Genervt?

Es gibt Dinge,  die ich mag !  Über Autos schreiben, wie über den “Transatlantiker“, einen Saab mit einzigartiger Geschichte. Und es gibt Dinge,  die nerven ! Die Kakophonie um NEVS zum Beispiel…

Trollhattan Ortseingang - im Hintergrund das Saab Werk
Trollhattan Ortseingang – im Hintergrund das Saab Werk

Ich glaube,  den Lesern geht es ähnlich. Trotzdem, schon alleine als Chronistenpflicht, einige Worte zu den Ereignissen in Trollhättan.

Worum geht es?

Mit Saab hat das alles (im Moment) nichts zu tun. Es geht um ein Unternehmen mit knapp 300 Mitarbeitern, das in Schwierigkeiten ist. Um eine Fabrik, in der man Autos bauen könnte. Und um eine Plattform, auf der vielleicht 2016 oder 2017 neue Fahrzeuge auf den Markt kommen könnten. Um das Verfahren zum Abschluß zu bringen hat Anwalt Lars Eric Gustafsson das getan, was in solchen Fällen üblich ist. Er hat Spezialisten mit ins Boot geholt. Es geht um die Übertragung geistigen Eigentums (intellectual property) und um die Abwicklung internationaler Akquise. Spezialist Lenner & Partners aus Stockholm ist eine erste Adresse für diese Transaktionen.

Die Tatsache, dass diese Fachleute erst jetzt an Bord gehen, zeigt in erschreckender Klarheit, auf welchem Niveau die bisherigen Verhandlungen des NEVS Managements seit Monaten geführt wurden. Die Stimmung der Lieferanten ist angespannt. Da ist das gebrochene Versprechen des Managements, dass alle Forderungen zu 100 % bedient werden sollen. Viele Unternehmen haben bereits 2009 und 2011 Geld verloren. Der angemahnte Forderungsverzicht der Gläubiger, es ist eine Quote von 50 % bestätigt, ist der Realität geschuldet. So wie NEVS von Preisvorstellungen abrücken muss, so werden es auch die Lieferanten tun müssen. Ein Zustimmung von 60% des Kapitals ist nötig, dann gilt der Vergleich als angenommen. Und sie werden wohl zustimmen, weil sie keine andere Wahl haben.

Was wird passieren?

Man tut gut daran,  Saab Werk und Phoenix Plattform separat zu betrachten. Denn alles deutet darauf hin, dass sich hier die Wege trennen. Im besten Fall wird das Werk einen neuen Eigentümer finden. Statt der bisherigen 4 Buchstaben könnten dann ein anderes bekanntes Logo auf dem Verwaltungsgebäude seinen Platz finden. Oder der Schriftzug eines weniger bekannten Herstellers. Der Verkauf ist nicht ohne Haken und Ösen. Denn auf dem Gebäudekomplex ruht eine Grundschuld der Insolvenzanwälte der Saab Automobile AB. Die war als Pfand gedacht – für den Fall,  dass NEVS seine Verpflichtungen nicht erfüllt. Sie hat verhindert,  dass NEVS die Immobilien beleihen kann, jetzt könnte es ein Problem für den Verkauf sein.

In Trollhättan selbst, bei unseren schwedischen Freunden, und bei Menschen mit Kontakt in die Kommune, glaubt keiner mehr,  dass dort in Zukunft Autos gebaut werden. Das nur als Anmerkung. Ich bin da anderer Meinung und denke,  man sollte die Hoffnung für die Region nicht aufgeben.

Dann gibt es die Phoenix Plattform und die Rechte am 9-3. Von der Plattform wissen wir, dass sie in einer Entwicklungsgesellschaft geparkt ist. Dort könnte ein Investor einsteigen, mit NEVS weiter entwickeln und Produkte auf den Markt bringen. Für die NEVS Eigentümer wären das Lizenzgelder über Jahre, die Arbeitsplätz der Entwickler gesichert.

Plan B, NEVS Industrial Services, die Idee der Lohnproduktion soll nicht vom Tisch sein. Im Gegenteil, sie reift vor sich hin und scheint nicht gänzlich abwegig. Mehrere OEMs haben angefragt;  in den letzten Wochen soll es erhebliche Fortschritte gegeben haben. Es gibt eine gewisse Nachfrage in Europa. BMW lässt bei Nedcar montieren und sucht angeblich weitere Kapazitäten für Produkte auf der Mini Plattform. Ein japanischer Hersteller denkt über eine Montage in Europa nach. Das alles wäre möglich, nach einem Eigentümerwechsel – und meiner Meinung nach nur dann. Denn auch Auftragsfertiger benötigen eine gewisse finanzielle Substanz. Die NEVS nicht hat…

Als gesichert gilt das Wohlwollen des Gerichts. NEVS könnte mit der Rekonstruktion in Verlängerung gehen, wenn die Lieferanten nicht doch das Verfahren in letzter Minute kippen. Bei der Saab Automobile AB hat man den Stecker viel zu früh gezogen, bei NEVS will das Gericht den Fehler nicht wiederholen. Die Kakophonie in Trollhättan geht in die Verlängerung, damit müssen wir leben.

Im nächsten Artikel geht es dann wieder um Saab. Das ist erfreulicher. Garantiert.

19 Gedanken zu „Genervt?

  • Und das ganze mit und um mahindra war alles nur schön reden ? Ist das ganze wieder vom tisch?

    • Vom Tisch ist es nicht. Mahindra und Dongfeng werden immer noch als Kandidaten genannt.

  • Wie immer zunächst ein großen Dankeschön an Tom für den aktuellen Bericht.
    Schade finde ich allerdings, dass der Artikel sehr negativ über NEVS redet. Sicherlich wurden Fehler gemacht, im Nachhinein ist es immer leicht, kluge Reden zu schwingen und zu kritisieren.
    Wenn es erst einmal schiefgeganen ist, sind (fast) alle immer schlauer. Aber ein “hätte” hilft hier nicht weiter!

    Ich glaube schon, dass das NEVS-Team eine Menge Energie, Mut und auch Geld investiert hat, um SAAB zu reanimieren – niemand macht sowas aus reinem Spaß an der Freud!
    Es sind nur immer wieder die Probleme der unzuverlässigen Geldgeber und der sehr komplizierten Lizenz-Bedingungen mit GM und SAAB, die das Leben noch zusätzlich erschweren.

    Ohne NEVS wäre SAAB als Autobauer vielleicht schon ganz am Ende und das Vergessen hätte begonnen. So gibt es immer noch Hoffnung!

    Ich für meinen Teil drücke dem NEVS-Team weiterhin fest die Daumen, dass man es doch noch schafft.
    Ebenso hoffe ich, dass es wieder Neuwagen mit SAAB-Logo geben wird – mein 9³ ist nun auch schon 6 Jahre alt, so dass es langsam Zeit wird…

    • Ich hatte es schon einmal geschrieben: Wenn ein 22% Aktionär als unzuverlässiger Partner ausfällt, dann sollte das nicht der Grund sein dass die komplette Finanzierung platzt. Die restlichen 78% hätten das auffangen sollen, wenn NEVS die nötige Substanz gehabt hätte. Aber die Substanz war nicht vorhanden.

      • Ich hoffe halt vom ganzen Herzen das dieses saab werk bestehen bleibt und nicht einen anderen Schriftzug bekommt oder gar zu lagerhallen umgebaut wird wie man schon mal behauptet hat…. ich versteh nicht das preisdrücken interessanter ist als das die stanzmaschinen und presswerke zum glühen zu bringen

  • Wenn ein neuer geeigneter Eigentümer in spe (natürlich mit Zustimmung der SAAB AB) einen vernüftigen (angemessenen) Kaufpreis für das gesamte Werk auf den Tisch legen möchte, erschließt sich mir auch nach diesem Blog-Artikel nicht, warum es dann größere Probleme geben könnte – dann bei späterer Produktion neuer SAAB Modelle hätte man Plan A doch erfüllt.

    Mal sehen was Lenner & Partners noch hinbekommen – ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass es hierbei nur um die PHOENIX-Plattform geht.

    Plan B (= Auftragsfertigung) wird nicht das Hauptziel eines Werk-Käufers sein – hier könnte ich mir nur eine vorübergehende Auftragsfertigung vorstellen. Das eigentliche Ziel wäre doch die spätere Produktion von SAAB-Automobilen. Nur für Plan B hätte Mahindra nicht über Monate an den Verhandlungen teilgenommen.

    Plan B könnte ich mir allerdings mit NEVS als weiteren Alleineigentümer vorstellen (im Gegensatz zur Meinung von Dir, Tom) – aber selbst dann könnten unter NEVS (wenn es gut gelaufen ist) irgendwann mal neue SAAB-Modelle in Trollhättan vom Band laufen!

    • Ich denke dass es bei der Definition “vernünftig – angemessen” das größte Problem der letzten Monate gab. Plan B ist schwierig mit NEVS alleine – in meinen Augen. Wer wird das Unternehmen, welches nach kurzer Zeit Schiffbruch erlitten hat, als vernünftigen Partner akzeptieren?

      • Aber wenn wirklich schon einige große Hersteller angefragt haben, scheint Plan B unter NEVS doch evtl. aufzugehen. Diese OEMs können ja nicht von einem neuen Eigentümer ausgegangen sein – das Ende der Verhandlungen steht derzeit immer noch aus (es wird wohl das moderne Werk sein, was evtl.Toyota oder andere Hersteller anzieht).

        • Ja, aber Plan B ist eben nur B. Ich denke man hat den Ehrgeiz eine große Lösung zu präsentieren, und natürlich ist das Werk interessant. Das Szenario erinnert etwas an Dezember 2011/Januar 2012.

  • Genervt?
    :Nein… eher traurig.

    Ausserdem haben in den letzten Jahren, Anwälte usw. bestimmt mehr Geld bekommen als jetzt… das ganze Unternehmen wert ist.
    Also Nevs… Saab als solches was wir lieben existiert ja nicht mehr.
    Wieso? : Weil kein fertiges neues Produkt existiert…

    • ah.. total falsch, versteht man nicht. Ich meinte Unternehmen was nix wert ist = Nevs. Natürlich meine ich mit solches was wir lieben = Saab NICHT Nevs. Sorry…

  • Ich kann nicht nachvollziehen wie sich hier Kommentatoren beschweren können, dass zu negativ über NEVS berichtet wird. Der Laden presst gerade seinen Lieferanten 25 Mio Euro ab, vernichtet Werte und Arbeitsplätze. Wegen diesen Herren gehen Firmen in Konkurs, die letzte Chance für SAAB haben sie ebenfalls vermasselt.
    NEVS ist eine Heuschrecke der schlimmsten Sorte, die jetzt auch noch Steuergelder verbrennt. Traurig das.

  • Als Heuschrecke würde ich NEVS jetzt nicht gerade bezeichnen , aber NEVS hatte einfach von Anfang an den falschen Ansatz mit Focus auf China und E-Auto , und das ganze mit Blauäugigkeit umgesetzt. Ich hab es schon öfter hier geschrieben und ich weis nicht ob ich jemals eine Antwort darauf bekommen werde . Was um alles in der Welt hat die Insolvenzverwalter nur dazu getrieben , dass sie ausgerechnet NEVS den Zuschlag gegeben haben . Ich kann mich auch noch gut an die Kommentare hier auf dem Blog erinnern als bekannt wurde das NEVS den Zuschlag erhält . Danach ist es sogar verwunderlich , das es zwischenzeitlich auch ganz nette Kommentare zu NEVS gab . Von mir allerdings nicht.

  • Am Anfang hat der NEVS Verein für eine XY Summe das
    Werk mit allen seinen Werten übertragen bekommen. Neben
    anderen Auflagen, auch um dort auschließlich neue Autos zu
    bauen. Damit warb ja NEVS an jeder Pressekonferenz. Nun,
    haben sich die angeblichen Investoren vertan und überworfen…

    Die genehmigte Rekonstruktion ist zu Ende. Es ist mir absolut
    unverständlich, dass man in der Zeit mit schwammigen Argumenten
    diesen Verein am Ruder läßt. Die gehören aus dem Werk
    gejagt zu werden. Würden ein blinder und tauber Verhandlungen
    führen, wären bessere Ergebnisse rausgekommen.

    Die ahnunggslosen führen Verhandlungen und haben immer noch
    das Recht auch zu den Kandidaten -nein- zu sagen. Sie möchten
    anschliessend als Minderheitsaktionär noch an Bord bleiben.

    Einfach schrecklich, mir dreht sich der Magen um, wenn ich sehe
    was die Schweden da bewerkstelligen. Die Autohistory ist voll
    mit glänzenden Beispiele der Fönixe aber auch der ruhmlosen
    Untergängen.

    Wieso schmeiss man die Leute nicht raus. Die wollen jetzt
    den Plan “B” ála Carman Ghia oder Puch und andere in ein
    Behelfsboot stecken um zu überleben.

    Sie haben das Werk in den Sand gefahren und jetzt sollen sie
    endlich entsorgt werden, damit andere die Verhandlungen im
    Sinne von Saab weiterführen und beenden können. Auf diese
    Weise wird noch dazu kommen, dass in dem “modernsten”
    Werk Fahrräder oder Nähmaschinen gebaut werden. Schließlich
    wäre das auch gut für die geplagte Gemeinde.

    Die Leute sind weder verhandlungs- oder zielsicher, wieso sieht
    das niemand.

    Bin richtig entäuscht, pflege aber meine Saabs……komme was
    wolle.

  • Genervt? Genervt!

    Wenn ein Investor tatsächlich ernsthaft in was auch immer investieren wollen würde, um langfristig Fahrzeuge unter der bekannten Buchstabenkombination produzieren zu lassen, hätte er die Situation nicht so eskalieren lassen.

  • DANKE, Tom, für den sachlichen Artikel. Das Warten auf erfreuliche News bleibt…;-)

  • Es ist eher schlecht, dass die Anwälte erst jetzt kommen. Zeigt wie schlecht man vorbereitet ist! NEVS wird voll gegen die Wand fahren. Der Verkauf des 9-3 2014 war eine gute Idee aber grottenschlecht umgesetzt. Wer immer behauptet hat NEVS hatte Geld hat wohl hallunziniert… it was only chineese Business… Und Blendwerk…

  • Blick zurück – GM hat Saab zu fall gebracht! GM muss zur Verantwortung gestellt werden = Schadensersatz muss eingefordert werden.
    Blick in die Zukunft – Wie steht es um eine Verstaatlichung von Saab?
    Ist Skandinavien also Schweden, Dänemark, Norwegen interessiert an dem Erhalt? Warum nicht dem Vorbild wie z.B. Renault folgen und einen Staatskonzern schaffen? Alle Notlösungen vom Tisch in den Mülleimer und da anknüpfen, wo der Saab mit dem Saab sein aufgehört hat.
    Gruß ein Saab Fan aus Deutschland

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