Jetzt helfe ich mir selbst: Fensterheberreparatur am SAAB 9-5

Leserbeitrag von Philipp Bohr

Ein Wort an alle mitlesenden SAAB—Mechaniker vorweg: Spätestens nach Abschluss dieses Projektes weiß ich, welche Arbeit ihr leistet, und dass ihr die Summen, die man euch bezahlt, auch wert seid – auch wenn das auf den ersten Blick (auf die Rechnung) nicht immer so klar ist. Aber der Reihe nach. Anfang August fahre ich auf der Straße in der Nähe des Institutsparkplatzes über einen Kanaldeckel (die Universität möchte den autofreien Campus propagieren, und verzögert daher alle Straßenbauarbeiten bis an die Grenze des erträglichen) – es knallt metallisch, es klirrt, und als ich mich zur Seite drehe, steht die Scheibe des Seitenfensters in einem irren Winkel im Rahmen.

Der sichtbare Teil ist unversehrt, aber dennoch läuft hier gewaltig etwas schief. Schweißausbrüche überkommen mich: grade erst war eine Reparatur der Servolenkung (siehe anderer Blogbeitrag) fällig gewesen. Jetzt nochmal Geld hinlegen für eine neue Seitenscheibe? Es rächt sich, daß ich damals nach einem Unfall und dem Versicherungswechsel die maximale Selbstbeteiligung gewählt habe…

Aber wie heißt es so schön: Dem Ingenieur ist nichts zu schwör. Nun bin ich kein Ingenieur, sondern Physiker, aber als Experimentalphysiker ist man ja auch so eine Art Ingenieur. Also erst mal rechts ranfahren und die Scheibe im Rahmen gradeziehen. Und der Plan für den Abend steht fest: Verkleidung der Tür abnehmen und dem Fehler auf den Grund gehen.

Grundsätzlich scheue ich nicht vor solchen Arbeiten zurück. Was mich abschreckt, sind allerdings die großen Mengen mit Klammern befestigten Plastiks, die die Innenverkleidung ausmachen. Das riecht förmlich nach Kratzern, nach Brüchen, unschönen Verfärbungen, wo zu fest gehebelt wurde… aber daran führt nun kein Weg vorbei, mein Entschluss steht fest. Immerhin hatte ich bereits kurz nach Erwerb des Autos mir das Reparaturhandbuch von Haynes besorgt, damit bewaffnet sollte die Reparatur eigentlich gelingen.

Zunächst ist die Verkleidung des Türbogens zu entfernen. Mit einem Schraubenzieher mit breiter Klinge… Sicherheitshalber nehme ich den des Taschenmessers, der hat die breiteste Klinge. Ich führe ihn an der oberen hinteren Ecke der Verkleidung zwischen Gummilippe und Plastik, taste nach der Klammer. Recht schnell finde ich eine, übe etwas Druck aus… und die Klammer löst sich. Glück gehabt. Schnell mache ich weiter, arbeite mich zuerst an der Hinterkante der Tür entlang. Dann folge ich dem Türbogen, Klammer um Klammer, bis ich das Verkleidungselement in der Hand halte. Zum Glück lösen sich die restlichen Klammern schnell, hat man erstmal eine gelöst.

Der erste Schritt ist also geschafft, der Türbogen liegt frei. Der nächste Schritt ist das Losschrauben der Türinnenverkleidung, dazu müssen Torxschrauben am Türgriff und dem Türriegel gelöst werden. Also zuerst mit einem schlanken Schraubenzieher die Deckel über den Schraublöchern lösen. Den Schraubenzieher setze ich zuerst zu flach an. Ein unschönes, schabendes Geräusch ist die Folge. Gott sei gedankt für das oft als hässlich gescholtene Hartplastik: den Kratzer konnte ich später wegpolieren – Weichplastik wäre da weniger tolerant. Mit den neuen Kenntnissen über den Ansatzwinkel kann ich alle drei Deckel lösen, die Torx-Schrauben öffnen, und bin bereit für den nächsten Schritt.

Dieser klingt diffizil: Die Klammern der Türverkleidung loshebeln, Türverkleidung nach oben über die Türverriegelung ziehen, dabei die Kabel der Schalter von Tank—  und Kofferraumdeckelentriegelung lösen sowie der Türbeleuchtung aus ihrer Aussparung befreien. Das Lösen der Klammern funktioniert nach der Übung am Türbogen sehr gut, die Verkleidung lässt sich leicht nach  oben über den Türriegel ziehen, und die Kabel lassen mir erstmal genug Spiel. Die Stecker lassen sich auch gut lösen. Leider steht im Reparaturhandbuch nicht, dass es empfehlenswert wäre, die Sicherung der Türbeleuchtung zu ziehen. Arbeitet man (wie ich zu diesem Zeitpunkt) schon 30 Minuten an der geöffneten Tür, so ist die Lampe heiß und kaum zu fassen. Mit einem Plastikstreifen zwischen den Kontakten kann man sie aber außer Funktion setzen, und dann aus der Aussparung in der Tür drücken.

Unter der Türinnenverkleidung ist eine Isolationsfolie. Diese ist angeklebt, kann aber vorsichtig vom Türrahmen abgezogen werden. Ist man besonders vorsichtig, kann man sie danach sogar wieder ankleben – man sollte allerdings vorher auch den Lautsprecher abschrauben und die danebenliegende Schraube, die die Fensterglasführung hält, lockern, sonst zerreißt die Folie an der Stelle. Also den Lautsprecher auch noch abgeschraubt, und weiter geht’s zur eigentlichen Fehlerdiagnose.

Fahrertür SAAB 9-5 2.3t SE, ohne Innenverkleidung
Fahrertür SAAB 9-5 2.3t SE, ohne Innenverkleidung
Fahrertür mit entfernter Dämmfolie
Fahrertür mit entfernter Dämmfolie, Der Fensterhebermechanismus ist in der unteren Inspektionsöffnung sichtbar, der Motor des Fensterhebers sitzt rechts auf halber Höhe.

Meine erste Vermutung war ein Glasbruch. Insofern ist es beruhigend zu sehen, dass die Scheibe noch voll intakt ist. Daher nehmeich mir als nächstes den Fensterheber vor, einen Scherenmechanismus mit zwei Schenkeln, die die Drehbewegung eines Zahnrades in eine Auf— und Abbewegung der Scheibe umsetzen. Dazu sind an einem Ende der Schenkel Gleitrollen befestigt, die in Schienen am unteren Scheibenrand laufen. Und schnell zeigt sich: Beide Rollen sind aus ihren Schienen gesprungen. Zunächst dachte ich, ein einfaches Wiederauffädeln sei hier die Lösung – erst auf den zweiten Blick erkenne ich die Ursache, warum die Rollen aus den Schienen gesprungen sind: Die Rolle in der hinteren Schiene ist zerbrochen, und hat sich vom Schenkel gelöst. Überreste von ihr hängen in der Schiene, ein Bruchstück fische ich unten aus dem Türrahmen.

Gleitbuchsen: Neuteil, mit Klammer
Gleitbuchsen: Neuteil, mit Klammer. Rechts: Defektes Teil mit Bruchstück und gelöster Klammer. Eventuell hätte man hier Rollen aus Teflon verwenden können, die haltbarer sind und auch ohne Fett gut auf Stahl gleiten.

Eine solche Diagnose ist oft ärgerlich, kennt man das von modernen Autos doch nur zu oft: Ein Pfennigteil verursacht Reparaturkosten von mehreren hundert Euro, weil eine Schraube, Klammer, Rolle oder sonstiges einzeln nicht lieferbar ist. Ich erwäge zwei Optionen: Meine neuen Bekannten vom Autohaus Muckelbauer um Rat fragen, oder die Rolle von der feinmechanischen Werkstatt unseres Instituts nachfertigen zu lassen. Aus Teflon, als Superrolle.  Zum Glück – und spaßeshalber – sehe ich vorher aber auf der Internetseite von Skandix nach, suche nach „Fensterheber“. Es öffnet sich eine Rubrik mit den damit in Verbindung stehenden Teilen, Fensteherheber die einen, und die anderen „Gleitbuchsen, Fensterheber“. Das Bild daneben zeigt exakt die Rolle, die ich suchte. Stückpreis: 1,73 €.

Der Einbau der Rolle gestaltet sich komplizierter, auch, weil das Reparaturhandbuch an der entscheidenden Stelle schwammig formuliert ist – aber der Reihe nach. Die Rollen werden zwei Tage später geliefert, ich habe gleich sechs Stück bestellt: Vier als Ersatzteile für beide vorderen Fensterheber, und zwei zum Ausprobieren. Die sind auch nötig – mein Plan sieht vor, die Rollen zuerst in die Schienen zu schieben, und dann die Fensterheberarme an den Rollen zu fixieren. Das erspart mir das Auffädeln der Scheibe auf die Fensterheber, ein Unterfangen, das mir unnötig kompliziert vorkommt, besonders, wenn man alleine arbeitet.

Erneut lege ich das Türinnere frei, bewege die Fensterheberarme so in die Zugangsöffnung, daß man sie leicht fassen kann, drücke vorsichtig die Fensterscheibe so weit herunter, daß die Schienen auf einer Höhe mit den Enden der Schenkel sind. Die Rollen in die Schienen einzufädeln ist nicht sonderlich schwer. Dann kommt aber der kritische Punkt: Das Verbinden von Armen und Rollen. Im Handbuch steht, man solle die Rollen auf die Achsen drücken, „until they audibly engage“, also bis sie hörbar einrasten. Das tut sie auch. Ich betätige testweise den Fensterheberschalter, problemlos gleitet die Scheibe nach nach oben. Auf dem Weg nach unten gibt es dann wieder einen metallischen Knall, ein Klirren, und Scheibe und Rolle sind wieder getrennt.

Des Rätsels Lösung zu finden kostet mich eine weitere dreiviertel Stunde, und drei weitere Fehlversuche, bis ich das Problem von der Basis her angehe, und nur die Rolle ohne Scheibe auf die Achse schiebe. Dabei fällt auf, daß nach dem ersten Einrasten die Rolle immernoch sehr locker auf der Achse sitzt, fast frei in alle Richtungen verkippbar ist und mit geringem Kraftaufwand zu lösen ist. Herumtasten mit einem schlanken Schraubenzieher führt auch zu der Erkenntnis, daß die Nut, in die die Klammer greifen soll, noch hinter dem Schaft der Rolle freiliegt. Erst kräftigeres Andrücken – sehr kräftiges Drücken, muss ich sagen – führt zu einem zweiten Einrastgeräusch, die Rolle sitzt dann fest in der angedachten Position.

Abbildung: Gleitbuchse. Die Klammer, von der hier der Bogen zu sehen ist, fixiert die Rolle auf der Achse (Achsenende als runder Kreis auf dem Fensterheberschenkel sichtbar).
Abbildung: Gleitbuchse. Die Klammer, von der hier der Bogen zu sehen ist, fixiert die Rolle auf der Achse (Achsenende als runder Kreis auf dem Fensterheberschenkel sichtbar).

Mit dieser Erkenntnis ist es eine Sache von einer weiteren viertel Stunde, die Rolle wieder zu lösen, in die Schiene einzuführen, und den Vorgang mit Scheibe und Rolle zu wiederholen. Anschließend sollte man unbedingt prüfen, ob alle Dichtungslippen außen richtig sitzen, eventuell mit einem schmalen Blechstreifen – oder einem Schraubenzieher mit breiter Klinge – nachhelfen. Bei einem erneuten Test halten die Rollen, etwas Fett macht die Schienen leichtgängig, und nach einer weiteren halben Stunde sitzt auch die Türverkleidung wieder da, wo sie sollte.

Diese Reparatur ist vom Handbuch als mittelschwer (dritte von fünf Stufen) eingestuft. Das ist eine realistische Einschätzung, nur jemand mit ausreichendem Geschick und Erfahrung mit der ein oder anderen Reparatur sollte sich daran trauen. Tut man es, ist es allerdings lohnend. Meine Investition: 15 Euro für die Rollen, incl. Versand, und etwa zweieinhalb Stunden Reparaturzeit. Und Schrauben an einem SAAB, bei dem auch nach 13 Jahren die Schrauben noch so zu lösen sind, als seien sie eben erst eingeschraubt worden, kann wirklich Spaß machen.

Übrigens, sollte es SAAB-Werkstätten geben, die auch diplomierten Physikern noch Praktikumsplätze anbieten – meine e—Mail—Adresse gibt es beim Blog Team.

11 Gedanken zu „Jetzt helfe ich mir selbst: Fensterheberreparatur am SAAB 9-5

  • Hallo,

    weiß jemand ob auch bei den hinteren Fensterhebern diese Rollen verwendet wurden ?
    Wieviele Rollen brauche ich, wenn ich alle austauschen möchte ?

    Gruß
    Marc

    • An jedem Fenster gibt es zwei Rollen – du brauchst also insgesamt 8. Bestell aber ruhig ein paar mehr – die ein oder andere geht dir garantiert beim Einbau zu Bruch. Für die Kräfte, die man zum Einbau braucht, sind die Dinger nämlich schon sehr zerbrechlich.

      • PS: Und Industriefett solltest Du nicht vergessen, für die Gleitschienen. Ich nehme das von Nigrin… Öl oder Silikonspray würde ich nicht nehmen, das sammelt nur Schmutz auf.

    • Ich verwende Nigrin Mehrzweckfett, damit schmiere ich im Labor schon seit Jahren etliche Kunststoffteile, und habe nie irgendwelche Probleme gehabt.

      Aber trotzdem danke für den Hinweis – auf die Verträglichkeit mit Kunststoffen ist natürlich zu achten.

  • Wenn man das so sieht…
    Weiss jemand, warum die Scheiben in der Tür, im offenen zustand, so klappen wenn man die Tür schliesst?

    Danke

    • Was meinst Du genau?

    • Hallo Andreas,
      ich weiß wovon du sprichst. Ich kenne das. Es klappert manchmal auch beim Fahren. Ich dachte, es wäre nur bei mir so…
      Habe aber leider keine Ahnung warum das so ist!

    • Ohne mich jetzt zum Experten aufschwingen zu wollen – es gibt da noch eine Führungsschiene vorne in der Tür. Die Scheibe läuft in dieser Schiene, und man kann die Schiene verstellen – die Schraube dazu liegt über dem Lautsprecher. Wenn die sich lockert, kann es Klappergeräusche geben… ist mir aber auch nur während der Reparatur aufgefallen, dass da was klappert, je nachdem, wie die Schraube angezogen ist.

  • Hallo,

    erstmal schönen Dank an PhiBo für die Antwort und natürlich auch noch für den tollen Beitrag !
    Ich schraube ja auch viel, aber zwischendurch immer wieder aufzuhören und Fotos zu machen hab ich noch nie geschafft.
    Man hat die Hände dreckig, außerdem will man ja auch mit der Reparatur fertig werden.
    Deshalb nochmal : Danke für diese tolle Arbeit.

    Das klappern in der Tür kenne ich auch, bei meinem Aero ist es vorne rechts.
    Allerdings nur bei teilweise heruntergelassenem Fenster.
    Ich habe mir sagen lassen, es läge an einer herausgerutschten Führungsleiste des Fensters.
    Das Teil soll wohl öfter mal abfallen, es liegt dann unten in der Tür herum, man kann es einfach wieder aufstecken. Das Sichern mit etwas Klebstoff ist natürlich in dem Falle zu empfehlen.
    Ich werde das bei der Montage der neuen Führungsrollen miterledigen.

    Gruß
    Marc

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