Rückspiegel: Made in Trollhättan ohne Alternative

Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel
Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel

Diese Woche ging die überraschende Meldung vom geplanten Bau eines neuen Saab Werks in Qingdao, Shandong, China, durch die Saab-Welt. Nachdem wir lange Monate gewartet haben, kam endlich eine gute und konkrete Nachricht. Saab Eigentümer NEVS war auf der Suche nach strategischen Partnern, das wussten wir, aber hatte diese Liaison vor der europäischen Öffentlichkeit geschickt verborgen gehalten.

Auch die schwedischen NEVS Mitarbeiter in der Stallbacka schienen überrascht. Waren sie es wirklich? Wir wollen es glauben, denn National Electric Vehicle Sweden AB ist ein Startup, und die Strukturen nach China müssen sich erst noch festigen. Die Frage, die wie ein Reflex in den schwedischen Medien auftauchte, ist die, ob es eine gute Nachricht nicht nur für Saab, sondern auch für Trollhättan ist. Oder nicht…

Dass sich kommunale Körperschaften an einem Autohersteller beteiligen, ist für China nichts Ungewöhnliches. Prominentes Beispiel ist Volvo. Die Stadt Daqing im Norden Chinas besitzt 38 % am Göteborger Hersteller und Jiading in der Nähe Shanghais 12 %. Das bringt Geld, Stabilität, gibt aber auch viel Macht an die kommunalen Größen. Der Einstieg von Qingdao, das von 1898 bis 1914 deutsch war und unter dem Namen Tsingtau bekannt, ist erst der Anfang, und die 220 Millionen Euro für 22 % der Anteile an NEVS sind richtiges Geld. Mit einem Investitionsvolumen von gut 1.2 Milliarden Euro in das neue Werk sprechen wir endlich über die richtigen Summen. Vorbei die Geschichten, als Vladimir Antonov oder ein Investor mit Namen Youngman mit 30 Millionen Euro winkte. Für die Autoindustrie nur Kleingeld.

Quindao, Heimat des neuen Saab Werks.
Zukunft: Quindao, Heimat des neuen Saab Werks.

Gleichzeitig macht sich Eigentümer NEVS damit abhängig von der Politik. Wir erinnern uns noch an die Superbehörde NDRC in Peking. Und das sind keine guten Erinnerungen. Wenn eine Stadt wie Qingdao Geld investiert, dann erwartet sie irgendwann eine Gegenleistung. Der Bau eines neuen Entwicklungszentrums könnte dann in China stattfinden und nicht in Schweden. Das ist die unschöne Seite dieser sonst positiven Geschichte.

Denn die Saab-Eigentümer machten mittlerweile klar, dass der Hauptsitz in Schweden ist. Der Produktionsstart wird in Schweden erfolgen, und erst, wenn das Saab Stammwerk im 2-Schicht Betrieb läuft, erfolgt der Neubau in China. Sind die Chinesen konsequent, dann spielen sie die schwedische Karte auch in Zukunft. Entwicklung, Erprobung und Design in Schweden. Schwedische Ingenieure haben weltweit einen guten Ruf. Die zukünftigen Saab-Produkte, die stimmig sein müssen, sollten auf den ersten Blick als Saab erkennbar sein. Dann ist es egal, wo auf der Welt Werke stehen.

Vergangenheit: Deutsches Erbe in Qingdao
Vergangenheit: Deutsches Erbe in Qingdao

Zusätzlich kam auch – nicht wirklich überraschend –  die Abkehr von der Elektroauto-Doktrin. Natürlich wird es E-Mobilität von Saab geben, aber nicht nur. Die chinesische Administration hat die eigenen, zu ambitionierten Pläne, still und leise korrigiert. NEVS ist ebenfalls in der Realität angekommen. Der Fokus liegt auf allen bekannten Antriebsarten, was gut ist. Der 9-3 Nachfolger auf der Phoenix Plattform soll alle möglichen Varianten vorweisen können, so wie es von Saab ursprünglich geplant war.

Ernsthaft ist man bei der Planung, die Produktion des alten Saab 9-3 neu aufzunehmen. Was nicht einfach ist und Gefahren birgt. Einige Lieferanten spielen nicht mit, aus diversen Gründen, die zu klären möglich, aber zeitintensiv ist. Laut NEVS ist man bei 99 % – ein Grund, weshalb man zum jetzigen Zeitpunkt den Produktionsstart nicht bestätigen will. Erst bei 100 % kommt grünes Licht, und dieser kleine Unterschied zeigt uns die Differenz zur Spyker Ära. Damals wurden Verträge gefeiert, deren Tinte weder trocken oder in Sichtweite war. Diese Zeit ist vorbei.

Die andere Frage ist, ob man gut beraten ist, mit einem mehr als 10 Jahre alten Auto auf den Markt zurück zu kommen. Bei allen Qualitäten des 9-3, die unbestritten sind, wird man einen schweren Stand haben. Es sei denn, man frischt den 9-3 so gründlich auf, dass er von Presse und Kunden als neues Auto wahrgenommen wird. Oder man vermarktet in aller Ehrlichkeit eine Klassiker-Edition. Gute Verarbeitung, gute Ausstattung, guter Preis. Gerade für einen Newcomer ist dies eine Herausforderung, bei der man keinen Fehlschuss frei hat.

Gestern kam – durch eine Indiskretion – die Stückzahlen,  mit denen in Schweden geplant wird,  an die Öffentlichkeit. 2014 sollen 60.000 neue Saab vom Band laufen, im Jahr darauf mit dem 9-3 Nachfolger 120.000.  Realistisch? Vermutlich werden gut 50 % der Produktion nach China exportiert werden. Dort wird es nicht schwer sein, Saabs zu verkaufen, wenn man Saab als Marke aus Schweden präsentiert. 30.000 oder 60.000 Fahrzeuge sind machbar. Schwieriger wird es in Europa und in den USA. Der Plan kann nur dann funktionieren, wenn man auf das etablierte Saab-Vertriebsnetz zurückgreift. Die Saab Parts AB hätte das Netz und das Potential. Details über die Vertriebswege sind aktuell nicht bekannt, und die Frage bleibt noch offen.

Seit Wochenbeginn sieht die Saab Zukunft positiver aus. Der Einstieg einer Kommune signalisiert das Wohlwollen der Politik. Die Autoindustrie gilt der Regierung in Peking als Schlüsselindustrie. China sucht nach Investitionschancen und hat mit Saab eine Möglichkeit entdeckt. Es kann sein, dass jetzt wirklich der Turbo zündet. Mit Geld ist alles möglich, und liquide Mittel haben die Banken der Volksrepublik im Überfluss. Noch ist gerade erst die Tinte auf den Verträgen getrocknet, aber Autowerke werden in China in einem atemberaubenden Tempo aus dem Boden gestampft. Das Werk der neuen Marke Qoros lässt erahnen, wie das geht.

Wenn Geld fließt, dann muss es auch nach Schweden fließen. Wollen die Chinesen irgendwann eine Rendite einfahren und aus der Saab-Geschichte eine Erfolgsstory machen, dann sollten sie beherzigen, dass Saab auch in Zukunft als schwedische Marke wahrgenommen werden muss. Saab ist ein schwedisches Juwel. Es gibt keine Alternative zu “Made in Trollhättan”!

Text: tom@saabblog.net

Bild: saabblog.net

6 Gedanken zu „Rückspiegel: Made in Trollhättan ohne Alternative

  • SAAB passt durchaus auch in die Stadt Qingdao – wegen der europäischen Geschichte der Stadt als deutsche Kolonie in der Kaiserzeit vor dem 1. Weltkrieg. Damals hieß der Ort Tsing-tau, später Tsingtao. Aus der deutschen Zeit stammt die Brauerei Tsingtao mit maßgebender japanischer Beteilung, die heute weltweit zu den Top 10 gehört und ein ausgezeichnetes Bier durch in Deutschland ausgebildete Braumeister in alle Welt exportiert. Das bauliche Erbe aus der deutschen Kolonialzeit wurde lange Zeit vernachlässigt, in den letzten Jahren aber wieder aktiviert und sehr hübsch für Touristen hergerichtet. Zukünftig lohnt sich bei einer China-Reise ein Abstecher nach Qingdao aus drei Gründen: SAAB, gutes Bier und interessante Stadt.

  • Jetzt schließt Tom auch noch eine Bildungslücke bei mir 😉 Interessanter Hintergrund, das mit Tsingtau wusste ich nicht und das Bier, danke flor, ist ein zusätzliches Argument.

  • Wir wollen jetzt aber nicht alles zu bierselig betrachten 😉

    Bei mir herrscht noch eine gehörige Portion Skepsis vor, auch und gerade wegen der staatlichen Beteiligung.

    • Da hat Ulrich vollkommen Recht . Das hört sich alles doch recht Gut an , aber nach dem ganzen Schlamassel in den letzten 1 1/2 Jahren glaub ich die Sache erst wenn ich den ersten neuen vernünftigen Saab mit Benzinmotor und Turbo beim Händler stehen sehe ( Made in Trollhättan ).

  • Tönt alles sehr gut, in der Theorie. Scheinbar will NEVS den Turnarround schaffen, und zwar nicht nur mit E-Mobilen.
    Somit sind das die ersten positiven Meldungen für unsere geliebte Marke SAAB.

    Und mit richtig Geld lässt sich auch richtig gut Autos bauen, egal ob mit staatlicher Beteiligung oder nicht (bei den Franzosen ist das glaub ich schon lange so?).

    VM war vielleicht ein genialer Typ, aber auch ein grosser Blender. Denn ohne richtig viel Kohle und mit einer Jahres-Produktion von kaum 20 Spyker-Sportcars kann man doch nicht ernsthaft eine Autofabrik mit 3500 Mitarbeitern übernehmen wollen. Was dabei rauskam haben wir leider mitansehen müssen.

    • Hallo SAAB 9-3,

      das Ganze geht doch erstmal nur theoretisch – die Praxis wird aber sicherlich nachkommen.

      Wie von Dir richtig erwähnt, hängt doch wirklich alles mit dem lieben Geld zusammen. Aus diesem Grunde dürfte mit Geldzufluss aus übervollen chinesischen Kassen vieles wesentlich leichter zu bewerkstelligen sein.

      Außerdem erschließt sich mit staatlicher chinesischer Hilfe der Zugang zum weltgrößten Automarkt in China – hier wollte GM, wie wir alle wissen, SAAB-Automobile am liebsten völlig ausschließen.

      In Sachen GM hätte ich noch einen großen Wunsch: NEVS sollte in Zukunft keinerlei Geschäftsbeziehungen mit diesem schlecht geführten amerikanischen Großunternehmen eingehen.

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