Ein Jahr später

Heute vor einem Jahr startete in Trollhättan die Produktion der 9-3 Aero Limousine. Es hätte der Beginn für das Comeback von Saab sein können. Wo wir nur 12 Monate später stehen würden, das konnte man selbst in den schlimmsten Albträumen nicht erahnen.

03.12.2013 Das Saab Werk in der Morgensonne
03.12.2013 Das Saab Werk in der Morgensonne

Ein persönlicher Rückblick, mit Bildern und Videos (danke an Dominik für die Clips), aus Blogger Sicht.

02. 12. 2013  Vormittag. Mark und ich sind auf dem Frankfurter Flughafen. Gleich startet unser Lufthansa Flug in Richtung Göteborg. Wir sind an diesem Tag gut gelaunt, der Saab Neustart steht bevor. Wir sind in einer Mission unterwegs, wir sind Saab.

Die Götter werden sich an diesem und den darauffolgenden Tagen köstlich über uns amüsiert haben. Denn was verheißungsvoll begann, sollte nicht gut enden. Das ahnten wir damals nicht im Ansatz, auf unserem Weg in Richtung Norden.

02.12.2013 Nachmittag Västragötland/Trollhättan. Nachdem wir in Landvetter gelandet sind,  fahren wir über Udevalla in Richtung Trollhättan. In einem Audi A6 Leihwagen, was unseren Spaß etwas trübt. Die Sonne geht früh unter zu dieser Jahreszeit, und als wir in der Stallbacka eintreffen,  ist es bereits dunkel. Im Pressezentrum steht ein Saab 900 Turbo als Ausstellungsfahrzeug, in den Büros der Geschäftsleitung brennt noch Licht. „Ein gutes Zeichen“…denken wir und checken im Hotel ein. Nicht ohne danach noch eine kleine Tour durch Trollhättan zu starten.

03.12.2013 Vormittag Saab Werk/Trollhättan. Die Show läuft. NEVS fährt die Lieferanten mit VIP Bussen durch die Stadt, man gibt sich erkennbar Mühe,  ein guter Gastgeber zu sein. Zum Mittagessen lädt man in das beste Restaurant Trollhättans. Der gemeine Pressetroß, zu dem auch wir gehören, hat es weniger komfortabel. Wir müssen warten,  bis das Pressezentrum am Nachmittag öffnet und vertreiben uns die Zeit mit einer Tour rund um das Werksgelände.

Die Sonne scheint, Trollhättan zeigt sich von seiner charmantesten Seite, aber es ist bitter kalt an diesem Tag.

03.12.2013 Nachmittag/Pressezentrum. Kindergeburtstag ! Das geht mir durch den Kopf, wenn ich an die Ereignisse vor einem Jahr zurückdenke. Wie Kinder, die mit strahlenden Augen ihre Geschenke auspacken, so ist es an diesem Tag in der Stallbacka. Gute Laune, strahlende Gesichter, große Augen überall. Nur die Geschenke sind größer geworden. Ein ganzes Autowerk, eine Marke,  die Comeback feiert. Unglaublich. Und die Götter lachen.

Kai Johan Jiang und Mattias Bergman liefern ihre Power Point Präsentation. Visionen, Missionen, Versprechen. Das alles mit sehr viel Charme und Engagement. Die Sympathien fliegen ihnen zu. Der chinesische Botschafter ist da, ein Vertreter des Investors Qingdao bestellt artig die erste Ladung Elektroautos. Eine Ministerin, heute auch nicht mehr im Amt, strahlt mit allen anderen Teilnehmern um die Wette. Ein Gruppenfoto mit sehr wichtigen Gästen soll die Erinnerung an einen großen Tag sichern.

Wir alle haben uns geirrt.

Weil wir glauben wollten, was wir meinten zu sehen. Weil NEVS die perfekte Show lieferte. Schon damals, im Dezember 2013, war NEVS kein gesundes Unternehmen mehr. Es gab bereits am 18. September 2013 eine Vorproduktion, in dunklen Hallen, ohne Öffentlichkeit. Nur mit den Bloggern von SU, und bereits damals der Versuch,  sich die versprochenen Gelder von Qingdao zu sichern.

Der Start der Serienproduktion im Dezember war der letzte, verzweifelte Versuch,  den Forderungen des neuen Aktionärs zu entsprechen und eine laufende Fertigung vorzuweisen. Um sich im Gegenzug 220 Millionen US Dollar aus China auf die Konten zu holen. Dafür baute NEVS, freundlich gesprochen, ein potemkinsches Dorf.

Power Point Präsentationen sind geduldige Wesen. Sie erzählen, wenn man es will, von Lieferketten und Expansionsplänen,  die nur auf dem Papier existieren.  Wären die Hintergründe, wie es zur Partnerschaft mit Qingdao kam, damals bekannt gewesen, alle Beteiligten hätten die Angelegenheit als sehr delikat behandelt. Kurze Zeit nach dem Produktionsstart kamen in Qingdao wenig schmeichelhafte Details ans Licht, die heute nicht Thema auf dem Blog sein können. Für NEVS schloß sich damit in China eine Türe.

Vielleicht hätte uns allen im Dezember 2013 eine einfache Rechenaufgabe bei der Einordnung der Realitäten geholfen. GM zahlte vor exakt 25 Jahren 600 Millionen US Dollar für 50% von Saab. Dafür gab es zwei produzierende Werke, dazu ein Motorenwerk, ein Getriebewerk, zwei Baureihen, ein internationales Distributionsnetz, Werksniederlassungen und eine Aftersales Division.

Ein  Viertel Jahrhundert später ist davon nichts mehr übrig. Nur ein stillstehendes Werk in Trollhättan. 220 Millionen US Dollar für 22 % der Anteile entspräche, wenn bezahlt worden wäre, einem Unternehmenswert von einer Milliarde. Ein phantastisches Geschäft für die NEVS Eigentümer, zu phantastisch eben. Schade drum ! Wir hätten damals wirklich nachrechnen sollen !

21 Gedanken zu „Ein Jahr später

  • Sehr schoen geschrieben Tom, es macht aber tieftraurig. Wer hätte das geahnt. Jetzt heißt es wieder hoffen und bangen, noch sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben. Was wird 2015 bringen?

    • Es kann nur noch besser werden, eigentlich 😉

  • Nachrechnen ist wichtig aber hier is meiner Meinung nach der Stad Qingdao am meisten mit die Finger zu weisen.
    Versprochen ein Anteil in die Investitionen zu nehmen und dann aber nichts verwezentlichen? Mit stillen Trom verschwinden und alle schon unterzeichnete Vertraege in Muehl werfen?
    Und das unter Chinezen? Wahnsinnig und nicht zu glauben.

    • „Und das unter Chinezen?“ …. das soll wohl in der Praxis gar nicht mal so selten vorkommen.

  • Tja so war es eben vor einem Jahr…da haben die (grundlosen) Optimisten den Realisten Pessimismus vorgeworfen. Wären sie doch auch mal realistisch geblieben dann hätte es dieses „Das konnte man nicht wissen“ nie gegeben. Aber Gleiches wiederholt sich ja gerade bei den aktuellen Verhandlungen.
    Da glauben ja auch manche, dass da bald neue Saab mit alten Tugenden vom Band rollen….

    • In Norddeutschland sagt man kurz und bündig „Klugschieter“. Der Klugschieter hat im Nachhinein den Ablauf immer genau vorhergesehen – aber eben erst im Nachhinein, wenn etwas unvorhersehbares irgendwann eingetreten ist.

      Real wiederholt sich imomentan nur die permanente Schwarzseherei
      bei einigen Kommentatoren.

      Sollte es tatsächlich die Mahindra Group sein, die hier neuer Hauptaktionär in spe ist, könnte man derzeit selbst bei genauer Betrachtungsweise keine gravierenden Nachteile hinsichtlich SAAB-Zukunft stichhaltig darlegen.

      • Bitte nicht schon wieder …

        Weder braucht es Beleidigungen noch ein neuerliches Aufflammen der alten und mit – im besten Sinne des Wortes – Leidenschaft geführten Debatte über Optimismus.

        Im Übrigen greift Ihre Definition vom „Klugschieter“ („im Nachhinein“) nicht für diejenigen, die es bereits zur gegebenen Zeit anders sahen und damals wie heute von einem Detlef Rudolf hart angegangen wurden bzw. werden.

        Tom hat in seinem Artikel sehr schön und sachlich aufgezeigt, dass dem auf NEVS bezogenen Optimismus auch ein Wunschdenken zugrunde lag, welches die Urteilsfähigkeit trübte.

        „Weil wir glauben wollten, was wir meinten zu sehen.“

        Ich möchte bitte auch die anderen Stimmen hören dürfen, ohne dass diese mit einem Aufschrei wider die „Schwarzseherei“ von Ihnen erdrückt werden.

        Vielen Dank!

      • Lieber Detlef Rudolf, ich habe von Anfang an schon gesagt, dass das nichts geben kann. Daher nichts mit nachträglicher „Klugscheisserei“. Das Problem ist generell, dass einige ihre rosarote Markenbrille nicht ablegen wollen oder können. Sollte es in fünf Jahren drei neue Saabmodelle geben die sich verkaufen, habe ich keine Probleme damit zu sagen, dass ich mich getäuscht habe. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass ich das nicht muss. Andere, finanziell deutlich besser aufgestellte Autohersteller als NEVS/Saab haben momentan Probleme und das nicht weil deren Kunden darauf hoffen endlich wieder einen Saab kaufen zu können…
        Meine Empfehlung, nicht nur mit Saabfahrern unterhalten. Dann merkt man recht schnell, dass die Leute die Marke Saab sehr wohl schätzen, diese aber nicht vermissen. Ein Autoproduzent wie auch jede andere Firma die im Wettbewerb steht kann nur überleben wenn sie ihr Produkt profitabel verkauft. Das hat Saab übrigens seit 1948 so gut wie noch nie!

        • Das ich eine völlig andere Sicht der Dinge habe, ist ja hinlänglich bekannt.

          Einigen wir uns doch einfach mal darauf, dass wir in aller Ruhe (aber auch ohne unbegründete Schwarzmalerei – Gespräche mit irgendwelche Leuten, die SAAB-Automobile nicht vermissen, sehe ich nicht als Begründung) die nächsten Monate abwarten.

  • Sehr guter Beitrag, danke Tom!
    Es gibt hoffentlich bald wieder gute News zu Saab.
    Ich drück feste die Daumen.

  • Toll der Realitätsblick … auch wenn es damals schon einige gab die gerechnet haben und ehrlich gesagt nicht verstanden haben 😉

    Aber gut Volkswagen kauft auch Rolls Royce und steht dann nur mit Bentley da weil man die Situation der Namensrechte nicht beachtete, insofern wundert mich manchmal gar nichts mehr.

    hoffen wir auf Mahindra und das Wunder Saab !

    • „Nur“ Bentley ist gut. Die Kunden hat es nicht die Bohne gejuckt, dass die Kisten nun Bentley hießen und nicht mehr Rolls Royce. BMW hingegen hat erstmal Milliarden versenken müssen, bis sie ihren ach so tollen Namen mit einem Hintergrund gefüllt haben.

      Ob das bei Saab genauso wäre, weiß ich nicht, denn Bentley war ja auch bei RR schon eine eingeführte Marke.

  • hallo Tom, danke für den guten Beitrag.
    Sei froh, dass Ihr nicht 1 Jahr später geflogen seid, dann würdet Ihr immer noch auf dem Flughafen in Frankfurt sitzen und der Dinge hoffen bei der LH

    • Wir wären auch gefahren oder gelaufen… Die LH hätte uns niemals stoppen können 😉

  • DANKE für diesen Rückblick.
    SAAB hat so eine (endgültige) Bruchlandung nicht verdient! Ich warte ab… 🙂

  • Ist doch alles sowieso nicht mehr das Gleiche…
    Ein „Saab“ auf dessen Typenschild nicht mehr Saab Automobile AB steht, dessen FahrgestellNr. nicht mit YS3 beginnt…
    Ist vielleicht etwas kleinkaritert, aber so ist es doch nunmal?!

    Es ist wie Tom schonmal sagte, da wird keine Saab- sondern eine NEVS-Geschichte geschrieben… Und an NEVS hängt mein Herz nicht, höchstens an Trollhättan…

    LG 😉

  • Also ich bin auch kein NEVS Fan und man kann sagen was man will aber sie hatten es geschafft die Produktion wieder anzufahren. Wie die finanzielle lage war konnte keiner ahnen. Wir waren doch alle froh das es wieder los ging und nicht ein Logistikzentrum aus dem Werk geworden ist. Das es so schnell wieder zu ende war ahnte allerdings auch niemand.

  • Glücklich viele von uns, welche noch einen „richtigen“ SAAB Made in Sweden besitzen und fahren dürfen. Ich denke auch, dass ein 3. Comeback der Automarke nicht möglich ist. Aber ich lasse mich gern positiv überraschen. Geniesst die Vor-Weihnachtszeit trotzdem.

Kommentare sind geschlossen.