab Museum im Oktober 2011

Die Dinge stehen schlecht. Es ist nicht nur das Saab Werk, das Probleme hat. Die historische Saab Sammlung gehört zur Saab Automobile AB. Und wie diese, so steckt auch das Saab Museum in Schwierigkeiten. Die Hallen am Göta Älv sind nur gemietet, Eigentümer der früheren NOHAB Hallen ist die Immobilien-Gesellschaft der Stadt Trollhättan. Die hat schon seit Monaten keine Miete mehr gesehen. Und auch Strom, Wasser, Heizung, alles ist offen.

Wie geht es weiter mit der Sammlung, welche die Saab Geschichte seit 1947 lückenlos abbildet? Wird der Schatz überleben und am Standort bleiben ? Oder wird sich die Kollektion in alle Welt verteilen?

TTELA im Oktober 2018

Die örtliche Zeitung von Trollhättan geht einen steinigen Weg. Eine Insolvenz ihrer Verlagsgruppe hat sie knapp überlebt, die Redaktion hat in den letzten Jahren einen harten Sparkurs ertragen. Vorbei sind die aufregenden Jahre, die 2010 bis 2012 ihren Höhepunkt hatten.

Die Zeitung ist auf das geschrumpft, was sie eigentlich immer schon war: Das lokale Blatt eines kleinen Provinzstädtchens. Die Inhalte sind in der Regel kostenpflichtig, selbst wenn man nur eine Pressemeldung wiedergibt. Die Themen sind andere als 2011. Heute berichtet man vorwiegend über Katzen,  die auf Bäumen sitzen und auf beherzte Retter warten. Gerne auch über Elche. Solche, die sich im heißen, trockenen Sommer verzweifelt in Supermärkte, Büros und Vorgärten verirren. Weil sie mit der Trockenheit nicht klar kommen und mit dem Kimawandel. Oder über tote Elche. Weil Herbst ist, Jagdsaison, und weil stolze Jäger an diesen Tagen stolze Tiere töten dürfen.

Die TTELA. Einst scharfes, mediales Schwert
Die TTELA. Einst scharfes, mediales Schwert. Heute wird über Kätzchen und Elche geschrieben.

TTELA im Oktober 2011

Zeitungen machen Meinungen. Und Zeitungen können auch scharfe Waffen sein. Die TTELA ist eine. Seit Monaten werden täglich aus dem Saab Werk die neuesten Horror-Meldungen durchgestochen. Wenn etwas schief läuft, wenn es in der Geschäftsleitung kracht, oder wenn die Lieferanten streiken. Irgendjemand greift dann zum Hörer, informiert die Redaktion, und die Meldung geht online.

Leider treffen die Nachrichten meist zu. Der tägliche Horror aus der Saab Fabrik ist quasi in Echtzeit abrufbar, schnell wird die TTELA die Informationsquelle für Blogger und Saab Interessierte rund um die Welt. Die Abrufe der Seiten schnellen nach oben, die Werbeeinnahmen sprudeln. Dabei verliert man immer öfter aus den Augen, daß man dem Automobilbau und der Stadt schaden könnte.

Die Seele von Trollhättan im Herbst 2018

Jede Stadt hat eine Seele. Trollhättan war im Kern immer eine Industriestadt. Nicht schön, aber in einer wunderbaren Landschaft gelegen. Die Stadt verdankt ihre Existenz den Wasserfällen, wo alles seinen Anfang nahm. Eisenhämmer, Schmiede – aus denen sich später eine Industrie formierte. Kraftwerksturbinen, Flugzeuge, Dampflokomotiven, Diesellokomotiven, Flugmotoren, Autos. Namen wie Nydqvist & Holm, Nohab, Saab und Volvo Aero  – alle sind mit der Geschichte der Stadt eng verbunden.

Trollhättan geht es nicht schlecht. Seit dem Ende von Saab und der Automobilproduktion sind viele neue Unternehmen dazugekommen. Trollhättan wächst, Neubauten überall. Und dennoch: Die Seele – sie scheint verloren. Die Automobilwerker, die Gewerkschafter, diese rauhe aber dennoch herzliche Gesellschaft, wo ist sie geblieben?

Trollhättan ist smarter geworden. Die Zugezogenen arbeiten nicht mehr an Werkbänken. Sie kommen aus der IT, sind Ingenieure, Softwareentwickler. Unter der Woche ist es jetzt seltsam ruhig. Trollhättan transformiert zur Schlafstadt. Wohnen in der günstigen Provinz, arbeiten in der Metropole. Pendlerzüge transportieren die Menschen schnell in die Industrievororte von Göteborg und nach Hisingen zu Volvo. In die Gegenrichtung pendelt kaum jemand.

Und die Zukunft der Stallbacka?

Die Zukunft, wenn das Automobilwerk in der Stallbacka denn eine hat, wird in China entschieden. In Schweden selbst spielen die chinesischen Eigentümer der Saab Immobilien schon lange keine Rolle mehr. Die TTELA hat sie nicht als Thema, die überregionalen Zeitungen sowieso nicht. Warum auch, es gibt nichts zu berichten.

Die Frage nach der Zukunft ist offen, vielleicht hat Trollhättan seinen industriellen Höhepunkt schon lange überschritten. Nach heutigem Stand scheint es unwahrscheinlich, daß es in der Stadt jemals wieder eine Autoproduktion geben wird. Junge, schwedische Startups wie Uniti bauen innovative Elektroautos. Aber sie benötigen dazu keine Dinosaurier-Komplexe wie in der Stallbacka.

25 Gedanken zu „Herbstliche Sonntage in Trollhättan

  • 30. Oktober 2018 um 10:32 AM
    Permalink

    Von NEVS kommt wohl auch nichts mehr,die Internetseite von denen ist ist seit langem nicht mehr auf den neuesten Stand
    gebracht worden.
    Schade das sich SAAB Defence nicht finanziell am Museum beteiligt.
    Ich habe immer gehofft das vielleicht ein Autokonzern Interesse an SAAB Automobile haben könnte,die Hoffnung habe ich mittlerweile aufgegeben.

    Antwort
  • 30. Oktober 2018 um 11:03 AM
    Permalink

    “(…) weil stolze Jäger an diesen Tagen stolze Tiere töten dürfen.”

    Toll geschrieben. Der Beitrag hat streckenweise lyrische Qualitäten. Dass die Geschichte trotzdem traurig stimmt, liegt einzig am Sujet. Und das muss ich auch nicht weiter kommentieren. Es steht ja alles da. Also ganz einfach ein großes Lob und vielen Dank an den Autor.

    Antwort
  • 30. Oktober 2018 um 11:24 AM
    Permalink

    Wirklich schade, dass es so gekommen ist. NEVS ist meiner Meinung nach nur mehr heiße Luft. Der Facebook Auftritt handelt nur mehr von irgendwelchen Marathon Läufen oder anderen Veranstaltungen die nicht viel mit dem Automobilbau zu tun haben.
    Für SAAB Defence wäre die Erhaltung des Museums vermutlich nicht viel Geld. Anscheinend dürfte es aber dort wirtschaftlich auch nicht so gut aussehen, daher sind solche Posten sicher die ersten die dem Sparstift zum Opfer fallen würden.

    Antwort
  • 30. Oktober 2018 um 1:00 PM
    Permalink

    Was ein Schade das es so endet. Und ich bin ueberzeugt das es zu Ende kam wen NEVS sich entschieden hat in China zu investieren und nicht in Schweden. Warum es damals nicht weiter gehen koennte ist nur Geschaeftlich zu erklaeren. Es war niemandem bereit noch weiter zu investieren. Leider war Geely und Tata schon befriedigt und gab es kein dritter den Lust haette ein Luxus Marke zu uebernehmen. Wuensche damit nur das Mann uns dieses Museum zumindest weiter leben laesst. Wenn Schweden und auch der Stad Trollhattan sich nicht einsetzt dieses Zeigen von Kreativitaet und Reform im Automotive Bereich zu untestuetzen ist das nicht zu verstehen. Drueccke mich die Daumen das es so weit nicht komme wuerde.

    4
    1
    Antwort
  • 30. Oktober 2018 um 3:14 PM
    Permalink

    Danke, Tom für diese herbstlich melancholischen Zeilen. Alles gesagt, gut getroffen.
    NEVS ist “weg vom Fenster”… , passt leider zu der Geschichte, die ganz und gar “unglücklich” insgesamt (!) verlaufen ist.
    So etwas wird wohl auch Wandlung in der Wirtschaft genannt…
    Das steht uns in old (!) Germany noch bevor…
    Es zeigt aber auch, der Wandel ist möglich! Arbeitslosigkeit ist keine zwanghafte Folge!
    Wie erfreulich, dass Trollhättan augenscheinlich am Wandel keinen Schaden genommen hat! Es sollte daher auch im Interesse der Stadt sein, dieses automobile Museum als eigene Geschichte zu begreifen und weiterhin in der Stadt am Göta Alv zu halten!!!

    Antwort
  • 30. Oktober 2018 um 6:25 PM
    Permalink

    und es tut immer noch und immer wieder Wehhh. Die alte Liebe, die man auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblickt, und die mit sich selbst beschäftigt vorrüber geht. Im Kopf ist ja alles klar, dennoch die Welle Wehmut strömt wieder. Vorallem, nach solch einem Beitrag ! Tom, Danke Dir dafür. Alles in Allem bin ich zufrieden einen großen Teil meines Autofahrerlebens mit SAAB genußvol verbracht zu haben. Ich hab sie ja gehabt, die Autoliebe SAAB.

    Antwort
  • 30. Oktober 2018 um 8:32 PM
    Permalink

    Danke für diesen tollen Bericht und die ganze Zusammenfassung um Trollhäten!

    Antwort
  • 31. Oktober 2018 um 6:44 AM
    Permalink

    Danke für diesen gefühlvollen Bericht. Es ist mehr als nur schade, dass SAAB untergegangen ist. Immer mehr einst klangvolle Namen gehen diesen Weg, die nächste ist wohl Alfa Romeo. Lauf der Zeit, welcher sich leider nicht aufhalten lässt.

    Antwort
  • 31. Oktober 2018 um 2:12 PM
    Permalink

    Gibt es den von NEVS gar nichts Neues? Nicht mal schlechte Nachrichten?

    Antwort
    • 31. Oktober 2018 um 4:12 PM
      Permalink

      Nichts was relevant wäre, oder was und oder Trollhättan weiterbringen würde. Aber: Wir haben NEVS nicht aus den Augen verloren und sind weiter am Thema dran.

      Antwort
  • 31. Oktober 2018 um 5:56 PM
    Permalink

    Im amerikanischen GM-Konzern hat der Niedergang seinen Ursprung – danach gab es dann die Verkettung unglücklicher Ereignisse, bis hin zu unfähigen Insolvenzverwaltern und NEVS.

    Für mich bleibt jedoch das größte Fragezeichen hinsichtlich der damaligen schwedischen Regierung – von dort kam keinerlei Unterstützung. Anders als beispielsweise bei Renault in Frankreich gab es keinerlei Hilfestellung durch staatliche Stellen. Man hatte sich im Grunde relativ schnell damit abgefunden, dass durch amerikanisches Missmanagement ein schwedisches Traditionsunternehmen die Tore schließen mußte. Diese Verhaltensweise ist für mich nach wie vor völlig
    unverständlich und bleibt in diesem Zusammenhang eigentlich das größte Fragezeichen.

    4
    1
    Antwort
    • 1. November 2018 um 9:00 AM
      Permalink

      Hallo Herr Rudolf
      Ich denke wir Saabfans haben alle kein Verständnis für die Haltung der schwedischen Regierung. Aber der Vergleich mit Renault ist hier schwierig. Renault ist immerhin ein halbstaatlicher Konzern. Da musste der Staat handeln.
      Die Schwierigkeiten bei Saab sehe ich auch darin, das die Schweden und die GM Leute nie wirklich gut zusammengearbeitet haben. Die Mentalität und Interessenlage beider Akteure waren stets unterschiedlich. Das konnte nicht wirklich gut gehen.
      Gruß an alle Saabisten

      Antwort
      • 1. November 2018 um 10:12 AM
        Permalink

        Stimmt. Und so lange SAAB zu GM gehörte, hätte der schwedische Staat eine Marke eines amerikanischen Konzerns unterstützt. Und wenn ich richtig verstanden habe, hat dieser Konzern zumindest mittelbar Kapital von SAAB abgezogen. Indem z. B. fragwürdige Lizenzgebühren an den Mutterkonzern bilanziert wurden.

        Das ging unter VM so weiter. Einen Kombi, den die schwedische Polizei hätte anschaffen können und auch wollen, gab es nicht. Die neue Limousine kam nicht infrage. Und schließlich war es zu spät. Zulieferer waren insolvent, Lizenzfragen ungeklärt und alle neuen Modelle nach wie vor von GM abhängig. Der Hoffnungsträger 9-4X mit seinem Produktionsstandort in Übersee ganz besonders …

        Die (desaströsen) Absatzzahlen der letzten Jahre sind bekannt. Und selbst diese Handvoll Autos ist teils nur noch mit Nachlässen in absurder Höhe erreicht worden. Mögliche Absatzzahlen kommender Jahre standen bestenfalls im Kaffeesatz. Von irgendwann vielleicht mal wieder möglichen schwarzen Zahlen ganz zu schweigen.

        Ich habe die seitens des schwedischen Staates “unterlassene Hilfeleistung” auch lange Jahre nicht verstanden. Als gut und richtig habe ich sie schon gar nicht wahrhaben wollen. Aber im Laufe der Jahre und im Zuge vieler Artikel hier auf dem Blog, formte sich nach und nach ein anderes Bild bei mir.

        Die Alternative zur “Unterlassung” wäre wohl gewesen, dass der schwedische Steuerzahler heute Trumps Amerika und GM sponsern und jährlich Verluste bei SAAB ausgleichen würde. Der Weg zur Unabhängigkeit SAABs war zum Zeitpunkt der letzten Insolvenz in etwa so weit, wie der eines beliebigen Start-Ups zu eigenen und neuen Autos.

        Auf welcher Grundlage und mit welcher Begründung hätte der Staat unter diesen Vorraussetzungen einspringen können und sollen? Ich sehe das nicht (mehr) …

        1
        1
        Antwort
        • 1. November 2018 um 11:29 AM
          Permalink

          Hilfestellungen durch den schwedischen Staat für ein schwedisches Traditionsunternehmen wären nach der “GM-Mutterschaft” schon sinnvoll gewesen. Spyker hatte ja nach dem Verkauf durch GM für eine kurze Zeitspanne Möglichkeiten, die Weiterführung der Marke wahrzunehmen – Lizenzen für neuere Modelle sollten lediglich nicht an die Chinesen weitergereicht werden. Es fehlte in Trollhättan nur eine größere Finanzspritze, um das Geschäft am Laufen zu halten – 9-4 und 9-5 Kombi waren bereits vorgestellt worden und hätten bei Produktion vermutlich große Gewinne eingefahren. Als Geldgeber wurde bekanntlich ein russischer Investor abgelehnt – vermutlich zu Recht, da er in dubiose Geschäfte verstrickt war. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte der Staat einspringen können. Bei der SAAB-Ersatzteilsparte ging es doch auch – obwohl dies in meinen Augen nur eine halbherzige Vorgehensweise ist. Aber immerhin besser als überhaupt kein staatliches Handeln.

          3
          1
          Antwort
          • 1. November 2018 um 2:40 PM
            Permalink

            Das mit Orio sehe ich auch so: Besser als kein staatliches Handeln.

            Die Gewinnzone, eine Auslastung des Werkes in Trollhättan und somit schwedische Arbeitsplätze und ein nationales Interesse waren aber nicht in greifbarer Nähe. Lizenzen zu gewähren, Motoren oder gar komplette Fahrzeuge (9-4) zu liefern ist das Eine. Die Kosten und Bedingungen dafür sind das Andere. GM gilt da nicht gerade als großzügig …

            Wären der Business Case und Absatzprognosen trotz der von GM gesetzten Bedingungen positiv gewesen (und richtig kommuniziert worden), hätten die Investoren Schlange gestanden. Den schwedischen Staat hätte es in unserer globalisierten Welt zur Rettung von SAAB da gar nicht erst gebraucht.

            Nein, es ist hart und es tut weh, aber ganz so einfach scheint mir die Antwort auf die Frage nach den Schuldigen dann doch nicht zu sein. Der sukzessive Aufstieg und Untergang dieser feinen Automobilmarke stellt sich mir viel mehr als ein fließender Übergang vom Einen zum Anderen dar …

            Da sitzen alle Protagonisten von der Gründung, über die ersten eigenen (Turbo-) Motoren, bis hin zur finalen Insolvenz gemeinsam in einem Boot und ihre Entscheidungen können nur vor dem Hintergrund der jeweils gesellschaftlich-wirtschaftlich gültigen Rahmenbedingungen sinnvoll eingeordnet und bewertet werden. Es ist längst müßig, da noch EINEN Schuldigen ausmachen zu wollen. Man muss das ganzheitlicher und zugleich differenzierter betrachten, muss das jeweils richtig einordnen. Die Insolvenz zuletzt hatte gänzlich andere Rahmenbedingungen, als die Gründung und nationalen Interessen Schwedens kurz nach WW II.

            In der Zwischenphase (Übernahme durch GM) galten nochmals gänzlich andere Bedingungen.

            Wem will man da welche Schuld zuordnen? Und ohnehin ist das alles nur noch hätte, hätte, Fahrradkette …

  • 1. November 2018 um 9:17 AM
    Permalink

    Hallo Tom, vielen Dank für diesen melancholisch-stimmungsvollen Bericht, leider so passend zum November-Blues. Schockiert war ich zu hören, dass nun auch noch das Museum gefährdet ist. Kann man, können wir als Saab-Fans irgendetwas dagegen tun? Das Festival im nächsten Jahr ist aber hoffentlich nicht auch gefährdet?

    Antwort
    • 1. November 2018 um 9:58 AM
      Permalink

      Das Museum war in der Retrospektive gefährdet. Es besteht kein Grund zur Sorge, die Trägerschaft durch die Kommune ist sicher.

      Antwort
      • 1. November 2018 um 2:29 PM
        Permalink

        Danke für die schnelle und beruhigende Klarstellung, ich hatte die Zwischenüberschrift 2011 glatt übersehen, sorry!

        Antwort
  • 1. November 2018 um 5:42 PM
    Permalink

    Es ist schade, dass man Herbert Hürsch auf seinen letzten Text nicht direkt antworten kann (es wird keine Antwortmöglichkeit angezeigt).

    Bei seiner Betrachtungsweise kommt es mir fast so vor wie beim VW-Dieselbetrug: Es gibt keine Verantwortlichen bzw. Schuldigen. Beim Niedergang von SAAB-Automobile ist wahrscheinlich nicht nur für mich der GM-Konzern der eigentliche Verursacher (jahrelanges Missmanagement). Dieser Verein ging dann sogar im Ganzen noch in die Insolvenz – wurde dann als US-amerikanischer Konzern sogar mit Steuergeldern gerettet! Ich bleibe dabei, dass diese Rettungsweise auch bei SAAB-Automobile in Schweden geklappt hätte – natürlich einige Nummern kleiner. Aber man hatte unter Spyker nicht nur den neuen 9-5 sondern wie bereits geschrieben auch den 9-4 X und eine neue Kombiversion vom 9-5 in der Pipeline – hier wäre nur etwas mehr Selbstbewußtsein hinsichtlich der künftigen Produktion in Schweden erforderlich gewesen.

    Mit hätte, hätte Fahrradkette hat das Ganze nichts zu tun – aber jegliche Diskussionen bringen mittlerweile in der Sache auch nichts mehr.

    Antwort
    • 2. November 2018 um 11:58 AM
      Permalink

      Ich klicke einfach immer auf den letzten Kommentar darüber, der noch eine “Antwort” zulässt. Dann erscheinen inhaltlich zusammenhängende Kommentare chronologisch und untereinander. Gar kein Problem …

      Das mit dem Diesel-Skandal ist ein wenig polemisch von Ihnen. Ich sehe bei SAAB im Gegenteil eine sehr lange Kette und somit auch viele Glieder und Verantwortliche. Und selbstverständlich spielt GM dabei eine tragende Rolle. Das habe ich auch sehr deutlich gemacht. Zuletzt Lizenzen, Lizenzgebühren, Motoren und der 9-4X aus Übersee …

      Der schwedische Staat hätte den us-amerikanischen GM-Konzern sponsern müssen, um SAAB zu retten. Das ist nicht seine Aufgabe. Ich habe das alles schon gesagt und kann mich nur noch wiederholen!

      Das mache ich aber nur ungern. Ich habe in diesem Punkt (KEIN SPONSORING FÜR GM) allergrößtes Verständnis für den schwedischen Staat. Sie nicht. Dabei können wir es gerne belassen …

      Antwort
      • 2. November 2018 um 3:45 PM
        Permalink

        Hallo Herbert Hürsch,

        leider haben Sie anscheinend nicht mitbekommen, dass SAAB-Automobile von GM an einen anderen Unternehmer (Spyker) verkauft wurde. Dieser deutlich kleinere Unternehmer hatte ebenso wie die ehemalige GM-Mutter ständig Finanzprobleme und war auf der Suche nach Kapital. Ein Einstieg von Investoren (ggf. auch staatlicherseits) hätte doch zu dieser Zeit GM nicht mehr viel eingebracht – andererseits war man aber bei GM mit dem Niedergang der ehemaligen Tochter ganz zufrieden, weil vermeintliche spätere Konkurrenz nicht mehr aufkommen konnte.

        1
        3
        Antwort
        • 2. November 2018 um 5:52 PM
          Permalink

          Wollen Sie mich veräppeln?

          Ich bin auf die Ära VM (Spyker) ausdrücklich eingegangen. Das können Sie selbst und jeder andere hier auf dem Blog in vorstehenden Kommentaren nachlesen. Können Sie nicht lesen, oder wollen Sie nicht?

          Wir müssen zur Rolle des schwedischen Staates und den verbliebenen Chancen am Ende der VM-Ära nicht zu einer gemeinsamen Meinung gelangen. Das wäre für mich vollkommen okay!

          Was ich nicht okay finde ist, dass Sie viel lieber die Sachebene verlassen und mit falschen Unterstellungen vorgehen. Das finde ich ganz und gar nicht mehr okay und auch intellektuell enttäuschend …

          Wenn SAAB (in Abhängigkeit des Modells und seiner Motorisierung) einen bestimmten Preis pro Auto an GM zahlen muss (während rote Zahlen fortgeschrieben werden), wie wollen Sie das einem schwedischen Steuerzahler (der selbst einen VW, Kia oder Toyota – bestenfalls einen Geely – fährt) vermitteln?

          Sie können das ja nichtmal mir vermitteln, obwohl ich SAAB fahre und in Schweden keine Steuern zahle. Sie können ja nichtmal mir gegenüber sachlich bleiben …

          Und doch wäre SAAB heute vermutlich gerettet (alive and kicking) und alle Schweden wären glücklich, wenn Detlef Rudolf rechtzeitig was gesagt hätte. Ja na klar, was denn sonst?

          1
          2
          Antwort
  • 2. November 2018 um 7:50 PM
    Permalink

    Gehen Sie wirklich davon aus, dass mit tollen neuen Modellen dauerhaft rote Zahlen erschienen wären? Woher nehmen Sie dieses Wissen – sind Sie Hellseher oder doch eher eine Bangbüx? Schauen wir mal, was bei NEVS (ohne schwedische Unterstützung) noch auf die Räder gestellt wird. Wenn es dort klappt, hätte Schweden allerdings nicht mehr viel davon – wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

    1
    2
    Antwort
  • 2. November 2018 um 8:59 PM
    Permalink

    Herr Rudolf,

    ich glaube, Sie sollten Ihre weltmännische Weitsicht lieber dem schwedischen oder auch unserem Staate zur Verfügung stellen (oder auch NEVZ), als hier weiterhin über meine vollkommen unmaßgebliche Unterhose (Büx) oder Streifen in dieser zu spekulieren …

    Wohl an! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Und schon morgen ist die Welt viel besser. Ich danke Ihnen im Voraus. Ganz besonders für meinen nächsten SAAB, den Sie hier herbeireden. Der kann ja nun nicht mehr fern sein, nachdem Sie ihn schon im Mund hatten …

    2
    2
    Antwort
  • 6. November 2018 um 10:10 AM
    Permalink

    Nehe an die Besetzung der SAAB Werke durch NEVS wird noch eine Weile weitergehen … hoffe diese Art der Chinesischen Industriepolitik wird bald ein Ende finden … im übrigen: lt. aktuellen Presseberichtet haben Elektroautos in EU derzeit bis zu 1 Jahr Lieferzeit – leider hat es NEVS nicht geschafft welche zu bauen.

    Antwort

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.