Rückspiegel: Schweden unter Eis

Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel
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„Die Lage in Schweden ist düster, in Europa ist sie nur noch in Griechenland schlechter als in Schweden“ so schrieb die die führende Wirtschaftszeitung Schwedens, Dagens Industri, vor einigen Tagen. Liegt es am langen, kalten und dunklen schwedischen Winter, der das Gemüt verdüstert, oder ist die Lage wirklich so trostlos?

Fest steht, es rumort in Schweden. Vor einigen Tagen demonstrierten in Göteborg Lastwagenfahrer gegen soziale Ausbeutung. Es war nur eine kleine Demonstration von gerade einmal 36 Lastkraftwagen, und es ging dabei sehr gesittet zu. Aber eigentlich ein Ereignis, welches wir in Griechenland oder Spanien erwartet hätten, nicht im wohlhabenden Schweden.

Wo in Europa ist die Problematik der Jugendarbeitslosigkeit am höchsten? Spanien, Griechenland? Die Antwort überrascht, aber man hat es fast geahnt. Es ist Schweden, und das Problem ist nicht neu. Schon während der vergangenen Boom-Jahre lag die Jugendarbeitslosigkeit im Schnitt bei 25 %, im Oktober 2012 waren es 23 % bei einer Arbeitslosenquote in der gesamten Bevölkerung von 7.7 %.

Für junge Schweden im Alter zwischen 18 und 24  ist die Wahrscheinlichkeit der Arbeitslosigkeit vier mal höher als im Rest der EU. Laut Statistikbehörde Eurostat liegt Schweden damit an der Spitze. Die Statistik stimmt nicht so ganz. Denn junge Schweden, die studieren, sind in der Regel auch als arbeitssuchend registriert, und die Mehrzahl ist auf Nebenjobs angewiesen. Das Problem wird dadurch aber nicht relativiert.

Denn die Eintrittshürden in den Arbeitsmarkt sind durch die starken Gewerkschaften höher als sonstwo in Europa, und der Anteil des produzierenden Gewerbes sinkt kontinuierlich. In Schweden spricht man von einer sich abzeichnenden „Zombieökonomie“ und meint damit die Arbeitsmärkte in England und USA, wo seit Jahren der Anteil des Finanzgewerbes am Bruttosozialprodukt übermässig hoch ist.

Trollhättan, unsere Lieblingsstadt im Västragötland, ist mittlerweile eine Art riesiges Freiluftlabor. Dort kann man studieren, was passiert, wenn man auf Industrieproduktion verzichtet und auf reine Dienstleistung setzt. Die Arbeitslosigkeit schlägt mit 16 % den landesweiten Schnitt um Längen und nähert sich südeuropäischen Verhältnissen an. Für 2013 ist keine Besserung in Sicht, auf eine Einstellungswelle durch NEVS hoffen die lokalen Behörden offensichtlich nicht mehr. Stattdessen lobt man die kleinen Lichtblicke. Dienstleistung ist gefragt in Trollhättan. Alten- und Krankenpflege hat Zuwachsraten wie überall im „alten“ Europa.

Will Trollhättan in dieser Generation aus der Arbeitslosigkeit heraus kommen, ohne dabei zur Geisterstadt zu werden, dann muss sich etwas ändern. Um nur ansatzweise davon träumen zu können, dass in der Stallbacka Autos vom Band laufen, ist das weitere Schicksal der anderen schwedischen Marke entscheidend.

Die Göteborger befinden sich in rauer See. Selbst China, momentan ein sicherer Hafen für europäische Hersteller, ist für Volvo ein Problem. Der Absatz sinkt, während der Mitbewerber zulegt. Volvo, so meinen Analysten, hat es versäumt, sich klar als europäischer Premiumanbieter zu präsentieren. In China wird Volvo als chinesisches Unternehmen wahrgenommen, was nicht gut ankommt. Die Chinesen lieben europäische Produkte, und wer es sich leisten kann, der greift zum Original und kauft BMW, Mercedes oder Audi. Selbst Lexus legt zu und präsentiert Wachstumsraten, die den Volvo Leuten Tränen in die Augen treiben können.

Auch Volvo Eigentümer Geely hat –  trotz glänzender Absatzzahlen der eigenen heimischen Labels –  so seine Probleme. Das Unternehmen ist hoch verschuldet und, laut chinesischer Presse, vollständig der Gunst der Banken ausgeliefert.

Zurück nach Schweden ! In den letzten vier Monaten hat der Volvo PKW Konzern sich von 1.000 Mitarbeitern verabschiedet. Nicht nur in Skandinavien, auch im Werk Gent mussten Zeitarbeiter und externe Berater ihre Plätze räumen. Zu Weihnachten wird das Werk Torslanda für zwei Wochen komplett dicht gemacht, um die sinkende Nachfrage zu kompensieren. Ein führender Volvo Manager, der seinen Namen nicht genannt haben wollte, sprach gegenüber Dagens Industri von einem Rückgang der Produktion auf einem Level vergleichbar mit dem Jahr 2008.

Ein anderes Problem ist der Zustand der Produktpalette. Das wichtigste Modell, der Volvo V70,  ist mittlerweile angegraut. Der Nachfolger nicht in greifbarer Nähe. Die gut laufenden kleinen Volvos  können zwar schöne Stückzahlen vorweisen, aber zu wenig Ertrag. Und Volvo plagt ein anderes Problem, welches wir von Saab her kennen. Für jeden neuen Volvo wandern Lizenzgebühren in die Tasche des früheren Eigentümers Ford, denn alles basiert auf dessen Technologie. Im Gegensatz zu den Gebühren, die GM mit Saab vereinbart hat, soll ( bitte aufgepasst, wir schreiben etwas Positives über Detroit ) Ford laut Insidern kräftig zulangen.

Was tut Volvo im Angesicht der Krise? Die Wahl ist zwischen sparen, sparen, sparen und Angriff. Volvo CEO Håkan Samuelsson hat sich für den Angriff entschieden. In den nächsten Jahren will der Hersteller 70 Milliarden Kronen in seine Werke und die Produktpalette investieren. Damit legt Samuelsson noch etwas auf den ursprünglichen Investitionsplan drauf, was erst einmal gut klingt. Etwa die Hälfte der Gelder sollen nach Schweden fließen. Das Werk Torslanda soll, längst überfällig, modernisiert werden. Seit gut 20 Jahren flossen keine großen Beträge mehr ins Stammwerk, was eine groteske Situation mit sich brachte.

Einige Kilometer von Torslanda steht ein hochmodernes, flexibles PKW-Werk leer und still. Die Anlagen brauchen teure Unterhaltung und verursachen nur Kosten. In Torslanda hingegen ist die Lackiererei alt und störanfällig, das ganze Werk schreit nach Investition. Diese Tatsache brachte in den letzten Monaten die Spekulation ins Spiel, ob Volvo nicht für wenig Geld das Saab Werk übernehmen würde. Nicht wenige in Trollhättan sahen dies als sehr wahrscheinlich, aber wie wir wissen, ist es nicht dazu gekommen.

Zusätzlich zu Torslanda soll das Motorenwerk Skövde und der Karosseriebau in Olofström in die Investitionen eingebunden werden. Eine neue 4-Zylinder Motoren Generation soll entstehen und eine neue PKW Plattform. Erstes neues Modell wird der für Ende 2014 erwartete XC90 Nachfolger sein. Aktuell wollen die Göteborger ihre Marktanteile halten, Verteidigung ist die Devise. Aber bis 2020 gilt nach wie vor das ehrgeizige Ziel von 800.000 produzierten Einheiten im Jahr. Ambitionierte Ziele und das Werk Torslanda, für 300.000 Einheiten ausgelegt, könnte dann vom Zwei-Schicht Betrieb in den Drei-Schicht Modus wechseln.

Also doch alles nicht so schlimm in Schweden und die Betrachtung der Lage doch nur eine Frühwinter Depression? Der Plan von Samuelsson, prinzipiell gut, hat einen Haken. Der neue Volvo Chef arbeitet nach wie vor an dem Problem, welches auch sein Vorgänger hatte. Die ehrgeizigen Investitionen hängen an der bisher fehlenden Kreditzusage der China Development Bank. Seit April gibt es dazu nur einen „Letter of Intent“ ,aber man sei nahe dran. Das allerdings sagte der Vorgänger auch bereits im Sommer.

Warum uns die Volvo Geschichte so interessiert? Volvo ist wichtig für die schwedische Wirtschaft und für die Automobilindustrie im Lande. Strauchelt oder fallen die Göteborger, dann wäre dies fatal für alle kleinen Zulieferbetriebe im Land. Für diese Betriebe ist die Situation nach dem Abgang von Saab jetzt schon prekär, und die sinkende Produktion bei Volvo macht die Lage nicht besser…

Die Chinesen in Trollhättan könnten ihre Ambitionen, in Schweden Autos zu bauen, endgültig zu den Akten legen. Die führenden Köpfe, die genialen schwedischen Ingenieure, würden das Land verlassen und in Ingolstadt, München, Stuttgart oder Shanghai neue Arbeitsstellen finden. Daher muss Volvo möglichst gut durch die schwedische Eiszeit kommen. Wir halten die Daumen!

Text: tom@saabblog.net

Bild: saabblog.net

7 Gedanken zu „Rückspiegel: Schweden unter Eis

  • Also in einem Land, wo ein weder reich noch arm kann man auch keine Arbeit finden können. Ich frage mich, wer das bezahlen? Ich bezweifle, dass Deutschland die tiefen Taschen oder die Bereitschaft zur Rettung noch einen betreffenden Landes haben.

  • Guter Bericht und man kann VOLVO bei dieser spannenden Geschichte wirklich nur die Daumen drücken! Der V70 ist schon ein schönes Auto, allerdings springt der Funke nicht über. Ist halt so, entweder SAAB oder VOLVO 😉

  • Volvo darf nicht auch noch straucheln und später verschwinden!

    Falls es tatsächlich keine neuen SAABs mehr geben wird, wäre VOLVO zur Zeit noch eine denkbare Alternative..

  • Danke für den super Bericht.
    Da ich beruflich alle 2 Jahre ein neues Auto benötige, ging der Kelch leider in diesem Jahr nicht vorrüber. Zu unseren Saab mußte sich ein VOLVO V70 gesellen.
    Ist zwar kein Saab, aber wesentlich besser als auf andere Marken ausweichen zu müssen.
    Ich muss Frank C zustimmen, der Funke springt nicht über, aber alles in allem noch aktzeptabel.
    Zu dem o.g. Bericht muß ich ergänzen, das mir mein Volvo Händler mitteilte,
    das der V70 in 2013 ein größers Facelift bekommt und somit wieder ein bissl attraktive wird.
    Aber ich fand es schon bei Saab außergewöhnlich gut, das die Produkte nicht jedes Jahr irgendwelchen Trends hinterhergelaufen sind und die Fahrzeuge ihr eigenständiges Designs lange halten konnten.
    Somit schließt sich der Kreis auch wieder zu Volvo, mit der Hoffnung, das es Volvo nicht ähnlich ergehen wird wie unseren geliebten Saab s…..

    Und zu Weihnachten wünsch ich mir, das ich mir irgendwann wieder einen neuen Saab im Werk bestellen darf…

    • Ich habe mittlerweile keine grossen Hoffnungen mehr…. Aber vielecht kannst Du dir bald einen neuen SAAB zulegen, wer weiss was Neo Scale oder Minichamps in den kommenden Monaten auf den Markt bringen wird 😉

  • Wenigstens haben die Schwedenpolitiker den Kauf des neuen SAAB-Gripen für die Schwedische Luftwaffe entschieden und kaufen keine Chinesischen Flugzeuge. Vielleicht ist das in 10 Jahren auch wieder anders. Der Preis der Globalisierung der Weltwirtschaft wird ganz zuletzt immer der Kleine Mann/ die Kleine Frau zahlen. Wenigsten ist ja jetzt einmal die ganze €-Geldfrage erledigt. Dieses Zahlungsmittel wird wohl definitiv von vielen Europäischen Länder eingesetzt. (Wo steht eigentlich die Notenpresse?). Immer alles sehr spannend, was „unsere“ Politiker in Europa so treiben…..

  • Schweden wäre gut beraten gewesen SAAB zu retten, dann hätte man etwas weniger Probleme. Vielleicht mittlerweile auch einen potenten Eigentümer und alles wäre gut.

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