81 Tage

80 Tage reichten Jules Verne, der seinen Helden Phileas Fogg rund um die Welt schickte. Einen Tag mehr, 81 Tage, ist der Zeitrahmen,  den NEVS gestern bekommen hat.

Das Ende der Traeume
Das Ende der Traeume

Das Paket setzt sich zusammen aus 21 Tagen – während derer der Schuldenschnitts rechtskräftig wird – und 60 Tagen,  bis 50% der Forderungen bedient werden sollen. Dann müssen zwischen 16 und 17 Millionen € an die Gläubiger fließen. Geld, das bisher nicht in der NEVS-Kasse vorhanden ist. Dass in den kommenden Wochen alles so läuft, wie es im Interesse der Gläubiger ist, dafür existieren Auflagen. Die Vertreter des Staates lobten gestern vor Gericht das Unternehmen als zuverlässig, stellten im gleichen Atemzug den bisherigen Administrator der Geschäftsleitung zur Seite,  um sicher zu stellen,  dass es so bleibt.

81 Tage könnten ausreichend sein, wenn Verhandlungen weit fortgeschritten und nur noch Feinheiten zu regeln sind, um ein internationales Geschäft zum Abschluß zu bringen. Sie sind zu kurz, wenn man in einem embryonalen Stadium festgefahren ist.

NEVS lässt sich vergleichen mit einem kleinen Mann, der sich einen schönen, neuen Anzug geleistet hat. Jetzt stellt er fest, dass er ein paar Nummern zu groß gekauft hat, und egal wie er zappelt, er kann den Anzug nicht ausfüllen. Auftragsfertigung, Fremdentwicklung, die Produktion von Ersatzteilen. Das alles sind Randnotizen, die nicht reichen,  um das riesige Saab Werksareal zu füllen und nachhaltige Geschäfte zu betreiben. NEVS zappelt, gefangen im viel zu großen Anzug.

Selbst wenn NEVS gestern Milliarden Investitionen (SEK) in Aussicht stellte, durch mögliche Kredite einer staatlichen Bank in China und einer Entwicklungspartnerschaft, sind das nur kleine Teile in einem größeren Puzzle. Vielleicht kommt staatliches, chinesisches Geld nach Trollhättan. Aus politischen Gründen.

Vielleicht realisiert NEVS die  Entwicklungspartnerschaft. Sie beruht auf einem Pilotprojekt, das auf der Phoenix Plattform basiert. Ein Hoffnungswert, mit Option auf eine spätere Entwicklung von Serienfahrzeugen. Mehr nicht. Verträge mit dem neuen Partner sind bisher nicht unterschrieben, sollen es aber im April sein. Sagt NEVS. Einen Namen dahinter nennt man nicht.

Das sind Nebenschauplätze, will man das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Stabil und zukunftsfähig wird das Unternehmen in der Stallbacka nur durch eine Radikalkur.

Das klang gestern vor Gericht durch, als Geschäftsführer Bergman verkündete,  dass ein Eigentümerwechsel nur dann stattfinden wird, wenn das Problem mit den Markenrechten erfolgreich geklärt wurde. Womit wir am Punkt sind.

Die wahre Kern der Mission von NEVS ist Saab. Nur so kommt Geld in die Kassen, nur so lässt sich das Abenteuer mit Gewinn abschließen. Ohne die Saab Markenrechte wird nichts zum glücklichen Finale kommen. Es wird keinen neuen, starker Großaktionär geben, der aus dem Werk wieder einen lebenden Organismus formen könnte. Der Schlüssel zum Überleben liegt nicht bei Banken aus China, nicht in Entwicklungspartnerschaften. Er liegt bei der Saab AB. Das ist die bittere Wahrheit für Bergman und Kai Johan Jiang.

Überlebt NEVS,  ist das denn gut für die Marke Saab? Eine Frage, die Leser immer wieder stellen. Ich tue mir schwer, Sympathien für NEVS zu entwickeln. Weder sehe ich eine tragfähige Story, noch Gründe,  warum man langfristig erfolgreich sein könnte. Eine Fortsetzung der Saab-Geschichte wird es nur geben, wenn der Markenname nach Trollhättan zurückkehrt. Der kommt nur dann nach Hause, wenn sich die Strukturen bei NEVS komplett ändern.

81 Tage sind nicht viel Zeit, so gesehen. Sie sind der Countdown, der läuft. Die Frist,  in der NEVS liefern muss. Unterschriften, Partner, Geld. Das ist das Resultat des gestrigen Tags.

33 Gedanken zu „81 Tage

  • Exzellenter Kommentar.

  • ….nun dann bleiben wir weiter hinter dem Zaunstehen uns schauen zu was da in Schweden und China passiert!

    • Wieso Schweden und China?

      War da nicht noch ein Konzern in Indien, der endlich mal eine namhafte Automarke mit im Portfolio haben wollte?

      • Man wird sehen was passiert. Ab 14.04, dem nächsten wichtigen Datum, kann NEVS die Rekonstruktion verlassen. Mögliche Käufer/Partner/Investoren haben einen leichteren Einstieg. Eventuell zeigt Indien dann Flagge.

      • …na Schweden ist klar und wenn KJJ in China unterwegs ist und von dort stammt. ……abwarten, wir können es nicht ändern!

  • Ja schauen wir mal, was bis zum 12.06.2015 (Tag 163 in 2015) alles passiert…es bleibt spannend. Heisse Luft gab es ja schon reichlich.
    DANKE Tom, für den sachlichen Artikel!!! 🙂

    • Wunschdenken „Eine Woche vorher ist das Saab Festival, da hat Saab oft neue Modelle vorgestellt. Mit neuen Eigentümern wäre ich mehr als zufrieden“

  • Nun wird es wirklich ernst, nachdem die Lage eigentlich schon länger sehr ernst ist….
    Noch eine Verlängerung wird es nicht geben, wenn nicht jetzt, dann nie!

  • Lieber Tom, warum so ein komplizierter Vergleich mit dem Anzug? NEVS erinnert mich an jemanden, der sich einen Benz auf Pump gekauft hat, und nun merkt, dass neben den Raten auch noch Benzin, Versicherung, Wartung und Reparaturen bezahlt werden wollen – und der Fahrer dabei weder im Auto wohnen, noch ohne Nahrung auskommen kann. Alles schwer zu finanzieren, wenn einem keiner Geld zusteckt (Investor), und der eigene Job nicht genug abwirft (Produktion der 9-3 Kleinstserie).

    Ich glaube auch, NEVS hat sich einfach einen viel zu ambitionierten Zeitrahmen gesteckt – wielange die Wiederbelebung einer Marke dauern kann, hat man ja unlängst (auch in deinem Beitrag hier) am Fall Borgward gesehen. 10 Jahre rein für die Planung und Finanzierung – und dann war da noch kein Werk gebaut, kein Auto produziert, sprich lediglich Geld ausgegeben.

    • Mir hat Toms Anzug-Analogie gut gefallen …

      Wo ist der Mehrwert der Benz-Analogie? Und inwiefern ist es prägnanter, bis hin zu Ernährung und Wohnen abzuschweifen?

      • Vielleicht bin ich da etwas überschwänglich im Ausmalen geworden (auch ohne Alkohol in Griffnähe beim Schreiben).

        Der Punkt, den ich illustrieren wollte, ist folgender. NEVS hat sich nicht in eine für sie zu große Firma eingekauft (so etwas kann funktionieren, Sanofi hat sich weiland auch die in puncto Umsatz und Personal mehr als doppelt so große Aventis geschnappt), sondern schlicht und ergreifend in eine für sie zu teure. Mit Investitionen von außerhalb hätte man vielleicht einen gewissen Puffer gehabt, um auch bei niedrigen eigenen Einkünften überleben zu können, aber ohne diese reichte das eigene, eher magere Geschäftsmodell zum Begleichen der laufenden Kosten nicht aus.

  • In 80 Tagen wissen wir also ob NEVS Traumtänzer sind, oder ob wirklich was hinter den Ankündigungen steht. Wir haben jetzt so lang gewartet, da sind 80 Tage nix mehr.
    Während dessen wird ein Hobby-und-Schönwetter SAAB (9000 CSE 96 oder 97) gekauft, das überbrückt die Zeit 🙂

  • Uupps, gerade passend zum Artikel beim Aufräumen endlich meine Glaskugel wiedergefunden: Hmmm, in 81 Tagen ist Schluß. Endgültig. Kein Geld, kein Investor, kein Inder, kein Chinese. In drei Jahren übernimmt Borgward aus Stuttgart dann die Produktionsanlagen um die inzwischen boomende Nachfrage nach deren neuen innovativen Modellen befriedigen zu können….

    • Wahrscheinlich ein größerer Sprung in der Kugel – dann funktionieren die nicht mehr richtig!

  • Tut mir leid, aber manches kann man einfach nicht mehr lesen. Auch ich weiß nicht, wie es ausgeht. Die Hoffnung stirbt aber zuletzt und unsere Autos , die wir haben sind so toll,dass es einfach weitergehen muss.
    Wenn nicht ist dann immer noch Zeit zum Jammern.
    Tom hält uns wie immer aktuell auf dem Laufenden.
    Vielen Dank.

  • Haben wir trotz Allem weiter Freude an unseren SAAB-Fahrzeugen. Die kann kann uns niemand nehmen.
    Vielen Dank Tom für deine Superberichte und Dein Optimums und Zuversicht für diese tolle Automarke.
    Viele Grüsse
    Walter

  • LUXURIØSE SITUATION …

    … oder etwa nicht? Was das Schicksal von NEVS betrifft können wir uns doch alle ganz entspannt zurücklehnen. NEVS ist eben nicht SAAB!

    Die SAAB AB hat die Namensrechte und wird diesen Namen nur an jemanden rausrücken, der ihr Automobile in Aussicht stellt, die einem gewünschten Image gerecht werden könnten.

    Das mag vielleicht passieren oder eben auch nicht.

    • Die Frage hinsichtlich der Entscheidung über Markenrechte ist in meinen Augen dennoch, ob die SAAB AB auch wirklich die Fähigkeiten besitzt, diese Aufgabe zu meistern.

      In der Vergangenheit hat sich die SAAB AB hinsichtlich Automobilsparte eigentlich nie mit Ruhm bekleckert – schon zu Beginn der Flaute in dieser Sparte wollte man sich möglichst rasch davon trennen und hat sich dann mit Ford nicht geeinigt (wäre womöglich aber positiv mit Ford gewesen). Daraufhin kam GM ins Spiel. Bekanntlich ein totaler Fehlgriff – ebenso das Weiterreichen der Markenrechte an Spyker.

      Was danach kam, wissen wir auch.

      Mir fehlt es bei der SAAB AB bisher am nötigen Fingerspitzengefühl, eine ausgewogene Entscheidung mit positiven Ergebnissen zu erzielen. Zu hohe Anforderungen (Mahindra?) sprechen auch gegen eine gute Entscheidungsfähigkeit der SAAB AB – wie erwähnt, bin ich diesbezüglich eher skeptisch.

      • Das stimmt alles.

        Ich bezog mich auf den Artikel und Toms Einschätzung, dass NEVS den Namen braucht und oder auf diesen setzt. Ich denke da ist viel dran …

        Die Statements der SAAB AB und eines hochgehandelten potentiellen Investors, mittels derer klargestellt wurde, dass es keine Verhandlungen über Namensrechte gäbe bzw. die über einen Einstieg bei NEVS beendet seien, könnten zusammenhängen.

        Gut möglich, dass NEVS hier pokerte, ohne die SAAB AB an Bord zu haben. Bei Vorspiegelung falscher Tatsachen macht jeder potentielle Investor sofort einen Salto rückwärts vom Verhandlungstisch ins Flugzeug.

        • Wenn wirkliches Interesse (Mahindra?) vorhanden ist, hätte die SAAB AB bestimmt nichts dagegen, wenn dieser Interessent direkt Kontakt wegen der Nutzung des Namens mit ihr aufnimmt (warum Salto rückwärts?) – zumal bisher schon Geschäftsbeziehungen SAAB AB + Mahindra bestanden.

          Ich gehe, wie erwähnt, vielmehr davon aus, dass bei der SAAB AB wieder kein Fingerspitzengefühl vorhanden ist und diesmal zu hochtrabende Vorgaben gemacht wurden (die vermutlich nicht mal die SAAB AB selbst mit Automobilsparte rückblickend in Angriff genommen hätte).

          Die SAAB AB hat sich bisher nicht als kluger Entscheider in Sachen Markenrechten hervorgetan – mal sehen, ob es ihr vielleicht doch noch gelingt, eine ausgewogene Entscheidung hervorzubringen.

          • Wie Tom schon schrieb, ohne Namen ist NEVS next to nothing und das wissen die auch. Das Dementi der SAAB AB kam ja nicht ohne Grund.
            Ich nehme an, dass NEVS sich als vermeintlich geeigneter Ansprechpartner ausgegeben hat und die Namensrechte selber makeln wollte …

            Und dass man in erster Linie mit NEVS verhandelt hat, statt sich eine zerbröselte Automobilmarke bei den diversen Ansprechpartnern zusammenzusuchen.

            Wenn sich dann im Laufe von Verhandlungen herausstellt, dass NEVS nicht die Hälfte aller Fäden in der Hand hat und nur heiße Luft in die Sitzungen bläst, dann sind die eben beendet. So war’s gemeint.

          • Du darfst nicht vergessen dass Saab AB und Scania bis in die VM Zeit hinein gemeinsame Entscheidungen über den Markennamen getroffen haben. Erst mit NEVS war Scania (mit dem Greif) nicht mehr an Bord, die Saab AB hat in Eigenverantwortung den Namen vergeben.

  • Teilweise muss ich da zu stimmen, denn man darf nicht vergessen, dass auch die SAAB AB eine Kette von Fehlentscheidungen getroffen hat und die Markenrechte immer für n Appel und n Ei herausgegeben hat. Das hätte uns diesen Krimi womöglich erspart.

    • „Für einen Appel und ein Ei“ wissen wir nicht – auf jeden Fall war es immer die falsche Wahl.

  • Na ja, die allgemeine Lehre daraus kann wohl sein, dass man als Investor nicht knapp auf Kante kalkulieren sollte, und neben einem Plan B auch ein Plan C existieren sollte.

    Muller hatte einen Plan B, nämlich dass im Falle von Verzögerungen Antonov (?) einspringen sollte, mit Überbrückungsgeldern. Als der blockiert wurde, gab es keinen weiteren einsatzbereiten Plan C.

    Und bei NEVS scheint es ja so zu sein, (Gerücht) dass nach einem größeren Unglück in einer chinesischen Fabrik eine Untersuchung stattfand, bei der Köpfe rollten, unter anderem auch der des chinesischen Förderers des Projekts, einem Ober-Tier in der Provinzverwaltung. Danach starb auf chinesischer Seite jegliches Engagement für E-Autos, und NEVS hatte keinen Plan B, und ebenfalls schnell kein Geld mehr.

    Beide Inhaber zeigten danach Schadenbegrenzungsverhalten für die eigene Tasche, aber bei Muller noch erheblich mehr Engagement für die Fortführung des Betriebs bei Saab.

    • Das Gerücht liegt im Prinzip richtig, es gab einen chinesischen Blogger der sich intensiv mit den heiklen Vorgängen um Umfeld von KJJ beschäftigte. Er stellte mir im Frühjahr 2014 seine Unterlagen zur Verfügung, allerdings habe ich mich gegen eine Veröffentlichung entschieden und tue das heute immer noch. Zum einen, weil die Vorgänge für mich nicht zu überprüfen sind, zum anderen weil die Veröffentlichung nicht überschaubare Folgen für alle Beteiligten hätten haben können.

      • Wobei das Blöde dabei ist, dass in beiden Fällen eigentlich gar kein echtes Versagen der Handelnden vorliegt. Im Falle Antonov hat sich ja später geklärt, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht zutrafen, und er als unbescholtener Investor Saab hätte retten können. und im anderen Fall ist gegen Engagement für Elektromobilität nichts zu sagen, gerade in den Schlechtluftstädten Chinas. Und Unglücke passieren auch ohne Schuld und Sündenböcke werden gebraucht.

        • Aus beiden Fällen – Antonov und NEVS – lässt sich aber noch eine weitere Lehre ziehen. So verlockend die großen Devisenreserven chinesischer und (noch) russischer Investoren sind, so vorsichtig sollte man doch mit der Bürokratie und Justizwillkür der Herkunftsländer sein. Wenn ich befürchten muss, dass Investitionen nach Lust und Laune der grade eingesetzten Verwaltungen gestrichen werden, und juristische Untersuchungen und Sperren über Konten verhängt werden, dann nutzt das schönste Kapital nichts.

    • Jenseits aller Benz- oder Anzugvergleiche hast Du damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Und grade die Investitionssummen in der Automobilbranche werden anscheinend gerne mal unterschätzt – Fehlplanungen verschlingen da ganz schnell Milliarden. Da wird selbst der potenteste Investor die Stirn runzeln. Für einen Plan B ist dann in der Regel das Kapital schon knapp – und für einen Plan C gar nicht mehr vorhanden.

  • Wie auch immer! Die Hoffnung schwindet und ich bleibe bei meiner Meinung, Saab Comeback bitte ohne NEVS.

  • Als Dauerpesimist sage ich es immer wieder. Das wird nichts mehr mit unserer Marke! Die Saabs die zu Hause stehen hegen und pflegen
    ( und fahren! ) Thats it!

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