Saab 900 II: Sechs – sind zwei zu viel?

Leserartikel von Gerhard

„Ich hab‘ von einer Bekannten gehört, dass deren Freundin einen Saab verkauft“. So fing es kurz vor Ostern im Jahr 2011 an. Mit diesen Worten erzählte mir meine Frau, dass irgendwer irgendeinen Saab verkauft. Eigentlich brauchten wir keinen, denn wir sind mit einem 901 und einem 9-5 bestens ausgestattet.

Schönes Heck, oder? Saab 900 II

Es kam wie es kommen musste. Es gab eine Telefonnummer, da rief man an, dann besichtigte man und weil es ein Angebot war, das man einfach nicht ablehnen kann war man am Gründonnerstag des Jahres 2011 der stolze Besitzer eines Saab 900, Baujahr 1997, Fünftürer, sechs Zylinder, Automatik, rd. 195.000km gelaufen.

Damit war man Mitglied in der automobilen Randgruppe einer automobilen Randgruppe. Besonders beliebt war die GM-Idee einen Opel-V6-Motor in einen Saab einzubauen unter Saabfahrern nie. Der V6 hat mit seinen 175 PS auch noch die 10 PS Respektabstand zu seinen turbogetriebenen Brüdern.

In Deutschland sind in der Version V6, Automatik, Fünftürer gerade mal noch 41 Fahrzeuge zugelassen. Exklusivität ist also garantiert.

Kraft aus sechs Töpfen. V6 im Saab 900 II

Besonders gepflegt war mein Exemplar nicht. Da musste erstmal Grund rein. Der Ölkühler musste getauscht werden, ein Radlager war hinüber und der Innenraum war ein wenig verwohnt. Obwohl SE-Ausstattung ist kein Leder vorhanden, aber das kann man in Zukunft noch nachrüsten. Die Plastiklandschaft am Armaturenbrett bekommt man mit den Original-Holzzutaten recht wohnlich und eine fiese Telefonkonsole ist auch rausgeflogen.

Wirklich Bauchschmerzen bereitet nur der Rost am hinteren Radlauf, eine Serienroststelle des 902.

Die Karosserieform des 902 wirkt immer noch frisch und modern, der Wagen wird für jünger gehalten als er eigentlich ist, zumal diese Karosserieform im Audi A5 und im BMW GT eine gewisse Renaissance erlebt.

Saab typisches Cockpit, zum Glück fehlt nur die Lederausstattung

Praktisch ist der Wagen auf jeden Fall, der Kofferraum ist riesig und macht seinem Vorgänger, dem legendären 901 sicher Konkurrenz. Leider ist der Laderaum nicht völlig eben, klappt man die Rückbank um, sieht man die Kante in Höhe der Radhäuser. Dennoch – Platz satt für den Großeinkauf im schwedischen Möbelhaus oder für den Familienurlaub.

Der Innenraum passt für vier Personen, er kann natürlich nicht so großzügig sein, wie im 9-5. Man sitzt bequem, darf als Fahrer nur nicht allzu groß sein. Da man recht hoch sitzt, ist das Dach nicht all zu fern. Die Velours-Polster sind robust und zeigen nach 195.000 km keine großen Verschleißspuren. Einen Tausch mit Leder würde man nur für die Optik und die Haptik machen, aber nicht weil es dringend notwendig ist.

Das Armaturenbrett ist aufgeräumt und man weiß – nicht nur als Saab-Fahrer – sofort wo alles ist (mal abgesehen vom Zündschloss). Ein schönes Detail – die kleine Analoguhr, die uns im 901 die Zeit gezeigt hat existiert noch. Sie ist nur in die Nähe des SID gewandert.

Zeitlos schön: Saab 900 II

Eine Klimaautomatik ist vorhanden und wegen der riesigen Fensterflächen eigentlich auch erforderlich. Ohne geht es im Sommer nicht. Ist sie aber mal auf 21°C eingestellt kann man deren Knöpfe gerne vergessen. Eine sensible Elektronik mit Innenraum- und Sonnensensor weiß was sie zu tun hat und sorgt für prima Klima. Und das auch noch im fünfzehnten Jahr problemlos.

Mit zwei Airbags ist für Sicherheit gesorgt. Ein Schönheitsfehler findet sich auf den hinteren Plätzen. Die Sitzplätze sind nicht wirklich breit. Sobald man einen Kindersitz einbaut, verdeckt dieser das Gurtschloss und es ist eine ziemliche Fummelei den Gurt ins Schloss zu bekommen. Deswegen ist der Wagen bei meiner Tochter nicht ganz so beliebt.

Die Verarbeitung ist gut. Nach 15 Jahren klappert nichts. Man merkt das der 902 im Jahr 1997 ein ausgereiftes Auto war.

Zündung an und von vorne hört am die sechs Zylinder arbeiten. Es ist natürlich nicht der typische Saab Motorklang, aber bei leibe nicht unangenehm. Wählhebel auf „D“, Fuß von der Bremse und los geht es.

V6 fahren macht Spaß, wenn man sich auf den Wagen einlässt. Das Zusammenspiel von Motor und Automatik machen aus dem Wagen einen perfekten Gleiter. Eine lange Reise auf der Autobahn – kein Problem. Man stellt den Tempomat auf 150 km/h und fährt entspannt zum Ziel. Ein perfektes Autobahnauto. Auch nach mehreren Stunden steigt man entspannt aus. Das Fahrwerk ist auf Komfort ausgelegt und federt die Unebenheiten auf den Autobahnen gut weg. Steigungen merkt man nicht, Kraft ist – wenn der Wagen Schwung hat – immer reichlich da.

Im unteren Drehzahlbereich ist von der Kraft allerdings nicht ganz so viel zu spüren, erst ab 3000 Umdrehungen/min passiert wirklich was. Beim Einfahren auf die Autobahn sollte man die Automatik schon auf den Sport-Modus schalten um vom Fleck zu kommen, dann aber geht es vehement zur Sache.

Saab 900 mit V6

Kurvige Serpentinenstrecke oder schnell gefahrene Landtraßen sind nicht wirklich das Ding von unserem V6. Erst mit Überredung zwingt man ihn in die Kurve. Das etwas auf Komfort ausgelegte Fahrwerk, der schwere Motor und die damit ungünstige Gewichtsverteilung machen aus ihm keinen Kurvenräuber. Man ist sicher nicht im Grenzbereich unterwegs, aber man merkt, dass es dem Wagen keinen Spaß macht.

In der Stadt macht der 902 natürlich keine Probleme, mit ein bisschen Übung weiß man beim Einparken auch, wo er hinten endet. Parksensoren sind nicht notwendig (es gab sie seinerzeit ja auch nicht).

Sollte man den V6 ausschließlich im Stadtverkehr bewegen, muss man natürlich beim Verbrauch mit einem V6-Aufschlag rechnen. 2,5 Liter Hubraum wollen befüllt werden. Hält man sich auf der Autobahn auf der Landstraße im Zaum, dann ist die 8 vor dem Komma schon drin.

Neu für Saab-Fahrer ist, dass dieser Motor einen Zahnriemen hat, der gelegentlich getauscht werden sollte. Das kann natürlich fies ins Budget schlagen, wenn das vermeintliche Schnäppchen dann doch recht hohe Werkstattkosten produziert.

Der Einstand in die V6-Welt ist günstig. Der 902 erzielt keine Spitzenpreise und der V6 wird noch viel mehr gemieden. Klopft man den Kaufkandidat auf einige Macken (Rost, Zahnriemen, TCS, Ölkühler) ab, dann kann man für kleines Geld ein wirklich feines und komfortables Auto erwerben.

Jetzt hab ich dieses eigentlich überflüssige Auto schon deutlich länger als ein Jahr und möchte es ungern hergeben. Viele Ideen, die im 901 schon zu finden waren wurde hier weiterentwickelt und in einem modernen und sicheren Auto umgesetzt. Und Saab fahren kann man auch ohne Turbo, ganz entspannt sozusagen. Auf langen Strecken ist eben auch dieser Saab zuhause.

11 Gedanken zu „Saab 900 II: Sechs – sind zwei zu viel?

  • 10. Oktober 2012 um 5:02 PM
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    Klasse dass sich jemand an dieses schwierige Thema traut. Der 900 II ist ja so ein ungeliebter SAAB, wahrscheinlich zu Unrecht. Danke für den Artikel!

  • 10. Oktober 2012 um 5:11 PM
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    …ich mag die form des 902, schön das einer in guten händen ist!

    am wochenende beim saabtreffen war ja auch einige dabei und die form wirkt kein bischen altbacken, einzig von hinten ist er für heutige verhältnisse ein schmächtling – aber mit einem saab will man ja auch nicht den fetten max spielen! 😉

  • 10. Oktober 2012 um 5:47 PM
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    Der 902 ist eine aussterbende Art. Bei der Arbeit steht einer um die Ecke, ich gehe jeden Tag dran vorbei. Ein Bild des Jammers, ungepflegt, Rost, der Greif ist ab 🙁 Schön dass es wenigstens gepackt hat, der gepflegt wird. Gerhard, Danke für deinen Beitrag!

  • 10. Oktober 2012 um 6:43 PM
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    Igitt, ein OPEL-SAAB. Daß Du Dich überhaupt hierher traust! 😉

    Nein, im Ernst – toller Artikel, über ein tolles Auto, und ein unterschätztes SAAB-Modell. Eine wirklich schicke Karosserie, mit einer tollen Heck-Partie. Die wird am 900-II ja noch am meisten gelobt, weil sie eigentlich nur die zeitlich angepasste Variante des SAAB-Fließheck-Klassikers ist.

    Das Innenleben kann sich sehen lassen… Kompliment an Dich für die Überarbeitung. Vielleicht findet sich irgendwann mal ein Posten passender SAAB-Ledersitze und Polster, obwohl der Stoff auch gut aussieht.

    Das andere Kompliment geht an die – hust! – Opel-Ingenieure. Da geht mir doch glatt das Herz auf, wenn ich das sehe – Öleinfüllstutzen dort, wo er mechaniker-/kundenfreundlich eingebaut sein sollte: vorne und in Reichweite auch für unter 1,90-m-Menschen. Dazu der separat angebrachte Peilstab… bei meinem 9-5 (1999, mit 2,3-l-Motor) ist das Einfüllen eine Geschicklichkeitsübung, besonders mit den 5-l-Kanistern, die so weit hinten im Motorraum immer gegen die Haube stoßen. Und wenn man dann nicht genau zielt… Naja, ein großer Trichter muß dann schon sein.

    Also – großes Kompliment, und noch viel Spaß mit deiner Rarität.

    • 10. Oktober 2012 um 6:48 PM
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      PS: Nein, sechs sind nicht zwei zuviel 😉

      PPS: Beeindruckender Ansaugtrakt 😀

  • 10. Oktober 2012 um 8:57 PM
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    Hatte selber einen 1999 SAAB 9-5 SE V6 LPT Sport Combi den ich mit 132’000 tkm erworben hatte.
    Das Auto war vollausgestattet mit allem erdenklichen Schnik- Schnack.

    Ich habe das Auto rund ein Jahr im Aussendienst gebraucht und mit 176’000 tkm wieder veräussert was ein riesiger Fehler war, denn ausser dem Motorklang der etwas an den Popel Vectra erinnert hat war der SAAB schlicht perfekt.

  • 11. Oktober 2012 um 8:59 AM
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    “Damit war man Mitglied in der automobilen Randgruppe einer automobilen Randgruppe.” Treffend formuliert.

    Und Glückwunsch zu diesem Leiden auf hohem Niveau – wie ist das bloß erträglich mit den “sechs statt vier”?

    Wünsche gute und entspannte Fahrt und immer ein wenig Fertan auf dem Hemd … :oD

  • 11. Oktober 2012 um 12:29 PM
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    Wirklich ein guter Bericht. Schade, dass ich meinen 902 im Frühjahr hergeben musste.

  • 11. Oktober 2012 um 9:49 PM
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    Lieber Gerhard und liebe Saab-Gemeinde,

    etwas vergleichbares ist meiner Frau und mir vor einem Jahr, also im Oktober 2011 geschehen. Wir haben unseren ersten Saab, einen 9-3 anniversary 2,0 t (150 PS), 2-türig, schwarz mit hellem Leder und Holz innen, den ich 2001 neu erwarb, im www. wiedergefunden. Es war tatsächlich nicht nur das gleiche, sondern dasselbe Auto, mit dem wir auf Hochzeitsreise in Norwegen waren! Ein paar Telefonate und einen Besuch bei Etehad (Dank an die dortige Werkstatt für Freundlichkeit, Fairness und Verständnis) in Halstenbek später, wo man mir den recht guten Zustand des Fahrzeugs bestätigte, und er war wieder unser. Wir waren sehr glücklich daraüber, da wir ihm schon Tränen nachweinten, als er unseren Hof verließ – um einem 9-3 Kombi Bj. 2007 Platz zu machen. Den allerdings haben wir auch sehr gern gefahren.

    Wir mussten seitdem doch einiges in den Wagen investieren, sind aber der Ansicht, dass es für einen guten Zweck sei.

    Inzwischen haben wir einen 9-5 Bj. 2010 (wohl einen der letzten in Deutschland neu zugelassenen der 1. Generation) und das o.g. schöne Exemplar, den wir nicht wieder hergeben möchten. Er wird – von Ausnahmen abgesehen – nur noch bei gutem Wetter gefahren und hat eine eigene Garage bekommen!!!

    Herzliche Grüße von dem eigenartigen Zeitgenossen, der alle ihm entgegenkommenden Saab-Fahrer und -innen grüßt!

  • 14. Oktober 2012 um 11:23 PM
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    Lieber Gerhard,

    Ich fahre einen von den 41 zugelassenen seit fast zwei Jahren und kann bei jedem Wort das Du schreibst nur lächeln. Du triffst es auf den Punkt. Ich liebe dieses Auto wie keines vorher. Die Macken nehme ich gern in Kauf, ich hatte auf der Autobahn 50 Meter hinter LKW uber 300 Kilometer auch schon eine sechs vor dem Komma. Doch wenn man den lieben Wolf frei lässt wird es schnell sehr teuer dafür hat man aber sehr viel Spass. Gerade an großen Steigungen beschleunigt er im Sportmodus wie kaum ein anderer. Ab 3000 U/min kommt er in Fahrt. Auch wenn wir alle wissen was ihn antreibt, auf dem Triebwerk steht SAAB. Es ist ein SAAB auch wenn er ein künstliches Herz hat. Dafür darf man ihn nicht verurteilen.
    Grüße an alle, Thorsten

  • 15. Oktober 2012 um 10:37 PM
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    Moin Gerhard,
    wirklich ein schöner Bericht.
    Als wir unseren 902 Cabrio vor 11 Jahren auch mehr durch Zufall kauften, hatte ich auf Grund der (Opel-)Vorurteile auch erst ein komisches Gefühl in der Magengegend. Das ist ebenfalls ein 97er und alles ist gut, er läuft problemlos und wir haben schon richtig weite Reisen damit gemacht. Das Design ist zeitlos ohne Ende. Nicht-SAAB-Fahrer können das Alter gar nicht einschätzen. Ein Arbeitskollege fragte mich mal auf dem Parkplatz nach dem Alter des Wagens und meinte anschließend: “Einen SAAB kauft man sich ja nicht als Auto, das ist ein Familienmitglied.” – So ist es…
    Grüße aus dem Norden

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