Rückspiegel: Zeitenwende

Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel
Der Blick zurück: Bloggers Rückspiegel

Reden wir heute ausnahmsweise mal nicht nur über Saab !  Sprechen wir auch über Volvo und damit über den Zustand der Autoindustrie in Schweden. Gestern kamen schlechte Nachrichten aus Torslanda. Nachdem man die Taktrate in der Fertigung zum 1. Oktober von 57 auf 50 Wagen pro Stunde gesenkt hat, wird nun die Produktion für eine Woche komplett abgeschaltet. Volvo reagiert damit auf die nachlassende Nachfrage in Europa.

Eine weitere, zusätzliche Personalanpassung sei nicht geplant, so meldete gestern der Pressesprecher. Damit kann er allerdings nur das Werk Torslanda gemeint haben, wo zum Jahresende nochmal 300 Mitarbeiter gehen. Denn am Nachmittag wurde bekannt, dass im Werk Olofström die Verträge von 50 Zeitarbeitern nicht mehr verlängert werden. Volvo kämpft mit mehreren Problemen. Der V70, ein wichtiger Umsatzträger, ist in seinem letzten Lebenszyklus und soll baldmöglichst erneuert werden. Die Ford Techniklizenzen sind ausgelaufen, Volvo muss von nun an auf eigenen Beinen stehen und alle Entwicklungen selbst finanzieren. Die neuen Werke in China arbeiten noch nicht, alle Volvos, die in China gefertigt werden, laufen in Fordfabriken vom Band.

Zwar hatte Volvo im letzten Jahr das drittbeste Verkaufsergebnis seiner Geschichte, aber gerade jetzt bei gestiegenem Finanzbedarf läuft alles schief, was schief laufen kann. Der Volvo CEO Stefan Jakoby liegt noch immer nach einem Schlaganfall im Krankenhaus, wie lange noch ist unklar. Im ersten Halbjahr 2012 gab es einen Verlust von 254 Millionen Schwedenkronen nach einem Gewinn von 1.2 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Die starke Schwedenkrone ist für den Export in die EU ein Hindernis, und die Umsätze sind in den ersten acht Monaten des Jahres um 5 % gesunken. Im September ging der Absatz von Volvo Fahrzeugen in der EU um 17.1 Prozent  zurück. Keine Frage, Volvo bläst ein heftiger Herbststurm ins Gesicht. Schwedens Presse schreibt bereits über ein „dystra år“ bei Volvo.

Fredrik Sidahl von der Vereinigung schwedischer Automobilzulieferer sieht die Lage als sehr ernst. Er meint damit nicht nur Volvo. Denn seine Mitglieder, meist kleine oder mittelständische Unternehmen, sind schon durch den Konkurs von Saab angeschlagen. Die Betriebe haben Forderungsausfälle, denn eine Quote wird es nicht geben. Das alles wäre nicht so schlimm – so hört man immer wieder aus dem Lieferantenlager – wäre Saab als Kunde erhalten geblieben. So aber hat man in Schweden eine Situation, vor der alle Angst hatten. Ein einziger Autohersteller, der jetzt ein Schwächephase hat. Dass internationale Lieferanten auf Grund dieser Lage in ihre schwedischen Fabriken nicht mehr investieren oder sie gleich gänzlich schliessen, das kommt erschwerend hinzu.

Saab und Volvo waren immer Rivalen. Saab war ohne Frage die kleinere, aber die innovativere Firma. Die guten Ideen kamen aus Trollhättan, denn der Kleine muss immer ein bischen schneller sein als der große Nachbar. Ging es Saab schlecht, konnte Volvo Nachfrage ausgleichen und umgekehrt. Für die Lieferanten eine gute Situation, die annähernd Stabilität garantierte. Das ist Vergangenheit ! Im Frühjahr hoffte man noch auf einen Investor mit dem Namen Youngman. Die Chinesen besuchten die Betriebe und stellten ihre Pläne vor. Youngman ist allerdings Geschichte. Von den Elektroauto-Investoren haben die Zulieferer bisher nichts gehört. Das soll sich in diesen Tagen ändern. Um zum Jahresende 2013 mit der Produktion zu beginnen, baut man jetzt ein Netzwerk an Lieferanten auf. Alte, traditionelle Saab Zulieferer sollen dabei bevorzugt behandelt werden, so hört man. Die Gespräche sollen jetzt starten.

Volvo ist in chinesischen Händen. Auch das, was rudimentär von Saab übrig ist, gehört einem Investor aus China. Der wiederum verhandelt mit anderen Langzeitinvestoren aus diversen Ländern. Gestern ist mit Dongfeng ein Schwergewicht aus China in Trollhättan aufgetaucht und hat sich bei T Engineering eingekauft. NEVS ist gegen Dongfeng nur ein kleiner Kramladen. Was passiert in Schweden?

Wir erleben eine Zeitenwende unter schwierigsten Bedingungen. Volvo kämpft, aber wenn der Eigentümer aus China wie angekündigt kein Geld nachlegen will, dann wird es eng. Bei Saab oder dem, was davon übrig ist, steht alles auf Neustart. Zuerst mit einem Batterieauto, im zweiten Schritt mit Hybrid Technologie. Aber auch nur, wenn es gelingt, weitere Aktionäre für den Geschäftsplan zu begeistern. Viel hängt an der ersten Studie, die Investoren überzeugen soll. Daran wird mit Hochdruck gearbeitet. Das erste Produkt unter dem neuem Eigentümer soll sich nicht nur äußerlich, sondern auch im Innenraumdesign vom bisherigen 9-3 unterscheiden.

In Trollhättan selbst blüht eine bunte Gründerkultur. Viele kleine Firmen sind entstanden, manche davon sind wahre Juwelen. Dongfeng hat das erkannt. Seit Januar 2012 arbeitet man in Trollhättan für die Chinesen, die sich jetzt eingekauft haben. Möglich ist in dieser Situation alles. Dongfeng kann die Entwicklungskompetenz in Schweden nutzen und, rein theoretisch, dort Autos vom Band laufen lassen. Ein Werk, flexibel genug, verschiedene Produkte auf einem Band zu fertigen, wäre da.

Die Politik setzt auf die Karte der alternativen Antriebe. Immer wieder hören wir den Satz „man kann den Chinesen doch nicht das Feld überlassen„. Trollhättan und die Entwickler dort sehen sich als Speerspitze in dieser Technologie. Wieder mal.

In der kleinen Stadt am Göta Älv hat man vor Jahrzehnten auf den Bau von Lokomotiven gesetzt und damit gut gelebt. Als Dampflokomotiven nicht mehr in waren, kamen schwere Elektroloks. Nachdem dort die Nachfrage einbrach, fand man in der Sowjetunion eine vorübergehende Marktnische.

Als das nicht mehr ging, baute man Autos mit Turbomotoren. Eine damals unkonventionelle Idee, aber heute fährt fast jeder VW mit einem mehr oder minder gut gemachten Turbo unter der Haube durch die Welt. Jetzt also E-Mobilität. Die Schweden setzen mal wieder alles auf eine Karte. Das ist mutig, aber wie gesagt, wir erleben eine Zeitenwende. Das erfordert Mut und Entscheidungen. Ob sie damit richtig liegen, werden wir in einigen Jahren sehen.

Text: tom@saabblog.net

Bild: saabblog.net

 

 

 

8 Gedanken zu „Rückspiegel: Zeitenwende

  • Da ist in Schweden wirklich einiges im Umbruch. Hoffentlich geht es besser aus als die Geschichte mit den Werften in den 70er Jahren.

  • Nach den Dampfloks kamen doch zunächst die diesel(-elektrischen) Loks: Die legendäre NoHAB AA16 mit der amerikanischen Rundnase.
    Reine E-Loks waren doch bei NoHAB nur eine Randnotiz…

  • Das betrifft ja alles nun wahrlich nicht nur Volvo. Und von „eng werden“ kann auch absolut nicht die Rede sein. VW, Audi, Mercedes und co. greifen zu den gleichen oder ähnlichen Maßnahmen. Dies hat mit dem europäischen Automarkt an sich und nicht mit einer Volvo-Schwächephase zu tun. Und ob Saab nun innovativer war als es Volvo war (und im Vergleich zum bankrotten Saab noch IST), sei mal dahingestellt…..Diesen missgünstigen Blick auf Volvo hier werde ich nie verstehen.

    • Es geht ja auch nicht speziell um Volvo sondern um den Zustand der Autoindustrie in Schweden. Nicht um Ingolstadt, Wolfsburg oder München. Der ist halt nun mal nicht gut und von daher ist es kein missgünstiger Blick.

    • Hallo Finchen,

      nur mal ein kleines Beispiel: Bei SAAB war gleich nach den ersten Frontantrieb-Modellen (ab sog. Ur-SAAB) der Frontantrieb auch bei größeren und schwerere Fahrzeuge normaler technischer Standard – Volvo kam erst sehr viel später in den 80er Jahren beim Mittelklasse-Modell Typ 440 zum Frontantrieb. Die größeren Volvo-Modelle (S 80 / V 70) wurden erst in den 90er Jahren mit Frontantrieb ausgestattet! Bis dahin wurden die Volvo-Fahrer im Winter mit Heckantrieb auf die Menschheit losgelassen – gerade in den hoch verschneiten schwedischen Regionen eine Zumutung. Von Fortschritt oder Innovation konnte man hier nun wirklich nicht sprechen – aber besser spät nachgezogen als überhaupt nicht (siehe BMW und andere)!

  • Danke für den Artikel! Ich bin gespannt wann NEVS erste Einblicke für den 9-3 Nachfolger gewährt und freue mich auf mehr Details!

  • By the way…..hope you like it :-))) Best wishes Sam

    „A blonde, looking to earn some extra money, decided to offer her services as a „handy woman“ and started canvassing an affluent nearby neighborhood.

    She went to the front door of the first house, and asked the owner if he had any odd jobs for her to do.

    „Well, I guess I could use somebody to paint my porch,“ he said, „How much will you charge me?“

    The blonde quickly responded, „How about $100?“

    The man agreed and told her that the paint and everything she would need were in the garage.

    The man’s wife, hearing the conversation, said to her husband, „Does she realize that our porch goes all the way around the house?“

    He responded, „She was just up here, how could she have missed it?“

    A short time later, the blonde came to the door to collect her money.

    „You’re finished already?“ the husband asked.

    „Yes,“ the blonde replied, „and I had paint left over, so I gave it two coats.“

    Impressed, the man reached into his pocket for the $100 and handed it to her.

    „And by the way,“ the blonde added, „it’s not a Porsche, it’s a Lexus.“

  • Bitte demontiert eure Fanbrille…
    ich bin wirklich ein riesiger SAAB Fan… ein Fan von Schweden muss auch mal die andere Marke aus dem Lande fahren!… so hat es bei mir angefangen und nach etlichen Volvos der Serien 140, 240, 700 und 900 habe ich mir den ersten SAAB 901 angeschafft um meinen Volvo 960 nicht im Winter fahren zu müssen (nicht das er auf verschneiten Strassen keine Traktion hatte, im gegenteil mit dem ASD war er das perfekte Winterauto aber ich wollte den Volvo schonen)
    Nun gut ich hatte nun meinen ersten SAAB, der SAAB Virus brach relativ schnell aus, mittlerweile haben wir zwei 9-5 SC ein 9-3 Cabrio und zwei 901 ein CC und ein Cabrio! aber auch ein Volvo ist in unserer Garage beheimatet, ein wunderbarer Volvo V90, das letzte richtige Dickschiff, ein guter Weggefährte für unsere Schwedentrips!!
    Volvo war natürlich nie Innovativ.. sie waren zwar die ersten mit Verbundglasfrontscheiben, Dreipunktgurten, Lambda-geregelten 3 Weg Katalysatoren…. usw.
    Mein Herz schlägt für beide Schweden… und wenn es auch mit Volvo Bach ab geht, wird das zumindest für mich persönlich ein schwarzer Tag!

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