Testbericht. Saab 9-5 NG BioPower.

Das Werkstatt-Tor  öffnet sich und mit einem sportlichen Auspuffklang schiebt sich ein Saab 9-5 NG Bio Power in Arktic White langsam ins Freie. Sportlicher Klang beim Vierzylinder? Ja, sicher  ! Verantwortlich ist die Sportauspuffanlage von Hirsch Performance, die uns einen wohligen Schauer über den Rücken jagt.

SAAB 9-5 NG BioPower
SAAB 9-5 NG BioPower

Nachdem wir in der letzten Woche immer wieder über Elektroautos geschrieben haben, geht es in den nächsten Tagen um die Petrolheads. Ist vielleicht nicht so angesagt, nicht so politisch korrekt, macht aber mehr Spaß. Und in diesem Artikel verheizen wir jede Menge Super Plus und E85.

Achim und ich sind in zu Gast im Saab Zentrum Kiel, und vor uns liegen 619 Kilometer in Richtung Süden. Es ist an diesem Tag klirrend kalt in Norddeutschland, das Thermometer zeigte am frühen Morgen bei unserer Ankunft in Hamburg minus 12 Grad an.

Doch die Autobahnen sind frei vom Schnee und an diesem Samstag schwach frequentiert, es verspricht eine zügige und entspannte Fahrt zu werden. Mal sehen, was der Saab so kann. Es ist meine zweite Begegnung mit einem Linear, was erst einmal unspektakulär nach Verzicht klingt. Linear Nummer eins war ein sehr frühes, sehr mager ausgestattetes, 9-5 TID Modell aus dem Bestand von Saab Frankfurt gewesen. Bei Freund Marco und mir hinterließ er einen zwiespältigen Eindruck. Die Verarbeitung zeigte Raum für Verbesserungen, das Fahrwerk ohne Drive Sense war auf schlechten Strassen indiskutabel. Jetzt stehen wir wieder vor einem Linear, einem der letzten, der in Trollhättan im Frühjahr 2011 vom Band kam.

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Das Fahrzeug war bisher in der Nähe von Göteborg unterwegs und ist überdurchschnittlich gut ausgestattet. Navigation, Harman Kardon Soundsystem, Farbinfo-Display im Tacho , das Cargo System im Kofferraum und viel mehr sind mit an Bord. In Schweden zählt für die Steuer der niedrige Grundpreis bei Geschäftswagen, und so sind die Linear-Modelle oft sehr gut ausgestattet mit allem, was die Preisliste möglich machte. Er hat Features an Bord, die ein deutscher Linear nicht als Bestelloption gehabt hätte, aber mal wieder kein Drive Sense, sondern nur das normale Sportfahrwerk. Kann er trotzdem gefallen? Wir werden sehen !

In Kiel wurde der Saab noch mit dem Hirsch Sportauspuff und der Hirsch Leistungssteigerung auf 260 PS aufgerüstet. Der 9-5 macht jetzt mit der Klangkulisse im Warmlauf auf Turbo X. Für die regelmässig mitlesenden Besucher aus Ingolstadt, Wolfsburg und München muss angemerkt werden, dass es ohne Soundgenerator funktioniert.

Mit den zusätzlichen 40 Pferden und dem Zugewinn von 50 Nm entspricht der 9-5 in der Leistung in etwa dem Modelljahrgang 2014,  250 PS und 400 Nm wären dann Standard in der Serie gewesen. Dem Fahrspass steht also nichts im Weg. Mit einem Tank voller Ethanol verlassen wir Kiel, nehmen Kurs auf Hamburg. Der Saab hängt gut am Gas, reagiert direkter und sportlicher als der große Bruder mit dem V6. Die Agilität ist erstaunlich, der 4-Zylinder ist von Haus aus leichter, und der fehlende Allradantrieb bringt ebenfalls Gewichtsersparnis. Der erste Eindruck an Bord ist positiv. Die Verarbeitung ist perfekt, nichts klappert oder knarzt, alles sitzt,  so wie es sein sollte. Kein Vergleich mit dem Erstkontakt aus dem Jahr 2010. Die Sportsitze sind so, wie sie bei einem Saab sein sollen, man findet sofort die richtige Sitzposition.

Es geht durch den Elbtunnel und weiter in Richtung Hannover. Noch sind die Autobahnen limitiert in der Geschwindigkeit, was sich aber bald ändert. Der 9-5 ist ein ungeheuer lässiges Fahrzeug, gerade mit dieser Motorisierung. Man gleitet gemütlich vor sich hin, geniesst die entspannten Sitze und den Dolby Digital Sound; tritt man dann auf das Gas und fordert Leistung, ist der Schwede sofort hellwach. Und jetzt darf er Leistung bringen, denn um so weiter wir in Richtung Süden vorstossen, desto mehr freie Abschnitte finden sich.

Wir lassen den Saab mit 210 laufen, mehr erlauben die Winterreifen nicht. Er könnte schneller, die Hirsch Variante fängt den 2 Liter Bio Power erst bei Tempo 250 ein. Die Geschwindigkeit nimmt man gar nicht richtig war, so leise ist der Wagen. Nur der Hirsch Auspuff meldet jetzt Präsenz und erinnert daran, dass wir in einem sportlichen Fahrzeug unterwegs sind. Wie gut ein Fahrwerk abgestimmt ist, merkt man spätestens in den Kasseler Bergen. Schnelle, enge Kurven, fiese Steigungen. Der Saab liegt wie das sprichwörtliche Brett auf der Strasse. Langer Radstand, breite Spur und ein tiefer Schwerpunkt ergeben ein unerwartet gutes Handling.

Das Fahrwerk des 9-5 ohne Drive Sense stand bei der Premiere 2010 in der Kritik. Was durchaus berechtigt war, und die Schweden besserten in aller Eile und mit Erfolg nach. In England lud man die Motorpresse ein, um die neue Abstimmung zu präsentieren und bekam viel Lob dafür. Nur leider kam diese Aktion zu spät. Auch die ersten Pressefahrzeuge hatten ein unglückliches Setup und der Ruf war, mal wieder, angeschlagen. Daß mit dem Modelljahr 2011 alles besser wurde, interessierte nicht mehr, und schon bald darauf produzierte Saab andere, tragisch-spektakulärere Schlagzeilen.

Kurz vor Kassel müssen wir tanken. Unsere ambitionierte Gangart hat 17 Liter E85 pro 100 Kilometer gekostet, jetzt tanken wir Super Plus. Da die Autobahn nun am Abend fast menschenleer ist, lassen wir den 9-5 weiter in Richtung Frankfurt fliegen. Wir bleiben dann bei unter 14 Litern, und ich bin mir sicher:  mit einer etwas ökonomischeren Fahrweise wären wir bei einem Verbrauch von unter 10 Litern gelandet. Aber wollen wir das, wenn schon einmal die Autobahn die seltene Gelegenheit zur freien Fahrt gibt?

Und übrigens: mit Tankstop und Essenspause brauchen wir an diesem Samstag mit leeren Autobahnen 5 Stunden für 619 Kilometer, sind dabei immer entspannt und im Rahmen der Legalität unterwegs. Soviel zu den Verbrauchswerten.

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Von Kassel aus übernimmt Freund Achim das Steuer. Seine erste Fahrt mit einem 9-5 NG. Vor einigen Monaten hat er einen 9-3 TTID gekauft. Ein  tolles Auto, was er nicht tauschen möchte. Bis zu diesem Wochenende und bis zu dieser Fahrt im 9-5 !  In der Zwischenzeit sind wir auf der Autobahn Fulda in Richtung Hanau. Zeit, sich Gedanken über den Saab zu machen…Hätte Saab mit dem 9-5 eine Chance gehabt? Im Dezember waren Mark und ich mit Leihwagen aus Ingolstadt und Stuttgart in Deutschland unterwegs. Nehmen wir unsere Saab-Brille ab, dann ist das Urteil klar.

Die Schweden wären auf einer Augenhöhe gewesen mit dem, was man in Ingolstadt baut. Nicht wirklich besser, ausser vielleicht in der Langstreckentauglichkeit. Denn da ist der 9-5 kaum zu schlagen. Und das Fahrwerk liegt mir, auch ohne Drive Sense, besser als alles, was ich bei Audi erlebt habe. Denn während man bei der Marke mit den vier Ringen auf ein weitgehend von der Umwelt entkoppeltes Fahren setzt,  verfolgt Saab eine andere, langjährige Philosophie und gibt klare Rückmeldungen über Straßenbelag und Zustand, ohne dabei lästig oder unharmonisch zu wirken. Das gefällt mir, rein subjektiv, besser. Wobei es da noch eine kleine Geschichte zum Thema rund um die Fahrwerksabstimmung  und um das sportliche Handling gibt.

Kurz vor der Serienreife trat auf dem Opel-Prüffeld im Rodgau, in Nachbarschaft unseres Saab Hangars gelegen, der 9-5 Aero XWD zu einem Vergleichstest mit der internationalen Premiumkonkurrenz an und fuhr diese in Grund und Boden. Fahrdynamisch liegt der 9-5 ganz vorne, was man von der 5 Meter-Limousine nicht wirklich erwartet hätte.

Nur publizierte Saab das nie, warum auch ? Man konstruierte in Schweden fast immer tolle Fahrzeuge, die bessere Detaillösungen als andere Fabrikate boten. Aber man sprach schon aus Tradition nicht darüber. Zusätzliches Publikumsinteresse und mehr kaufwillige Enthusiasten…was für eine beunruhigende Vorstellung…

Im bayerische – hessischen Grenzgebiet verlässt mich Achim, und ich fahre die letzten Kilometer über kurvigen Landstrassen dritter Ordnung alleine in Richtung Spessart. Der Saab liegt gut, der 9-5 ist der fahragilste große Saab aller Zeiten. Er macht richtig Spaß, und die Kurvengeschwindigkeiten auf meiner Hausstrecke sind höher als normal. Die gut abgestimmte Automatik trägt zum sportlichen Fahren bei. Zum ersten Mal in einem Saab verdient sie die Bezeichnung adaptiv zu 100 % und unterstützt mit sportlicher Note durch gekonntes Runterschalten das Fahrvergnügen.

Die hohen Kurvengeschwindigkeiten sind eine Erfahrung, die ich schon mit dem 9-5 NG Sportkombi auf der gleichen Strasse machte. Damals glaubte ich,  die Ursache für die Handlichkeit des 5 Meter Fahrzeugs in Drive Sense, Allradantrieb und eLSD zu sehen. Das alles hat der BioPower nicht. Es ist einfach nur ein gut abgestimmtes, konventionelles Fahrwerk, das den 9-5 um die Kurven fliegen lässt. Saab hatte seine Hausaufgaben gemacht. Leider nur zu spät !

Text: tom@saabblog.net

Bilder: saabblog.net

 

 

18 Gedanken zu „Testbericht. Saab 9-5 NG BioPower.

  • 17. Februar 2014 um 12:30 PM
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    Lieber Tom,

    da es mich gelegentlich beruflich Richtung Göttingen verschlägt, kenne ich das „Testgebiet“ Kasseler Berge ziemlich gut. Mit gemäßigt-ambitionierter Fahrweise (130 – 140 km/h) hatte die 8 auf der Verbrauchsanzeige keine Chance, und auch die 7 wäre beinahe gefallen – nach 400 km lag die Verbrauchsanzeige bei 7,1 l. Die 10 l/100 km dürften da mit deinem Motor sicherlich realistisch sein.

    • 17. Februar 2014 um 1:09 PM
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      Demnächst geht es die „Referenzstrecke“ zurück nach Norden. Mit etwas zivilerer Fahrweise sollte die Strecke mit einem Tank machbar sein. Bin gespannt 😉

  • 17. Februar 2014 um 12:30 PM
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    Endlich mal wieder ein Fahrbericht! Auch wenn der 9-5 II wohl ewig auf dem Wunschzettel und nicht vor dem Haus stehen wird, er ist ein toller SAAB 🙂

  • 17. Februar 2014 um 1:20 PM
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    Man kann nur hoffen, dass auch Kai Johan mitliest – also auch bei der weiteren Entwicklung (neben der Elektroauto-Technoligie) die „normale“ PHOENIX-Technolgie auf gar keinen Fall vernachlässigt wird und dann doch noch mal ein Prachtexemplar ähnlich dem getesteten 9-5 das Licht der Welt erblickt. Auch gern mit zusätzlicher Hybrid-Variante!

  • 17. Februar 2014 um 1:32 PM
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    Daß SAAB diese Vorteile nie öffentlich gemacht hat – genauso wie den Vergleichstest der schwedischen Polizei mit VW-Fahrzeugen – kann man eigentlich nur als PR-Desaster bezeichnen. Generell war SAAB ja nie sonderlich präsent in der Fahrzeug-Werbung – zumindest solange ich diese zumindest leidlich verfolge. Ein Fehler… hervorragende Autos zu bauen alleine hat noch nie genügt, immerhin ist die Automobilgeschichte voll mit kleinen, aber feinen Marken, die dann aber mangels Absatz vom Markt verschwanden.

    Bleibt natürlich die Frage, inwiefern GM den europäischen Markt hausintern für Opel „reserviert“ hatte.

    • 17. Februar 2014 um 2:01 PM
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      Ich glaube das ist die zurückhaltende schwedische Art. Man hat ja auch beim 9-3 nicht den Aluleichtbau der Heckklappe erwähnt. Wäre es ein Audi, hätte es dick und fett in jedem Prospekt gestanden, jedes einzelne Alu-Stück…

      • 17. Februar 2014 um 2:39 PM
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        Ich kann mich noch sehr gut an die Reklame für den Audi A8 aus 1996 erinnern, da schritt ein Mann durchs Museum, und bei den Kunststücken vielen Anmerkungen wie „Ägypten, frühe Neuzeit, Glas“ (beispielhaft), und am Ende kam er in eine Garage mit dem neuen A8: „Deutschland, spätes 20. Jahrhundert. Aluminium.“ Liegt bestimmt noch irgendwo bei YouTube rum.

        Hintergrund war wohl die komplett aus Aluminium gefertigte Karosse.

        Und wo wir schon bei Werbung sind, der Quattro-Spot aus 1986, der 2005 oder 2006 wohl neu aufgelegt worden ist, ist ja auch legendär. In meiner Fantasie würde er dabei von einem SAAB überholt, aber ich glaube, für 2 Autos reicht die Schanzenbreite nicht aus.

        Ich glaube, unsere schwedischen Freunde werden sich mal in dem Punkt Gedanken darüber machen müssen, ob sie sich mit ihrer Zurückhaltung da einen Gefallen tun. Klappern gehört nun mal zum Handwerk, Phrasenschwein hin oder her.

      • 17. Februar 2014 um 2:44 PM
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        Nachtrag: Die Karosserie bekam den Namen „Audi Space Frame“ und war selbsttragend. Wer sowas schon seit 1947 baut, habe ich grade vergessen 😉

        • 17. Februar 2014 um 3:48 PM
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          Pionier der Aluminium-Bauweise war die französische Firma Panhard, die den Karosserieaufbau des Dyna X und des Nachfolgemodells Dyna Z komplett aus Aluminium fertigte. Basis war jedoch jeweils ein Stahlrohr- bzw. Hilfsrahmen.

          Aus Kostengründen wurde der Aluminiumanteil des Dyna Z jedoch immer geringer, was aber nichts an der Fortschrittlichkeit des Autos änderte.
          Leider war das Schicksal von Panhard ähnlich wie bei Saab (mit GM): Allmähliche Übernahme durch Citroen und dann 1967 das endgültige Aus.

          Gruß,
          Uli

  • 17. Februar 2014 um 3:52 PM
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    Das ist mal ein Artikel nach meinem Geschmack. Schönes Auto und gute Strecke. Ruhig auch mal unvernünftig sein und paar Liter mehr durch den Motor jagen.

  • 17. Februar 2014 um 4:04 PM
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    Das macht Freude zu lesen…
    Ich befürchtete schon wir bleiben voll elektrisch 😉

  • 17. Februar 2014 um 7:37 PM
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    Bin froh selbst so ein Prachtexemplar und das als Aero mit dem Wunderknopf fahren zu dürfen. Morgen geht es mit maximal 240 trotz Wintereifen von Düsseldorf wieder nach Hause. Und es gibt auch gehirschte ohne Drosselung bei 250 Km/h. Schönen Abend Cosi

    • 17. Februar 2014 um 8:04 PM
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      Ja, es gibt V6 XWD Hirsch die frei laufen dürfen. Damit kann man dann die Spielzeuge aus dem Südwesten ärgern. Viel Spaß damit!

  • 17. Februar 2014 um 8:49 PM
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    Hilferuf! Meinem XWD 6 habe ich ein Hirsch Tuning angedeihen lassen und auch innen mit der schönen Mittelkonsole in Carbonleder aufgefrischt. Leider, leider aber habe ich es verabsäumt eine Auspuffanlage von Hirsch zu erwerben und nun hat es keine mehr! Gibt es da draussen noch einen Händler der eine Auspuffanlage für meinen Saab NG 9-5 XWD 6 hat?

    • 17. Februar 2014 um 9:30 PM
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      Der Weg ist weit und führt nach Norddeutschland. Saab Kiel passt die 4-Zylinder Hirsch Anlage an den V6 an.

      • 17. Februar 2014 um 9:55 PM
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        Uii, das wäre jetzt wirklich pervers! 15 km von der Hirsch Garage entfernt den Weg nach Kiel antreten um dort eine Hirsch Anlage anpassen zu lassen. Ich glaube ich werde mal direkt in St.Gallen anfragen ob die das auch machen! Danke für den indirekten Tip.

        • 18. Februar 2014 um 9:19 AM
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          Das wäre wirklich hart… Ich drücke die Daumen!

  • 18. Februar 2014 um 9:43 AM
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    Ich kann den Fahrbericht nur bestätigen, seit 3 Wochen habe ich endlich auch einen 9-5 Aero BP XWD. Es ist ein Genuss dieses Auto zu fahren. Selbst meine Frau, die sonst immer über meine „Saabomanie“ den Kopf schüttelt, will nun immer mit dem 9-5 fahren! Hoffentlich gibt es irgendwann einen Nachfolger der genauso viel Spass macht …..

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